Auf den Tag genau Archiv
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Im Schock über die kaltblütige Mordtat gegen Außenminister Walther Rathenau war die Einigkeit aller im Reichstag vertretenen Parteien mit Ausnahme der Deutschnationalen groß. In eine schlagkräftige Regierungsmehrheit ließ sich diese fatalerweise aber auch nach dem 24. Juni 1922 nicht umsetzen. Der Vorwärts vom 10. Juli musste deswegen schon wieder eine Krisenstimmung aus dem Reichstag vermelden, die sich vor allem aus der Zwietracht hinsichtlich der Frage speiste, ob es in dieser schwierigen Situation Neuwahlen zum Reichstag geben sollte oder nicht. Die Haltung der Sozialdemokraten dazu kennt Frank Riede.
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In der Kreisstadt Hörde, die 1928 in die Stadt Dortmund eingemeindet wurde, befand sich in den 1980er Jahren nicht nur die Schule, die einer der Podcaster von Auf den Tag genau in seiner Jugend besuchte, sie hatte in den Zwanzigern als Industriestandort eine linke Mehrheit der Stadtverordneten, die eine Umbenennung der aus Zeiten der Monarchie stammenden Straßennamen durchsetzte. Neben Größen der Arbeiterbewegung diente gar Max Hölz, der linke Bandenführer, der an unzähligen Gewalttaten und Anschlägen beteiligt war, als Namensgeber. Das ging dann auch der Freiheit vom 9. Juli zu weit, die Hörde als Beispiel für Straßen-Umbenennungen in Berlin heranzog. Es liest Paula Leu.
4 Minuten
Und noch einmal weichen wir an den Stadtrand aus, weil die meisten originär hauptstädtischen Tageszeitungen wegen des Berliner Druckerstreikes auch am 8. Juli 1922 noch immer nicht erschienen. Nachdem wir bislang schon nach Köpenick und sonst vor allem in den Norden der Stadt geschaut haben, geht es heute in den äußersten Süden der Stadt. Das Lokalblatt mit dem etwas sperrigen Namen Berlin-Lichtenrader Zeitung und Anzeiger kreist in seinen von uns ausgewählten Nachrichten dabei zum einen tatsächlich und buchstäblich um den eigenen Kirchturm. Zum zweiten, erfahren wird, konnte man in Lichtenrade aber seinerzeit auch noch ins Kino gehen. Frank Riede hat das für uns getan.
4 Minuten
Was haben die heutigen Berliner Stadtteile Wedding, Lichtenberg, Tegel, Pankow und Friedrichshagen sowie etliche ungenannte gemeinsam? Sie gehörten alle einst einmal zum Landkreis Niederbarnim, bevor sie mit der wuchernden Hauptstadt verschmolzen und in diese peu à peu 1861, 1908, 1920 eingemeindet wurden. Der Landkreis Niederbarnim bestand trotzdem noch bis 1952 fort, und es erschien dort auch weiterhin ein Niederbarnimer Kreisblatt. Dieses beteiligte sich 1922 nicht am Streik der Berliner Zeitungsdrucker und konzentrierte sich, zumindest in unserer Auswahl vom 7. Juli, auch überwiegend auf Nachrichten aus dem märkischen Raum. Es liest Paula Leu.
4 Minuten
Am 1. Juli hatten wir den Aufruf zur republikanischen Kundgebung im Programm. Diese hatte nun am 4. stattgefunden und der Vorwärts vom 6. Juli widmet sich in einem kleinen Feuilleton nicht dem Kerngeschehen des Massenaufmarsches, sondern beobachtet die bürgerlichen Beobachter der Kundgebung, die auf ihrem Balkon verblieben sind und somit für eine passive Haltung optiert haben. Für uns steht unter dem Balkon Frank Riede.
6 Minuten
Auch am 5. Juli 1922 ging der Druckerstreik in Berlin weiter, allerdings erschienen wieder die linken Parteizeitungen: die Freiheit, die Rote Fahne und der Vorwärts. Und so wirft für uns ein Autor des Vorwärts, der den Artikel mit Ovid zeichnet, einen Blick in eine glückliche Zukunft. 1950 spielt die Szene, in der die völkischen, faschistischen und antisemitischen Kräfte überwunden sind und lediglich die Alten den Kindern davon erzählen. Mit 1950 hat der Ovid der Arbeiterzeitung durchaus ins Schwarz-Rot-Goldene getroffen, doch was der Weg bis dahin bereithielt, davon hatte er wohl auch in seinen pessimistischsten Prognosen keine Vorstellung. Für uns beschaut Frank Riede das zukünftige Panoptikum.
5 Minuten
Die heute in unserem Podcast debütierenden Nordbahn-Nachrichten adressierten, wie bereits ihr Titel verrät, Leserinnen und Leser aus den Orten entlang der die Hauptstadt mit der Ostsee verbindenden Nordbahn: Frohnau, Stolpe, Hohen Neuendorf, Birkenwerder. In die als Ausflugsziel seit eh und je beliebte Schorfheide führte die Nordbahn indes nicht; dafür ist ihr Verlauf zu westlich. Ob ihr Artikel vom 4. Juli 1922 über einen Ausflug zum Werbellinkanal dennoch mit interessanten Geheimtipps von dort aufwarten kann, weiß Frank Riede.
4 Minuten
Nachdem der Streik der Hauptstadtpresse uns bei unserer Textauswahl gestern nach Köpenick hat ausweichen lassen, wenden wir uns heute geographisch in die entgegengesetzte Himmelsrichtung. Obwohl Pankow, Wilhelmsruh, Schönholz etc. längst eingemeindet waren, beteiligten sich auch die Drucker des Nördlichen Vorortboten nicht am Ausstand ihrer Berliner Kollegen und verhelfen ihrem Wochenblatt auf diese Weise 100 Jahre später zu seinem Debüt bei Auf den Tag genau. Große Hintergrundberichte waren in der Vorstadtpresse jener Tage eher rar gesät, weshalb wir uns auch heute auf die dort abgedruckten Faits divers, also kleine und vermischte Nachrichten aus der großen und der kleinen Welt stürzen. Das Wort hat Frank Riede.
4 Minuten
Die alte stolze Wasserstadt Köpenick gehörte wie so viele Eingemeindungen seit dem 1. Oktober 1920 zu Groß-Berlin. Manche Grenzen verliefen indes auch im Sommer 1922 noch nicht entlang der neuen politisch-administrativen Ordnung. Während die Hauptstadtpresse seit Anfang Juli mal wieder durch einen Druckerstreik lahmgelegt war, erschienen zahlreiche Vorstadtzeitungen weiter – und retten in den nächsten Tagen das Programm von Auf den Tag genau. Das Cöpenicker Tageblatt vom 2. Juli 1922 versorgt uns heute mit Kurznachrichten, in denen wir nicht zuletzt erfahren – so schließt sich der Kreis –, dass Berliner Verlage bestreikt würden und die entsprechenden Zeitungen deshalb nicht erschienen. Es liest Frank Riede.
6 Minuten
Nach der Ermordung Rathenaus sollte sich die Republik, nach Ansicht vieler Reichstagsabgeordneter, stärker gegen die extremistischen Angriffe wehren. Dazu wurde das „Gesetz zum Schutze der Republik“ auf den Weg gebracht, das ein höheres Strafmaß für politisch motivierte Anschläge vorsah, Organisationen, die sich gegen die Republik als Staatsform richteten, verbieten sollte, und einen eigenen Staatsgerichtshof zum Schutze der Republik schaffen wollte. Um das zu realisieren war eine Zweidrittelmehrheit notwendig. Am 1. Juli 1922 war die Verabschiedung, die dann 18. Juli erfolgte, noch alles andere als gesichert, weshalb die SPD mit dem Aufruf zu einer Groß-Kundgebung öffentlichen Druck aufbauen wollte, der im Vorwärts abgedruckt wurde. Paula liest.
8 Minuten
Seit Jahren diskutieren wir die Frage, wie sehr die digitale Revolution mit ihren Künstlichen Intelligenzen ganze Berufszweige abschaffen könnte. Laut so manchem Entwickler geht es den Straßenbahn-Fahrer_innen an den Kragen. Diese würden bald, Pilotprojekte laufen bereits, von selbstfahrenden Straßenbahnen ersetzt. In diesem sehr konkreten Feld des öffentlichen Straßenbahnverkehrs begann die letzte Revolution, vor der digitalen, bereits 1922 – es ging den Schaffnern an den Kragen. Ganz im Sinne einer Gewinnmaximierung galt es die Personalkosten zu senken und es wurde mit sog. „Einmannwägen“ experimentiert. Der Fahrer sollte nicht nur fahren, sondern sich auch um die Fahrscheine kümmern. Erdmann Graeser fuhr für die Vossische auf der Teststrecke mit und berichtete, wie gewohnt launig, in der Ausgabe vom 30. Juni. Für uns liest Frank Riede.
5 Minuten
Auch am fünfte Tag nach dem Attentat auf Walther Rathenau stand die Republik unverändert unter Schock, aber die Welt drehte sich weiter und produzierte anderswo natürlich längst wieder neue und nicht selten gleichfalls blutige Nachrichten, von denen einige ihren Weg auch wieder in die Berliner Presse fanden. Das Berliner Tageblatt blickt am 29. Juni 1922 mal wieder nach Dublin, wo der irische Widerstand gegen die britische Herrschaft 1921 zum sogenannten Anglo-Irischen Vertrag geführt hatte. Irland bzw., präziser, seine südlichen fünf Sechstel waren darin zum Irischen Freistaat erklärt, dem dort, zwar unter dem Dach des British Empire verbleibend, weitgehende politische Selbstbestimmungsrechte zugestanden wurden. Statt zum Frieden führte seine Ratifizierung indes direkt in den Irischen Bürgerkrieg. Über dessen Entwicklung im Sommer 1922 informiert uns Paula Leu.
6 Minuten
Ein Unheil kommt selten allein. Walther Rathenau war nach seiner Ermordung durch rechte Republikfeinde am 24. Juni 1922 noch nicht beerdigt, da erschütterte die deutsche Hauptstadt drei Tage später ein schweres S-Bahn-Unglück, und beides stand auch noch in einem nicht anders als tragisch zu bezeichnenden ursächlichen Zusammenhang. Wegen der Trauerfeier für Rathenau legte das Personal der Berliner Verkehrsbetriebe am Nachmittag des 27. Juni die Arbeit nieder. Anders als U-Bahn, Straßenbahn und Omnibusse verkehrte die Ringbahn indes weiter und war zur Rush Hour entsprechend so überfüllt, dass sich zahlreiche Reisende – wie damals offenbar nicht völlig ungewöhnlich – auf den Trittbrettern drängten. Es reichte eine unglücklich mitgeführte Holzlatte, und die Katastrophe nahm ihren Lauf. Was die B.Z. am Mittag vom 28. Juni bereits über Hergang und Hintergründe wusste, liest Frank Riede.
8 Minuten
Der 1841 in Frankreich geborene Gustave le Bon gilt als einer der Begründer der Massenpsychologie. Seine Schriften zur Psychologie der Massen (1895), Psychologie des Sozialismus (1898), Psychologie der Erziehung (1902) wurden auch im deutschsprachigen Raum breit gelesen und diskutiert. Im Sommer 1922 erschien in einer Übersetzung ins Deutsche seine Schrift aus dem Jahre 1984 „Die psychologischen Grundgesetze der Völkerentwicklung“, was die Vossische Zeitung veranlasste, le Bon das Wort zu geben und einen kleinen Ausschnitt aus dem Buch in ihrer Ausgabe vom 27.7.1922 abzudrucken. Es geht um ein Thema, mit dem sich die Menscheit damals wie heute beschäftigt: um die Macht der Illusionen. Paula verleiht ihm ihre Stimme.
21 Minuten
Wie sehr die Weimarer Republik von dem Rathenau-Mord aufgewühlt war, zeigt sich auch in der bis heute beachteten Rede des Reichskanzlers Josef Wirth, die dieser am 25. Juli 1922 im Reichstag hielt. Wie wir es auch heute leider etwa aus den USA kennen, konterten die rechten Demokratiefeinde die Kritik an ihrer Hetze und ihren Gewaltaufrufen gerne mit dem Hinweis auf die Gefahr, die der Gesellschaft durch die Gewalt von links drohe. Wirth bezieht als Mitglied der katholischen Zentrumspartei, als Repräsentant der bürgerlichen Mitte, klar Stellung, indem er die seiner Meinung nach mindestens mittelbar für die ideologisch motivierte Gewalt verantwortlichen völkisch-nationalistischen Parteien verantwortlich macht. Wir haben gemeinsam mit Frank Riede beschlossen, dass er die gesamte Rede Wirths einliest. Die heutige Folge wird dadurch etwas länger, aber dafür machen wir dieses zeitlose Dokument zugänglich. Wir folgen dem Abdruck der Rede aus der Vossischen vom 26.7.1922.