Auf den Tag genau Archiv
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9 Minuten
Wie jedes Mal zum Neujahr bilanzierten auch 1923 die Zeitungen das vergangene Jahr und machten sich Gedanken über die kommenden 12 Monate. In der Deutschen Allgemeinen Zeitung vom 1. Januar 1924 fiel diese Aufgabe dem Journalisten Bruno Huettchen zu – allerdings nicht im Hinblick auf Deutschland, oder gar Europa: Er verfasste die Jahresbilanz für Berlin. Natürlich kam er dabei auch nicht ohne Bezug auf die gesamtwirtschaftliche Lage aus, aber auch nicht ohne den aus heutiger Sicht zeitlosen Hinweis auf die notorische Unterfinanzierung der Kommunen. Da Paula Rosa Leu nach wie vor aus familiären Gründen nicht einlesen kann übernimmt an dieser Stelle Frank Riede. Wir wünschen Euch allen ein schönes Jahr 2024!
9 Minuten
Nach nunmehr tatsächlich vier vollen Jahren Auf den Tag genau können wir auf einiger empirischer Basis resümieren: Kaum etwas vermochte uns während dieser Laufzeit so regelmäßig zu überraschen wie alte Festtagsartikel; denn wer glaubt, unsere Feiertagstraditionen folgten einem jahrhundertealten unveränderlichen Plan, der irrt gewaltig! Dass der historische Rückblick auf frühere Festlichkeiten lohnt, wussten indes auch schon die Kollegen Zeitungsmacher vor einhundert Jahren und blickten am 31. Dezember 1923 in der Berliner Volks-Zeitung ihrerseits gut einhundert Jahre zurück und machten sich und ihrem Publikum ein Bild davon, wie Johann Wolfgang von Goethe dereinst im Salon von Johanna Schopenhauer dereinst in Weimar die Jahreswechsel zelebriert haben mochte. Frank Riede und das gesamte Team von Auf den Tag genau wünschen Euch einen guten Rutsch!
10 Minuten
Der 1891 in Berlin gebürtige Publizist Cheskel Zwi Klötzel hatte eine bewegte Vita. Nach Thoraschule, kaufmännischer Lehre, Lehrerausbildung und dreijährigem Fronteinsatz im Ersten Weltkrieg führte ihn eine erste Anstellung als Deutschlehrer an eine jüdische Mädchenschule ins griechische Saloniki, bevor er, zurück in Berlin, begann, regelmäßig für die großen Tageszeitungen, aber auch für die Jüdische Rundschau, die Jugendzeitschrift Bar Kochba und mehrere populäre Kinderbücher zu schreiben. Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 emigrierte er nach Palästina, wo er sich weiterhin publizistisch betätigte und von wo er u.a. für englischsprachige Zeitungen, wie auch für die deutsche Exilpresse als Korrespondent berichtete. Mitglied der zionistischen Organisation Hagana, erlebte er 1948 die Gründung des Staates Israel und starb 1951 in Jerusalem. All dies war in keiner Weise absehbar, als er 1923 Weihnachten im tief verschneiten deutschen Harz verbrachte, von denen er am 30. Dezember in der Berliner Volks-Zeitung lebhaft Zeugnis gibt. In Vertretung der nach wie vor aus familiären Gründen verhinderten Paula Rosa Leu ist Frank Riede für uns zum Brocken gereist.
12 Minuten
Der Karpfen – wegen seiner vielen Gräten und des mitunter schlammigen Geschmacks ist er als Speisefisch hierzulande ein wenig aus der Mode gekommen. Dabei kann er auf eine lange Tradition als Festtagsmahl zurückblicken. Je nach Region gehörte er bald zu Weihnachten, zu Aschermittwoch oder, wie uns der Berliner Lokal-Anzeiger vom 29. Dezember 1923 eindrucksvoll vor Augen führt, zu einem standesgemäßen Silvestermenü. Über die Zubereitung und Darreichung verrät der Artikel relativ wenig, umso mehr dafür von der Karpfenzucht in Schlesien, dem aufwendigen Transport in die Hauptstadt Berlin und dem Weg vom Bottich des Fischhändlers in die Badewanne des Endverbrauchers. Und auch das mitunter brutale Ende des Karpfens wird uns Frank Riede nicht vorenthalten.
11 Minuten
Die von der Berliner Morgenpost als Korrespondentin in London beschäftigte Dora Edwards konnte sich offensichtlich, fern der Inflations- und sanktionsbedingten Krisen Deutschlands, die die Ausgabe 150 Milliarden Mark kosten ließen, einen gutbürgerlichen Lebenswandel leisten. Und so geht es in ihrem Bericht über Weihnachten in England vom 28.12. 1923 um den Speiseplan des Haushaltes, den Edward mit ihrer englischen Köchin aushandelte – aber natürlich auch über das schon vor 100 Jahren allgegenwärtige Vorurteil, dass das Kochen feiner Speisen und England nicht wirklich zusammengehen. Frank Riede, der Paula Rosa Leu, die aus familiären Gründen verhindert ist, vertritt, testet für uns nicht nur Yorkshire-Pudding und co., sondern erörtert auch die Fallstricke des Weihnachtsgeschenkkonsums.
9 Minuten
Das Etablissement Kroll am Berliner Königsplatz mitten im heutigen Regierungsviertel war in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts eine beliebte Vergnügungsstätte mehr oder weniger betuchter Kreise. Seit seinen Anfängen gab es hier daneben immer wieder auch einen Opern- und Operettenbetrieb, der, vor allem als Ausweichspielstätte anderer Bühnen, bereits in der Kaiserzeit zunehmend zum Kerngeschäft avancierte. Konsequent zum Opernhaus umgebaut wurde die Krolloper aber erst nach dem Ersten Weltkrieg, als der Kulturverein „Volksbühne“ das Haus pachtete und renommierte Architekten um Stadtbaurat Ludwig Hoffmann und Oskar Kaufmann den Umbau zu einer ‘Volksoper‘ mit stattlichen 2500 Plätzen zum Jahresbeginn 1924 vollzogen. Dass hier vor allem Ende der 1920er Jahre unter der Ägide von Otto Klemperer Musiktheatergeschichte mit etlichen Referenzinszenierungen geschrieben werden sollte, konnte der Musikpublizist Oscar Bie bei seiner Vorbesichtigung für den Berliner Börsen-Courier vom 27. Dezember 1923 genauso wenig wissen, wie irgendjemand damals ahnen mochte, dass die Krolloper keine zehn Jahre später zum Schauplatz größten politischen Unheils werden sollte, als hier das folgenschwere Ermächtigungsgesetz vom 24. März 1933 beschlossen wurde. Bies Begehung hat sich für uns Frank Riede angeschlossen.
9 Minuten
Unter dem Titel „Das geistige Ausland und das geistige Deutschland“ versammelte das Berliner Tageblatt die Antworten europäischer Literat*innen zum Thema einer „Europäischen Schicksalsgemeinschaft“, die sie bei ihnen angefragt hatte. Im Zentrum dieser Kampagne stand die Äußerung zu dem Thema von Thomas Mann, die für uns heute Frank Riede vorträgt. Unter anderem setzten Romain Rolland, G.B. Shaw, Knut Hamsun, Edvard Munch, Hugo von Hofmannsthal und Selma Lagerlöf ihre Unterschrift unter den Text, verbunden mit verschieden langen Anmerkungen und Kommentaren. Obgleich der Artikel pro-europäisch ist, so irritiert er zugleich durch ein heute befremdliches Pathos und scheint eher im Ersten Weltkrieg als in der Nachkriegszeit verwurzelt zu sein. Die ganze Seite, die das Berliner Tageblatt dieser Aktion widmete, stammt aus der Ausgabe vom 25. Dezember, die beide Feiertage abdeckte, so dass wir ihn heute, am Zweiten Weihnachtsfeiertag bringen, zu dem wir alles Beste wünschen.
13 Minuten
Die Kombination aus Weihnachten und einer Spukgeschichte war spätestens seit Charles Dickens „A Cristmas Carol“ ein etabliertes Genre. Der Autor Manfred Georg tischt uns zusammen mit der Berliner Volks-Zeitung vom 25. Dezember 1923 eine solche Erzählung auf. Sie beginnt mit einer ganz realistischen Beobachtung einer Café-Gesellschaft, die aus einsamen Einzelgänger*innen besteht, welche das Weihnachtsfest eben nicht am heimischen Weihnachtsbaum feiern. Was sich an Zauber in diesem melancholischen Raum vollzieht, ist dennoch nicht vor dem Zugriff der Ordnungsmacht gefeit. Aus der zum stabilen “Märchenpreis” von 150 Milliarden Mark, bzw. 15 Goldpfennig zu erwerbenden Zeitung liest für uns Paula Rosa Leu. Und wir alle wünschen einen schönen 1. Weichnachtsfeiertag.
9 Minuten
Das Medium der Stunde war vor einhundert Jahren: das Radio. Wie wir mehrfach hier im Podcast berichteten, begann im Jahr 1923 der erste reguläre Rundfunkbetrieb in Deutschland, und dieser wartete naturgemäß auch über die Weihnachtstage mit Premieren auf. Zum ersten Mal wurde am 25. Dezember etwa die Weihnachtsansprache eines Reichskanzlers im Radio übertragen. Der erst seit wenigen Wochen amtierende Wilhelm Marx von der Zentrumspartei konnte sich direkt an die Bevölkerung wenden und seine Sicht auf die Lage nach einem äußerst turbulenten Jahr erläutern. Und das alte Leitmedium Zeitung? Das durfte in dieser Frage fürs Erste zumindest noch einmal das zeitliche ‘Prä‘ für sich reklamieren. Bereits am 24. Dezember erfuhr zumindest das Publikum des 8-Uhr-Abendblattes, wie der Weihnachtswunsch des Kanzlers aussah. Der große Wunsch, die Inflation in den Griff zu bekommen, hatte sich in den vorangegangenen Wochen ja bereits zunehmend erfüllt, ein 8-Uhr-Abendblatt kostete dennoch auch am Heiligen Abend nominell immer noch 150 Milliarden Mark. Es liest Frank Riede.
13 Minuten
Wie nehmen blinde Menschen ihre Umgebung wahr, wie orientieren sie sich im städtischen Raum, wie schätzen sie die Menschen, denen sie begegnen, ein? Der Journalist Christian Bouchholtz machte sich im Dezember 1923 auf den Weg zum Blindenheim des Diakons Menke in der Seestraße, um auf diese Fragen Antworten zu finden. Publiziert wurde sein daraus hervorgegangener Artikel in zwei Teilen am 22. und 23. Dezember in der BZ am Mittag. Paula Rosa Leu liest für uns nun den zweiten Teil, was erklärt, dass der Text etwas abrupt einsetzt mit der Widergabe seines Gesprächs mit einem Blinden aus besagtem Heim, der sehr detailliert Auskunft über seinen beeindruckenden Lebensalltag und die nicht minder beeindruckende Lebensgeschichte gibt.
10 Minuten
Die Menschen des Jahres 1923 hatten ein Jahr der Hyperinflation hinter sich und waren es gewohnt, bei jeder Gelegenheit Schlange zu stehen: auf Behörden, beim Einkaufen – und wohl auch am Ticketschalter der Bahn. Eine solche Routine ist aber keineswegs ein Grund, sich nicht darüber aufzuregen. So finden wir im 12-Uhr-Blatt vom 22. Dezember einen teilweise szenisch aufbereiteten Leidensbericht von dem Versuch, eine Schlafwagenkarte zu erlangen. Für 15 Goldpfennige konnte jeder Leser, jede Leserin die persönlichen Erfahrungen mit diesem Kampf gegen eine Dame hinter dem Schalter der Bahn abgleichen. Für uns verarbeitet Frank Riede den Text.
7 Minuten
Rugby ist in Deutschland bis heute nie recht heimisch geworden. Zwar gibt es einen Ligabetrieb und natürlich auch eine Nationalmannschaft, die öffentliche Aufmerksamkeit dafür tendieren jedoch eher gegen Null. Dabei, erfahren wir aus dem 12-Uhr-Blatt vom 21. Dezember 1923, hat das Rugby-Spiel seinen Weg nach Deutschland sogar vor dem Fußball angetreten. Beziehungsweise, um das Argument des Artikels genauer zusammenzufassen: Das Fußballspiel ist zunächst als Rugby-Spiel hierzulande importiert worden. Dass beide Spiele auf das Engste auch historisch miteinander verbunden sind, rekapituliert für uns Paula Rosa Leu.
7 Minuten
Heute verschmelzen zwei Genres, die regelmäßig ohne gegenseitige Berührungspunkte in unserem Podcast vorkommen. Der Artikel, der sich mit Weihnachtsbräuchen beschäftigt, und der Bericht aus fernen asiatischen Ländern. Der in Berlin lebende chinesische Gelehrte Ingwen Liang schrieb für den Berliner Lokal-Anzeiger vom 20. Dezember 1923 über die „Weihnachtszeit in China“. Für regelrecht günstige 100 Milliarden Mark konnten die Leser*innen so erfahren, was sich zeitgleich zu den christlich-europäischen Feiertagen in China abspielte. Bevor Frank Riede den Artikel verliest, weisen wir darauf hin, dass am 27. Dezember im Deutschlandfunk Kultur im Rahmen des Magazins „Zeitfragen“ ein Feature von Frank Riede und Robert Sollich über das erste chinesische Restaurant in Berlin ausgestrahlt wird, in dem vielleicht auch der Autor des folgenden Artikels verkehrte.
8 Minuten
In Zeiten wie den unseren, die eine gewisse Neigung zum Kulturkampf haben, geraten gerne einmal auch eher gemütliche Gestalten wie zum Beispiel Weihnachtsbäume zwischen die Fronten. Eine einzelne Hamburger Kita beschließt, einen solchen in diesem Jahr nicht aufzustellen, und begründet dies mit religiöser Neutralität, und schon beschwören etliche Zeitungen und Magazine und ein einzelner deutscher Ministerpräsident den Untergang des Abendlandes. Grund genug, uns des guten Stücks Weihnachtsfolklore einmal sachlicher anzunehmen, dessen Traditionen zu ergründen und – wenig überraschend – herauszufinden, dass es sich bei der guten Tanne natürlich um alles andere als ein christliches Ursymbol handelt. Mit von der Partie bei dieser interessanterweise in Italien startenden Recherche sind das Berliner Tageblatt vom 19. Dezember 1923, dessen Preis mittlerweile bei 250 Milliarden Mark alias 25 Goldpfennigen eingefroren war – und Paula Rosa Leu.
6 Minuten
Tja, als Fußgänger ist man im Großstadtverkehr ein Wesen, das besonderen Schutz vor den Automobilen und Fahrrädern, ganz zu schweigen vor Elon Musks neuen Hyper-SUVs, verdient. Da wird schnell der Ruf nach der Ordnungsmacht laut – so auch vor 100 Jahren, als der Verkehr durch weniger Regeln, Markierungen und Ampeln geregelt war. Dies gekoppelt mit dem “Rasewahn” der mechanisierten und motorisierten Verkehrsteilnehmer, den die Deutsche Allgemeine Zeitung am 18. Dezember 1923 konstatierte, erforderte ein „ernstes Wort an die Polizei“. Dieses richtet, aus der Abendausgabe, die für 15 Goldpfennige oder 150 Milliarden Mark zu erwerben war, lesend, Paula Rosa Leu nun an Euch.