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Auf den Tag genau Archiv

2057 Episoden
7 Minuten
Er war einer der ersten großen Stars des Hamburger Sport-Vereins und gilt heute zugleich als eine der dunkelsten Figuren der Clubgeschichte: Otto, genannt Tull Harder. Mit seinen Toren schoss der wuchtige Mittelstürmer den HSV zu den deutschen Meisterschaften 1923 und 1928. 387 Pflichtspieltreffer bedeuten noch immer Platz zwei in der internen Torjägerliste hinter Uwe Seeler. Kein Wunder, dass der Hamburger Anzeiger Harder am 19. September 1925 – ganz ungewöhnlich damals noch für einen Fußballspieler – ein Porträt widmete, das ihn abseits des Platzes als leutseligen, humorigen Typen zeigt. Gänzlich andere Seiten offenbarte Harder nach dem Ende seiner Sportlerkarriere. Bereits 1932 wurde er Mitglied der NSDAP, später der SS und der Waffen-SS. Ab 1939 war er als Wachmann im KZ Sachsenhausen tätig, ab 1940 im KZ Neuengamme, zunächst wieder als Wachmann, später in der Lagerverwaltung. 1944 wurde er Kommandant des KZ-Außenlagers Hannover-Ahlem. Auch nach 1945 distanzierte er sich nicht vom Nationalsozialismus. Ein britisches Militärgericht verurteilte ihn 1947 als Kriegsverbrecher zu 15 Jahren Zuchthaus, von denen er viereinhalb verbüßen musste. Es liest Rosa Leu.
10 Minuten
Dass sich die westlichen Mächte in der durch Kolonialismus und Überlegenheitsgefühl geprägten Einschätzung vermeintlich weniger entwickelter Länder oftmals täuschten, thematisiert der heutige Artikel aus dem Hamburger Anzeiger vom 18. September. Galt vor dem Ersten Weltkrieg das Osmanische Reich als „Kranker Mann am Bosporus“ und China als ressourcenreiches Land, das sich mit einem geringen militärischen Aufwand kontrollieren ließe, so stellte sich das Kräfteverhältnis 1925 bereits anders dar. Der junge Staat Türkei rang mit den Engländern um die Vormachtstellung im heutigen Irak und China konnten die Kolonialmächte nicht mehr ihren Willen durch militärische Macht aufzwingen. Der Autor dieser Einschätzung der Lage ist Paul Rohrbach einer der meistgelesenen kolonial- und außenpolitischen Kommentatoren von Weimar. Er vertrat großdeutsche und kolonialistische Ziele für Deutschland und engagierte sich in der Akademie zur wissenschaftlichen Erforschung und Pflege des Deutschtums – ist also dem rechten Spektrum der politischen Landschaft zuzuordnen. Zugleich belegt seine Person aber, dass seine Ansichten trotz teilweiser ideologischer Überschneidung nicht automatisch in den Schoß der NSDAP führten. Rohrbach protestierte gegen die Machtübernahme und zog sich dann aus der Politik zurück. Es liest Frank Riede.
13 Minuten
Als ein zentraler Knotenpunkt der riesigen Auswanderungsbewegung in Richtung Amerika im ausgehenden 19. und im 20. Jahrhundert diente der Hamburger Hafen. Zwischen 1850 und 1939 reisten über 5 Millionen Europäer*innen durch dieses „Tor zur Welt“ über den Atlantik. Man kann sich vorstellen, welch riesige logistische Aufgabe dies darstellte, die zusätzlich dadurch erschwert wurde, dass die Schifffahrtsgesellschaft für den Rücktransport derjenigen Auswanderer, die von den USA abgelehnt wurden, sorgen musste. Der Hapag-Reeder Albert Ballin ließ um 1901 auf der Elbinsel Veddel erste Auswandererhallen errichten, aus denen sich nach und nach eine Massenunterkunft, ja eher eine kleine Stadt entwickelte. Sie ermöglichte es, die Papiere der Emigrant*innen zu prüfen, eventuell zu vervollständigen und notwenige Quarantänen vor der Einschiffung einzuhalten. Der Hamburgische Correspondent begibt sich für seine Ausgabe vom 17. September 1925 auf die Veddel und beschreibt für seine Leser*innen das Leben in der Auswandererstadt. Für uns hat sich Frank Riede umgesehen.
7 Minuten
Seit Babylon Berlin und Gereon Raths waghalsigem Flug über Russland, um dort Beweismaterial gegen die Schwarze Reichswehr zu sichern, ist eben diese auch einem breiteren Publikum ein Begriff: die sogenannte schwarze Reichswehr. Auf 100.000 Mann war die reguläre Reichswehr durch den Versailler Vertrag begrenzt; was als friedensichernde Maßnahme für Europa gedacht war, entpuppte sich jedoch von Anfang an als schwere Hypothek für die fragile Republik von Weimar: Heimlich hortete man beim deutschen Militär nicht nur überzähliges Material und Munition, sondern hielt so auch paramilitärische Formationen unter Waffen, die von Beginn an immer wieder gegen die junge deutsche Demokratie und ihre Institutionen teils terroristisch obstruierten. Was man heute weiß, ahnte man auch schon seinerzeit, wie der folgende Bericht aus dem Hamburger Echo vom 16. September 1925 belegt. Es liest Rosa Leu.
11 Minuten
Ein Medienereignis war es, zumindest im Norden, nicht: Am 18. Juli 1925 war der erste Band von Adolf Hitlers Mein Kampf erschienen, aber in den Hamburger Zeitungen fanden wir wochenlang kein Wort dazu. Bis zum 15. September, an dem der Hamburgische Correspondent das Thema auf die Titelseite seiner Abendausgabe rückte – ohne freilich, so scheint es, die entstandene Kampfschrift mehr als allerhöchstens oberflächlich gelesen zu haben. Was wie eine Buchbesprechung daherkommt, ist mehr ein Abriss der Geschichte bis zum Hitler-Putsch 1923 sowie vor allem ein Blick in die (eher spärlich besuchten) Parteiveranstaltungen der NSDAP seit dem Redeverbot für ihren mittlerweile aus der Festungshaft vorzeitig entlassenden Vorsitzenden. Eine Auseinandersetzung mit der Ideologie des Nationalsozialismus findet in dem Artikel nicht statt, als Zeugnis einer fatalen verharmlosenden Fehleinschätzung Hitlers und seiner Bewegung gerade von konservativer Seite scheint er uns dennoch von dokumentarischem Wert zu sein. Es liest Frank Riede.
11 Minuten
Das heutige Hamburger Volksparkstadion wurde zwischen 1951 und 1953 errichtet und seither mehrfach grundlegend umgebaut. Es bestand indes bereits ein Vorgängerbau, das sogenannte Altonaer Stadion, der bis in das Jahr 1925 zurückreicht und von dessen feierlicher Einweihung die Altonaer Nachrichten am 14. September berichteten. Über die Ausmaße der Wettkampfstätte erfahren wir zumindest ein paar Eckdaten, von den ersten Wettkämpfen am Ort, etwa dem Fußball-Eröffnungsspiel zwischen den Arbeitersportlern Altona und dem VfL Stötteritz, ist hingegen nicht die Rede. Dafür hören wir viel von den gehaltenen Festreden, die auch im siebten Jahr der Republik erstaunlich nationaltönend daherkamen und darüber hinaus aber auch anklingen lassen, wie politisch gespalten sich auch der Sport in den Jahren der Weimarer Republik präsentierte. Dass sowohl die Arbeitervereine als auch die bürgerlichen Clubs die neue Anlage nutzen wollten, galt mithin damals schon als Brückenschlag. Es liest Rosa Leu.
9 Minuten
Dem seit dem 16. Januar 1925 amtierenden Kabinett von Reichskanzler Hans Luther gehörten mit Finanzminister von Schlieben, Wirtschaftsminister Neuhaus sowie Innenminister Schiele erstmals in der Weimarer Republik auch Mitglieder der diese ablehnenden Deutschnationalen Volkspartei an. Vor allem in Fragen der Außenpolitik stand die DNVP mit ihren unversöhnlichen Positionen denkbar quer zu den Bemühungen der Koalitionspartner angeführt von Außenminister Stresemann, zu einem Ausgleich mit den einstigen Kriegsgegnern im Westen zu gelangen und Deutschland als vollwertiges Mitglied in den Kreis der Völkerfamilie zurückzuführen. Die oppositionellen Sozialdemokraten und ihre Parteizeitung Hamburger Echo beobachteten diesen Konflikt im Vorfeld der schließlich im Oktober stattfindenden Konferenz von Locarno mit einer Mischung aus Neugier und Schadenfreude. Frank Riede entnimmt dies der Ausgabe vom 13. September.
6 Minuten
Hans Breitensträter war in den 1920er Jahren einer der besten deutschen Schwergewichtsboxer und als solcher hier im Podcast über die Jahre bereits mehrfach als Kämpfer zu erleben. Seinen 1920 errungenen deutschen Meistertitel hatte er 1924 an den zehn Jahre älteren und als Konterboxer geltenden Paul Samson-Körner verloren; am 11. September 1925 schickte er sich an, sich den Titel von besagtem Kontrahenten zurückzuholen. Schauplatz dieses Fights war eine am Berliner Kaiserdamm gelegene Autohalle, die, erfahren wir in der Schiffbeker Zeitung vom 12., aus allen Nähten platzte und ein sehr wechselvolles Kampfgeschehen erlebte. So wechselvoll, dass die Meisterschaft noch ein überraschendes Nachspiel haben sollte. Aber davon in ein paar Tagen an dieser Stelle mehr. Es liest Rosa Leu.
6 Minuten
Der Ku-Klux-Klan in der Weimarer Republik! Eben einen solchen Ableger des rassistischen und militanten U.S.-Amerikanischen Geheimbundes mit dem Namen „Orden der Ritter vom feurigen Kreuz“ hatte die Berliner Kriminalpolizei aufgelöst und zahlreiche Verhaftungen vorgenommen. Während das Pinneberger Tageblatt in unserer gestrigen Folge eine potentielle Gefährlichkeit dieses Bundes herausgestellte, klassifizierte der Hamburgische Correspondent am 11. September 1925 den deutschen Klan als wenig ernstzunehmende von Betrügern aus Profitgier begründete Organisation. Wo genau dazwischen die Wahrheit zu finden ist, ist kaum zu sagen. Die Tatsache, dass alle in diesem Kontext Angeklagten im Jahre 1926 vom Präsidenten Hindenburg durch eine Amnestie einer weiteren juristischen Verfolgung entzogen wurden, kann aber kaum als Argument für eine Harmlosigkeit der Gruppierung gelten. Es liest Frank Riede.
8 Minuten
Am 10. September 1925 sorgte die Berliner Kriminalpolizei mit einer Pressekonferenz für eine Sensation, indem sie von der Existenz und der Bekämpfung des „Ordens der Ritter vom feurigen Kreuz“ berichtete. Dieser Geheimbund soll nach dem Vorbild des amerikanischen Ku-Klux-Klan gebildet worden sein, unter Mitwirkung von Klan-Mitgliedern aus Übersee. Alle Tageszeitungen griffen diese Meldung auf, positionierten sich ganz unterschiedlich dazu, wie sehr diese Organisation, der eine Verbindung zu Fememorden im Umfeld des Küstriner Putschversuches zur Last gelegt wurde, ernst zu nehmen sei. Das Pinneberger Tageblatt war sich am selbigen Tage sicher, dass bei diesem „Ableger“ des Klans in Deutschaland ganz viel Mummenschanz dabei war, nahm aber die von der Polizei ermittelte personelle Überschneidung von völkischen Gruppierungen und diesem Geheimbund durchaus ernst. In unserer morgigen Folge präsentieren wir dann einen anderen Blick auf den Weimarer Ku-Klux-Klan. Heute liest Rosa Leu.
6 Minuten
Paul Löbe, nach dem heute das Funktionsgebäude des Deutschen Bundestages benannt ist, war einer der zentralen Figuren der Sozialdemokratie in der Weimarer Republik. Zwischen 1920 und 1933 war er durchgängig Mitglied des Reichstages und in dieser Zeit insgesamt 11 Jahre dessen Präsident. Ein besonderes Anliegen war ihm die Aussöhnung mit den europäischen Nachbarstaaten. Im Zuge dessen engagierte er sich in der 1922 gegründeten Paneuropa-Union und bemühte sich intensiv um einen Ausgleich mit Polen. Aber auch nach Frankreich richteten sich seine diplomatischen Bemühungen, wo er u.a. 1925 in Paris am XXIV. Weltfriedenskongress teilnahm. Von diesem und von den Ergebnissen des kurz zuvor in Marseille veranstalteten Zweiten Kongress der Sozialistischen Arbeiter-Internationale handelt sein Bericht im Hamburger Echo vom 9. September, den für uns Frank Riede liest.
11 Minuten
Richard Coudenhove-Kalergi wurde 1894 in Tokio geboren als Sohn eines österreichischen k.u.k. Diplomaten und seiner japanischen Gattin. Als Schriftsteller, Philosoph und Politiker begründete er 1924 die Pan-Europa-Union, wohl die älteste Einigungsbewegung Europas, der sich nach und nach zahlreiche Prominente anschlossen, wie Albert Einstein, Thomas Mann, Otto von Habsburg und Konrad Adenauer. Ein Jahr nach der Gründung befragte er zahlreiche europäische Intellektuelle und Politiker nach ihren Ansichten zu der Möglichkeit, die Vereinigten Staaten von Europa zu begründen. Interessant ist, dass der eigentlich in diesem Podcast durch sehr konservative bis nationalistische Positionen auffällig gewordene Hamburgische Correspondent in seiner Ausgabe vom 8. September diese Umfrage ausführlich abdruckt und auch den französischen Politikern Raum gibt. Eine Distanzierung von den pazifistischen Ideen lässt sich die Zeitung gleich zu Beginn dann noch nicht nehmen. Für uns lesen die Vereinigten Sprecher*innen von Auf den Tag genau, Rosa Leu und Frank Riede.
9 Minuten
Nachdem wir in der gestrigen Folge die Pferdedroschke verabschiedet haben, blicken wir heute mit dem Pinneberger Tageblatt vom 7. September 1925 in die damalige Zukunft des Automobils. Und dieser Blick orientierte sich an den Ford-Werken in den USA und führte zu der Frage, ob es denn auch bald ein „Volksfahrzeug“ in Deutschland geben würde. Der Autor ist darum bemüht, die aufgeregte Debatte zu beruhigen, und zeigt nüchtern die Gründe dafür auf, dass ein wirklich billiges Automobil zunächst nicht zu erwarten sei. Vermutlich schreibt hier der im Jahre 1925 79-jährige legendäre Automobil- und Motorenkonstrukteur August Wilhelm Maybach selbst. Hundertprozentig sicher können wir uns aber nicht sein. Der Artikel ist mit Dr. E. W. Maybach gezeichnet. Dabei würde der Doktortitel passen, da der Ingenieur 1916 eine Ehrendoktorwürde erhalten hatte, nur das „E.“ für den ersten Vornamen irritiert. Wie dem auch sei: Rosa Leu kontert für uns die Hoffnungen auf einen günstigen Wagen für alle.
6 Minuten
Von Pferden gezogene Fortbewegungsmittel verschwanden im Laufe der 1920er Jahre endgültig aus dem städtischen Verkehr und wurden durch Verbrenner- und Elektromotoren mit gleich mehreren Pferdestärken ersetzt. So hatte in Hamburg im Dezember 1922 die letzte Pferdebahnstrecke in Marienthal ihren Betrieb eingestellt. Und auch die Hamburger Pferdedroschken hatten bald ausgedient. Zu ihrer Verabschiedung fand am 6. September 1925 ein feierlicher Umzug statt. Zumindest finden wir - zusammen mit einem Blick in die Geschichte der Pferdedroschke - im Hamburger Echo dieses Tages eine Ankündigung des Abschiedsumzugs. Für uns blickt Frank Riede zurück.
7 Minuten
Syltisch – wer nicht weiß, was sich hinter dieser Bezeichnung für ein Wetter bzw. Klima verbirgt, dem seien der Artikel von Lisbet Dill aus dem Hamburger Anzeiger vom 5. September 1925 und die Lesung desselbigen von Rosa Leu hier in dieser Auf den Tag genau-Episode dringend empfohlen. Dass die Saison auf des Hamburgers liebster Insel seinerzeit noch eher kurz ausfiel, erfährt man dort genauso wie von den Vorzügen der Vor- und Nachsaison, welche die Autorin ausgiebig auskostet. Neben jeder Menge Sonne und Wind hatte Sylt, scheint es, auch schon vor einhundert Jahren sehr viel Flair und war dabei, glaubt man jedenfalls Lisbet Dills Reisebericht, unglaublicherweise auch noch einigermaßen günstig.
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Der Podcast mit täglich einer Zeitungsnachricht aus der Welt vor hundert Jahren