Kulturwelle Archiv
72 Episoden
60 Minuten
In medialen Debatten um Integration werden Emanzipation und Gleichstellung der Geschlechter häufig zum Gradmesser von Modernität und Demokratie: Eine Gesellschaft, in der Menschen scheinbar gleichberechtigt und souverän leben können, nennt sich fortschrittlich und zivilisiert. Jedoch beschreibt eine solche Festlegung gleichzeitig all das was sie angeblich nicht ist. Sie schafft ein Außerhalb, ein Nichtdazugehöriges, ein Anderes. Sind wir also fortschrittlich, sind die anderen rückschrittlich. Sind wir tolerant, sind die anderen dogmatisch. Agieren wir rational, agieren die anderen irrational. In der Maisendung der Kulturwelle dreht sich alles um die Mechanismen, die sich hinter kulturellen Abgrenzungen, sozialen Grenzziehungen und der Konstruktion eines Anderen verbergen, kurz: Othering. Klassifikations- und Wertesysteme sind Bestandteil der Identitätsbildung und Sozialisation. Sie werden gebraucht, um sich in einer Gesellschaft verorten und orientieren zu können. Sie produzieren jedoch auch Ausschlüsse, Vorurteile und Rassismen. Viele Projekte haben sich dem Abbau solcher Stigmatisierungen verschrieben. Beispielhaft werfen wir einen Blick auf das Neuköllner Jugendprojekt HEROES, in dem sich männliche Jugendliche mit Migrationshintergrund für Emanzipation und Gleichberechtigung einsetzen. Mit unserem Studiogast, der Kulturwissenschafterin und Historikerin Prof. Dr. Claudia Bruns, sprechen wir anschließend über den Erfolg und die Probleme solcher Projekte, um die Komplexität des Othering zu verstehen. Wie werden in westlichen Diskursen die „Anderen“ konstruiert? Wie zwingend und statisch sind Klassifikationen und Hierarchien? Wer hat die Definitionshoheit über sie? Welche Rolle spielen dabei Kategorien wie Religion oder Ethnizität? Abschließend diskutieren wir mit den jungen Filmemachern Danny Jank und Georg Gremske im Studio über ihren Film „5.01 Übergangsweise“, in dem sie persönliche Erfahrungen von Grenzen in Berlin dokumentieren.
60 Minuten
Regelmäßig packt sie uns – die Reiselust. Das Verlangen andere Orte zu erkunden, fremde Kulturen kennenzulernen oder auch seine Sprachkenntnisse auszutesten. Früher wurden Bodenständigkeit und Sesshaftigkeit sogar noch als Strafe Gottes angesehen. Die Bewegungslust zieht uns also in die Ferne! Dabei sind die Ansprüche an den Urlaub absolut unterschiedlich. Für die einen ist es eine Zeit der Ruhe, die anderen möchten möglichst viel erkunden, wohingegen andere auf Abenteuer aus sind. In dieser Sendung beschäftigen wir uns mit diesem Phänomen. Wir haben Professor Dr. Hasso Spode interviewt, um Antworten zu finden, warum wir reisen und wie sich der Tourismus kulturgeschichtlich verändert hat. Unser Kolumnist Constantin Hühn berichtet über seinen Erasmusaufenthalt in Frankreich, außerdem gewährt uns Alina Nagels Montage einen Einblick in eine spannende Reise nach Turkmenistan. Prof Dr. Michael Klemm spricht über die Kommunikationsplattform des Reiseblogs und zu guter Letzt stellt uns Susanne Redlin in ihrer Rubrik ‘Blick nach vorn’ wieder eine ehemalige Kulturwissenschaftsstudentin vor, die inzwischen als Projektleiterin bei no-nazi.net tätig ist.
54 Minuten
Wir leben in einer globalen Non-Stop-Gesellschaft, in der alles gleichzeitig stattzufinden und sich zu beschleunigen scheint. In unserem Lebensalltag sind wir permanent erreichbar, permanent verfügbar und sollten immer auf dem neusten Stand sein, wenn es um Information, Technik und Lifstyle geht. Befeuert wird dieser Umstand durch die Alles-überall-und-bitte-sofort-Mentalität. Die kleinen Zeitsparstrategien wie power napping, take away und speed-dating sollen uns dabei helfen, möglichst viel in möglichst kurzer Zeit zu erledigen. Jedoch scheint sich das Versprechen vom Zeitgewinn niemals zu bewahrheiten. Was sich bewahrheitet, ist die Erfahrung der Hektik, der Hetze und des Stresses. Die Zeit scheint nie auszureichen für all das, was noch ansteht. In der Sendung wollen wir darüber nachdenken, was unser Zeitbewusstsein eigentlich ist und wie die Veränderung von Zeitstrukturen unser Leben und unsere Zeiterfahrung beeinflusst. Die Frage nach der Zeit bleibt eine existentielle, weil sie sich notwendig mit unserem In-der-Welt-Sein auseinandersetzt. Über Zeiterfahrung, Zeitbewusstsein sowie die Ursachen und Folgen der sozialen und kulturellen Beschleunigung sprechen wir am Telefon mit Karlheinz A. Geißler. Herr Geißler ist emeritierter Professor für Wirtschaftspädagogik, Zeitforscher und Zeitberater aus München. Er ist Leiter des Projekts „Ökologie der Zeit“ und Mitgründer der Deutschen Gesellschaft für Zeitpolitik.
1 Stunde
Kunst ist tot – wird zumindest öfters behauptet. Das klingt dramatisch. Aber stimmt es auch? In unserer neunten Magazinsendung suchen wir die Kunst zwischen den Räumen: Zwischen Atelierarbeit und Alltagsleben, zwischen individueller Inspiration und weiter Wirkung, zwischen dem Wunsch zu verändern – und den sich verändernden Wünschen. Ob sie durch diese Vielgestaltigkeit politisch ist, ob sie es sein will, und ob sie es heute überhaupt noch sein kann, besprechen wir im Studio mit den Kunsthistorikern Dr. Dorothea von Hantelmann und Prof. Dr. Michael Lüthy. Dazu nehmen wir den Fluxus der 1960er Jahre unter die Lupe. Beeinflusst von Grenzgängern wie John Cage und Marcel Duchamp wollte diese Kunstbewegung mehr als nur Avantgarde sein: Über Aktionskunst als politischer Augenöffner hinaus vertrat sie auch die Idee einer Einheit von Kunst und Leben. Bis heute lebt das politische und gesellschaftliche Umfeld trotzdem nicht spurlos an der Kunst vorbei – und dennoch fühlen sich immer mehr Künstler in diesem Spannungsfeld zu Hause. Die Künstler-gemeinschaft werkstatttraum e.V. lebt nicht nur, sondern arbeitet auch zusammen in einem ehemaligen Fabrikgebäude, wo nach dem Prinzip des coworking im kooperativen Miteinander ihre Werke entstehen. Ausgehend von einem Portrait dieses Berliner Vereins erkunden wir, wie letztlich auch aus dem Grenzgebiet zwischen persönlicher Kunst und gemeinsamem Alltag gestalterische Kraft gezogen werden kann. Zusammen mit unseren Studiogästen machen wir uns in dieser Sendung auf, die Kunst zwischen Alltag und Ideal zu entdecken. Denn was in großen Tönen für tot erklärt wird, lebt meist länger als man glaubt. In diesem Sinne: »Kunst ist tot! Es lebe die Kunst!«
1 Stunde 4 Minuten
Reproduzierte Klänge gehören heute fest in unseren Alltag. Zumeist hören wir Musik, egal ob auf unseren Mp3-Playern oder über das Radio. Als am Ende des 19. Jahrhunderts das Grammophon und der Phonograph das Aufzeichnen von Klängen erstmals erlaubten, war an Musikaufnahmen noch kaum zu denken. Die eigentliche Faszination der Geräte lag zunächst in der Möglichkeit der Stimmaufnahme. Schallplatten und Walzen aus Wachs wurden so zu Zeitzeugen, die den Klang des Vergangenen lebendig hielten. Die neue Technik fand schnell ihren Platz in der Wissenschaft und ganze Tonarchive mit Aufnahmen aus aller Welt entstanden. Doch diese ersten Aufnahmegeräte waren nur bedingt präzise, wenn es um die Speicherung von Schall ging. Inwieweit hat das Medium selbst den Klang geprägt und wie stand es um die Klangtreue von Phonograph und Grammophon?
1 Stunde 3 Minuten
Jeder kennt optische und akustische Täuschungen, die mit unseren Sinnen spielen. Sie irritieren, denn sie brechen mit unserer alltäglichen Wahrnehmung. Der Begriff der Illusion beschränkt sich jedoch nicht auf nachweisbare Sinnestäuschungen. Kulturgeschichtlich reicht er bis zu den Anfängen der Menschheit zurück, denn er geht einher mit dem Begriff von Wahrheit. Was wahr ist, ist Normalität. Die Illusion ist es nicht. Oder doch? Illusionen erzeugen eine andere Realität, die uns fasziniert und aufwühlen kann. Wenn wir ins Kino gehen oder ins Videospiel versunken vor dem Bildschirm sitzen, dann befinden wir uns in einer illusorischen Welt, die uns ganz vereinnahmen kann. Wir entfliehen dem Alltag, setzen uns dem Fiktiven und dem Phantastischen aus und empfinden dabei Freude. Wir wollen verzaubert werden! Wir wollen den Gesetzen der Schwerkraft entfliehen und sehen wie das Kaninchen aus dem leeren Zylinder gezogen wird. In der Sendung befragen wir Dr. Holger Brohm, der sich eingehend mit ästhetischen Wahrnehmungstheorien auseinandergesetzt hat. Er lehrt am Institut für Kulturwissenschaft der Humboldt Universität zu Berlin. Des Weiteren haben wir zwei Beiträge, die sich mit dem Thema der akustischen Illusion befassen. Es gibt wieder Musik, eine fatale Kolumne und Veranstaltungstipps.
50 Minuten
Radio hören geht für die meisten so: Knopf drücken bzw. drehen und schon dudelt aus der kleinen Kiste, was der Äther so hergibt. Doch lange Zeit war man dankbar für jedes Klangfitzelchen – anfangs sogar jedes Knacken -, welches man übertragen konnte. Lange vergessen sind auch die Tage, in denen der Rundfunk als Massenmedium so neu war, dass viele Leute Visionen oder ganze Utopien mit seiner Verbreitung verknüpften, die bis zum Ringen um die Hoheit im Äther durch Piratenradios in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts wirkten. In der sechsten Radiosendung der KulturWelle suchen wir nach den Geschichten, die das Radio selbst geschrieben hat. Von seiner Entdeckung und Entwicklung bis zu seiner Verbreitung und Wiederaneignung sind es immer Praktiker, keine Theoretiker, die das Medium vorangebracht haben. Guglielmo Marconi, Hans Bredow oder den Radiopiraten widmen wir Stationen auf unserem Parcour durch die Geschichte, bei der uns Prof. Christian Kassung begleitet. Er selbst ist als gelernter Physiker und enthusiastischer Hobbybastler ein weiterer Praktiker in unserer Reihe, der aber auch über die Technik hinaus Radiogeschichte in einen breiteren Kontext stellt.
51 Minuten
In der fünften Sendung der KulturWelle räumen wir mit dem Vorurteil auf, dass Geisteswissenschaftler reine Hirnakrobaten seien. Der Enthusiasmus der StudentInnen wird nicht an der Unipforte abgegeben, sondern entfaltet sich erst richtig außerhalb des Hörsaals oder Seminars. Das beweisen uns diesmal Maria Keil und Valeska Neumann. Sie mischen sich ein. Ja, auch ungefragt verschaffen sie sich Gehör, entern das Studio und setzen sich ans Mikrofon. In ihrer illustren Runde versammeln sie weitere studentische Einmischer, die in verschiedenen Aktionen selbst Fakten geschaffen haben. Das Spektrum, von dem sie berichten, reicht von Sprachverwirrungen, über Zeitungsdruck und Spendenaufruf bis zur Fußgängerperformance. Dazu gibt es zum ersten Mal Live-Musik. Vincent Kyas singt und erklärt, wie seine Band Vember den Lebensalltag ihrer HörerInnen auf links dreht. Indem sich die Eimischer beim Dazwischenfunken kritisch über die Schulter schauen, hinterfragen sie überdies die Rolle des eigenen Wissens und den Sinn des Einmischens als solchen. Eine Sendung, die nicht nur erklärt, was Intervention ist, sondern selbst eine ist. Oder: Ein Appell an die letzten Schnarchnasen, die sich in ihren WG-Küchen über eine bessere Welt den Kopf zerbrechen.
60 Minuten
In der vierten Magazinsendung geht es um Geheimnisse und geheime Botschaften – um die Kunst der Kryptographie. Ob Wikileaks oder Wikipedia, Daten- oder Verfassungsschutz, ob Bank-, Beicht- oder Briefgeheimnis: Während sich heute die einen mühen, Informationen für alle verfügbar zu machen, sind die anderen dem Geheimnis verpflichtet. In der Sendung wagen wir einen Blick in die dunklen Ecken der Wissensgeschichte – in die Welt der geheimen Codes und verschlüsselten Botschaften. Wir begeben uns auf die Spur der Suche nach dem perfekten Geheimnis, von alten Geheimbundschriften über tätowierte Boten bis zu ausgeklügeltsten Chiffrierapparaten der Geheimdienste. Es geht um Menschen, Maschinen und Manuskripte, um Elektromechanik, Computerlinguistik und Quantenforschung. In den Beiträgen werden wir begleitet von Kulturwissenschaftler Hartmut Böhme, Informationswissenschaftler Horst Völz und treffen ein internationales Entschlüsselerteam. Im Studio sprechen wir mit Joseph Vogl über Nutzen und Nachteil der Kryptographie, über ihre Rolle als Kuturtechnik und ihre historischen Kontexte.
59 Minuten
»Es ist schon so alt, man hört fast nichts mehr«, schwärmt Françoise Cactus von Stereo Total. Doch auch in Zukunft soll man nichts mehr von ihr hören – der Kassette, einem vom Aussterben bedrohten Medium. Was Musikproduzierende und -konsumierende mit diesem Tonträger verbindet, wie die Kassette die Musikbranche demokratisierte und für viele schließlich mehr als nur ein Symbol gegenkultureller Strömungen wurde, ist Thema unserer dritten Magazinsendung der KulturWelle. Gemeinsam mit Dr. Florian Schreiner, dessen kulturwissenschaftliches Forschungsgebiet die »Tape & Cassette Culture« ist, der Band Stereo Total, zwei Kindern ihrer Zeit, die nicht erwachsen werden wollen, und gegenwärtigen Verehrer_innen der Kassette untersuchen wir dieses Medium, das mit soviel Herzblut, Symbolik, Retro-Mania und Kultur beladen ist.
53 Minuten
Im Schaufenster lockt das schicke Paar Schuhe, drei Türen weiter duftet es nach frischem Kaffee und im Elektroladen lacht uns das neuste Touchscreen-Telefon entgegen. Sie alle rufen: kauf mich, kauf mich! Und sie werden gekauft. Das Credo der Konsumgesellschaft wird uns täglich entgegengeschrien und tönt als Tinnitus in unseren Ohren. In der Sendung wollen wir die heikle Frage stellen: Was hängt am Konsum? Die Einkaufszentren, unsere Bedürfnisse und Selbstinszenierungen vielleicht? Zwei Features behandeln das Thema Konsum im Zusammenhang mit Einkaufszentren als Prachtbauten und Wunschfabriken. Die Kolumne stellt die Frage, auf welches Fundament sich die Mystifikation der Finanzmärkte stützt und warum sie uns nicht nur staunend, sondern auch handlungsunfähig macht. Weiter haben wir unsere Rubrik »Blick nach vorn« sowie Musik- und Veranstaltungstipps. Im Studio begrüßen wir Dr. Anna Echterhölter, Kulturwissenschaftlerin und Mitherausgeberin des Magazins »ilinx«. Sie forscht aktuell zum Thema Ökonomie aus Sicht der Kulturwissenschaft.
50 Minuten
Die erste Sendung der KulturWelle widmet sich dem Themenschwerpunkt der Geburt der Kriminalistik. Die ungebrochene Faszination von Kriminalliteratur und -filmen gibt Anlass, nach ihren Ursprüngen zu fragen. Die Nachwuchswissenschaftlerin Deborah Zehnder steht uns Rede und Antwort zu kriminalistischen Methoden und ihrer literarischen Verarbeitung im 19. Jahrhundert. Dazu hören wir ausgewählte Beiträge, die in ihrem Seminar entstanden sind. Darüber hinaus gibt es – wie ab sofort immer im Magazin – die kulturwissenschaftliche Perspektive auf die Welt in der Rubrik »Kulturwissenschaftliche Takte« und eine Vorstellung von Kulturwissenschaftlern in freier Wildbahn in »Der Blick nach vorn«. Dazu spielen wir jede Menge Musik und liefern euch ein paar Veranstaltungen, die ihr in den kommenden Wochen nicht verpassen solltet.