Ich lese was, was du auch liest! Archiv
50 Episoden
58 Minuten
In dieser Folge machen wir eine Reise ins Ingolstadt der 30er Jahre. Wir treffen dort den Gillich Gustl, seines Zeichens Tabakwarenhändler und als Schwimmer die titelgebende Zierde seines Schwimmvereins. Gustl lernt Frieda Geier kennen, ihres Zeichens ein waschechtes working girl: mit kurzen Haaren fährt sie in ihrem Automobil als Vertreterin über die Dörfer. Es entspinnt sich eine Liebesgeschichte zwischen den beiden, die allerdings unglücklich endet. Dafür, dass es sich um einen Roman aus den 30er Jahren handelt, sprechen wir über ziemlich aktuelle Themen, unter anderem etwa Männerbünde, toxische Männlichkeit und Femizide. Außerdem gibt Martina eine Kostprobe von BR-Hochdeutsch zum Besten.
1 Stunde 1 Minute
Wir sind in Transsilvanien. Ihr wisst, was das bedeutet, oder? In dieser Folge knacken wir Martinas Dracula-Virginity und tauchen ab in die schaurige Welt des Fürsten Vlad des Pfählers. Fabienne stellt sich die Frage, ob hier eigentlich alles mit erzählerisch rechten Dingen vor sich geht und wir versuchen zu ergründen, was Twilight, Knoblauch und Ceausescu gemeinsam haben.
46 Minuten
Ein Buch über Indien abseits der 'ausgetretenen' postkolonialen, Englisch-geprägten Pfade? Das hat uns sofort an Shumona Sinhas neuem Roman "Das russische Testament" interessiert. Wir begegnen darin zwei sehr unterschiedlichen Protagonistinnen: zum einen der jungen Bengalin Tania, die im Westbengalen der 80er und 90er Jahre aufwächst und sich für russische Literatur und Kommunismus begeistert. Zum anderen Adel, einer jüdischen Russin, in den 1910er Jahren geboren, die in einem Sankt Petersburger Altersheim lebt. Was die beiden verbindet, erfahrt ihr in unserer neuen Folge (und natürlich in dem Buch!). Und ebenso warum der Schluss Fabienne an "Pink and the Brain" erinnert hat.
1 Stunde 3 Minuten
Leïla Slimani steigt direkt mit einem fetten Spoiler ein: Ein Pariser Kindermädchen hat zwei Kinder ermordet, obwohl sie stets als besonders liebevoll und zuverlässig gegolten hat. Auf den folgenden Seiten erwarten wir Aufklärung darüber, wie es zu dieser Tat kommen konnte. Doch der Roman wirft mehr Fragen auf als er Antworten zu geben scheint. In dieser Folge sprechen wir u.a. darüber, wie und warum sich Slimanis Roman jeglicher Psychologie der Mörderin entzieht, ob das Buch denn nun gesellschaftskritisch oder misogyn ist, und vor allem darüber, wie es denn nun zu dieser schrecklichen Tat der Nanny kommen konnte.
50 Minuten
Martina spricht mit Olivian über den Debütroman des indigiqueeren Autors Joshua Whitehead. Doch was hat es überhaupt mit dem Konzept "Two Spirit" auf sich? Und wie lebt ein junger two-spirit Mensch aus der Nation der Oji-Cree im heutigen Kanada, der ein Leben als Sexarbeiter in der Großstadt und eine Herkunftsfamilie auf dem Reservat unter einen Hut bringen muss? Als Jonny zur Beerdiung seines Stiefvaters zurück ins Reservat will, kommen in ihm Erinnerungen an seine Kindheit und Jugend hoch und es entspinnt sich seine Lebensgeschichte, die wir so noch nicht gelesen haben.
58 Minuten
In unserer neuen Folge sprechen wir über einen Klassiker: Gertrude Steins Autobiographie von Alice B. Toklas. Dort geht es sehr viel um Gertrude Stein und das Who is Who der künstlerischen Avantgarde Anfang des 20. Jahrhunderts. Aber geht es auch um Alice? Wer ist überhaupt diese Frau mit dem Hut? Was hat es mit der Gitarre von Madame Matisse auf sich? Wovon erzählt dieses Buch alles nicht, und wer spricht hier überhaupt? Wir rätseln und stottern und fragen uns des Öfteren, wie cool wir dieses Buch eigentlich finden.
1 Stunde 3 Minuten
Vier Frauen namens Ada, vier historische Epochen, vier Dingerzähler, drei Femizide, eine erfolgreiche Wohnungsbesichtigung, ein Armband, ein Reisigbesen-turns-Türklopfer-turns-Barackenwand-turns-Reisepass. So könnte man Adas Raum, den Debütroman von Sharon Dodua Otoo, quantitativ fassen. In dieser Folge versuchen wir, die diversen Fäden, die der Roman spinnt, zusammenzubringen, vor allem aber die gemachten strukturellen und narrativen Entscheidungen zu ergründen.
59 Minuten
In dieser Folge haben wir mal wieder einen Gast: Tino Schlench vom Blog und Podcast "Literaturpalast". Gemäß Tinos Interesse für die Literatur des europäischen und deutschen Ostens hat er uns den Roman "Hinter der Tür" der ungarischen Autorin Magda Szabó mitgebracht. Darin geht es um das zwanzig Jahre währende Verhältnis zwischen einer Schriftstellerin und ihrer Haushälterin Emerenc. Das Buch beginnt mit einem Paukenschlag: Die Schriftstellerin denkt, Schuld an Emerenc' Tod zu sein und will eine Art Beichte ablegen. Sofort ist klar, dass es hier um mehr geht, als um das Verhältnis zwischen Arbeitgeberin und Angestellter. Und so folgen wir der Geschichte einer Beziehung zwischen zwei Frauen, die alle Kategorien sprengt.
1 Stunde 2 Minuten
Mit Giovannis Zimmer (Giovanni's Room) widmen wir uns diese Woche einem Klassiker der modernen und der queeren Literatur. Der Roman wird aus der Perspektive von David erzählt, einem jungen Amerikaner, der sich in Paris in einen Italiener verliebt. Gleich am Anfang steht fest, dass am Ende des Romans jemand mit der Guillotine hingerichtet wird (huch!), aber dazwischen leben und lieben sich die beiden Männer erst einmal in einem Dienstmädchenzimmer. Wir fragen uns, was für eine Sexualität hier überhaupt erzählt wird, was homosexulles Begehren für die Männlichkeit der Protagonisten bedeutet und was hier in Sachen "Schnulz" überhaupt sprachlich los ist.
55 Minuten
Mit "Annette" gewann Anne Weber 2020 den Deutschen Buchpreis. Grund genug für uns, in ihr Heldinnenepos einzutauchen. Wir folgen Anne Beaumanoir, genannt Annette, und ihrem außergewöhnlichen Lebensweg als Widerstandskämpferin. Wir fragen uns, ob man heute überhaupt noch Held*in sein kann und ob das Genre des Epos uns noch etwas zu sagen hat. Außerdem sprechen wir über feministische und postkoloniale Aneignung in der Literatur und üben uns im lyrischen Musengesang. Très chic!
46 Minuten
Baby's First Birthday! In dieser Folge besprechen wir: uns! Vor einem Jahr haben wir unseren Podcast gestartet. Zeit, zurück zu blicken. Wir sprechen über den längsten Podcast-Namen der Welt, Schullektüren, gute und böse Überraschungen, Bücher, die frustrieren und Bücher, bei deren Diskussion wir uns fast gezankt hätten. Außerdem beantworten wir EURE Fragen und geben ein paar Buchtipps.
1 Stunde 2 Minuten
Es herrscht mal wieder Uneinigkeit. Bestes Buch des Jahres, oder doch eher so meh? Fest steht auf jeden Fall, dass wir es mit einem außergewöhnlichen Roman zu tun haben. Denn zu uns sprechen fünf verschiedene Stimmen, aber alle wohnen im gleichen Körper: Ada, eine junge Nigerianerin, ist ein ogbanje, d.h. ein Mensch, der von mehreren bösen Geistern gleichzeitg bewohnt wird. "Wer will schon besessen sein?", fragt Fabienne. Niemand, oder doch? Mit Erklärungeansätzen aus den Bereichen Psychologie, Mythologie und Theologie versuchen wir, Adas multiple Persönlichkeiten zu begreifen, zu fassen, zu sortieren. Und dabei stellen wir fest, dass dies eine Geschichte ist, wie sie nur die Literatur erzählen kann.
1 Stunde 3 Minuten
Der Titel von Mieko Kawakamis Roman ist Programm: Es geht unter anderem um Brustvergrößerung und den schmerzhaften Prozess des Brustwarzenbleichens, es geht um Eizellen, künstliche Befruchtung und um private, anonyme Samenspenden, und auch ein filmreifer Showdown mit rohen Eiern kommt darin vor. Für die mitunter drastische Behandlung dieser Themen, insbesondere aber für die Darstellung unabhängiger, weiblichen Figuren wurde der Roman als feministisch gefeiert. Zusammen mit unserem Gast Gitte Zschoch stimmen wir durchaus in den Jubel mit ein, haben aber auch die eine oder andere kritische Frage an das Buch.
1 Stunde 15 Minuten
In Tanya Tagaqs außergewöhnlichem Buch, in dem sich Prosapassagen, Gedichte und Illustrationen abwechseln, ist so einiges los. Molche werden in den Mund genommen, Lemminge bauen sich kleine Höhlen in den langen Haaren eines Mädchens, und als die Protagonistin eines Tages ins Eiswasser eintaucht, kommt es zur sexuellen Vereinigung mit den Nordlichtern. Klingt abgefahren? Ist es auch! Im Großen und Ganzen erzählt "Eisfuchs" die Coming-of-Age-Geschichte eines Inuit-Mädchens, das im hohen Norden Kanadas aufwächst, in Cambridge Bay am Polarmeer. Doch anstatt einer idyllischen Kindheit gewährt uns Tagaq verstörende Einblicke in ein Leben, das geprägt ist von sexuellem Missbrauch und Trauma, von Inuit-Mythen, Alkohol und ernüchternder Realität. Ein Buch, das nicht ganz leicht zu besprechen war und uns etwas ratlos zurückgelassen hat.
52 Minuten
Vom Gehilfen in einer Buchhandlung zum Boxchampion - so könnte die Geschichte von Liborio in einem Satz lauten. Aber der Roman der jungen mexikanischen Autorin Aura Xilonen und die Geschichte ihres Protagonisten verlaufen nicht so geradlinig wie es der Klappentext und der Titel vermuten lassen. Liborio bewegt sich gleich in mehrfacher Hinsicht zwischen den Welten: er lebt an der Grenze zwischen den USA und Mexiko, er liest und er boxt, er ist ein harter Knochen, der die Flucht in die USA schafft und sich auf der Straße durchboxt und er betet keusch aus der Ferne die schöne Aireen an. Vor allem aber haut er uns Leserinnen einen wirren Mischmasch aus Englisch, Spanisch, Jugendjargon, Schimpfwörtern, barocker literarischer Sprache und allerlei mehr um die Ohren. Auch bei dem zweiten Take unserer Aufzeichnung (beim ersten Gespräch hat uns leider eine technische Panne ereilt) ging uns der Gesprächsstoff nicht aus.