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Auf den Tag genau Archiv

2057 Episoden
8 Minuten
Im Januar 1921 nannte der Alliierte Oberste Kriegsrat in Paris endlich eine konkrete Summe an Reparationszahlungen, die Deutschland zu entrichten habe. 226 Milliarden Goldmark. Die universelle Empörung darüber fand seinen Ausdruck in der ablehnenden Rede des Außenministers Simons, über die wir am 2. Februar in diesem Podcast berichtet haben. Sie hatte eine Konferenz zu den Reparationszahlungen vom 1. bis zum 7. März in London zur Folge, auf der Simons einen deutschen Gegenvorschlag unterbreitete. Dieser wurde auch vom britischen Premierminister Lloyd George in einer Rede abgelehnt und zugleich Deutschland ein Ultimatum für die ersten Zahlungen gestellt unter Androhung weiterer militärischer Besetzungen bei Nichtzahlung. Die Reaktionen der Berliner Presse auf die Rede Lloyd George bündelt für uns in einer Presseschau die DAZ, es liest Frank Riede.
8 Minuten
Das Berliner Humboldt-Forum ist der teuerste und wahrscheinlich meist diskutierte Kulturbau Deutschlands. Über den Neubau mit der das alte Berliner Stadtschloss rekonstruierenden Fassade gab es heftige Kontroversen. Am 16. Dezember 2020 eröffnete das Forum online, Besucher werden den Neubau in historischem Gewand pandemiebedingt erst in noch unbestimmter Zukunft von Innen zu sehen bekommen. Auch zu Beginn der Weimarer Republik war das nach Abdankung der Hohenzollern seiner Funktion beraubte Stadtschloss – damals noch im Original an Ort und Stelle – in ein Kulturzentrum verwandelt worden. Wichtiger Teil der Umnutzung war der Einzug des Berliner Kunstgewerbemuseums in die kaiserlichen Räumlichkeiten. Otto von Falke, Generaldirektor der Berliner Museen, nutzte die Gelegenheit, um sein umgebungssensibles Ausstellungsprinzip, in dem sich die Anordnung der Sammlung an der jeweiligen Ausstattung der Räume orientiert, spektakulär umzusetzen. Sogar der Vorwärts zeigt sich am 3. März 1921 beeindruckt. gelesen von Paula Leu.
8 Minuten
Heute blicken wir mit einem Bericht aus der Deutschen Allgemeinen Zeitung vom 2. März auf eine immer wieder von bewaffneten Konflikten erschütterte Region: den Kaukasus. Der Krieg um Bergkarabach, der im letzten Jahr ausbrach, ist nur das letzte Beispiel für eine Reihe von blutigen Konflikten, die (beschränken wir uns mal auf die Neuzeit) seit der russischen Eroberung im 18. Jahrhundert immer wieder aufflammen. 1921 prallten die bolschewistische Expansion und nationale Unabhängigkeitsbestrebungen aufeinander. Während der Artikel noch militärische Erfolge der erst im Zuge der Russischen Revolution 1917 gegründeten Demokratische Republik Georgien vermeldet, so endete tatsächlich mit dem Einmarsch der 11. Sowjet-Armee, die Tiflis am 25. Februar eroberte, die Existenz dieser jungen unabhängigen Republik. Zugleich zeigten sich aber auch die Grenzen der bolschewistischen Expansion, der es, nach der Niederlage in Polen, auch nicht gelang in Persien, dem heutigen Iran, Fuß zu fassen. Es war für den Autor des Artikels, angesichts der Jahrhunderte alten blutigen Geschichte, nicht allzu schwer zu prognostizieren, dass noch weitere Kriege folgen würden. Für uns bringt Frank Riede eine Übersicht der komplizierten politischen Verhältnisse des Kaukasus 1921.
6 Minuten
Richard Wagners 1868 uraufgeführten Meistersingern von Nürnberg wird nicht von ungefähr eine wichtige Rolle beim deutschen nation building im Vorfeld der Reichsgründung von 1870/71 nachgesagt. Kulminierend in der berüchtigten Schlussansprache des Hans Sachs mit ihrer Polemik gegen den ‘welschen Dunst und welschen Tand‘, begründete sie sehr wesentlich den Mythos von der deutschen Kulturnation und ihrer angeblichen Überlegenheit namentlich gegenüber der französischen und italienischen Opernkunst. Dessen Wirkmächtigkeit und Langlebigkeit bestätigt höchst eindrucksvoll eine Rezension aus der Berliner Börsen-Zeitung vom 1. März 1921, welche einer Neuproduktion der Margarethe von Charles Gounod an der Städtischen Oper in Charlottenburg, der Vorgängereinrichtung der heutigen Deutschen Oper an der Bismarckstraße, gewidmet ist. An der vermeintlichen künstlerischen Minderwertigkeit von Gounods Oper hegt sie nicht den Hauch eines Zweifels und empört sich – mit reichlich Wagner-Zitaten unterlegt – insbesondere darüber, dass der ‘Erbfeind‘ sich hier ausgerechnet am deutschen Nationaldrama, Goethes Faust, vergangen habe. Ein Paradebeispiel von deutschem Kulturchauvinismus – für uns gelesen von Paula Leu.
7 Minuten
Nicht erst seit den Tagen Frank Castorfs oder Benno Bessons gehört die Volksbühne am heutigen Rosa-Luxemburg-Platz mitten im Scheunenviertel zu den bedeutendsten Theatern Berlins – auch schon vor einhundert Jahren zählte der wuchtige Bau auf dem damaligen Bülow-Platz zu den wichtigsten künstlerischen Adressen der Stadt. Als Hausregisseur wirkte hier seinerzeit der aufstrebende Regie-Star Jürgen Fehling, der im Februar 1921 George Bernard Shaws bereits zwanzig Jahre zuvor uraufgeführtes Schauspiel Kapitän Brassbounds Bekehrung mit Intendant Friedrich Kayßler sowie dessen Frau Helene Fehdmer in den Hauptrollen inszenierte. Als exponierter Kritiker des Versailler Friedensvertrags erfreute sich Shaw damals in Deutschland großer Beliebtheit. Sein heute nur noch selten gespieltes Stück wurde in der Deutschen Allgemeinen Zeitung vom 28.2. von Rezensent Paul Fechter denn auch durchaus freundlich besprochen. Hier gelesen von Frank Riede.
5 Minuten
Die östliche Grenze des Deutschen Reiches nach dem Ersten Weltkrieg war auch im Februar 1921 nicht endgültig festgelegt. Der Versailler Vertrag hatte eine sofortige Abtretung bestimmter Gebiete festgelegt, so etwa des Memellandes, von Danzigs sowie des sogenannten Polnischen Korridors, der fortan Ostpreußen vom mitteleuropäischen Gebiet des Deutschen Reiches trennte. In anderen ehemaligen Gebietsteilen sollten Volksabstimmungen abgehalten werden. Im Juli 1920, also 2020, berichteten wir hier über die Abstimmungen in Teilen Westpreußens und im Gebiet um Allenstein, in denen sich über 90 Prozent für einen Verbleib im Deutschen Reich ausgesprochen hatten. Am 20. März 1921 sollte nun in der ehemaligen preußischen Provinz Schlesien abgestimmt werden, was von enormen Propaganda-Schlachten sowohl von polnischer als auch von deutscher Seite begleitet wurde. Am 27. Februar informiert die Vossische Zeitung darüber, wie die Reichsbahn sicherstellen will, dass alle Wahlberechtigten aber nicht mehr in Schlesien wohnhaften BürgerInnen rechtzeitig und ohne zu großen Aufwand ihre Stimme (gedacht ist natürlich für einen Verbleib im Deutschen Reich) abgeben können. Es liest Paula Leu.
10 Minuten
Die Freie und Hansestadt Hamburg gilt von alters her als Deutschlands ‘Tor zu Welt‘. Es will entsprechend nicht verwundern, dass ihr die neue samstägliche Auslandsausgabe der Vossischen Zeitung, Die Voss, die sich vornehmlich an deutsche ‘Expats‘ wandte, gleich in einer ihrer ersten Ausgaben, am 26. Februar 1921, ein kleines Städteporträt widmete. Zwar, muss man dort lesen, liege das Leben auch im einst so geschäftigen, stolzen Hafen in Folge der nachkriegsbedingten Wirtschaftskrise weiterhin darnieder. Seinen weltläufigen Charakter als international geprägte, kunstsinnige Kaufmannsstadt und – für die Nachgeborenen vielleicht überraschend – als unangefochtene kulinarische Metropole des Landes habe sich Hamburg aber auch über die jüngsten historischen Umbrüche hinweg bewahrt. Es liest Paula Leu.
6 Minuten
Von allen asiatischen Ländern war Japan zweifellos am besten über Korrespondentennetze mit Europa verbunden. Dennoch vermischten sich in Berichten aus dem ‘Reich der aufgehenden Sonne‘ gerne einmal Nachrichten- und Märchenton, so etwa auch in der fast zu rührenden Geschichte aus der Vossischen Zeitung vom 25. Februar 1921 über die Verlobung des japanischen Kronprinzen mit der Tochter eines Generals – deren Liaison wider die strengen Standeskonventionen des Kaiserhauses angeblich erst auf den leidenschaftlichen Zuspruch der Tokyoter Bevölkerung hin ihre Legalisierung erfuhr. Bei nüchterner, historiographischer Betrachtung bleibt von dieser Schmonzette leider wenig übrig: Die Prinzessin Nagako entstammte zwar tatsächlich nicht den dafür eigentlich vorgesehenen fünf höchstadligen Familien, war aber eine entfernte Cousine des Prinzen, beider Verlobung entsprechend von den Eltern arrangiert; die Braut hatte kein Einspruchsrecht. Bei dem Bräutigam handelt sich überdies um den späteren Kaiser Hirohito, der als Regent bei der Kolonialisierung der Mandschurei und Koreas sowie an der Seite Hitlers im Zweiten Weltkrieg eine historisch äußerst unrühmliche Rolle spielen sollte. Für uns liest, trotzdem, Frank Riede.
7 Minuten
Das sogenannte Scheunenviertel rund um den heutigen Rosa-Luxemburg-Platz war im Zuge der Industrialisierung zu einem der dichtbevölkertsten Viertel Berlins geworden. Durch den Zuzug orthodoxer, osteuropäischer Juden hatte sich die Grenadierstraße zu einer Art offenem Ghetto entwickelt. Als es 1923 zum sogenannten Scheunenviertelpogrom kam, bei dem jüdische Bewohner des Viertels verprügelt und ihre Ladengeschäfte verwüstet wurden, hielt sich die Polizei auffallend zurück und ließ den Mob gewähren. Zwei Jahre zuvor, so ließt man in der Vossischen Zeitung vom 24.2.1921, waren die Gesetzeshüter gegenüber der kriminellen Szene des Viertels weniger zimperlich. Und doch klingt auch der Bericht über verschiedene Razzien in den Kaschemmen der Weinmeister- oder Mulackstraße eher nach einem Spiel mit verteilten Rollen als nach dem konsequenten Versuch, der lokalen Unterwelt das Handwerk zu legen. Es liest Paula Leu.
9 Minuten
Dass die rasant populärer und ubiquitärer werdende Kinematographie ein gesundheitliches Risiko für die Allgemeinheit darstellen könnte, wurde sehr ernsthaft, manchmal alarmistisch, auch in den 20er Jahren vorgebracht. Kollektive Hysterie und andere Nervenerkrankungen würden durch den Konsum des Bewegtbildes in den unzähligen Kinos hervorgerufen. Paul Gutmann wagt in seinem Feuilleton vom 23. Februar im Berliner Tagblatt das Gedankenspiel, sich Berlin in naher Zukunft vorzustellen, in dem alle Bewohner vom Kino vereinnahmt sind, in dem sich der Lebensalltag den Kinonarrativen angeglichen hat. Mit beißender Ironie spielt er mit den fortschrittsoptimistischen Hoffnungen, aber auch mit den erwähnten gesundheitlichen Gefahren, die an die Kinematographie geknüpft wurden. Das Leben ist ein Film, die Menschen leben nur von großen Gesten, emotionalen Extremen und wirren Kriminalgeschichten. Jede Straßenszene ist ein Filmbild. Auf diese halluzinatorische Reise nimmt uns Frank Riede mit. Auch dieser Text enthält das N-Wort verbunden mit einer stereotypen Darstellung.
4 Minuten
Thomas Mann zur Lesung im örtlichen Gymnasium – Im Berlin von 1921 war das noch möglich. Und tatsächlich konnte Mann, zumindest auf den ersten Blick, ja durchaus als Oberstudienrat erscheinen. Wie sich dann aber auf den zweiten Blick die Künstleraura des Zauberbergautors entfaltet und so profane Dinge wie ein Schnupfen oder Fieberthermometer mit einem Mal poetisches Gewicht erlangen, davon berichtet das Berliner Tageblatt in einer kurzen Meldung vom 22. Februar des Jahres. Für uns liest Paula Leu.
8 Minuten
Preußen hat seinen Landtag gewählt. Noch sind die Zahlen des Urnengangs im mit Abstand größten Land des Reiches unvollständig. Dennoch wagt die Deutsche Allgemeine Zeitung vom 21. Februar 1921 bereits ein paar resümierende Einschätzungen und konstatiert in der Summe einen Rechtsruck, der im amtlichen Endergebnis schließlich sogar noch stärker ausfiel. Weshalb vor allem die Deutschnationalen gegenüber den letzten Wahlen im Reich wie in Preußen zulegten; weshalb die rechtsliberale DVP besser abschnitt als die linksliberale DDP; weshalb SPD wie USPD nachließen; und warum die Kommunisten davon nicht in dem von ihnen erhofften Maße profitierten - darüber spekuliert für uns Frank Riede.
7 Minuten
Wie selten erklingen weibliche Stimmen in diesem Podcast. Und wenn, Wie oft schreiben sie dann über sog. Frauenthemen. Mit einem kleinen Feuilleton aus dem Berliner Tageblatt vom 20. Februar, in dem Gabriele Tergit eine Begegnung mit einem Dichter skizziert, können wir heute dagegenhalten. Die unter dem Pseudonym Tergit schreibende Elise Reifenberg war 1921 27 Jahre alt, studierte Geschichte, Soziologie und Philosophie und schrieb währenddessen neben dem Berliner Tageblatt für die Vossische. Später sollte sie berühmt werden für ihre Gerichtsreportagen und noch später für ihren 1931 erschienenen Roman „Käsebier erobert den Kurfürstendamm“. Es ist zu vermuten, dass sie sich nicht als eine große, geniale Dichterin stilisierte, wenn wir hören, wie sie den Typus des romantischen Dichters humorvoll fasst. Es liest Paula Leu.
6 Minuten
Dass es Zeiten gab, als Personenkraftwagen auf deutschen Straßen eine Rarität darstellten, ist heute nicht mehr vorstellbar. Tatsächlich hatte aber auch im Jahre 1921 das Auto noch nicht überall freie Bahn. Die dynamische Entwicklung des Automobilismus war durch den ersten Weltkrieg erst einmal ausgebremst worden und auch die Bestimmungen im Friedensvertrag von Versailles machten die Situation nicht wirklich besser. Da war es schon eine wichtige Nachricht, als im Februar zumindest ein großer Teil der motorisierten fahrbaren Untersätze eine für das gesamte Deutsche Reich gültige Zulassung bekamen. Ob der damals eh noch lichte Schilderwald von vier auf nur noch ein Zeichen reduziert werden solle, ließ sich zu diesem Zeitpunkt allerdings noch nicht definitiv entscheiden. Aus der Voss vom 19.2. liest für uns Paula Leu.
9 Minuten
Mit der Novemberrevolution von 1918 und ihren Folgen hatte sich Deutschland politisch tiefgreifend verändert; ein Konstruktionsproblem des alten Reiches hatte indes auch die Weimarer Verfassung nicht überwunden: Wie zu Kaisers Zeiten blieb auch die erste deutsche Republik durch eine wider-proportionale Dominanz des Landes Preußen geprägt, das sowohl mehr Fläche wie auch mehr Einwohner auf sich vereinte als alle anderen Teilstaaten zusammen. Wahlen zum preußischen Landtag, wie sie erstmals regulär am 20. Februar 1921 abgehalten wurden, waren entsprechend fast so etwas wie kleine Reichstagswahlen. Wer das noch nicht wusste, dem rief das Berliner Tageblatt vom 18. Februar die Bedeutung des anstehenden Urnengangs für das gesamte Reich dringlich ins Bewusstsein. Und verband diese Mahnung nur wenig verklausuliert mit einer Wahlempfehlung für die Deutsche Demokratische Partei, die angeblich allein die notwendige Demokratisierung des alten Obrigkeitsstaates Preußen garantierte. Warum, verrät uns Frank Riede.
Auf den Tag genau

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Der Podcast mit täglich einer Zeitungsnachricht aus der Welt vor hundert Jahren