Auf den Tag genau Archiv
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7 Minuten
Würde sich dieser Podcast in seiner Auswahl, statt aus ganzen Zeitungen zu schöpfen, auf deren Titelseiten beschränken, dann gäbe es hier seit Monaten im Grunde nur zwei Themen: die alliierten Reparationsforderungen an Deutschland samt der sich daraus ableitenden Regierungskrisen – und, immer noch, die Lage in Oberschlesien. Auch Wochen nach dem dort abgehaltenen (und in Deutschland für sein Ergebnis weithin bejubelten) Referendum war die zukünftige Grenzziehung nach wie vor ungeklärt und die Stimmung vor Ort entsprechend aufgeheizt. Dass es Freischärlergruppen andernorts in Europa zuletzt immer wieder gelungen war, in ein solches Machtvakuum zu stoßen und paramilitärisch Fakten zu schaffen, war kein gutes Omen und machte die Situation zwischen Oppeln und Kattowitz in besonderem Maße explosiv. So musste der Vorwärts in seiner Ausgabe vom 17. Mai 1921 denn auch von ‘blutigen Pfingsten‘ berichten. Es liest Frank Riede.
6 Minuten
Da im Jahre 1921 der 16. Mai auf den Pfingstmontag fiel, an dem keine Zeitungen erschienen, senden wir heute einen Artikel aus der Pfingstsonntags-Ausgabe, die sozusagen beide Feiertage abdeckte. Und dabei feiert heute eine Zeitung bei uns Premiere, nämlich die „Gleichheit – Zeitschrift für die Interessen der Arbeiterinnen“, eine 14tägig erscheinende von Marie Juchacz geleitete Publikation der SPD. Am 15. Mai berichtet darin Hedwig Wachenheim, passend zum Titel der Zeitschrift, von einem weiteren Schritt der Frauen auf dem Weg zur Gleichberechtigung. Es geht um den politischen Kampf für die Zulassung von Frauen als Schöffinnen und Geschworene vor Gericht. Lange Zeit wurde mit hanebüchenen Argumenten wie etwa, Zitat, “Die Frau ist zu gefühlsbetont und kann daher keine Geschworene sein”, Zitatende, von den meinst männlichen Politikern eine Zulassung verhindert. Paula Leu liest.
6 Minuten
Walpurgisnacht und Erster Mai, Karneval der Kulturen, Christopher-Street-Day und dereinst auch die Love Parade – auffällig viele Highlights des modernen Berliner Festkalenders sind im Frühjahr situiert. Abgesehen vom damals ganz anders begangenen Maifeiertag war interessanterweise indes keiner dieser Partyanlässe bereits vor einhundert Jahren bekannt. Dafür, erfahren wir aus der Deutschen Allgemeinen Zeitung vom 15. Mai 1921, stand damals ein anderes Fest ganz hoch im Kurs: Pfingsten. Der Brauch, Fenster und Stuben, Geschäfte und Karossen üppig mit Blumen und Zweigen zu schmücken, wurde zwar auch andernorts gepflegt. Nirgendwo allerdings sieht der Autor die Sehnsucht nach dem ‘Grünen‘ so ausgeprägt wie gerade im grauen Berlin, weshalb er sich dazu versteigt, die Bedeutung des Pfingstfestes für die Reichshauptstadt fast mit der von Fasching und Karneval in anderen deutschen Landen zu vergleichen. Für uns wiederholt diesen Frevel der Ex-Kölner Frank Riede.
4 Minuten
Trotz aller Versuche, den Mietenwahnsinn in den urbanen Zentren der Republik in den Griff zu bekommen, sind Immobiliengeschäfte und Vermietung heute so lukrativ wie nie in Deutschland. Und trotzdem ist das Problem keineswegs neu. Auch vor hundert Jahren gab es den Versuch, Mieten zu deckeln. Aber auch damals schon war die Politik gegen die Dynamik des freien und v.a. des schwarzen Marktes nur mäßig erfolgreich. Am 14.5.1921 berichtet die Vossische Zeitung von einer weiteren, wohl nur bedingt durchschlagskräftigen Verordnung des Berliner Magistrats zum Schutz der Mieter. Gelesen von Paula Leu.
9 Minuten
China als wichtiger Absatzmarkt für die deutsche Automobilindustrie! Das zeichnete sich, wenn man dem Asien-Korrespondenten des Berliner Tagblattes glauben will, bereits 1921 ab. In seinem am 13. Mai abgedruckten Bericht berichtet Fritz Secker vom wirtschaftlichen Aufschwung Schanghais, der mit exzessiven Leuchtreklamen, einer Orientierung an westlichen Vorbildern und einem gesteigerten Stromverbrauch einhergeht. Und eben auch mit einer Motorisierung. Aus dem Straßenlärm von Schanghai berichtet Frank Riede.
10 Minuten
Die alliierten Reparationsforderungen an Deutschland waren das alles beherrschende politische Thema im Frühjahr 1921. Vereint in der Empörung, zeigten sich die Parteien doch – auch aus taktischen Gründen – so uneins in der Frage, wie auf das Londoner Ultimatum zu reagieren sei, dass die Mitte-Rechts-Regierung von Kanzler Constantin Fehrenbach darüber zerbrochen war und an ihrer statt die drei Parteien der Weimarer Koalition, diesmal unter Führung des Zentrum-Politikers Joseph Wirth und als Minderheitenkabinett, die Regierungsgeschäfte im Reich wieder übernahmen. Im Berliner Tageblatt vom 12. Mai analysiert die komplizierte politische Gemengelage in der noch jungen und doch schon so arg gebeutelten deutschen Demokratie einer der großen politischen Kommentatoren seiner Zeit: Ernst Feder. 2016 in dem Stefan-Zweig-Biopic Vor der Morgenröte von Maria Schrader wurde er gespielt von Matthias Brandt; bei uns wird er gelesen von Frank Riede.
7 Minuten
Neukölln, damals noch Rixdorf vor den Toren Berlins, war Ende des 19. Jahrhunderts bekannt als eines der einwohnerstärksten Dörfer Preußens. Mietskasernen schossen wie Pilze aus dem Boden – vor allem die ärmeren Arbeiterfamilien lebten hier, außerhalb von Berlin. Rixdorf hatte noch nicht das Stadtrecht erworben, hatte aber schon 80000 Einwohner. Doch diese Dorfgeschichte von Neukölln ist im heutigen Artikel aus der Freiheit vom 11. Mai nicht gemeint. Vielmehr geht es um den historischen Dorfkern von Böhmisch-Rixdorf, der auch heute noch zu besichtigen ist. Alte Bauern- und Handwerkerhäuser mitten in der Großstadt! Ab 1737 hatte Friedrich Wilhelm I., der Soldatenkönig, evangelische Exulanten aus Böhmen, Anhänger der Herrnhuter Brüdergemeinde, neben Rixdorf ein eigenes Dorf aufbauen lassen, wovon noch immer der Hussiten-Kelch im Stadtwappen von Neukölln zeugt. Für uns geht Paula Leu spazieren.
11 Minuten
Nach 27 Jahren war Schluss. Wie wir ausführlicher in unserem Gesprächspodcast mit seinen 3½ Fragen an Großmeister Stefan Kindermann erörtert haben, verlor Langzeit-Schach-König Emanuel Lasker 1921 seinen WM-Titel an den 20 Jahre jüngeren Kubaner José Raúl Capablanca und kehrte als erster und bislang einziger deutscher Ex-Schachweltmeister aus Havanna zurück. Begleitet wurde er auf dieser Reise von seiner Ehefrau Martha, geborene Bamberger, verwitwete Cohn, eine in Berlin hochgeschätzte Lyrikerin, Vortragskünstlerin und Journalistin, deren Texte häufig auch unter dem Pseudonym L. Marco erschienen. Seit der Heirat mit Lasker 1911 hatte sie ihre diesbezügliche Tätigkeit zwar deutlich eingeschränkt, von ihrer Reise ins ferne Kuba berichtete sie aber ausführlich im Berliner Tageblatt vom 10. Mai. Ihr ‘Ferngespräch aus Havanna‘ gibt beeindruckende Einblicke in das dortige Leben vor einhundert Jahren, wartet einmal mehr aber auch mit einigen zeittypischen kolonialistischen Stereotypen und Begriffen auf. Es liest Frank Riede.
4 Minuten
Gauche caviar in Frankreich, Chardonnay socialist in Australien, Smoked Salmon Socialist in Irland oder im Deutschen: Salonkommunist. Allesamt sind es polemische Bezeichnungen, die wohl in den 1930er Jahren entstanden, und einen Linken bezeichnen, der den Kommunismus propagiert, aber selbst im bürgerlichen Wohlstand lebt, ohne die verheerende Lage in der Sowjetunion zu kennen. Schon 1921 beschreibt ein Autor der Freiheit, in der Ausgabe vom 9. Mai, Kaffee-und-Kuchen-Kommunisten, denen er bei seinem sonntäglichen Ausflug an den Wannsee begegnet war. Frank Riede lässt uns in die sonnige Atmosphäre am Kaffeehaustisch eintauchen, die alle politischen Lager gleichermaßen genießen.
5 Minuten
Das Lied von der Glocke, Kabale und Liebe, Wilhelm Tell von Friedrich Schiller sind heute fester Bestandteil des gymnasialen Lehrplanes. Dass die Schülerinnen und Schüler in ihrer Freizeit zu anderen Autorinnen und Autoren greifen, so sie denn lesen, versteht sich von selbst und unterscheidet sich damit nicht von den Gewohnheiten 1921. Lediglich die Freizeitlektüre von damals ist heute nicht mehr en vogue. Etwa Roman Herzogs bürgerlich nationalistischen Romane, Bestseller der 10er und 20er Jahre, oder die historischen Romane von Felix Dahn. Der Berliner Schriftsteller und Journalist mit französischen Wurzeln Victor Auburtin glossiert im Berliner Tageblatt vom 8. Mai das Nachleben von Schiller an deutschen Schulen und in der ganzen Gesellschaft. Paula Leu rezitiert für uns.
9 Minuten
Max Reinhardt war gestern. Der neue Star am Berliner Theaterhimmel der frühen 1920er Jahre hieß Leopold Jessner. 1878 geboren, hatte Jessner mit seinem verknappt-antirealistischen, bisweilen auch als expressionistisch apostrophierten Regiestil zunächst in der Provinz für Furore gesorgt und schließlich über Hamburg und Königsberg den Sprung in die Hauptstadt geschafft. Dort amtierte er seit 1919 als Intendant des seinerzeit tatsächlich noch als ‘Sprechbühne‘ bespielten Schauspielhauses am Gendarmenmarkt und bürstete in Schinkels heiligen hundertjährigen Hallen seither insbesondere die Klassiker wirkungsvoll gegen den Strich des hier vormals gepflegten Hoftheaterstils. Nach einer spektakulären Antrittsinszenierung des Wilhelm Tell von Friedrich Schiller stand nun, anderthalb Jahre später, dessen heute nur noch höchst selten gegebene Verschwörung des Fiesco zu Genua auf dem Programm. Die Premiere, u.a. mit Ernst Deutsch und Fritz Kortner, bespricht für uns Emil Faktor aus dem Berliner Börsen-Courier vom 7. Mai 1921, es liest Frank Riede.
6 Minuten
Das dominierende Thema im Mai 1921 war nach wie vor die Frage der Reparationsleistungen Deutschlands. Manche Ruhrstädte und häfen waren immer noch besetzt und das Kabinett Fehrenbach, aus Zentrum, DVP und DDP, zerfiel nach nicht einmal einjähriger Amtszeit an Streitigkeiten über den Umgang mit den Reparationsforderungen. In dieser Phase einer neuen Koalitionssuche erreichte Deutschland das Ultimatum der Alliierten mit einem Zahlungs- und Abgabenplan sowie Strafmaßnahmen bei Nicheinhaltung. Die zentrale Frage für ein neues Kabinett bestand also darin, wie sich die beteiligten Parteien zu diesem Ultimatum verhalten würden. Die Vossische Zeitung vom 6. Mai berichtet von dieser vertrackten Situation. Paula Leu liest.
3 Minuten
In seinem Gedicht „Die fromme Helene“ schieb Wilhelm Busch die Zeilen: „Es ist ein Brauch von alters her: / Wer Sorgen hat, hat auch Likör!“ Betrachten wir diesbezüglich die sorgenvolle, politisch und wirtschaftlich krisenhafte Phase der Weimarer Republik der Nachkriegszeit, so müsste man davon ausgehen, dass der Likör in Strömen floss. Die Tradition der Likör-Buffets zum Vatertag, der 1921 auf den 5. Mai fiel, würden diesem Bild entsprechen. Und doch gibt es Grund zur Klage, zumindest für Viktor Helling, der in der Vatertags-Ausgabe der Berliner Volks-Zeitung in einem Gedicht die Schwierigkeiten bei der Likörversorgung besingt. Für uns kämpft Paula Leu um den Likör-Nachschub. Zuvor prosten wir uns allerdings noch rasch zu, denn wir feiern heute die 500ste Folge Auf den Tag genau.
7 Minuten
Lovis Corinth wird bis heute hoch verehrt als einer der wichtigsten Maler des deutschen Impressionismus. Dass er nebenbei bisweilen auch zur Feder griff, um sich als Autor zu betätigen, und ein durchaus stattliches Œuvre auch in diesem Bereich hinterließ, ist hingegen etwas in Vergessenheit geraten. Entsprechend lohnend ist ein Blick in die Vossische Zeitung vom 4. Mai 1921, die Auszüge aus einem Essay vorabveröffentlicht, den Corinth einer aktuellen Mappe von Radierungen beigefügt und seiner neuen bayerischen Wahlheimat gewidmet hatte. Dort, am Walchensee, 75 Kilometer südlich von München, wo er 1919 ein Haus erworben hatte, scheint er sich durchaus wohlgefühlt zu haben – wenngleich sein Portrait dieser alpinen Landschaft durchaus auch in dunklen, mystischen Farben schwelgt. Es malt bzw. liest Frank Riede.
8 Minuten
Das Pergamonmuseum in Berlin gehört heute zu den bestbesuchten Museen Deutschlands. Von Alfred Messel geplant und nach dessen Tod durch Baustadtrat Ludwig Hoffmann realisiert zog sich die Bauzeit der neuen Heimat für Pergamonaltar und Markttor von Milet durch Krieg, Revolution und Inflation verzögert über sage und schreibe 20 Jahre, von 1910 bis 1930. Im Frühjahr 1921 war wieder Leben im Ruinenfeld auf der Museumsinsel. Die Bauarbeiten waren wieder in Gange und man hoffte – trügerischerweise – das Werk nun zügig fertigstellen zu können. Die Vossische Zeitung berichtet kritisch, Frank Riede liest.