Anmeldung Registrierung
Auto Hell Dunkel
Erweiterte Suche

Das Neue Berlin Archiv

111 Episoden
1 Stunde 25 Minuten
In der Klimakrise gibt es zwei Grundpositionen: Die einen wollen den Klimaschutz innerhalb der bestehenden politisch-wirtschaftlichen Ordnung verwirklichen. Die Wirtschaft soll sich entwickeln wie gehabt und weiterwachsen können – nur eben ohne die Verbrennung fossiler Energieträger. Die anderen sind skeptisch, ob es ein solches ‚grünes Wachstum‘ wirklich geben kann. Zu letzteren gehört Ulrike Herrmann. Für sie ist der Kapitalismus eine Spirale von Krediten und industrieller Produktion. Kapitalistische Gesellschaften können wachsen oder krisenhaft schrumpfen, aber stagnieren können sie nicht. Dieser Wachstumszwang lässt sich für Herrmann nicht von dessen ökologischen Folgen entkoppeln. Wer den Klimawandel stoppen will, muss aus dem Kapitalismus aussteigen. In ihrem neuen Buch „Das Ende des Kapitalismus“ denkt Herrmann darüber nach, wie das ohne Katastrophe möglich ist. Mit ihr sprechen wir über Maschinen und Lohnkosten, mangelnde Ökoenergie und ihren Plan für die Postwachstumsökonomie: eine private Planwirtschaft nach Vorbild der britischen Kriegswirtschaft im 2. Weltkrieg.
1 Stunde 48 Minuten
Der Spießer ist geistlos, geschmacklos, engstirnig, ängstlich und ahnungslos. Kein Wunder also, dass niemand einer sein möchte. Der Spießer, das sind die anderen, von denen man sich abgrenzt. Und das nicht erst seit gestern, sondern mindestens seit Beginn des 19. Jahrhunderts. Die Soziolog*innen Dominik Schrage und Sonja Engel haben dieser eingentümlichen Beschimpfung ein Buch gewidmet. Für sie ist das Spießerverdikt ein kommunikatives Muster, das trotz eines immer wieder erweiterten Repertoires von negativen Eigenschaften relativ stabil geblieben ist. In ihrer Diskursanalyse verfolgen die beiden diese besondere Art der Herabsetzung von der romantischen Spießersatire über die marxistische Kleinbürgerschelte bis zur bohémistischen Bürgerkritik. Auch in der Gegenkultur der 1960er und 70er-Jahre und in der reaktionären "Gutmenschen"-Verachtung der Gegenwart wiederholen sich ähnliche Logiken. Die Sozialfigur des Spießers erweist sich dabei als ein politisch flexibles Werkzeug der Abwertung. Es richtet sich immer gegen eine gesellschaftliche "Mitte", mit der etwas nicht stimmt - und die eine andere werden soll.
1 Stunde 29 Minuten
Leben auf der Straße bedeutet nicht nur, keine Wohnung zu haben, sondern in vielen Hinsichten ein ganz anderes Leben abseits der Gesellschaft. Dabei werden die Betroffenen oft für ihre Obdachlosigkeit verantwortlich gemacht und zu unerwünschten Personen im Stadtleben erklärt. Ihre subjetkiven Perspektiven und pluralen Lebensgeschichten bleiben unsichtbar. Luisa Schneider ist Anthropologin und hat in einer jahrelangen Feldforschung in Leipzig mit knapp 300 Obdachlosen Kontakt gehabt. Dabei hat sie versucht, sie wirklich zu verstehen. Mit ihr begeben wir uns in die Lebenswelt der Obdachlosigkeit, sprechen über die Organisation eines Alltags ohne Haus, die schiefe Logik des zeitgenössischen Sozialstaats und warum Gefängnis wie Urlaub sein kann.
1 Stunde 25 Minuten
Was ist Wissen? In der europäischen Geistesgeschichte gibt es darauf zwei Antworten: Aus der klassischen Philosophie kennen wir die Vorstellung der wahren, gerechtfertigten Überzeugung, also kurz der Teil unserer Meinungen, den wir mit guten Gründen vertreten und der eben einfach stimmt. Und dann gibt es dieses andere Wissen. Eines, das uns bestimmt, das uns Vorschriften macht und unsere Welt einteilt. Die Gestalt des Wissens also, auf die uns in unterschiedlicher Weise Ideologiekritik, Wissenssoziologie, Wissenschaftsforschung oder Wissensarchäologie hingewiesen haben. Für Vogelmann ist das Wissen kein passiver Besitz eines Subjekts, über den es beliebig verfügen kann. Wissen übe stattdessen eine eigenständige Kraft aus. In der Sendung sprechen wir darüber, wie das Wissen unser Selbst irreversibel verwandeln kann und wie das Verhältnis von Wahrheit und Politik eigentlich zu verstehen ist. Nur in einem Wissensbegriff, der Kraft und Wahrheit verbinden kann, lässt sich laut Vogelmann eine interdisziplinäre Zusammenarbeit zwischen klassischer Erkenntnistheorie und kritischen Sozialwissenschaften fruchtbar etablieren. Unser Gast Frieder Vogelmann ist Professor für Erkenntnistheorie und Wissenschaftstheorie an der Universität Freiburg. In seiner umfangreichen Studie mit dem Titel Die Wirksamkeit des Wissens hat er den Versuch unternommen, die gesellschaftliche Kraft des Wissens und die Wahrheit des Wissens in einer Art politischen Epistemologie zu versöhnen.
1 Stunde 14 Minuten
Die ökologische Bewegung hat das Koordinatensystem politischer Konflikte hierzulande nachhaltig verschoben. Das ist nicht erst seit gestern ein Problem für Sozialdemokratie und Gewerkschaften. Denn ihre Entstehung ist untrennbar mit eben dem industriellen System verbunden, das den Klimawandel verursacht hat. Während sich linke Parteien schon länger auch jenseits des Arbeitermilieus positionieren, ist das bei den Industriegewerkschaften anders. Auch wenn sie den Klimawandel längst nicht mehr ignorieren, ist ihr Auftrag doch, das Interesse der Beschäftigten zu vertreten. Das Florieren der Industrie, also klimaschädliches Wachstum, ist indirekt also auch ihr Interesse. Die Industriegewerkschaften befinden sich also im Spannungsfeld von progressiver Politik (und das heißt im 21. Jahrhundert nun mal grüner Umbau der Wirtschaft) und den Interessen der klassischen, zum „bösen Buben“ gewordenen Industrie, der Stahlbranche, der Autohersteller. Wie gehen die Industriegewerkschaften damit um? Welches Verhältnis zur Natur und den natürlichen Ressourcen haben sie? Und wie ändert sich das? Jana Flemming hat sich sowohl theoretisch als auch in ihrer Forschung vor Ort bei der IG Metall mit eben dieser Frage auseinandergesetzt. Mit ihr sprechen wir über Ökologie in der Gewerkschaftsgeschichte, ihre Interviews mit Funktionären und das heutige Selbstverständnis der IG Metall in der ökologischen Transformation. Ist der Konflikt zwischen Industriegewerkschaften und Klimabewegung dabei unvermeidlich oder finden sie gar gemeinsame Ansätze?
55 Minuten
Mit der Corona-Pandemie steht die wissenschaftliche Expertise einmal mehr im Zentrum gesellschaftlicher Auseinandersetzung. Die einen feiern sie als Brandung im Sturm des Postfaktischen, die anderen fürchten sich vor einer entpolitisierten Technokratie in ihrem Namen. Doch gibt es überhaupt die Expertise? In der Pandemie beobachteten wir eher eine Konkurrenz der Disziplinen Virologie und Epidemiologie, Soziologie und Ökonomik – und vieler anderer mehr. Konkurrenz belebt zwar das Geschäft, und das könnte auch für die Wissenschaft gelten. Gleichzeitig geht es in vielen Streits zwischen den Fächern weniger um Erkenntnis selbst als um Macht und Geld, die jede institutionalisierte Wissenschaft auch zum Überleben braucht. Heinz Bude und Dirk Brockmann, der eine Soziologe, der andere Physiker und Komplexitätsforscher, haben sich in der „No Covid“-Initiative kennengelernt. Dort erlebten die beiden einen interdisziplinären Austausch auf Augenhöhe, ein „undiszipliniertes“ Denken, eine Expertise über Fachgrenzen hinweg. In der Sendung sprechen wir mit ihnen über die Bedingungen einer solchen Begegnung, erkenntnistheoretische Implikationen, die Kraft der Bilder, und ob eine solche Wissenschaft auch in der Öffentlichkeit glaubwürdiger sein kann.
1 Stunde 40 Minuten
Infrastrukturen sind die Bedingung für fast alles, was wir in der Gesellschaft tun. Ihre Bedeutung und ihren Wandel zu verstehen, heißt daher auch den Wandel der Gesellschaft zu begreifen. Dies ist der Anspruch unseres Gastes Eva Barlösius. Zentral dabei ist für Barlösius, unsere geschichtlichen Erfahrungen und bisherigen Konzepte nicht unreflektiert in die Zukunft zu projizieren. Daher greife auch die Standarderzählung vom neoliberalen Niedergang der Infrastrukturen zu kurz. Sie sei zwar nicht falsch, sie bleibe aber noch im Bann einer spezifischen historischen Phase der wohlfahrtsstaatlichen Infrastrukturpolitik. Eine Politik, die mit der Durchdringung des nationalen Territoriums und einer strengen Normierung und Reglementierung einher gegangen sei. In mehreren Fallstudien erkundet sie höchst unterschiedliche Aspekte des Infrastrukturwandels: vom Dorf, aus dem sich private Geschäfte und der Staat mehr und mehr zurückziehen, bis zur Universität, in der Forschungsdaten der einen Wissenschaftler*innen zu den Infrastrukturen der anderen werden - und die Forschung selbst zur Infrastruktur der Politik, Wirtschaft und Verwaltung. Die Zukunft der Infrastruktur kann für Barlösius weder in der großflächigen Monopolisierung durch private Unternehmen noch in der Standardisierung einer rein staatlichen Infrastrukturpolitik liegen. Mitgliedschaft und Mitwirkung wird in verschiedenen Dimensionen der Infrastruktur wichtiger werden. Welche Institutionen die Träger werden, ist eine ungeklärte Frage. Aber eine, über die eine politische Debatte dringend nötig ist.
1 Stunde 37 Minuten
Geht man die Wahlergebnisse der letzten Bundestagswahl in Berlin durch, zeigt sich ein eindrückliches Bild. Die Mitte gehört den Grünen, mit 30 Prozent der Erststimmen in Berlin-Mitte und fast 40 Prozent in Friedrichshain-Kreuzberg. Die AfD kommt dagegen nur auf 5 Prozent. Weit außerhalb des Rings sieht das ganz anders aus. In Spandau oder Marzahn erreichen die Grünen kaum 10 Prozent. Die AfD ist hier gleichauf oder sogar stärker. Vom Ring in die Außenbezirke bildet sich in Berlin ein Konflikt ab zwischen Zentrum und Peripherie. Was in Berlin im Kleinen gilt, ist auch in Deutschland insgesamt zu sehen: der Konflikt zwischen Stadt und Land. Das ist die These von Lukas Haffert, der sich in seinem neuen Buch Stadt, Land, Frust mit der Rückkehr dieses Konflikts in Politik und Gesellschaft auseinandergesetzt hat. Mit ihm sprechen wir darüber, wie man die Unterschiede zwischen Stadt und Land vermisst: über die politökonomischen Ursachen, die kulturellen Gegensätze und die identitätspolitische Aufladung des Konflikts. Dem Versuch, die Gegensätze einfach politisch aufzulösen, steht er skeptisch gegenüber. Auch die beste Infrastruktur in ländlichen Regionen führt nicht automatisch zu den von Städtern "gewünschten" Wahlergebnissen – wie etwa die Schweiz zeigt. Viel grundlegender ist die Frage: Wie können moderne Gesellschaften solche Grundkonflikte in ihren Institutionen repräsentieren?
1 Stunde 46 Minuten
Wir sehen uns gern als Leistungsgesellschaft. Mit sozialer Ungleichheit haben wenige Menschen ein Problem, so lange sie durch die "Leistungen und Fähigkeiten" des Einzelnen gerechtfertigt ist. Doch schon beim Blick auf die Bildung stößt diese Vorstellung auf Widersprüche. Denn welche Fähigkeiten Kinder erlernen können und was sie damit später leisten dürfen, hängt an extrem ungleichen Bedingungen. Mit Marcel Helbig sprechen wir über Ungleichheit im deutschen Schulsystem. Wir beginnen zunächst historisch. Nach der Weimarer Reichsverfassung, die nun gut 100 Jahre alt ist, wurde erstmals der Gedanke von Gleichheit in der schulischen Bildung verankert. Mit der mindestens vierjährigen Grundschule wurde ein Einrichtung geschaffen, in der Kinder aller Schichten gemeinsam lernen. Auch heute noch besteht ein Sonderungsverbot mit Verfassungsrang, das die Ausgrenzung von Kindern nach Besitzverhältnissen in Schulen untersagt. Die Wirklichkeit sieht anders aus. Wir versuchen, die komplizierte Struktur des deutschen Schulsystems zu verstehen, inklusive der Verwerfungen von Wiedervereinigung und demographischen Umbrüchen. Dann widmen wir uns den Mechanismen, die die Ungleichheit in der Schullaufbahn verfestigen: von den ungleichen Vorbedingungen beim Schuleintritt über die ungleiche Bewertung von Schülern aus verschiedenen Milieus bis hin zur sozial-räumlichen Segregation von Stadtteilen und ihren Schulen. Eine besondere, und immer wichtigere Rolle spielen dabei die Privatschulen. Bürgerliche Familien bleiben dort unter sich und verstärken damit die Bildungsungleichheiten weiter. Ein positiver Ausblick fällt schwer.
1 Stunde 51 Minuten
From Congo to Afghanistan, natural resources are at the center of many contemporary political conflicts. Yet the mostly arbitrary rights to extract and use these resources are rarely reflected upon in depth. There is a lack of understanding of the historical origins as well as a critical analysis of our current global system of natural resource rights. Our guest Petra Gümplová attempts to do both. In her research, she approaches the topic with a historical genealogy of international law and with a normative theory of justice. For her, international law is simultaneously a historical cause of current injustices and the key to their moral critique. In her historical genealogy, she identifies three central legal principles that have shaped the modern resource regime. The Right of Conquest, the Right of Discovery and Occupation, and the Right of he Freedom of the Seas: all were invented and justified to secure valuable access to resources in distant parts of the world. Like military force and violence, legal considerations formed the basis of colonial practice. Paradoxically, the postwar development of international law then provides the tools for a comprehensive critique of resource injustice. Gümplová advocates a practice-oriented method of normative theory building. Rather than developing principles from an abstract and ideal standpoint, she seeks to draw out the moral implications of current international law standards. For her, a just postcolonial system of control over natural resources must be based on the principle of self-determination and on the comprehensive catalog of human rights.
1 Stunde 28 Minuten
Mit dem erfolgreichen Volksentscheid zur Vergesellschaftung großer privater Wohnungsbestände in Berlin scheint die Wohnungsfrage endgültig im Zentrum aktueller sozialer Kämpfe angekommen. Nach den Privatisierungswellen der 90er- und Nullerjahre stehen vielerorts die Zeichen auf eine neue öffentliche Wohnungspolitik, die mit Neubau, Ankauf und gesetzlicher Preisregulierung auf die dramatischen Mietsteigerungen einwirken will. Wir sprechen darüber mit Inga Jensen. Sie arbeitet in ihrer Dissertation zu den Perspektiven der (Re-)kommunalisierung in der Wohnungspolitik am Beispiel Berlin. Ein hoher Bestand an öffentlichen Wohnungen ist für sie unerlässlich, um die Wohnungsfrage sozial zu gestalten. Ein solcher Bestand bietet Möglichkeiten der demokratischen Kontrolle und der sozialen Mietpreisgestaltung, die gewinnorientierten Unternehmen fremd sind. Mit Inga besprechen wir die verschiedenen politischen Instrumente, die zur Rekommunalisierung zur Verfügung stehen. Ebenso diskutieren wir das Verhältnis von genossenschaftlicher, kommunaler und bundesweiter Wohnungspolitik. Zuletzt denken wir über den Status der Wohnraumversorgung als sozialer Infrastruktur nach. Denn wie die technischen Netze ist auch der Wohnungsbestand von hohen Investitionserfordernissen und Pfadabhängigkeiten geprägt und bedient ein unbestrittenes Grundbedürfnis (mancherorts ein Grundrecht). In dieser Perspektive steht die Berliner Kommunalisierungskampagne in einer Kontinuität mit früheren Initiativen etwa zur Kommunalisierung der Wasserversorgung oder des Stromnetzes. Taugt die Infrastruktur sogar zum politischen Leitbegriff? [Hinweis: Die Sendung wurde vor der Veröffentlichung der Koalitionsverträge auf Landes- und Bundesebene aufgenommen.]
1 Stunde 29 Minuten
Ob in Diskussionen um Museumsstücke aus den ehemaligen Kolonien, um koloniale Genozide oder um Alltagsrassismus: Die westlichen Gesellschaften lernen erst langsam, den Kolonialismus nicht nur als eine bedauerliche Episode der Vergangenheit zu begreifen, sondern als ein wesentliches Strukturmerkmal der eigenen Geschichte. Was daraus für die Politik heute konkret folgt, ist ebenso umstritten wie die Folgen für Geistes- und Sozialwissenschaften. Dies gilt insbesondere für die Soziologie. Ihr Anspruch, zu beschreiben, was gerade »die« moderne Gesellschaft ausmacht, wird durch den Postkolonialismus herausgefordert. Lässt sich das bereits entwickelte, differenzierte Vokabular von Modernisierung, Herrschaft und Diskriminierung nicht auch für eine Soziologie des Kolonialismus nutzen? Liegt die Aufgabe der Soziologie darin, »den« Kolonialismus empirisch genau in seine Bestandteile zu zerlegen und historische Fälle zu vergleichen? Oder geht es an die Überprüfung der oft unausgesprochenen Grundlagen des Faches insgesamt? In der Sendung sprechen wir mit Marius Meinhof, der im Rahmen einer Auseinandersetzung in der Zeitschrift SOZIOLOGIE für eine postkoloniale Soziologie wirbt. Nur wer kolonialistische Denkfiguren kennt, kann ein genaues Verständnis davon entwickeln, welche Bestandteile soziologischer Theorie darauf beruhen und in dieser Hinsicht zu überprüfen sind. Ebenso müsse der Kanon soziologischer Klassiker um die Klassiker des Postkolonialismus erweitert werden. Man müsse den Postkolonialismus als eigenständiges soziologisches Paradigma begreifen.
1 Stunde 14 Minuten
Der Fall der Berliner Mauer steht nicht allein für die Wiedervereinigung Deutschlands. Er ist auch Symbol für die Überwindung von Grenzen überhaupt. Die letzten Jahrzehnte schienen immer mehr Freiheit in diesem Sinne zu bedeuten. In der Globalisierung, dem Freihandel oder dem Abbau der innereuropäischen Grenzen meinten die einen schon das Ende der ungeliebten Nation zu erkennen, während die anderen den drohenden Kontrollverlust beklagten. In seinem neuen Buch nimmt Steffen Mau eine Korrektur an diesem Blick auf die Globalisierung vor. Empirisch sind in den letzten Jahrzehnten immer mehr und immer stärker gesicherte Grenzen entstanden. Sie sind zu "Sortiermaschinen" geworden, mit denen Staaten die Risiken der Mobilität kontrollieren. Globalisierung bedeutet ebenso sehr Öffnung für die einen wie Schließung für die anderen. Im Gespräch versuchen wir, eine Vorstellung der Grenze im 21. Jahrhundert zu gewinnen. Wie sind nationale Grenzen entstanden? Wie hat sich die Rolle des Staates geändert? Was heißt es, wenn die Grenze mit digitalen Erkennungstechniken aufgerüstet und in Drittstaaten vorverlegt wird? Ist territoriales Denken für uns derart selbstverständlich, dass sie unsere politische Vorstellungskraft behindert?
1 Stunde 26 Minuten
Die Psychoanalyse ist eine der einflussreichsten Theorien des 20. Jahrhunderts. Sie prägte das moderne Verständnis dessen, was es heißt, ein Subjekt zu sein. In den letzten Jahrzehnten hat sie jedoch an Bedeutung verloren und ist in der akademischen Psychologie weitgehend marginalisiert. Sie gilt als unwissenschaftlich, manchmal sogar als esoterisch. Aktuell kämpft eine Petition für den Erhalt einer der letzten psychoanalytischen Lehrstühle in Deutschland. In der Sendung versuchen wir, die Psychoanalyse wissenschaftstheoretisch zu verorten. Wir sprechen mit Johann August Schülein, der seit vielen Jahre zum Thema forscht. Für Schülein ist das psychodynamische Unterbewusste eine "autopoietische" Realität. Ihre Dynamik, Reflexivität und Individualität kann nicht von "denotativen" Theorien erfasst werden, wie sie etwa für naturwissenschaftliche Gegenstände angemessen sind. Psychoanalyse stellt sich (wie andere Sozial- und Geisteswissenschaften) als konnotative Theorie dar. Sie kann ihrem Gegenstand nicht in einem einheitlichen Paradigma gerecht werden. Der Prekarität der Theoriebildung entspricht eine prekäre Institutionalisierung. Nach innen wie nach außen lässt sich nur eine brüchige Einheit herstellen. Schulbildung kann die Pluralität einhegen, bringt aber das Risiko sachlich nicht gerechtfertigter Abschottung mit sich. Überhaupt bleibt der Wissenschaftsstatus umkämpft, Laien von Experten unscharf getrennt. Und nicht zuletzt sind Analysen des Unbewussten bis heute unwillkommen, berühren sie doch den Kern personaler Identität, sind naturgemäß schmerzhaft. Ein wenig Mitschuld an ihrer Situation trägt die Psychoanalyse laut Schülein freilich auch selbst. Zu sehr hat sie auf ihre Reinheit geachtet, und dabei mitunter eine eingehende Theoriediskussion und produktive Anschlüsse an quantitative Methoden versäumt. Für Schülein, emeritierter Professor für Soziologie, wäre demgegenüber ein großes Potential in der Verbindung von psychoanalytischer und soziologischer Forschung zu finden. Dazu müssen beide Disziplinen etwas von ihrer defensiven Selbstüberschätzung ablegen.
1 Stunde 58 Minuten
Wie so viele gesellschaftliche Bereiche wurde auch das Krankenhaus in den letzten Jahrzehnten nach neuen Prinzipien organisiert. Mit gedeckelten Budgets und Fallkostenpauschalen sollte das vermeintlich überteuerte Gesundheitssystem auf Effizienz getrimmt werden. Kliniken sollten zu Konkurrentinnen werden, die Marktbereinigung unwirtschaftliche Häuser aussortieren. Eine tiefgreifende Ökonomisierung hat die Arbeitsweise im Krankenhaus grundsätzlich verändert. Kaspar Molzberger und Robin Mohan haben beide zu diesem Thema promoviert und die Ökonomisierung des Krankenhauses intensiv erforscht. In Interviews mit Pflegern, Ärzten und Management sind sie der Frage nachgegangen, wie sich Ökonomisierung in der konkreten Praxis der Klinik zeigt. Im Zentrum steht dabei das Klassifikationssystem der DRGs, mit dem Krankheitsbilder zusammengefasst und mit durchschnittlichen Behandlungszeiten und -kosten versehen werden. Wer über dem Durchschnitt liegt, macht Minus, wer besser ist, kann Gewinne erwirtschaften – was viele privatgeführte Krankenhäuser rentabel tun. Im Gespräch mit unseren beiden Gästen rekonstruieren wir die historischen Entwicklungslinien des modernen Krankenhauses. Ebenso sprechen wir über dessen traditionelle Arbeitsteilung und wie unterschiedlich sich die Ökonomisierung beim ärztlichen und dem Pflegepersonal auswirkt. Während bestimmte ärztliche Prozeduren hochrentabel sein können, wird die Pflege zum Kostenfaktor. Personalabbau und Arbeitsverdichtung sind die Folge. Andererseits kommt auch das ärztliche Professionsethos immer wieder in Konflikt mit ökonomischen Zielsetzungen. Zuletzt diskutieren wir, wie sich Ökonomisierung theoretisch fassen lässt. Unsere Gäste sind uneins: Robin Mohan plädiert dafür, die Ökonomisierung der Organisation ins gesellschaftstheoretische Verhältnis zu setzen und den Begriff in Zusammenhang mit der Warenlogik des Kapitalismus zu bestimmen. Kaspar Molzberger verortet die Ökonomisierung in einer historisch spezifischen Praxis der Kalkulation, die nur in der Organisation selbst wirklich rekonstruierbar ist.