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Auf den Tag genau Archiv

2057 Episoden
12 Minuten
Das Berlin der 1920er Jahre war nicht nur berühmt für die große Zahl seiner großen und kleinen Theater, sondern, damit einhergehend, auch für die vielen in der Stadt ansässigen prominenten Schauspielerinnen und Schauspieler. Zu den gefeierten Stars jener Zeit gehörte Käthe Dorsch, die, ursprünglich aus der Oberpfalz stammend, seit 1911 in Berlin wirkte – zunächst noch als Operettensoubrette, bald aber schon als gefeierte Charakterdarstellerin an den bedeutendsten Bühnen. Ebenso wie die Berliner Morgenpost und die Vossische Zeitung leistete sich auch das 8-Uhr-Abendblatt im Frühjahr 1922 eine Porträtserie berühmter Berliner Persönlichkeiten. In diesem Rahmen widmete sich am 10. Juni der renommierte Publizist Kurt Pinthus der Dorsch und versuchte ihre Faszination zu ergründen. Für uns folgt ihm dabei Paula Leu.
7 Minuten
Nachdem wir gestern ein Porträt von Heinrich Zille gehört haben, folgt nun in der kleinen Porträt-Reihe eine weitere große, in Berlin tätige Persönlichkeit: Max Planck. Als Autorität in Sachen Physik in Deutschland, war er ja 1919 mit dem Nobelpreis des Jahres 1918 ausgezeichnet worden, war er Beständiger Sekretär der Preußischen Akademie der Wissenschaften, Gründer der Notgemeinschaft der deutschen Wissenschaft, Senator der Kaiser-Willhelm-Gesellschaft, die später zur Max-Planck-Gesellschaft werden sollte. Doch er war auch weiterhin Professor und hielt regelmäßig Vorlesungen. Und in eine dieser setzte sich Werner Bloch für die Vossische Zeitung und beschrieb den großen Wissenschaftler aus dieser kleinen Beobachtung heraus. Den Text druckte die Zeitung am 9. Juni 1922 ab und für uns drückte Frank Riede die Studienbank.
11 Minuten
Manchmal spült uns das Zeitungsarchiv Artikel ins Netz, die im Podcast eine Miniserie ergeben, obgleich sie vor einhundert Jahren unabhängig voneinander in unterschiedlichen Zeitungen erschienen. So beginnt heute eine dreiteilige Porträtreihe bei Auf den Tag genau. Den Anfang macht der Maler Heinrich Zille, der mit seinen in Arbeitervierteln und in Hinterhöfen gefunden Sujets vielleicht zu dem Künstler der Weimarer Republik avancierte, der gleichermaßen von der Kritik, der Kunstwelt, sowie von den von ihm Portraitierten selbst bewundert wurde. Lediglich die Sittenwächter nahmen an seinen freizügigeren Zeichnungen Anstoß. 1922 war er bereits einer der berühmtesten Berliner, konnte den Ruhm aber nur bedingt genießen, da 1919 seine geliebte Frau Hulda verstorben war und er, mittlerweile 64 Jahre alt, zunehmend an Gicht und Diabetes litt. Am 8. Juni 1922 porträtiert ihn die Berliner Morgenpost. Für uns begibt sich Paula Leu zu Zille und seinem „Milljöh“.
8 Minuten
Athen hat Piräus, Paris Le Havre, Sao Paolo hat Santos, Peking Tianjin. Und Berlin? Hatte früher Stettin. Fragen des Hafenwesens, der Löschung von Waren und des städtischen Handels interessierten Star-Kolumnist Sling bei seiner Reise ans Haff respektive in seinem dort entstandenen Bericht für die Vossische Zeitung vom 7. Juni 1922 freilich nur insoweit, als sie gewiss zu dem urban-maritimen Flair beitrugen, das Sling hier weit mehr in den Bann schlug als alle Restaurants und Rathausfassaden, die ihm sein mitgebrachter Reiseführer dröge aufreihte. Sein Ärger über dessen steif-bildungsbürgerliche Einfalt lässt Sling einen empörten Brief an die Redaktion des Baedeker verfassen. Bzw. seine kleine Hymne auf Stettin sich als Brief an die Redaktion des Baedeker maskieren. Gelesen hat ihn für uns Frank Riede.
6 Minuten
Zwischen den politischen Morden an Matthias Erzberger im August 1921 und an Walther Rathenau, um den es in weniger Wochen gehen wird, versuchte die monarchistisch-völkische Gruppe Consul eine weitere, wenn nicht die Symbolfigur der Weimarer Republik Philipp Scheidemann zu töten. Hatte er doch 1918 die Republik ausgerufen. Dabei war er Karl Liebknecht zuvorgekommen, was ihn zum Feid sowohl der rechten Militaristen als auch der Kommunisten machte – den Mordversuch unternahmen aber, wie schon erwähnt, drei Rechtsradikale. Scheidemann, 1922 Oberbürgermeister seiner Heimatstadt Kassel, ging am Pfingstsonntag, am 4. Juni mit seiner Tochter spazieren, als die Attentäter an ihn herantraten und ihm aus einem kleinen, an einem Spazierstock befestigten Gummiball Blausäure ins Gesicht sprühten. Er überlebte wohl, weil der Wind gerade so wehte, dass die Blausäure nicht in Mund und Nase eindringen konnte. Die Berliner Volkszeitung schilderte am 6. Juni den Tathergang und ordnete den politisch motivierten Mordversuch ein. Frank Riede liest.

An der Panke

10 Minuten
Im Westen und im Zentrum der Stadt, hieß es früher in Berlin, werde gelebt, im Süden, Osten und Norden gearbeitet. Die berühmtesten, berüchtigtsten und vor allem bevölkerungsreichsten Arbeiterquartiere lagen dabei nur knapp nördlich des historischen Stadtkerns in der Oranienburger und Rosenthaler Vorstadt, im Prenzlauer Berg und vor allem im Wedding, der gerade in Weimarer Zeit gleichermaßen als gefährlicher Brennpunktstadtteil dämonisiert wie als heimliches Herz der Hauptstadt idealisiert wurde. Der Autor Ossip Harlander stammt offensichtlich von hier und widmete seiner alten Heimat an der Panke in der Berliner Volks-Zeitung vom 5. Juni 1922 einen mit zahlreichen Reminiszenzen gespickten Bericht, der weder einseitig auf die Idylle, noch ausschließlich auf das Elend fokussiert. Angeschlossen bei seiner Rückkehr ins alte Milieu hat sich für uns Paula Leu.
9 Minuten
Wie schon mehrfach in unserem Podcast angeklungen, mehrten sich Anfang der Zwanziger Jahre die Analysen einer wirtschaftlich und politisch global verflochtenen Welt, für deren Probleme es auch globale Antworten zu finden gelte. Damals natürlich nicht, um den Planeten ökologisch zu retten, wie es aktuell vonnöten wäre, sondern auf der Suche danach, wie sich künftig Weltkriege verhindern ließen und ein Welthandel sich geschmeidig entwickeln könnte. Der Berliner Börsen-Courier nimmt das Pfingstfest zum Anlass, um am 4. Juni 1922 auf eine Geistausgießung in die Köpfe der Politiker zu hoffen, damit sie endlich auch zu der Einsicht gelangen, dass eines jeden Leid auch eines jeden anderen Leid ist. Eine elegante Formulierung des Stoßgebetes: „Herr, wirf Hirn vom Himmel“. Für uns hofft auf solch ein Pfingstwunder Frank Riede.
5 Minuten
Um 1900 war Hollywood eine kalifornische Gemeinde mit ca. 500 Einwohnern. Zehn Jahre später wurde es von New Yorker Filmproduzenten entdeckt, die sich dort einer nach dem anderen ansiedelten. Bereits 1920 entstand der Großteil der US-amerikanischen Filmproduktion in dieser Film-Stadt, auf deren Gelände unzählige Bauten als Kulissen für die unterschiedlichsten Genres und historische Epochen dienten. Am 3.6. 1922 berichtete das Friedenauer Tageblatt aus dem Herzen der Traumfabrik, in der, so erfahren wir, eigene Gleise und Farmen und Saloons zur Produktion der unzähligen Cowboy-Filme dienten, aber auch die indigene Bevölkerung Amerikas als eine Art lebendiges Inventar für diese Produktionen missbraucht wurde. Der Artikel beschreibt dies in der zeittypischen Terminologie. Paula Leu überbrückt für uns die Strecke Friedenau – Hollywood.
8 Minuten
Charlottenburg galt vor seiner Fusion mit Groß-Berlin im Jahr 1920 zwar zeitweise als die reichste Stadt Preußens; dicht besiedelte Mietskasernen mit dunkel-feuchten Hinterhäusern, in denen Armut, Rachitis und Tuberkulose blühten, gab es indes auch hier im goldenen Westen. Eine vielbeachtete Maßnahme, diese Missstände zumindest punktuell zu lindern, war die 1904 von der Charlottenburger Stadtverordnetenversammlung beschlossene und auch sofort in die Tat umgesetzte Gründung einer Waldschule im nahen Grunewald. Gesundheitlich besonders angeschlagenen Kindern wurde hier fortan, anfangs nur im Sommerhalbjahr, eine kostenlose Beschulung im Grünen ermöglicht, die, wenn das Wetter es zuließ, teilweise sogar im Freien erfolgte – ärztliche Betreuung und nahrhafte Verköstigung inklusive. Die Neue Zeit aus Charlottenburg berichtet am 2. Juni 1922 nicht ohne Lokalstolz vom Tagesablauf in der Gemeindeschule im Wald, wenngleich sie ihre Enttäuschung nicht ganz verbergen kann, dass der Zugang zu der sechs Jahre später gegründeten Höheren Waldschule gleich nebenan nicht ganz so inklusiv geregelt war. Es liest Frank Riede.
7 Minuten
Die Kunstsinnigkeit der Wienerinnen und Wiener und speziell ihr Enthusiasmus für Musik und Theater sind bis heute weltberühmt. Nicht von ungefähr, sagt man, sei Wien die einzige Stadt auf der Welt, in der man beim Taxifahrer erfragen könne, was abends wo gespielt würde. Wie wir in unserem heutigen Artikel aus der Vossischen Zeitung vom 1. Juni 1922 erfahren, wurde an dieser Legende (die möglicherweise gar keine Legende ist) auch schon seinerzeit kräftig gestrickt. Autor Karl Lahm führt dort aus, was viele Künstlerinnen und Künstler auch heutzutage unterschreiben würden: Der Applaus in Wien ist in puncto Begeisterungsfähigkeit wie in puncto Differenziertheit mit nichts zu vergleichen. Vom berühmten Sonderfall des Wiener Burgtheaters, vormals Hoftheaters, an dem es bis sage und schreibe 1983 nicht üblich war, dass seine Ensemblemitglieder zum Beifall vor den Vorhang traten, weil es als für „Schauspieler Seiner Majestät“ nicht schicklich galt, sich vor dem einfachen Volk zu verbeugen, ist im Artikel wie überhaupt von Schauspielhäusern nicht die Rede. Es liest Paula Leu.
9 Minuten
Dass ein Zeitungspodcast über die 1920er Jahre über kurz oder lang beinahe unvermeidlich auch zu einem Who is Who der großen Literaten gerät, ist an dieser Stelle eigentlich unnötig zu erwähnen. Gabriele Tergit, Joseph Roth, Hermann Hesse, Gerhard Hauptmann, die Manns ... – sie alle waren zum Broterwerb oder aus anderen Gründen bisweilen auch journalistisch tätig und sind hier bei Auf den Tag genau in den letzten zweieinhalb Jahren entsprechend ein- und ausgegangen. Mit dem heutigen Tag tritt nun auch Robert Musil in diesen Kreis. Musil lebte seit dem Ende des Ersten Weltkriegs gleichfalls überwiegend in Berlin und schrieb in dieser Zeit nicht nur am Mann ohne Eigenschaften, sondern veröffentlichte gelegentlich auch kleinere Texte in der hauptstädtischen Presse, zum Beispiel ‘Die Affeninsel‘ am 31. Mai 1922 in der Vossischen Zeitung. In diesem Sinne willkommen im Club, lieber Robert! Frank Riede führt dich bei uns ein.
7 Minuten
Die älteste Moschee in Deutschland war der zwischen 1915 und 1930 bestehende Sakralbau im brandenburgischen Wünsdorf vor den Toren Berlins. Auf dem Gelände eines Kriegsgefangenenlagers, in dem überwiegend Gefangene muslimischen Glaubens interniert waren, genehmigte das Kriegsministerium den Bau eines hölzernen Gotteshauses. Nach dem Kriege kehrten die meisten Gefangenen in ihre Herkunftsländer zurück, es blieb aber eine etwa 90köpfige Gruppe zurück, die die Moschee als religiöses Zentrum weiternutzte, und zu besonderen Festen ihre Türen für interessierte Berliner öffnete. So auch zum Ende des Fastenmonats Ramadan 1922, dem 28. Mai, als der Schriftsteller Erdmann Graeser für die Vossische Zeitung die Moschee und ihre Gemeinde besuchte. Seinen Bericht darüber druckte die Zeitung am 30.5. ab, und Frank Riede trägt ihn für uns vor, wobei er, wie es Graeser tut, die türkische und persische Bezeichnung des Fastenmonats nutzt: Ramasan.
4 Minuten
Nein, Viktor Orbán hat vor einhundert Jahren natürlich noch nicht in Ungarn regiert. Der nachfolgende Bericht aus dem Vorwärts vom 29. Mai 1922 über die ungarischen Parlamentswahlen am vorausgegangenen Wochenende lässt aber durchaus einige Parallelen zu heutigen ungarischen Parlamentswahlen erkennen bzw. veranschaulicht zumindest deutlich, wie gut man bei der FIDESZ seinen Hórthy studiert hat. Willkürliche Verhaftungen von oppositionellen Kandidaten sind aus dem Ungarn des 21. Jahrhunderts zwar nicht bekannt. Andere Aspekte, von denen der Artikel kündet, die Diskriminierung und Einschüchterung von Regierungskritikern, die Instrumentalisierung von Minderheitenfragen und das drastische Stadt-Land-Gefälle, sind hingegen sehr wohl wiederzuerkennen. Paula Leu weiß Näheres.
9 Minuten
Wie schmeckte das Speiseeis, das die Straßenkarren-Verkäufer mit dem beginnenden Sommer 1922 in Deutschlands Städten verkauften? Das werden wir wohl nicht so einfach erfahren. Immerhin finden wir im Berliner Tageblatt vom 28. Mai einen Artikel, der sich mit dem Speiseeis und den Eisgetränken und ihren Mixturen beschäftigt. Das bringt uns dem Geschmack natürlich nur bedingt näher. Die offensichtlich häufige Beimischung von alkoholischen Getränken zu dem Eis könnte uns aber vermuten lassen, dass die geschmacklich intensiven Sherrys und Liköre überdecken sollten, was an gutem Geschmack der Eismasse fehlte. Vielleicht tuen wir aber auch dem Eis der Zwanziger unrecht. Frank Riede arbeitet sich für uns durch die Eissorten.
7 Minuten
Unabhängigkeitsbestrebungen sind kein Phänomen, das erst dort zu beobachten ist, wo sich ein Gemeinwesen selbst als Nation definiert; vielmehr beginnt derlei oftmals buchstäblich schon vor der eigenen Haustür. Hörer*innen, die diesem Podcast schon länger die Treue halten, werden sich an die Querelen erinnern, die sich mit der Konstituierung von Groß-Berlin im Jahr 1920 auch in den Zeitungen abbildeten, und die Widerstände gegen diesen Zusammenschluss der Hauptstadt mit zahlreichen ihrer Vororte waren, wie unsere heutige Folge belegt, auch zwei Jahre später keineswegs ausgestanden. Das Cöpenicker Tageblatt vom 27. Mai 1922 schaut interessiert auf separatistische Bewegungen in einigen Nachbarorten sowie im Kreis Teltow und leitet daraus einen Aufruf auch an die Köpenicker Bevölkerung ab, für eine Rückkehr zur Unabhängigkeit von Berlin zu kämpfen. Die Gründe, die dafür ins Feld geführt werden, kennt Paula Leu.
Auf den Tag genau

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Der Podcast mit täglich einer Zeitungsnachricht aus der Welt vor hundert Jahren