Musik für einen Gast Archiv
50 Episoden
1 Stunde 1 Minute
Als Kind aus einer Arbeiterfamilie hätte Helen Keller nie gedacht, dass sie einmal Richterin am Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte in Strassburg werden würde. Heute lehrt sie Völkerrecht an der Universität Zürich. Als Ausgleich für ihre Arbeit möchte sie die Musik nicht missen. «Glücklicherweise kam mein Mann auf die Idee, mein Akkordeon nach Strassburg zu schleppen», sagt Helen Keller, als sie von ihrer Zeit als Richterin am EGMR erzählt. Neun Jahre arbeitete sie als oberste Schweizer Hüterin der Menschenrechte. Eine fordernde Aufgabe, die sie manchmal bis in den Schlaf verfolgte. Denn die Fälle, die vor dem Europäischen Gerichthof für Menschenrechte verhandelt werden, sind tiefgreifend; die Urteile haben eine grosse Tragweite. Das Musizieren habe ihr dabei geholfen, nach intensiven Arbeitstagen abzuschalten, sagt Helen Keller: «Auch wenn die Nachbarn zu später Stunde nicht so begeistert waren.» Ihre Leidenschaft für Musik entdeckte Helen Keller schon in der Schule. Klavierstunden kamen für ihre Eltern nicht in Frage, also schlugen ihr die Eltern das Akkordeon vor. Seither begleitet sie dieses Instrument bei all ihren beruflichen Stationen, die sie schon rund um die Welt geführt haben. Zuletzt forschte sie in Südafrika dazu, weshalb es auf dem afrikanischen Kontinent erst wenige Klima-Klagen gibt, obwohl viele Länder stark vom Klimawandel betroffen sind. Auch wenn wir gegenwärtig in einer Umbruchzeit leben, in der vieles auf der Kippe steht, schaut Helen Keller hoffnungsvoll in die Zukunft: «Das Völkerrecht ist unheimlich robust – die Idee der Menschenrechte ist so überzeugend, dass sie nicht untergehen wird.» Musiktitel: - Frédéric Chopin: Grande Polonaise Brillante, op. 22, mit Đặng Thái Sơn, Klavier - Irving Berlin: Cheek to Cheek, mit Ella Fitzerald - Toni Bürgler: Gyrs Wunsch, mit dem Laseyer Quartett - Georg Friedrich Händel: Volo pronto, e lieto il core, Arie aus der Oper Agrippina, mit Carlo Vistoli - Traditional Zulu Prayer: Phind'ukhulume, mit dem Chor der Universität Stellenbosch Erstausstrahlung: 01.02.2026
1 Stunde 6 Minuten
Paul Lendvai verkörpert den Journalismus wie kaum ein anderer. Auch mit 96 Jahren schreibt er noch regelmässig Kolumnen für die österreichische Tageszeitung «Der Standard». Gleichzeitig ist er als Holocaustüberlebender und Opfer des Stalinismus Zeitzeuge der dunkelsten Phase des 20. Jahrhunderts. Paul Lendvais Geschichte ist so aussergewöhnlich wie beispielhaft. 1929 in Budapest als Sohn jüdischer Eltern geboren, erlebt er den institutionalisierten Antisemitismus der ungarischen Horthy-Jahre. 1944 wird er verschleppt und auf einen der sogenannte Todesmärsche geschickt, auf denen die ungarischen Juden in die österreichischen KZs gebracht wurden. Mit viel Glück gelingt ihm die Flucht, doch die Verfolgung hört nicht auf. Als junger Journalist im mittlerweile kommunistischen Ungarn gerät er in die Mühlen des Stalinismus und wird interniert. Erst nach dem Aufstand von 1956 und dessen Niederschlagung durch sowjetische Truppen gelingt ihm die Flucht nach Wien und damit der Start in ein neues Leben. Von seinen dunklen Jahren und dem Glück der Befreiung, von seiner Ankunft in Wien und seiner beispiellosen Karriere als Journalist, von seinem Kampf für Demokratie und seinem Engagement für Meinungsfreiheit, von seiner Abscheu gegen Antisemitismus und seinem Ärger über die derzeitige israelische Regierung und natürlich von seinem intensiven Bezug zur Musik erzählt der 96-jährige kerngesunde Paul Lendvai im Gespräch mit Michael Luisier. Die Musiktitel: - Richard Strauss: «Die Zeit, die ist ein sonderbar Ding», aus Der Rosenkavalier (Camilla Nylund, Sopran; Netherlands Philharmonic Orchestra, Amsterdam; Marc Albrecht, Leitung) - Wolfgang Amadeus Mozart: «Madamina, il catalogo è questo», aus Don Giovanni (Luca Pisaroni, Bass; Mahler Chamber Orchestra; Yannick Nézet-Séguin, Leitung) - Wolfgang Amadeus Mozart: Ouvertüre aus Così fan tutte (Scottish Chamber Orchestra; Sir Charles Mackerras, Leitung) - Kurt Weill: «Die Moritat von Meckie-Messer», aus Die Dreigroschenoper (Lotte Lenya, Gesang; Roger Bean und sein Orchester) - Gustav Mahler: «Der Abschied», aus Das Lied von der Erde (Christa Ludwig, Mezzosopran; Fritz Wunderlich, Tenor; Philharmonia Orchestra; Otto Klemperer, Leitung) Erstausstrahlung: 21.09.2025
1 Stunde 6 Minuten
Viviane Chassot gehört zu den renommiertesten Akkordeonistinnen überhaupt. Sie hat mitgeholfen, ihrem Instrument auch die klassische Musik zu erschliessen. Damit macht sie die klassische Musik auch jenen Menschen zugänglich, die sonst keinen Bezug zu ihr gehabt hätten. Geboren wird Viviane Chassot in Zürich. Sie wächst in Wollerau auf, wo das Akkordeon eine grosse Rolle spielt. Allerdings nicht im klassischen Bereich, sondern in Form eines Akkordeon-Orchesters, das es bis heute gibt. Viviane Chassot interessiert sich damals mehr fürs Ballett. Und zwar so sehr, dass es auch beruflich eine Option wird. Eine Ausbildung am Opernhaus Zürich wäre möglich. Da hört sie am Radio ein Stück von Johann Sebastian Bach. Gespielt auf einem Akkordeon. Das ändert alles. Vivianne Chassot ist Feuer und Flamme und entscheidet sich – weil in ihrer Familie nur ein Hobby erlaubt war – für das Akkordeon. Längst ist das Hobby Beruf. Viviane Chassot hat Werke von Haydn, Mozart und Rameau eingespielt und aufgeführt und so auch mit Grössen wie Simon Rattle oder Alfred Brendel zusammengearbeitet. Und sie verbindet Klassik, Jazz, neue Musik und Improvisation. Auch darin also eine Brückenbauerin. Von ihrer Pionierarbeit für das Instrument und ihrem differenzierten Zugang zum Klang, von ihrem Weg zum Erfolg und ihren Rückschlägen und Krisen, von ihrer Arbeit mit anderen Musikerinnen und Musikern und ihrer Liebe auch zur Rockmusik erzählt Viviane Chassot im Gespräch mit Gastgeber Michael Luisier. Die Musiktitel: - Meat Loaf: Alive - Joseph Haydn: Holde Gattin, dir zur Seite (Duett Adam&Eva), aus Die Schöpfung (Balthasar-Neumann-Ensemble; Thomas Hengelbrock, Leitung; Dorothee Mields, Eva; Locky Chung, Adam) - Aimee Mann / Rush: Time stand Still - Stefanie Heinzmann: Good - Johannes Brahms: 3. Allegro non troppo, aus Klavierkonzert Nr. 1 d-Moll op. 15 (Maurizio Pollini, Klavier; Berliner Philharmoniker; Claudio Abbado, Leitung) Der Einspieler: Josef Haydn: Presto, aus Klaviersonate e-Moll, Hob 16/34 (Viviane Chassot, Akkordeon) Erstausstrahlung: 23.11.2025
1 Stunde 4 Minuten
Wer in einem kleinen bosnischen Dorf und dann im Toggenburg aufwächst, lernt wohl früh, sich in verschiedenen Welten zu bewegen. Muris Begovic ist eine Stimme des Dialogs, des Friedens und der erste Seelsorger der Schweizer Armee mit muslimischem Hintergrund. Als Muris Begovic zehn Jahre alt war, versteckte er sich im Stall seines Grossvaters unter dem Heuhaufen. Seine Eltern hatten entschieden, dass der Moment gekommen war, ihre Heimat zu verlassen: In Slowenien und in Kroatien herrschte bereits Krieg und sie ahnten, dass es eine Frage der Zeit war, bis die Welle der Gewalt auch Bosnien erfassen würde. Aber der kleine Junge wollte nicht weg, wollte nicht in die Schweiz. Denn er wusste: Ich will Imam werden – und dort kann ich das nicht. Woher kam dieser frühe, tiefe Wunsch? Und wie brachte Muris Begovic den Mut und die Entschlossenheit auf, ihm als Jugendlicher tatsächlich nachzugehen, nach Bosnien zurückzukehren und dort seine Ausbildung zu absolvieren, in einem Internat, in dem die zersplitterten Fensterscheiben noch immer vom Krieg zeugten? Heute lebt Begovic wieder in der Schweiz, ist glücklich verheiratet, Vater von zwei Söhnen, Präsident der Vereinigung der Islamischen Organisationen in Zürich (VIOZ) und Geschäftsleiter der muslimischen Seelsorge Zürich. Und er hat sich den Ruf erarbeitet, jemand zu sein, der sich für Offenheit, Toleranz und den konstruktiven Austausch zwischen den Religionen und Kulturen einsetzt. So wurde er 2018 mit dem «Dialogpreis der Schweizer Juden» ausgezeichnet, gemeinsam mit seinem Freund, dem Zürcher Rabbiner Noam Hertig. Im Gespräch mit Melanie Pfändler erzählt Begovic von den Erfahrungen, die ihn geprägt haben, von den Werten und Überzeugungen, die ihn leiten und wie es dazu kam, dass er der erste Schweizer Armeeseelsorger mit muslimischem Hintergrund wurde. Die Musiktitel: - Michael Jackson: Earth Song - Dino Merlin: Sredinom - Peter Fox: Haus am See - Tim Bendzko: Nur noch kurz die Welt retten - Dino Merlin: Jedan dan, jedna noć Erstausstrahlung: 18.01.2026
58 Minuten
Alle zwei Wochen zerbricht sich die Schweiz wegen ihr den Kopf. Seit über 30 Jahren veröffentlicht Trudy Müller-Bosshard im «Magazin» des Tages-Anzeigers ihre legendären Kreuzworträtsel. Ein Gespräch über ihren Arbeitsprozess, ihren Wunsch, Sängerin zu werden, und Minigolfen mit Pepe Lienhard. Sie gibt selten Interviews. In einem, das vor einigen Jahren erschienen ist, bezeichnete sie sich selbst als «schrullig». Diesen Begriff würde sie heute nicht mehr verwenden: «Das klingt so nach einer hexigen älteren Dame – und das bin ich nicht.» Aber einen Knall habe sie eindeutig, sagt Trudy Müller-Bosshard in «Musik für einen Gast». Das habe sie schon in der Schulzeit zu spüren bekommen: Die schräge Aussenseiterin sei sie gewesen mit ihrem Musikgeschmack und den Manchesterhosen, die dazu geführt hätten, dass der Schulleiter der Kanti Aarau sie – buchstäblich! – mit einem Fusstritt aus dem Rektorat befördert habe. Doch ein Mitschüler habe sich ihr angenommen: der junge Pepe Lienhard, der sie auf den Minigolfplatz und in seinen Bandraum einlud. Sowieso: die Musik. Dank ihr erlebte Trudy Müller-Bosshard, was es heisst, anzukommen. Mit 19 stand sie allein vor einem Londoner Club und hörte eine Gitarre. «Ich ging rein, als wäre ich magnetisch angezogen. Da stand ein Typ auf der Bühne und mir liefen die Tränen hinunter. Ich hatte das Gefühl, der spricht mit mir.» Wer das damals war, wie diese Erfahrung ihre Laufbahn beeinflusst hat und warum sie sich letztendlich doch entschieden hat, den Traum der Sängerinnenkarriere an den Nagel zu hängen – all das erzählt Trudy Müller-Bosshard im Gespräch mit Melanie Pfändler. Und wie sie versucht, mit alltäglicher Menschlichkeit der Weltlage im Kleinen entgegenzuhalten. Die Musiktitel: - Rolling Stones: Rip This Joint - Janis Joplin: Piece of My Heart - Jeff Beck: All Shook Up - Mink DeVille: Spanish Stroll - Them & Van Morrison - It’s All Over Now, Baby Blue Erstausstrahlung: 16.02.2025
1 Stunde 2 Minuten
Als renommierter Akustiker hat Martin Lachmann viele Konzerträume gestaltet. Früher erlebte er als Toningenieur magische Momente, wenn er bei Aufnahmen von Sina oder Züri West am Mischpult sass. An seinem Beruf mag er, dass sich Akustik an der Schnittstelle von Physik und eigener Wahrnehmung bewegt. Vielleicht hätte Martin Lachmanns Laufbahn eine andere Wendung genommen, wenn er nicht als Kind von einem Onkel, einem leidenschaftlichen Elvis-Fan, einen Plattenspieler geschenkt bekommen hätte. Damals begann seine Leidenschaft fürs genaue Hinhören. Später arbeitete er als Toningenieur und war bei der Geburtsstunde von Hits dabei, wie zum Beispiel Kuno Laueners Aufnahme von «Ich schänke Dir mis Härz». Heute ist Martin Lachmann einer der gefragtesten Akustiker der Schweiz. Er prägte den Klang des Basler Jazzcampus, das Klanghaus Toggenburg oder das Musikzentrum Don Bosco in Basel. Mit Prädikaten wie «weltbeste Akustik» ist Lachmann vorsichtig: «Was gute Akustik ist, hängt immer von der Nutzung ab.» Die Musiktitel: - Elvis Presley: Mystery Train - Marianne Faithfull: Working Class Hero - Lyle Lovett: Church - Leszek Mozdzer, Lars Danielsson: Berlin - Johnny Cash: Personal Jesus - Dave Brubeck Quartet: Koto Song
1 Stunde 4 Minuten
Anna Jobin weiss nach der Schule nicht, was sie beruflich machen soll. Sie reise gern, erzählt sie dem Berufsberater. Der schlägt vor, sie solle Flight Attendant werden. Pilotin erwähnt er nicht. Kaum hat sie bei der Swissair angefangen, folgt das Grounding. Im Herbst 2001 steht alles still. Jobin, die für den Job nach Zürich gezogen ist, findet als Filmfan eine neue Aufgabe: Sie arbeitet bei einem Filmverleih. Regelmässig reist sie zum Filmfestival nach Cannes. Dort schaut sie Weltpremieren an und lässt sich von der Festivalmelodie verzaubern: dem «Aquarium» aus Camille Saint-Saëns’ «Le Carnaval des animaux». Sobald sie genug Geld gespart hat, bricht sie nach Asien auf. Über die Türkei reist sie in den Iran, lernt ein bisschen Persisch und beschliesst, nach ihrer Rückkehr an der Universität Freiburg zu studieren. Doch Jobin will nicht irgendetwas studieren, sondern so viel wie möglich. Ihre Neugier treibt sie an. Sie wählt Soziologie, Volkswirtschaft und Informatik– um, wie sie sagt, die Brücke zwischen Mensch und Technik zu schlagen. Während des Studiums erlebt sie den Aufstieg der sozialen Medien, gründet eine eigene Firma, baut Webseiten für Kundinnen und Kunden und gibt Schulungen. Sie hat die Nase früh im Wind. Heute forscht die Assistenzprofessorin an der Universität Freiburg zu den sozialen Dimensionen künstlicher Intelligenz. Wie sie trotz Uni-Karriere bodenständig bleibt, warum Loslassen für sie funky klingt und wieso soziale Medien unsere Kommunikation nicht zwangsläufig verschlechtern, erzählt Anna Jobin in «Musik für einen Gast» bei Simon Leu. Die Musiktitel: - Camille Saint-Saëns: L’aquarium, aus Le carnaval des animaux (Emmanuel Pahud & Friends) - Googoosh: Komakam kon - Züri West: Römer - Anderson Paak: The Dreamer - Nikka Costa: Like a Feather
1 Stunde 4 Minuten
Judith Holofernes kennt man als Sängerin und Texterin der Indie-Rock-Band «Wir sind Helden» und als Autorin. In ihrem aktuellen Buch «Hummelhirn» schaut sie auf ihre Kindheit zurück und stellt sich die Frage, was es mit einem macht, wenn man von Erwachsenen als «komisch» wahrgenommen wird. Ihre frühen Jahre verbringt Judith Holofernes mit ihren getrennten Eltern und anderen Paaren mit Kindern in Westberliner WGs. Dann zieht sie mit ihrer lesbischen Mutter ins damals noch beschauliche Freiburg im Breisgau und eckt überall an. Zu laut, zu schnell, zu berlinerisch. Also beschliesst sie, von nun an nett zu sein. Und bleibt es bis ins Erwachsenenleben und in die Karriere hinein. Bis sie davon krank wird. Zwei Burnouts und eine massive Stimmstörung, die das Karriereende bedeutet, sind die Folge. Also beginnt sie zu schreiben. Auch über ihre Kindheit. Und entdeckt dabei, wie sehr sie die Ausgrenzung geprägt hat. Und noch etwas entdeckt sie: Dass sie ADHS hat, und damit endlich eine Antwort auf die Frage, woher ihr Andersartigkeit in Wirklichkeit kommt. Von all dem und natürlich auch von der Musik, die für sie schlicht alles bedeutet, erzählt die ehemalige Sängerin und Autorin im Gespräch mit Gastgeber Michael Luisier. Die Musiktitel: - Wir sind Helden: The Geek (Shall Inherit) - Peter Sarstedt: Where Do You Go To (My Lovely) - Guitar Crusher: I Can’t Help It - Bob Marley & The Wailers: The Little Birds - The Contours: Do You Love Me
1 Stunde 5 Minuten
Jean-Pierre Bourquin ist Kinderonkologe, Forscher und leidenschaftlicher Cellist. Als Leiter der Onkologie am Kinderspital Zürich begleitet er Kinder und ihre Familien in den schwierigsten Momenten ihres Lebens. Gleichzeitig setzt er sich als Direktor des neuen nationalen Kompetenz -zentrums für Kinderkrebsforschung dafür ein, die Behandlung und Heilungschancen krebskranker Kinder weiter zu verbessern. Eine Erkenntnis begleitet ihn seit vielen Jahren: Kinder spüren immer, ob man ihnen die Wahrheit sagt. Ehrlichkeit und Vertrauen seien deshalb die Grundlage jeder Begegnung. Diese Haltung prägt seine Arbeit ebenso wie seine Überzeugung, dass Kinder niemals unterschätzt werden sollten. Geprägt wurde Bourquin von zwei Welten: der Medizin und der Musik. Sein Grossvater war Organist und vermittelte ihm früh die Freude an der Musik. Mit vierzehn Jahren entdeckte er seine Leidenschaft für das Cello – ein Instrument, das ihn bis heute begleitet. Musik bedeutet für ihn weit mehr als Erholung: Sie eröffnet ihm Räume, die sich mit Worten kaum beschreiben lassen, und verbindet ihn mit den grossen Fragen des Lebens. Trotz der täglichen Konfrontation mit Krankheit, Hoffnung und Verlust empfindet Bourquin seine Arbeit als Privileg. Familien in existenziellen Situationen begleiten zu dürfen, sei für ihn eine Aufgabe von grosser Sinnhaftigkeit. Gleichzeitig treibt ihn die Vision an, durch Forschung die Zukunft von Kindern mit Krebs nachhaltig zu verbessern. In «Musik für einen Gast» bei Eva Oertle spricht Jean-Pierre Bourquin über die Verbindung von Musik und Medizin, über seine Faszination für Kinder und deren Sicht auf die Welt sowie über die Frage, wie man mit Krankheit, Sterblichkeit und den Grenzen des Machbaren umgeht. Er erzählt von seinem Weg zum Cello und von seiner Vision einer besseren Zukunft für Kinder mit Krebs. Die musikalische Reise führt von Johann Sebastian Bach über Johannes Brahms und Ludwig van Beethoven bis nach Kolumbien – Musik, die sein Leben begleitet und geprägt hat. Die Musiktitel: - Johann Sebastian Bach: Prélude aus Cellosuite Nr. 4 Es-Dur (Jean-Guihen Queyras, Violoncello) - Johannes Brahms: Denn alles Fleisch, es ist wie Gras, aus Ein deutsches Requiem (Arnold Schoenberg Chor; Wiener Philharmoniker; Nikolaus Harnoncourt) - Ludwig van Beethoven: Prestissimo, aus Klaviersonate E-Dur op. 109 (Vikingur Olafsson, Klavier) - Carlos Vives: La tierra del olvido - Franz Schubert: Streichquintett C-Dur (Alban Berg-Quartett; Heinrich Schiff, Klavier)
59 Minuten
Als Kind kam Anu Sivaganesan aus Sri Lanka in die Schweiz. Mit 14 Jahren gründete sie die «Fachstelle Zwangsheirat», die sie bis heute leitet. Ihr ehrenamtliches Engagement findet sie selbstverständlich: «Ich komme aus einer Kultur, in der es nicht nur Menschenrechte gibt, sondern auch Pflichten.» Anu Sivaganesan kann sich noch gut an ihre kalten Füsse erinnern, als sie im November 1999 in der Schweiz ankam: «Ich kaufte mir zuerst einmal hässliche, warme Winterschuhe», erzählt sie und lacht. Dabei fiel es ihr nicht leicht, Sri Lanka zu verlassen. Sie habe dort eine glückliche Kindheit gehabt, obwohl ihr Vater wegen des Bürgerkriegs fliehen musste, als sie zwei Jahre alt war. Erst zehn Jahre später wurde die Familie in der Schweiz wieder vereint. Anu Sivaganesan lernte schnell Deutsch und engagierte sich, zusammen mit ihrem Bruder, in Vereinen und Kommissionen für Menschenrechte. Seit 25 Jahren leitet die Juristin nun schon die «Fachstelle Zwangsheirat». Für ihre Dissertation zu dieser Thematik erhielt sie kürzlich eine Auszeichnung der Schweizerischen Vereinigung für Internationales Recht. In «Musik für einen Gast» erzählt Anu Sivaganesan von ihrer heiklen Arbeit und bringt ihre Playlist mit, die von malischer Musik über klassische Klavierkonzerte bis zu K-Pop reicht. Playlist: - Tatam Bambo Kouyaté: Bambo - Shigeru Umebayashi: Yumeji’s Theme (Soundtrack zum Film «in the Mood for Love») - Sergei Rachmaninoff: 2. Klavierkonzert, op.18, mit Anna Fedorova und dem Sinfonieorchester St. Gallen - BTS: Life goes on - Priya Ragu: Kamali
1 Stunde 6 Minuten
Sie sei eine «kompromisslose Künstlerinnenpersönlichkeit»: Zu diesem Schluss kam die Jury im Auswahlprozess für den «Eurovision Young Musicians»-Wettbewerb. Am 6. Juni wird die junge Pianistin Manoush Toth im Finale in Armenien auftreten. Wie kompromisslos findet sie sich selbst? Ruhe. Das empfindet Manoush Toth, wenn sie am Klavier sitzt und einfach alles stimmt. Und gleichzeitig spüre sie die Kraft des Moments; das Wissen, dass genau dieser Moment zähle. Man wünscht Manoush Toth, dass sich diese Ruhe am Abend des 6. Juni in ihr ausbreiten wird. Dann findet in der armenischen Hauptstadt Jerewan das Finale des Musikwettbewerbs «Eurovision Young Musicians» statt, der alle zwei Jahre von der European Broadcasting Union (EBU) ausgerichtet wird und jungen Klassiktalenten eine grosse Bühne bietet. Im Rahmen der Förderung von Schweizer Musiktalenten bei SRF wurde die 19-Jährige von einer Fachjury als Teilnehmerin ausgesucht. Für diesen besonderen Auftritt hat sie sich für ein Stück von Schumann entschieden – allerdings nicht von Robert, sondern von Clara, dessen Ehefrau. «Clara Schumann wird immer mehr aufgeführt. Aber noch immer zu wenig», begründet Manoush Toth ihre Wahl. Dabei gehöre ihr Klavierkonzert zu den wichtigsten des 19. Jahrhunderts. Das verrät viel über Manoush Toth. Und was sie damit meint, wenn sie sagt, dass sie sich einen ernsthaften Zugang zur klassischen Musik wünsche. Weil Ernsthaftigkeit in ihrem Fall vor allem Offenheit und Neugierde bedeutet: «Wenn man die Hintergründe der klassischen Musik kennt, dann öffnet sich einem ein ganz besonderer Schatz.» Sie selbst nahm das erste Funkeln dieses Schatzes bereits im Alter von zwei Jahren wahr. Fast gleichzeitig mit dem Sprechen sei die Musik in ihr Leben gekommen. Und entsprechend vertraut fühle sie sich an, bis heute. Aufgewachsen ist sie zuerst auf den kanarischen Inseln, später im Berner Oberland. Sie und ihre Geschwister gehen nicht zur Schule, werden zu Hause von den Eltern unterrichtet. Paradiesisch sei das gewesen, sagt Manoush Toth. Doch mit dem Eintritt in die Hochschule für Musik Basel stand sie dadurch vor Herausforderungen, die sich anderen jungen Menschen nicht stellen. Im Gespräch mit Melanie Pfändler erzählt Manoush Toth von dieser Zeit, von dem Druck, den sie sich selbst auferlege, von der engen musikalischen Zusammenarbeit mit ihrem Bruder Anatol und ihrer jüngeren Schwester Anouk und von diesem magischen Moment auf der Bühne, wenn alles noch ganz still ist und sie ihre Finger auf die Tasten legt. Die Musiktitel: - W.A. Mozart: 3. Allegro, aus Sinfonie Nr. 31 D-Dur KV 297 «Pariser» (Freiburger Barockorchester; Gottfried von der Goltz, Leitung) - Antonin Antonín Dvořák: 3. Poco adagio, aus Klaviertrio Nr. 3 f-Moll op. 65 (Isabelle Faust, Violine; Jean-Guihen Queyras, Violoncello; Alexander Melnikov, Klavier) - Francis Poulenc: 3. Allegro ma non troppo, aus Doppelkonzert d-Moll (Sylviane Deferne & Pascal Rogé, Klavier; Philharmonia Orchestra; Charles Dutoit, Leitung) - Billy Joel: The Stranger - Franz Schubert: Impromptu Ges-Dur D 899 op. 90 (Radu Lupu, Klavier)
1 Stunde 9 Minuten
Gezeugt am 8. Mai 1945, dem Tag als Nazi-Deutschland kapituliert, wächst Tinu Heiniger in Langnau auf. Mit seinem ersten Lied «Es schysst mi a» rebelliert er 1976 gegen die Enge seiner Emmentaler Kindheit und beschreibt, wie schwierig für ihn die Schreinerlehre gewesen ist Zu Hause erlebt er Gewalt («Mi Vater isch quasi jede Tag verruckt worde»), findet aber bei der Mutter Trost und in der Musik seine Freiheit. Nach dem Lehrerseminar (es sollte was Musisches sein) arbeitet Heiniger viele Jahre als Lehrer, bis ihn eine Begegnung mit dem jungen Büne Huber ermutigt, mit Mitte 40 alles auf die Karte Musik zu setzen. Seither ist Heiniger eine Institution der Mundartszene. Er besingt die Heimat, ist mit Stephan Eicher befreundet und sucht trommelnd nach spiritueller Tiefe. Heute blickt der 80-Jährige versöhnlich auf seine Irrungen und Wirrungen zurück. Warum er Ideologien für Krücken hält, was ihn an Bob Dylan fasziniert und wie gelassen er dem «Erdinnern» entgegenlebt, erzählt Heiniger in «Musik für einen Gast» bei Simon Leu. Die Musiktitel: - Bob Dylan: I Contain Multitudes - Hannes Wader: Es ist an der Zeit - Fabrizio de André: Andrea - Tinu Heiniger, Hank Shizzoe, Shirley Grimes: Just a closer walk with thee - Angespielt: Tinu Heiniger: Aut (2015) / Es schysst mi a (1977) / Unterhaltigsbrunz (1979)
58 Minuten
Dreizehn Jahre hat der österreichisch-bulgarische Schriftsteller Dimitré Dinev an seinem zweiten Roman geschrieben. Nun ist er mit «Zeit der Mutigen» auf Lesereise. An den Solothurner Literaturtragen tritt er live im Gespräch mit Michael Luisier in «Musik für einen Gast» auf. Dimitré Dinev stammt auf Bulgarien und hat die kommunistische Diktatur hautnah miterlebt. Nichts hat ihn für sein Schreiben so geprägt wie die Erfahrung, wie gefährlich und wie wichtig zugleich es ist, die Wahrheit zu schreiben. Erste Schreibversuche macht er schon als junger Mann in Bulgarien. Aber so richtig los geht es in Wien, wohin er 1990 geflohen ist. So schreibt der Student der Philosophie und russischen Philologie Drehbücher und Theaterstücke, Essays und mit «Engelszungen» einen ersten Roman, der ihn europaweit bekannt macht. Jetzt, mehr als 20 Jahre später, erscheint mit «Zeit der mutigen» ein zweiter Roman erschienen, eine grossangelegte Geschichte Europas im 20. Jahrhundert, die inhaltlich und formale neue Wege geht. Die Musiktitel: - Duran Duran: The Chauffeur - Kate Bush: Army Dreams - Smashing Pumpkins: Bullet with Butterfly Wings - Nine Inch Nails: The Great Below - The Dresden Dolls: My Alcoholic Friends
1 Stunde 4 Minuten
Die Biophysikerin Nora Eifler bewegt sich zwischen zwei Welten, die auf den ersten Blick wenig gemeinsam haben: Molekularbiologie und Musik. Tagsüber arbeitet sie in der Medikamentenentwicklung eines internationalen Pharmaunternehmens, abends übersetzt sie Proteinsequenzen in Klänge und komponiert. Was passiert, wenn Aminosäuren zu Melodien werden? Und warum klingen manche Proteine fast jazzig oder psychedelisch? In «Musik für einen Gast» bei Eva Oertle erzählt Nora Eifler von einer Kindheit zwischen Heilkräutern, Naturbeobachtung und einer grossen Angst vor Krankheitserregern. Sie spricht über ihre Faszination für das Unsichtbare, über das genaue Zuhören und Nachahmen von Stimmen und Dialekten – und darüber, wie daraus später ein wissenschaftlicher Blick auf Moleküle entstand. Die Sendung führt von frühen musikalischen Erinnerungen mit Bruce Low über Amy Winehouse bis zu Heinrich Schütz. Dazwischen erzählt Nora Eifler von ihren Studienjahren und davon, weshalb sie nicht an der Universität geblieben ist, sondern – trotz eigener Vorurteile – auf der «dark side» in der Pharmaindustrie gelandet ist. Sie spricht über ihre Suche nach Mustern: in Proteinen ebenso wie in der Musik. In der Sendung demonstriert sie zudem, wie aus biologischen Sequenzen Melodien entstehen – und erklärt, warum sie sich den Satz «Life is uncertain, eat dessert first» zu Herzen nimmt. Die Musiktitel: - Bruce Low: Noah Found Grace in the Eyes of the Lord - Amy Winehouse: Tears Dry on Their Own - Juicy Lemon Club: 21st Night of May - Nora Eifler: Aquaporin - Räägedag - Heinrich Schütz: Fili mi, Absalon (Matteo Messori, Bass; Cappella Augustana)
59 Minuten
Die ehemalige Tänzerin Paloma Selma musste ihre Karriere wegen eines Bühnenunfalls vorzeitig beenden. Seither setzt sich dafür ein, Kultur und soziale Arbeit zu verbinden: als Gründerin des Surprise-Strassenchors ebenso wie als Leiterin des Basler Tanzfests. Wer aus eigener Erfahrung weiss, wie sich Brüche im Leben anfühlen, hat mehr Verständnis für Menschen in schwierigen Situationen, sagt Paloma Selma. Sie wuchs in der spanischen Hafenstadt Valencia auf und verliess ihre Heimat schon in jungen Jahren, um professionelle Tänzerin zu werden. Nach ersten Engagements in Bonn und Berlin kam sie 2001 nach Basel, um in der Compagnie von Richard Wherlock zu tanzen. Auf dem Höhepunkt ihrer Karriere riss während einer Vorstellung eine Sehne in ihrem Fuss. Danach sei sie nicht nur körperlich, sondern auch seelisch eine Weile verletzt gewesen, sagt Paloma Selma im Rückblick. Es fiel ihr nicht leicht, ihre Identität als Tänzerin aufzugeben, doch dann fand sie einen neuen Weg, indem sie sich für die Verbindung von Kultur und Sozialem einsetzte. In «Musik für einen Gast» erzählt sie von ihrem Engagement für das Basler Tanzfest und für den «Surprise-Strassenchor», den sie vor rund 20 Jahren gegründet hat. Und sie erklärt am Beispiel ihrer Musikwünsche, was auf Spanisch «Duende» bedeutet. Die Musiktitel: - Fréderic Chopin: Nocturne Es-Dur op. 9 Nr. 2 (Lars Vogt, Klavier) - Irene Cara: Fame - Camarón de la Isla, Paco de Lucía & Tomatito: Como el agua - Edvard Grieg: Åses Tod, aus Peer Gynt (Estonian National Symphony Orchestra; Paavo Järvi, Leitung) - Miriam Makeba: Malaika - Celia Cruz: La vida es un carnaval