Auf den Tag genau Archiv
2057 Episoden
5 Minuten
Gabriele D’Annunzio und sein Versuch, mit einer Handvoll Freischärler die Stadt Fiume ‘heim‘ nach Italien zu holen, waren eines der Lieblingsthemen der Berliner Tageszeitungen im Jahr 1920 und ein wiederkehrendes Sujet auch hier im Podcast. So schillernd die Dichterherrschaft über die Kvarner-Bucht ausfiel, so prosaisch war indes ihr Ende. Unter dem Druck der Alliierten hatte die italienische Regierung in Rom im Grenzvertrag von Rapallo alle Ansprüche auf Fiume fallengelassen und dessen Umwandlung in einen von Italien wie von Jugoslawien unabhängigen Freistaat zugestimmt. Empört erklärte D’Annunzio daraufhin in grotesker Selbstüberschätzung seinem Vaterland Italien den Krieg – und wurde durch dessen reguläre Truppen in einer ‘Blutigen Weihnacht‘ entwaffnet und aus der Stadt vertrieben. Aus der darüber berichtenden Vossischen Zeitung vom 3. Januar 1921 liest Paula Leu.
6 Minuten
Der Staatsrechtler und linksliberale Politiker Hugo Preuß war nicht nur einer der wichtigsten geistigen Väter der Verfassung der Weimarer Republik, er war im Kabinett Scheidemann auch deren erster Reichsinnenminister. Als Kritiker des Versailler Vertrages schied er allerdings bereits im Juni aus den Regierungsgeschäften wieder aus. Auch in seinem Rückblick auf das politische Jahr 1920 kritisiert er das Verhalten der „westlichen Demokratien“ der jungen Republik gegenüber und sieht darin einen wesentlichen Grund für das Erstarken der deutschen Reaktion. Für das neue Jahr bleibt da v.a. die Hoffnung auf eine vernünftigere Politik. Es liest Frank Riede.
5 Minuten
Unser Podcast startet mit einem Angebot der Vossischen Zeitung, das verblüffende Parallelen eben zu diesem, unserem Podcast nicht verleugnen kann. Sie bietet in ihrer ersten Ausgabe 1921 historisch Interessierten ein Lesearchiv von vor hundert Jahren an, einen Kalender mit Zeitungstexten aus dem Jahr 1821 – allesamt Artikel aus der Vossischen Zeitung, die damit deutlich mit ihrem Pfund wuchert 1921, je nach Datierung, bereits ihr 200jähriges oder gar 217jähriges Bestehen zu feiern. Dieses Kalender-Angebot unserer Vorläufer von vor hundert Jahren liest Paula Leu.
8 Minuten
Robert Liebmann zählte in den 1920er und frühen 1930er Jahren zu den wichtigsten deutschen Drehbuchautoren. Bekannte Streifen, an denen er prominent mitwirkte, waren u.a. Der Kongreß tanzt oder Der blaue Engel. Seit 1933 lebte er im Exil, überwiegend in Paris, wo er nach der deutschen Besetzung Frankreichs verhaftet und anschließend in Auschwitz ermordet wurde. Parallel zu seiner Karriere als Filmbuchautor hatte Liebmann anfänglich auch als Filmkritiker für verschiedene Berliner Tageszeitungen gearbeitet – um dort gelegentlich freilich auch Ausflüge in andere Textgenres zu unternehmen. Sein Silvestergedicht aus der B.Z. am Mittag auf das Jahr 1920 ist dabei von ähnlich wenig Wehmut geprägt wie die aktuellen Nachrufe auf 2020. Regelmäßigen Hörerinnen und Hörern unseres Podcasts werden viele Stichworte, die in Liebmanns Rückblick auftauchen, gewiss bekannt vorkommen. Für uns verabschiedet 1920 und 2020 Frank Riede.
7 Minuten
Der Begriff fällt im gesamten Artikel der Berliner Volks-Zeitung vom 30. Dezember 1920 kein einziges Mal und doch beschreibt der Bericht „Aus dem dunkelsten Sizilien“ ein uns von dort sehr vertrautes, mit dem modernen Sizilien fest assoziiertes Phänomen: das Treiben der ehrenwerten Gesellschaft, der Cosa nostra, kurz: der Mafia. Historiker datieren deren Anfänge mittlerweile auf das frühe 19. Jahrhundert zurück, für den Berliner Zeitungsleser der 1920er Jahre dürfte die Beschreibung von organisiertem Viehdiebstahl, Clanstrukturen und Schutzgelderpressung in süditalienischem Ambiente gleichwohl Neuigkeitswert gehabt haben. Als Kinogenre etablierte sich der Mafiafilm jedenfalls erst nach der Erfindung des Tonfilms in den 30ern. Für uns liest Paula Leu.
4 Minuten
In Zeiten des Krieges, des gesellschaftlichen Chaos gehen schnell mal Dinge verloren. Lebensmittelvorräte zeitweise verlassener Supermärkte verschwinden wie von Geisterhand, auch Wertgegenstände aus temporär geräumten Privatwohnungen sind nicht mehr auffindbar. 1920 aber fühlte sich das Reichsverkehrministerium sogar dazu veranlasst, die Bevölkerung zu bitten, eine Reihe verschwundener Flugzeuge wieder herauszugeben. Tatsächlich hatten rechte Paramilitärs die Gunst der Stunde genutzt, um Flugzeuge aus den Beständen der Armee beiseite zu schaffen. Die Freiheit vom 29.12. fürchtet nicht zu unrecht die politischen, aber auch die wirtschaftlichen Konsequenzen dieses Diebstahls. Es liest Paula Leu.
9 Minuten
Die Bahnhofsgegenden von Großstädten haben in der Regel einen besonders schlechten Ruf. Dem war auch schon vor einhundert Jahren so. Darum überrascht es nicht, dass ein Autor für das 8-Uhr-Abendblatt, der eine Nacht zusammen mit Polizisten in Zivil durch die Lokale rund um den Schlesischen Bahnhof, heute der Berliner Ostbahnhof, zog, von Armut, Halbwelt und Kriminalität berichtet. Sein mitunter erschütternder Bericht erschien unter der Rubrik „Streifzüge durch Berlin“ am 28.12.1920. Frank Riede liest.
10 Minuten
Der gelernte Drechsler Carl Legien war in den ersten zwei Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts einer der wichtigsten Gewerkschaftler Deutschlands. Als Reichstagsabgeordneter von 1893 bis 1898 sowie von 1903 bis 1920gehörte er zu den engagiertesten politischen Interessenvertretern der Arbeiterschaft. Realpolitisch-pragmatisch war er nicht unbedingt der Liebling der extremen Linken. Sein Charisma und seine Erfolge – u.a. wurden im Stinnes-Legien-Abkommen die Gewerkschaften 1918 das erste Mal von der deutschen Unternehmerschaft offiziell als Interessenvertreter der Arbeiterschaft anerkannt – sicherten ihm nach seinem überraschenden Tod am 26.12. 1920 jedoch eine ausführliche Würdigung im Vorwärts am Folgetag. Es liest Paula Leu.
9 Minuten
Berlin galt nach dem 1. Weltkrieg als Tanzhochburg. Ob dem 1920 noch so war, wollte das Berliner Tageblatt wissen und realisierte eine Umfrage bei Tänzern und Besitzern von Tanzlokalen, deren Ergebnisse sie in der Feiertagsausgabe vom 25. Dezember publizierte. Das Fazit ist eindeutig: Berlin hat eine tanzverrückte Bevölkerung, offen für neue Tanzstile und begierig nach Profi-Tanzperformances. Die Analyse zeigt aber auch astronomische Honorare für Vortänzer und immer wieder den Hinweis auf die sozialen Verschiebungen der Nachkriegsgesellschaft. Die Neureichen und Kriegsgewinnler lassen es besonders krachen. Für uns lässt Frank Riede, ganz ohne Honorar, seine Stimmbänder tanzen.
5 Minuten
Weihnachten angemessen zu begehen war auch noch zwei Jahre nach Kriegsende eine Herausforderung. Ohne die Unterstützung von Einrichtungen wie der Amerika Hilfe oder des Roten Kreuzes wären umfänglichere öffentliche Feiern kaum möglich gewesen. Dank des Einsatzes dieser Organisationen, einer ganzen Reihe von Amtsträgern sowie der Bürgerschaft als ganze konnten 1920 aber schließlich auch in Pflegeanstalten, Krankenhäusern und den noch immer übervollen Lazaretten weihnachtliche Bescherungen stattfinden, wie der Vorwärts vom 25.12. berichtet. Es liest Paula Leu.
7 Minuten
Arthur Schnitzlers Reigen war bereits in den 1890er Jahren entstanden, konnte aber zur Kaiserzeit weder in Österreich, noch in Deutschland, noch sonst irgendwo öffentlich aufgeführt werden. Zu explizit, zu skandalös erschienen deren prüden Gesellschaften Schnitzlers zehn erotische Dialoge über die „unerbittliche Mechanik des Beischlafs“, die bei ihm quer durch alle Gesellschaftsschichten ging. War die Zeit, war das sündige, postrevolutionäre Berlin des Jahres 1920 endlich reif für eine Uraufführung? Wenige Stunden vor deren anberaumtem Termin grätschte das preußische Kultusministerium (damals immerhin geleitet von dem Sozialdemokraten Konrad Haenisch) dazwischen und verbot die Vorstellung unter Haftandrohung – von der sich Gertrud Eysoldt, die Direktorin des Kleinen Schauspielhauses in der Fasanenstraße, jedoch unbeeindruckt zeigte. Für das Berliner Tageblatt vom 24. Dezember rezensiert Alfred Kerr, für uns liest Frank Riede.
9 Minuten
Was feiern wir an Weihnachten? Jesu Geburt und die frohe Botschaft, die sich damit verbindet, sagen die christlichen Kirchen und reklamieren das Fest damit gerne ganz für sich. Diesem Exklusivitätsanspruch entgegensteht nicht nur die eminente zeitliche Nähe zu den alten heidnischen Festen der Wintersonnenwende oder der Rauhnächte. Tatsächlich unterlaufen auch viele unserer überkommenen Festtagskomponenten – vom Fruchtbarkeit verheißenden immergrünen Tannenbaum bis zum wenig frommen Weihnachtsmann in seinem coca-cola-roten Mantel – offensichtlich das rein christliche Narrativ. Vor einhundert Jahren war diese Tendenz zur Vermischung und Verbindung unterschiedlichster Traditionen, wie unser heutiger Podcast zeigt, sogar fast noch stärker ausgeprägt. Die Deutsche Allgemeine Zeitung vom 23. Dezember 1920 betrachtet einige uns heute sehr fremd anmutende regionale Bräuche, die den immer schon synkretistischen Charakter von Weihnachten klar unterstreichen. Es liest Paula Leu.
10 Minuten
Wann wird es endlich wieder richtig Winter? Ein Winter, wie er früher einmal war…! Seit Jahren bleibt der Schnee in Berlin, so er überhaupt fällt, nicht lange liegen. Grund genug zusammen mit der BZ am Mittag vom 22. Dezember 1920 nach Nordschweden zu schauen. Paula Heymans-Försterling berichtet dort begeistert von ihrem Weihnachtsfest 1919 in Lappland, inkl. einer zweitägigen Tour zu einem Zeltlager von Lappen - heute sagt man: Samen -, die sie kennengelernt hatte. Eiseskälte, Polarlichter, meterhohe Schneedecke, lange Ski-Abfahrten – alles schön und gut; einziger Wehmutstropfen: diese kulinarische Fixierung der Samen auf das Rentierfleisch. Aus seinem kuschelig warmen Home-Studio liest Frank Riede.
6 Minuten
Krieg bedeutet Schlachten, Tote und Gefangene. Aber Krieg heißt auch banaler: harte Einschränkungen in den Friedenszeiten, die auf ihn folgen. 1920 hatten nicht nur die Berliner mit enormen Preissteigerungen bei gleichzeitigem Angebotsmangel zu kämpfen. Der Verzehr von Schlagsahne war, wie wir bereits berichteten, verboten. Aber auch weniger ausgefallene Güter waren entweder gar nicht zu bekommen oder konnten nur zu vergleichsweise astronomischen Summen erstanden werden. Die Berliner Volkszeitung konstruiert in ihrem Artikel vom 28. Dezember die Situation einer Großmutter, die ihren Enkeln von der Zeit vor dem Krieg erzählt. Für die kleinen Kinder klingt all das wie ein Märchen. Sicherlich: die in dieser Szene enthaltene Verklärung der Kaiserzeit ist problematisch; die eigentliche Pointe aber bleibt heute so aktuell wie vor hundert Jahren: Nie wieder Krieg! Es liest Paula Leu.
7 Minuten
'Eins, zwei, drei' in der Regie von Billy Wilder, mit James Cagney, Lieselotte Pulver und Horst Buchholz, gilt bis heute, sehr zurecht, als einer der berühmtesten Berlin-Filme. Weit weniger bekannt ist, dass Wilders rasanter Komödie ein gleichnamiges Theaterstück von Ferenc alias Franz Molnár aus dem Jahr 1929 als Vorlage diente. Dabei war der Ungar Molnár in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts einer der erfolgreichsten Dramatiker Europas, dessen Stücke auch in Amerika große Popularität erlangten und dem Lebemann und berüchtigten Casanova Molnár ein mondänes Leben ermöglichten. Seine literarischen Anfänge hatte freilich auch er als Journalist. Neben ungarischen schrieb er gelegentlich auch für deutsche Zeitungen, u.a. für das Berliner Tageblatt. Aus dessen Ausgabe vom 20. Dezember 1920 liest Frank Riede.