KI ist nicht euer erstes Problem. Diesen Satz nimmt Nicolai Dwinger
mit in fast jedes Gespräch mit Mitgliedsunternehmen der IHK
Mittlerer Niederrhein. Bevor der Mittelstand über KI redet, fehlt
vielerorts noch die Basis der Digitalisierung. Genau da fängt diese
Folge an. Nicolai ist bei der IHK für Industrie, Innovation und
Digitalisierung zuständig, davor war er unter anderem bei Bosch,
bei Pixel Park in der Dotcom-Zeit und über zwölf Jahre in einem
amerikanischen Konzern im Bereich Europe, Middle East, Africa. Die
IHK Mittlerer Niederrhein betreut nach seiner Aussage rund 80.000
Mitgliedsunternehmen, vom Einzelgründer bis zum Industriebetrieb,
und begleitet sie über den gesamten Lebenszyklus: Gründung, erste
Mitarbeitende, Nachfolge. Sein Bild vom Mittelstand ist ehrlich
unterschiedlich. Manche Unternehmen rechnen längst eigene Modelle
und fragen gezielt nach Daten. Andere haben Prozesse und
Datenkultur noch gar nicht aufgesetzt und hoffen, KI räume den
Laden auf wie ein Saugroboter. Wenn KI der Aufhänger ist, um die
Digitalisierung endlich anzugehen, findet Nicolai das gut. Nur
ersetzt sie die Hausaufgaben nicht. Im Gespräch mit Jonas Rashedi
geht es um die Basics, die vor jedem Tool kommen: nutzenorientiert
vorgehen statt digitalisieren, weil digital besser klingt. Change
Management voranstellen und den Menschen den Benefit erklären,
gerade dort, wo die Angst vor Wegrationalisierung sitzt. Und Daten,
die heute in proprietären Systemen liegen, per Mail wandern und in
Excel enden, endlich durchgängig verfügbar zu machen. Dazu die
größeren Linien: Warum Deutschland eher Tanker als Schnellboot ist,
und warum das im LLM-Game kein Nachteil sein muss, weil man nicht
der Erste sein muss. Warum Regulierung wie NIS2,
Ökodesign-Verordnung und digitaler Produktpass Rückenwind für die
Digitalisierung sein kann statt nur Last. Und warum digitale
Souveränität und ein europäischer Techstack im Mittelstand
ankommen, sobald die ersten großen Leuchttürme vorangehen. Ein
starker Strang der Folge ist Bildung. Neue Inhalte brauchen laut
Nicolai fast sechs Jahre, bis sie in einer Prüfungsordnung stehen.
Sein Anlass, mit einem Bildungskampus für KI bei Auszubildenden ein
Schnellboot danebenzusetzen. Warum das trägt, zeigen die Energie
Scouts, bei denen Azubis mit offenem Blick durchs Unternehmen gehen
und Einsparungen finden, die Fachabteilungen übersehen, und das
Prinzip Reverse Mentoring: Der Azubi zeigt dem Betrieb, was mit KI
geht. Zum Schluss die beiden Standardfragen. Privat wertet Nicolai
eigene Daten aus, vom digitalen Journaling per Google Form über
Fitness-Watcher bis zur Verwaltung seines Kampfsport-Clubs. Und als
Filmtitel für sein Data-Game wählt er Moneyball: Entscheidungen aus
Daten statt aus Bauchgefühl.
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