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Die Anachronistin Archiv

44 Episoden
1 Stunde 36 Minuten
Aus heutiger Sicht scheint es absurd von einem "Großdeutschland" zu reden. Aber vor noch nicht mal 100 Jahren war das ein Thema. Ein wichtiges sogar. Eines, das über Parteigrenzen hinweg diskutiert wurde. Und bei dem der Grat ins völkisch-nationalistische ziemlich schmal war.
21 Minuten
Vor über einem Jahr habe ich euch hier im Podcast mit einer Geschichte zurückgelassen, die nach sich nach seiner Rückkehr nach Deutschland abgespielt hat. Zu einer Zeit als seine beiden Eltern - und meine Großeltern - beide im Gefängnis saßen. Meine Oma im Frauengefängnis in Vechta. Und mein Opa im Spionage-Abwehr-Gefängnis in Wilhelmshaven beziehungsweise im Reichssicherheitshauptamt in Berlin.
19 Minuten
Heute ist der 21. Februar 2020. Heute wäre mein Vater 89 Jahre alt geworden. Heute ist auch der Tag nach dem rechtsextremen Anschlag auf zwei Shisha-Bars und einen Kiosk im hessischen Hanau bei dem der Attentäter neun Menschen ermordet und sechs weitere verletzt hat. Im Anschluss an die Tat tötete er seine Mutter und sich selbst. Als ich am Donnerstagmorgen das erste Mal von dem Anschlag höre und lese, habe ich noch keine Worte für das, was passiert ist. Ich kann nicht mehr schreiben als: "Mir ist es zu früh, um irgendetwas konkretes dazu zu sagen, aber: Es bricht mir das Herz Das ist nicht die Welt, in der ich leben will." Heute habe ich Worte, vielmehr habe ich eine Geschichte für euch.
51 Minuten
Von all den Texten, die mein Großvater und seine Mitstreiter veröffentlicht haben, taucht einer immer wieder ausführlich auf. Er trägt den Titel: "So wollen wir Deutschland" und erscheint in Heft 12 von "Die Kameradschaft" im Dezember 1938. Darin ist unter anderem folgender Abschnitt enthalten: "Schwer lastet das Joch der Gewaltherrschaft auf Deutschland. Das deutsche Volk ist durch das totalitäre Hitlersystem seiner Freiheit beraubt, rechtlos und unterdrückt. Die Würde des einzelnen Menschen und des gesamten Volkes ist durch die Systematisierung der Anträgerei, Verleumdung, des Betruges und der Heuchelei, durch den totalen Terror vernichtet. Durch ihre imperialistische Machtpolitik droht die Hitlerregierung, das deutsche Volk in den Krieg zu stürzen und somit seinen Untergang herbeizuführen." Welchen Ideen und Visionen für ein friedliches und freies Deutschland die Widerstandsgruppe um Theo Hespers in diesem Text entwickelt und warum ausgerechnet die so gefährlich sind, dass sie sogar im Todeesurteil gegen Theo Hespers ausführlicher besprochen werden, darüber spreche ich in dieser Ausgabe mit dem Historiker Patrick Bormann.
48 Minuten
Wo fängst du an ein Feuer zu löschen, wenn es eigentlich schon überall brennt? Welche Themen setzt du in einer Widerstandszeitschrift, wenn du informieren und aufklären, aber eben auch möchtest, dass deine Leser wütend genug werden, um endlich aufzubegehren? Und was, wenn sich die Gewalt eines Regimes im Prinzip gegen jedes Menschliche, alles Humane richtet? Seit Stunden blättere ich durch die Artikel, die mein Großvater und seine Mitstreiter Anfang 1939 in der Widerstandszeitschrift "Die Kameradschaft" veröffentlich haben. Ich lese jeden einzelnen, mache mir Notizen. Aber nicht einmal ist die Lage der Juden im Deutschen Reich 1939 ausführlich Thema. Und das, obwohl sich deren Lage dramatisch zuspitzt. Warum?
28 Minuten
"Die ganze Welt ist tief erregt über das, was in Deutschland geschieht. Das Wort 'Pogrom' ist in aller Mund. Man glaubt, damit die Ausschreitungen als besonders barbarisch zu kennzeichnen. Aber man erkennt nicht, dass das, was da geschehen ist, schlimmer ist als ein Pogrom." So beginnt der Artikel über die Geschehnisse bei den Novemberpogromen vom 9. auf den 10. November 1938.
15 Minuten
Im September 1938 kommen zwei weitere Jugendliche in Amsterdam an. Heinz S.* genannt "Lux" und sein Freund Bruno Ciepiela genannt "Bruzzi". Die beiden jungen Männer sind damals zwischen 17 und 19 Jahre alt. Und zumindest Bruzzi scheint ein ziemlich verschlagenes Kerlchen zu sein ...
10 Minuten
Fast 30 Grad im Schatten. Um mich herum wuseln Menschen mit Regenbogenflaggen und wackelnden Penis-Hörnchen-Haarreifen. Sie plappern fröhlich. Ein Mix aus Sprachen. Hinter mir rattert eine Bahn vorbei, Fahrräder, Bromfietsen … mir wird ganz schwindelig, während ich auf das Haus starre, in dem die Widerstandszeitschrift Kameradschaft entstanden ist.
39 Minuten
Januar 1938. Fünf Jahre ist die Hitler-Regierung bereits an der Macht. Aber das Jahr 1938 wird die Situation vieler Menschen in Deutschland noch einmal verschärfen. Das konnten mein Großvater und seine Mitstreitern natürlich noch nicht wissen als sie im Januar 1938 die dritte Ausgabe der “Kameradschaft” veröffentlichten, aber vielleicht haben sie es geahnt.
27 Minuten
Sommer 1937. Ein belgischer Pfarrer reist durch Deutschland um sich selbst ein Bild davon zu machen, ob und, wenn ja, wie sehr seine Glaubensbrüder und -schwestern vom NS-Regime unterdrückt werden. Was er erlebt ist subtil und vielleicht gerade deshalb so bedrohlich. Denn aktiven Widerstand erlebt er kaum.
10 Minuten
Dieser Artikel ist eine Zäsur. Und ich weiß gar nicht so recht, wie oder wo beginnen. Denn einerseits seid ihr schon eine ganze Weile mit mir auf einer sehr persönlichen Reise unterwegs. Andererseits möchte ich euch nicht in Schock oder Trauer versetzen. Wohl wissend, dass ich auf beides keinen Einfluss habe. Nicht so richtig zumindest. Aber es gehört wohl zur Reise eines jeden Menschen auf diesem Planeten, dass wir Weggefährten verlieren. Und für alle, die es noch nicht in den sozialen Netzwerken gelesen haben oder diesen Blog nur unregelmäßig verfolgen, ist das hier wahrscheinlich neu: Heute vor genau fünf Wochen – am 31. Januar 2018 – ist mein Vater im Alter von 86 Jahren gestorben.
22 Minuten
Eigentlich galt mein Interesse in der ersten Ausgabe der Kameradschaft nur den beiden Artikeln von Plato und meinem Großvater. Aber dann stoße ich auf einen weiteren Artikel: "In der Reichsjugendführung – Bericht eines Engländers". Der Titel hat mich jetzt nicht übermäßig gereizt. Aber der erste Satz hat es wieder rausgerissen: "In der Zeit zwischen April und September des vorigen Jahres habe ich drei Monate in offizieller Stellung im «Auslandsamt» der «Reichsjugendführung» (RJF) in Berlin gearbeitet." Bitte was?! Ein Engländer in der Reichsjugendführung in Berlin? 1937? Sorry, aber da musste ich gleich erst mal den Namen googlen. Der Artikel ist mit D. C. Yalden-Thompson unterzeichnet. Es dürfte nicht allzu viele Menschen mit dieser Namenskombination geben. Und tatsächlich finde ich einen David Cron Yalden-Thompson, Philosophie-Professor in den USA an der University of Virginia. 1919 im britischen Dorset geboren, war Yalden-Thompson also grade mal 18 Jahre alt als er den Artikel für die Zeitschrift meines Großvaters schrieb – und als er sich in der Höhle des Löwen befand. Was er allerdings über die Reichsjugendführung schreibt, ist unfassbar entlarvend - und deckt sich mit den Beschreibungen, die ich in der invertito gefunden habe.
36 Minuten
Während sich Plato vor allem mit dem militärischen Teil und den innenpolitischen Querelen des NS-Regimes auseinandersetzt, liegt der Fokus von meinem Großvater ganz klar auf dem, was der katholischen Jugend passiert. Beziehungsweise mit den Leitern der katholischen Jugendgruppen. Sein Artikel beschäftigt sich mit dem Rossaint-Prozess.
45 Minuten
November 1937 – der erste Versuch der Widerstandsgruppe, sich im niederländischen Exil gegen die Nazis zu verbünden ist gescheitert. Aber mein Großvater Theo und sein Freund Plato alias Dr. Hans Ebeling denken gar nicht daran aufzugeben. Im Gegenteil. Es ist ihnen gelungen, genug Geld aufzutreiben, um eine eigene Zeitschrift zu gründen: “Kameradschaft – Schriften junger Deutscher”.
20 Minuten
Im Sommer 1937 reist Theo Hespers zu einer katholischen Friedenskonferenz nach Dublin. Im Verhörprotokoll seiner Geliebten, Antonia Verhagen, finde ich die Aussage, dass von dieser Veranstaltung ein Foto existiert - mit meinem Großvater drauf! Das Problem: Ich habe weder eine Ahnung, wie die Veranstaltung hieß, noch wann sie stattgefunden hat. Aber Dank Google werde ich fündig - und stoße auf noch mehr Informationen, die ich so nicht erwartet hätte. Nur das Foto habe ich bis heute nicht gefunden.
Die Anachronistin

Die Anachronistin

Ein Podcast über die Lebensgeschichte des Widerstandskämpfers Theo Hespers und seiner Nachfahren