Ich höre gerne Musik und ich mag Alben. Ein tolles Album ist eine
musikalische Reise, keine bloße Aneinanderreihung von Tracks.
Rumours von Fleetwood Mac. Metallicas Black Album. Get Rich or
Die Tryin’ von 50 Cent. Und natürlich folklore von Taylor Swift.
Trotzdem verstehe ich natürlich den Reiz der Greatest Hits.
“80er, 90er und das Beste von heute.” Aber bei dem Versuch, Musik
so lange zu sieben, bis nur noch die Tracks übrig sind, auf die
wir uns alle einigen können, nur das Beste vom Besten, nehmen wir
notwendigerweise eine Reduktion vor. Wir entfernen den Kontext,
den das Album liefert. Keine Reise ans Ziel. Ausschließlich
Ziel.
Die Idee eines Mixtapes wiederum verspricht, sehr wohl Kontext zu
liefern und zwar persönlichen. Der Soundtrack unserer Jugend; die
Musik, die uns verbindet; die die gesammelten Erinnerungen
unserer Jugend bündelt und in ein stringentes, bedeutungsvolles
Narrativ webt. Was für ein wundervoller Gedanke.
Mixtape von Beethoven & Dinosaur hat genau diesen Spagat
zwischen allgemeingültig und spezifisch für viele geschafft.
Besonders bei der Mehrheit der Kritiker:innen ist der Titel voll
gelandet, errung sogar für kurze Zeit den Platz des
bestbewerteten Spiels des Jahres auf der Aggregatswebseite Open
Critic. “Die quintessentielle Teenager Experience mit exquisitem
Soundtrack und voller bedeutsamer Momente.”
Mich persönlich haben die gut drei Stunden mit Mixtape perplex
zurückgelassen. Im Gegensatz zu vielen anderen Titeln, die für
mich persönlich aus welchen Gründen auch immer nicht landen, habe
ich große Schwierigkeiten, mir zu erklären, wie ausgerechnet
dieses Spiel so viele überzeugen konnte. Das El Dorado des
Walking Simulators, ein Spiel aus schönen Kulissen, deren
hauchdünne Natur zu häufig zutage tritt, wenn ich auch nur
vorsichtig hinter die glitzernden Fassaden blicke.
Mixtape ist eine Coming-of-Age Story, deren Charaktere eine
Pastiche des Genres sind, welches ohnehin bereits eine Tendenz
aufweist, mit – nennen wir es großzügig – starken Archetypen zu
arbeiten. Das Ergebnis ist sowas wie ein mehrfach durch Google
Translate geschickter Text, dessen Essenz irgendwo noch
ersichtlich ist, aber in dem sämtliche Feinheiten verloren
gegangen sind. Die erste Hälfte des Spiels soll uns das Trio um
Rebell:innen Cassandra, Slater und vor allem unsere Protagonistin
Stacey vorstellen. Stacey liebt Musik, müsst ihr wissen. Sie hat
außerdem eine sehr hohe Meinung über ihre eigene Fähigkeit, den
perfekten Song für jede Gelegenheit zu finden. Und wann könnte
das wichtiger sein als am letzten Abend in ihrer verschlafenen
Kleinstadt, an dem sie es mit dem perfekten Mixtape nochmal so
richtig krachen lassen wollen? Denn schon am nächsten Morgen
wollen Slater und Cassandra den gemeinsamen Road Trip und Stacey
ihre Flucht nach New York, wo sie ihrer Passion für
Musik-Kuration nachkommen will, in die Tat umsetzen.
So far, so Dazed and Confused. Oder Booksmart für die etwas
Jüngeren. Mit einer Prise Ferris Bueller vielleicht. Und
Charakterisierungen aus The Breakfast Club selbstverständlich.
Der Punkt ist: es wird sich großzügig an Inspirationen bedient.
Anders als die genannten Filme befinden wir uns aber eingangs
kaum im Hier und Jetzt des Narrativs. Eine seltsame Entscheidung
für meinen Geschmack.
Stattdessen laufen wir für die erste Hälfte des Spiels durch ein
Jugendzimmer nach dem anderen und erinnern uns mithilfe von Fotos
und anderen Memorabilia an wiederum frühere Erlebnisse unserer
drei Charaktere, zu denen wir zu dem Zeitpunkt noch gar keine
Gelegenheit hatten, eine Beziehung aufzubauen.
Staceys erster Kuss. Der nächtliche Einbruch im Dinopark.
Aufnahmen in der Photo Booth. All das klingt auf dem Papier vage
interessant, aber entbehrt jeglicher Substanz eben genau, weil
wir die Charaktere noch nicht kennen. Nur die Hits, kein Kontext.
Was Mixtape hier zur Schau stellt, spiegelt sich in dem Greatest
Hits Ansatz des Soundtracks perfekt wider.
Wenn Ellie und Riley in der DLC zu The Last of Us zusammen in die
Photo Booth gehen, dann tun sie das nach einem gemeinsamen Tag in
einem verlassenen Einkaufszentrum. Wir waren dabei, als die
beiden sich in der Buchhandlung furchtbare Dad Jokes vorgelesen
haben. Wir haben erlebt, wie aufwändig und teils gefährlich es
war, den Strom überhaupt anzuschalten, der für einige
Attraktionen des Nachmittags vonnöten war. Wir konnten
beobachten, wie die beiden sich auch romantisch immer näher
gekommen sind. Davon leben die Spannung, die Nähe und die Wärme,
die Ellie und Riley in eben jener Photo Booth ausstrahlen. Das
Highlight entwickelt nur dann Bedeutung, wenn es einen Kontrast
gibt. Ansonsten ist alles nur gleichermaßen grell.
Mixtape auf der anderen Seite präsentiert sich über weite
Strecken durch die verzerrende Brille gleich doppelter Nostalgie.
Während wir hoffentlich nostalgisch auf die gezeichneten Bilder
einer nachempfindbaren Jugend blicken, schauen die Charaktere
gleichermaßen nostalgisch auf die definierenden Momente ihrer
gemeinsamen Zeit. Dabei entsteht zu selten das Gefühl, dabei zu
sein, wenn tatsächlich Erinnerungen gemacht werden. Sondern nur
wenn über die gemachten Erinnerungen reminisziert wird.
In der zweiten Hälfte zieht der Plot dann etwas an. Der letzte
gemeinsame Abend fängt an, in den Vordergrund zu treten.
Autoritären Eltern wird entgegengetreten. Partys werden gepartyd.
Alkohol wird gesucht, gefunden und konsumiert. Konflikte schwelen
auf und werden beigelegt. Arme werden in fahrenden Autos stehend
gehoben. Wie in der einen Szene aus The Perks of Being a
Wallflower mit einem bisschen mehr magischen Realismus, ihr wisst
schon.
Das ist alles nicht der große Wurf, aber bietet wenigstens so
etwas wie eine aktive Handlung. Dass die wohl als kathartischer
Höhepunkt angedachte Konfrontationszene zwischen Cassandra und
ihrem Arschloch-Cop-Vater ausgerechnet vor einer brennenden
Holzhütte im Wald stattfindet, hat bei mir eher Bilder von den
verheerenden Waldbränden in Kalifornien evoziert als cooles
Teenager-Rebellentum, aber zugegebenermaßen behauptet Mixtape
auch nie, in unserer Realität zu spielen. Es geht um eine
Erhöhung des Erlebten, was mich persönlich nur noch weiter von
dem Material distanziert hat.
Mechanisch zusammengehalten wird das Ganze von teils
inspirierten, teils monotonen aber durchweg behäbigen und
ungenauen Minispielen, die mich zwar hier und da zum Schmunzeln
brachten, aber kein Gefühl von Wirksamkeit in der Welt aufkommen
lassen.
Bliebe noch der Soundtrack. Nur die Hits, ich erwähnte es
bereits. Wessen Hits bleibt für mich aber ein großes
Fragezeichen. Vor allem die zeitliche Einordnung scheint mir
schwierig bis unmöglich. Wahrscheinlich ist die Idee, einen
zeitlosen Soundtrack anzubieten, der auf mich eher beliebig
wirkt. Ein Gefühl, das erneut verstärkt, dass Mixtape keine
Spezifität, schlimmer, keine Identität findet. Die gewählten
Titel sind kaum in der Lage, tatsächlich eine zusammenhängende
Ära zu definieren. Natürlich können Teenager auch ältere Songs
hören, gerade wenn sie sich selbst als ausgewiesene
Musik-Kennerinnen verstehen, aber wenn das titelgebende Mixtape
sich hauptsächlich aus den 80ern und 90ern speist, Ausreißer in
die 2000er und sogar 2010er Jahre aufweist sowie Oldies von 1971
einstreut, ergibt sich ein Bouquet aus 40 Jahren Musikgeschichte,
das in dem Versuch, alle Jugenden zu erfassen, am Ende keine
trifft.
Und so präsentiert sich Mixtape letztlich als eine merkwürdig
einförmige Nostalgie-Pampe, die sich aus viel zu vielen leeren
Kalorien zusammensetzt und schon fast vorbei ist, wenn die
Handlung endlich ein wenig Fahrt aufnimmt. In dem Jahr, in dem
Meredith Gran mit ihrem Meisterwerk Perfect Tides: Station to
Station eindrucksvoll gezeigt hat, wie profund und erhellend der
Blick in die Vergangenheit sein kann, wenn er nicht von mehreren
Einheiten leerer Nostalgie übergossen wurde, kann ich Mixtape
wirklich niemanden ans Herz legen. Macht lieber eure eigenen
Erinnerungen.
Review: Niklas Kuck
Cover: Martha Telschow und Niklas Kuck
Titelmusik: Paul Biegler, David Pfabe und Niklas Kuck –
HENDIATRIS Game Club
Dieses Review existiert auch in Videoform auf YouTube.
Der Beitrag Mixtape und das leere Versprechen der Greatest Hits
erschien zuerst auf Hendiatris.
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