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Auf den Tag genau Archiv

2057 Episoden
9 Minuten
Wie weit darf ein Staat das Impfen gegen eine potentiell lebensbedrohliche Krankheit vorschreiben? Wo beginnen die Persönlichkeitsrechte des Einzelnen? Finden sich genügend Impfwillige, um eine Herdenimmunität zu erlangen? Allesamt hochaktuelle Fragen im Kontext unserer Hoffnung auf eine Überwindung der Covid-19-Pandemie. In sehr ähnlicher Form wurden genau diese Fragen vor hundert Jahren diskutiert, als es, sicherlich auch unter dem Eindruck der Spanischen Grippe, um einen möglichen Impfzwang gegen Pocken ging – Statistikdebatten, Verschwörungstheorien und Impfgegner-Bewegung inklusive. Am 15. Juni 1921 plädiert ein Geheim-Rat Dr. Berger im Berliner Tageblatt für den Impfzwang. Paula Leu trägt vor.
6 Minuten
Das Leben ist zu schnell geworden „für lange Literatur, zu flüchtig für verweilendes Schildern und Betrachten“ schrieb Alfred Polgar, einer der besonders geschätzten Autoren auch in diesem Podcast, Mitte der 1920er. „Episodische Kürze“ sei nicht nur eine Möglichkeit, sondern die Aufgabe zeitgemäßer Schriftstellerei. Mit seinen 50-Zeilen-Romanen lässt sich auch Rudolf Olden zu den Autoren kleiner Formen zählen. Und er schließt in seiner am 14. Juni im Berliner Tageblatt erschienenen Geschichte über einen unsinnigen Eifersuchtsmord auch thematisch an die Tradition des fait divers, des als vermischte Nachricht in den Lücken zwischen den gewichtigen Artikeln einer Zeitung zu findenden, beiläufig erzählten kuriosen Skandals an. Gelesen von Frank Riede.

Fort mit Kahr!

9 Minuten
Wer sich prominent für den demokratischen Rechtsstaat, möglicherweise gar in einer sozialdemokratischen Partei engagierte, lebte in den frühen Weimarer Jahren gefährlich. Rechtsextreme Geheimbünde bekämpften die verhasste Republik terroristisch aus dem Untergrund und begingen zahlreiche Fememorde an deren Repräsentanten. Einem solchen fiel am 9. Juni 1921 mutmaßlich auch der Fraktionsvorsitzende der USPD im bayerischen Landtag Karl Gareis zum Opfer. Ob es tatsächlich, wie man heute vermutet, Häscher der berüchtigten Organisation Consul waren, die ihn auf dem Rückweg von einem schulpolitischen Vortragsabend vor seiner Münchner Wohnung niederschossen, wurde auch deshalb nie aufgeklärt, weil die bayerische Staatsregierung des Ministerpräsidenten Gustav von Kahr schützend ihre Hand über alle Einwohnerwehren und sonstigen rechten Milizen hielten. Die SPD-Parteizeitung Vorwärts zeigte sich von dem Attentat erschüttert und rief ziemlich unverhohlen zum Sturz der Regierung Kahr auf. Es liest Paula Leu.
8 Minuten
Mit Avignon verbinden wir heute die zerstrittenen mittelalterlichen Päpste, das weltweit strahlende Theaterfestival oder schlicht die berühmte provenzalische Küche. 1921 gab es in Bezug auf Avignon nur ein Thema, welches Deutschland bewegte: Die 155 Soldaten, die seit dem Ersten Weltkrieg immer noch in Kriegsgefangenen-Lagern in der Gegend von Avignon ihr Dasein fristeten. Auf diplomatischem Wege bemühte sich jedes Kabinett um eine Freilassung, die auch auf öffentlichen Massenkundgebungen gefordert wurde. Eine solche fand am 12. Juni im Berliner Lustgarten statt. In der Morgenausgabe des Tages kündigte der Vorwärts diese Versammlung an und schilderte das Schicksal der Männer, die festgehalten wurden, weil sie wegen Vergehen, die sie in der Gefangenschaft begangen haben, meistens kleine Diebstähle und Fluchtversuche, zu mehrjährigen Haftstrafen verurteilt worden waren. Uns bereitet Frank Riede auf die Kundgebung vor.
9 Minuten
Regelmäßige Hörerinnen oder Hörer unseres Podcasts können es bestätigen: Starkult war bereits auch den frühen 1920er Jahren durchaus nicht fremd. Die großen Mimen und Diven wurden wie eh und je auch und gerade für ihre besonderen Idiosynkrasien und Manierismen verehrt und entsprechend einem sich daraus ergebenden Marktwert höchst kalkuliert als Zugpferde im Theater und erst recht im Kino eingesetzt. Umso auffälliger ist vor diesem Hintergrund, dass das Privatleben dieser Bühnen- und Leinwandstars zumindest der Qualitätspresse kaum einmal eine Andeutung wert ist – wenn es nicht gerade, wie jüngst im Falle des verstorbenen Reinhardt-Schauspielers Harry Walden, in einer Familientragödie endete. Porträts kamen in den reichhaltigen Feuilletons nur höchst ausnahmsweise vor, Homestories waren gar erst recht kein etabliertes Genre. Immerhin – im Berliner Tageblatt vom 11. Juni 1921 finden sich doch ein paar schnipselartige Ansätze dazu. Aus ihnen liest für uns Paula Leu.
4 Minuten
Die Nachkriegsordnung der alliierten Siegermächte des Ersten Weltkriegs für Kleinasien und die umliegenden Gebiete musste schon 1921 als gescheitert gelten. Weder waren hier, wie im Friedensvertrag von Sèvres vorgesehen, ein armenischer Staat und ein kurdisches Autonomiegebiet entstanden, noch erwies sich Griechenland als in der Lage, den ihm festgeschriebenen Anspruch auf westanatolische Gebiete um die Stadt Smyrna (das heutige Izmir) militärisch durchzusetzen. Das politische Vakuum nach Kriegsende hatten der uns mittlerweile als Atatürk bekannte Mustafa Kemal und andere türkische Offiziere genutzt, um von der Provinzstadt Angora (der heutigen Hauptstadt Ankara) aus den Widerstand gegen die Zerschlagung des Osmanischen Reiches zu organisieren. Neben militärischem Geschick – das jedenfalls legt der kurze Artikel aus der Vossischen Zeitung vom 10. Juni nahe – verdankte sich ihr Erfolg dabei offensichtlich auch einer strategisch klugen, fintenreichen Bündnispolitik. Es liest Paula Leu.
9 Minuten
Wie war mit der verfahrenen Situation rund um die Reparationsforderungen an Deutschland umzugehen? Besatzung und wirtschaftliche Belastung schürten eher den Konflikt zwischen den Nationen, die Verschuldungen und die deutsche Überproduktion, um die Reparationen zahlen zu können, sorgten für Unwucht auf den Märkten. Winston Churchill, damals Kolonialminister im Kabinett Lloyd George, gehörte zu denen, die diese Gefahren hinter der Bestrafung des Kriegsverlierers erkannten. In einer Rede in Manchester, von der das Berliner Tageblatt am 9. Juni berichtet, plädiert er für eine Zusammenarbeit, vor allem auch wirtschaftliche Zusammenarbeit, der europäischen Großmächte und gibt eine hellsichtige Prognose ab: Wenn sich nichts an dem Kurs im Umgang mit der deutschen Wirtschaft ändert, wird Deutschland langfristig Exportweltmister. Es liest Frank Riede.
5 Minuten
Vielleicht herrschen bei der Ausstrahlung dieser Folge bereits sommerliche Temperaturen und ihr hört uns an einem Badesee in der Sonne liegend … Jedenfalls schreibt die Deutsche Allgemeine Zeitung vom 8. Juni 1921 über das Baden im Freien und die Bedeutung dieser natürlichen Erfrischungsmöglichkeit für die Bewohner*innen der “steinernen Stadt”. Obgleich die DAZ eher eine konservative Zeitung ist, wendet sie sich doch deutlich gegen die Anwendung eines Paragraphen, der zum Schutze der Sittlichkeit die leichte Badebekleidung unter Strafe stellt. Für uns taucht in diese Problematik Paula Leu ein.
7 Minuten
Bali gehört seit einigen Jahrzehnten zu den beliebtesten Zielen europäischer Fernreisender, seien sie auf Backpacking, Partytourismus oder Luxus-Resort-Urlaub aus. Vor einhundert Jahren war es hingegen selbstredend nur wenigen Privilegierten vorbehalten, die weite Reise zu den kleinen Sundainseln anzutreten. Einer dieser frühen Globetrotter, der Arzt Gregor Krause, ließ die Daheimgebliebenen wenigstens in Form eines umfangreichen Bildbandes an seinen dortigen Erfahrungen teilhaben. Und schwärmte dort, jedenfalls wenn man dem Vorwärts vom 7. Juni 1921 glauben darf, in durchaus vertrauten Worten von der sanften Schönheit und üppigen Vegetation der Insel, ihren freundlichen, mit der Natur in Einklang lebenden Bewohnern und deren besonderen, noch heute berühmten kinderfreundlichen Methoden der Erziehung. Für uns liest Frank Riede.
6 Minuten
Harry Walden konnte mit 45 Jahren auf eine sehr erfolgreiche Bühnen- und Filmkarriere zurückblicken. Nach Stationen in Karlsruhe, Berlin, Tallinn und New York und am Burgtheater in Wien, übernahm er die Leitung der dortigen Renaissance-Bühne. Die Schattenseite seines Erfolges als Schauspieler war wohl eine zunehmend schwerwiegende Morphin- und Alkoholsucht. Am 4. Juni 1921 beging er in Berlin Selbstmord, wovon alle Zeitungen berichteten. Wir bringen heute den Text aus dem Vorwärts vom 6. Juni, in dem der Theaterkritiker Max Hochdorf seine letzten Eindrücke von Harry Walden auf der Bühne schildert. Bei aller Achtung vor Waldens Schauspieltalent skizziert er ein schonungsloses Bild eines von der Sucht zerstörten Menschen, der eigentlich auf der Bühne schon lange nichts mehr verloren hat. Für uns liest Paula Leu.
7 Minuten
Tropenhäuser galten spätestens seit dem 19. Jahrhundert als Treibhäuser auch der menschlichen Sinne und Triebe, die als Orte einer Verknüpfung von Exotik und Erotik zumal zu einem äußerst beliebten literarischen Topos wurden. Auch einer unserer Lieblingsautoren in diesem Podcast, Arnold Höllriegel, begibt sich bei seinem Besuch des berühmten Palmenhauses im Schlosspark Schönbrunn auf eben diese Fährte. Seine Würdigung der dortigen Orchideen-Schau ist zwar nicht frei von manchen etwas abgestandenen Geschlechterklischees, spielt dabei aber – nomen est omen – sehr vergnüglich-feuilletonistisch mit der Dialektik von Paradies und Hölle. Für uns wagt sich auf den Spuren des Berliner Tageblatts vom 5. Juni 1921 Paula Leu in den Wiener Garten der Lüste.
10 Minuten
Von der Ermordung des ehemaligen Großvesirs Talaat Pascha durch den armenischen Studenten Soghomon Teilirian am hellichten Tage auf der Berliner Hardenbergstraße haben wir im März berichtet. Am 4. Juni 1921 sprach in einem viel beachteten Prozess ein Geschworenengericht Teilirian frei – unter anderem viel beachtet, da nun wohl zum ersten Mal die deutsche Öffentlichkeit von den Gräueltaten des Armenier-Genozids während des Ersten Weltkriegs erfuhr, die die Verteidigung des Attentäters ausbreitete, der vorgab, die brutale Tötung seiner ganze Familie mit angesehen zu haben. Die Mitverantwortung von Talaat Pascha für die versuchte Ausrottung der Armenier galt eigentlich für jedermann als erwiesen. Aber nicht nur der geistige Zustand Teilirians während der Tat – er wurde schließlich wegen Unzurechnungsfähigkeit freigesprochen – und der Armenier-Genozid wurden vor Gericht diskutiert. Alle berichtenden Zeitungen kommentierten auch die Rolle Deutschlands, während der von Talaat Pascha angeordneten Massaker. Konservativere Zeitungen sprachen das wilhelminische Militär und den Diplomatischen Korps frei, der Vorwärts sah das natürlich differenzierter. Und um die thematischen Verflechtungen noch komplexer zu machen, schlug der Autor des Vorwärts den Bogen zu den zeitgleich in Leipzig anlaufenden Kriegsverbrecherprozessen, in denen hauptsächlich niederrangige deutsche Militärs, die Kriegsverbrechen im Ersten Weltkrieg begangen haben sollen, strafrechtlich verfolgt wurden. Für uns entwirrt Frank Riede die Fäden.
5 Minuten
Wenn man täglich gut ein Dutzend einhundertjähriger Zeitungen liest, macht man dabei die unterschiedlichsten, widersprüchlichsten Erfahrungen und Entdeckungen: frappierende, vergnügliche, skurrile, berührende und mitunter auch erschütternde. Unser heutiger Artikel aus dem Vorwärts vom 3. Juni 1921 zählt zweifellos zu letzterer Kategorie: Im pommerschen Stargard, erfahren wir dort, gab es seinerzeit ein so auch schon bezeichnetes Konzentrationslager, in dem ohne jegliche juristische Veranlassung ganz überwiegend Ostjuden interniert wurden. Bei den meisten von ihnen handelte es sich wohlgemerkt um ehemalige Zwangsarbeiter, die man während des Weltkriegs zu Arbeitseinsätzen eingezogen hatte und die man nun aufgrund der teilweise verworrenen politischen Lage in ihren Herkunftsregionen eben dorthin nicht einfach wieder abschieben konnte. Wer im Frühjahr 1921 einen Brand in den überfüllten Baracken verursacht hatte, geht aus dem Bericht des Vorwärts nicht hervor; wohl aber, dass die preußischen Wachmannschaften – zwei Jahrzehnte vor Auschwitz – den Feuertod zahlreicher ostjüdischer Männer, Frauen und Kinder wohl mehr als nur billigend in Kauf genommen hätten. Es liest Frank Riede.
4 Minuten
Das Knallen und Böllern ist dem Berliner offensichtlich nicht auszutreiben. Alle aktuellen Vorstöße, die alljährlichen Silvesterexzesse zu beschränken oder räumlich einzuhegen, sind bislang auf genauso heftigen Widerstand gestoßen wie der Versuch der Behörden schon anno 1835, den Städtern die Erlaubnis für die Knallfrösche zu entziehen, mit denen man seinerzeit des Königs Geburtstag im August zu begehen pflegte. Tagelange blutige Straßenschlachten waren damals die Folge, die als Berliner Feuerwerksrevolution in die Geschichte eingegangen sind. Dass sich vor einhundert Jahren, in der jungen Weimarer Republik, naturgemäß die Anlässe, nichts aber an der berlinischen Liebe zum Feuerwerkskörper geändert hatte, dass sich freilich auch damals schon an diesem Ritual gesellschaftlich die Geister schieden – all das erfahren wir aus der Deutschen Allgemeinen Zeitung vom 2. Juni 1921. Es liest Paula Leu.
8 Minuten
Wenn zwei Flüsse zusammenfließen, welchen Namen trägt der daraus hervor gehende Fluss? Der an dem Zusammenfluss breitere? Der, der von seiner Quelle bis dahin den weiteren Weg zurückgelegt hat? Von letzter Regel waren und sind bis heute viele Tschechen überzeugt, weshalb sie es als bittere Ungerechtigkeit empfinden, dass die Moldau bei Mělník in die Elbe mündet. Der in den 1920ern sehr erfolgreiche Reiseschriftsteller böhmischer Herkunft Richard Katz nimmt diesen „Streit“ um die Bennenung des Stromes als Ausgangspunkt und beschreibt die Rolle der Moldau für die offensichtlich zahlreich badende Prager Bevölkerung. Für uns plantscht Frank Riede mit.
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Der Podcast mit täglich einer Zeitungsnachricht aus der Welt vor hundert Jahren