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Auf den Tag genau Archiv

2057 Episoden
5 Minuten
Unter den verschiedenen Strömungen der musikalischen Moderne des frühen 20. Jahrhunderts war der Weg Arnold Schönbergs und seiner sogenannten Zweiten Wiener Schule zweifellos ein besonders kühner und entsprechend heftig angefeindeter. In den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg gerieten etliche Aufführungen der ‘frei-atonalen‘ Kompositionen eben von Schönberg, Berg oder Webern in Wien und Prag in erhebliche Turbulenzen und gingen auch wegen der um sie geführten Saalschlachten respektive als „Watschenkonzert“ in die Geschichte ein. In den 1920er Jahren verlagerte Schönberg seinen künstlerischen Lebensmittelpunkt zunehmend nach Berlin, und auch hier wiederholten sich die Konflikte um sein Werk. Die Rezension seines Pierrot Lunaire im Berliner Börsen-Courier vom 8. Oktober 1922 ‘würdigt‘ kurz die skandalhaften Umstände auch dieses Konzertabends, zeigt sich dann aber doch vornehmlich an der Musik interessiert. Es liest Frank Riede.
11 Minuten
Schon seit Monaten blickten die Berliner Zeitungen nach Italien und kommentierten den Aufstieg der Faschistischen Bewegung an dessen Spitze sich Benito Mussolini stellte. Aus lose verbundenen Squadren ging Ende 1921 die „Nationale Faschistische Partei“ hervor, die bald schon über 300.000 Mitglieder zählte. Im September und Oktober 1922 wurde von den Faschisten recht offen eine Machtübernahme angestrebt und mit einem „Marsch auf Rom“ gedroht. Quasi als Probelauf kann der „Marsch auf Bozen“ gelten, in dem in den ersten Oktobertagen Bozen mit bewaffneten Gruppen besetzt wurde, um dort gegen den deutschsprachigen Einfluss vorzugehen. Die durchgesetzte Absetzung des Bürgermeisters rief keine nennenswerte Gegenwehr der italienischen Staatsgewalt hervor, was sicherlich einen „Marsch auf Rom“ näher rücken ließ. Dennoch verblüfft es, mit welcher Klarheit und Zwangsläufigkeit Manfred Georg für die Berliner Volks-Zeitung am 7. Oktober die Ereignisse, die da kommen würden, prophezeite. Es liest Frank Riede.

Bibliomanen

9 Minuten
Die krankhafte Liebe zu Büchern und die damit verbundene Sammelleidenschaft geht oftmals zu Lasten der öffentlichen Bibliotheken, denen entliehene Bücher nicht zurückgebracht werden. Der Schriftsteller und Journalist Fedor von Zobeltitz, Mitbegründer der “Gesellschaft der Bibliophilen” und selber passionierter Büchersammler, wirft in seinem Artikel für die Vossische Zeitung vom 6. Oktober 1922 anlässlich eines Prozesses zu umfangreichem Bücherdiebstahl, bei dem er als Sachverständiger beteiligt war, Schlaglichter auf berühmte und abgründige Fälle von kriminellem “Bücherwahn” der Geschichte. Paula Leu ist für uns bei diesem true-crime-Streifzug zu den Bibliomanen dabei.
9 Minuten
Dass ein gerade 24jähriger Jungdramatiker, der, abseits der Hauptstadt, soeben sein allererstes Stück auf die Bühne gebracht hatte und zuvor allenfalls mit etwas Kleinkunst auffällig geworden war, mit einem spaltenlangen Porträt geehrt wurde, passierte selbst im üppigen Feuilleton des Berliner Börsen-Courier nicht alle Tage. Dessen Theaterkritiker Herbert Ihering bewies jedoch einen sehr guten Riecher, als er es am 5. Oktober 1922 nicht bei einer Rezension der Münchener Uraufführung von Trommeln in der Nacht bewenden ließ, sondern diese zum Anlass nahm, ihren Autor Bertolt Brecht – von niemand anderem ist hier nämlich die Rede – kurzerhand zur größten Begabung der zeitgenössischen deutschen Dramatik auszurufen. Ihering hatte, wie wir erfahren, bereits auch die noch nicht aufgeführten Stücke Baal und Im Dickicht gelesen und erspürt, dass hier ein Dramatiker aus der Modewelle expressionistischer Zeitstücke herausragte. Er sollte sich bekanntlich nicht täuschen. Es liest Frank Riede.

Der Astronom

7 Minuten
Wohl nichts auf der Welt hat den Menschen seit eh und je so fasziniert wie der Blick in der Sterne. Der technische Fortschritt ließ das, was man dort zu sehen bekam, mit der Zeit immer plastischer und konkreter werden und zunehmend auch Laien an diesem astronomischen Abenteuer teilhaben, und das durchaus nicht nur in den vielerorts mittlerweile bestehenden Planetarien. Das 8-Uhr-Abendblatt berichtet in seiner Ausgabe vom 4. Oktober 1922 von einem offensichtlich philanthropisch gesonnenen Zeitgenossen, der ein Teleskop sein Eigen nannte und dies für einen verschwindend geringen Obolus seinen Zeitgenossinnen und Zeitgenossen zur Verfügung stellte. So konnte man namentlich am Wittenbergplatz seinerzeit noch weit höher hinaus reisen als nur bis in die Lebensmittelabteilung des KadeWe. Frank Riede war für uns dabei.
11 Minuten
Das Attentat auf Außenminister Walther Rathenau am 24. Juni 1922 hatte die fragile deutsche Republik erschüttert wie kein Ereignis zuvor. Nachdem die fieberhafte Suche nach den Tätern anfangs wenig erfolgreich verlief, führten Zeugenaussagen in Thüringen die Polizei schließlich auf die Schliche der mutmaßlichen Schützen Erwin Kern und Hermann Fischer, die bei dem Zugriff jedoch beide – in einem Fall durch eine Polizeikugel, im anderen durch Suizid – ums Leben kamen. Es blieben 13 weitere Verdächtige, denen ab dem 3. Oktober 1922 unter großer Anteilnahme der Öffentlichkeit vor dem neugebildeten Strafgerichtshof der Republik in Leipzig der Prozess gemacht wurde. Den Auftakt dazu nahm im Berliner Tageblatt dessen renommierter Ressortleiter für Innenpolitik Ernst Feder zum Anlass für einen Kommentar, in dem er seiner Hoffnung Ausdruck verlieh, dass die Weimarer Justiz sich diesmal nicht wieder auf dem rechten Auge als blind erweise und endlich auch die Hintermänner und Financiers des rechten Terrors zur Rechenschaft ziehe. Sein Plädoyer liest Paula Leu.
5 Minuten
Die Zustände in den großen Arbeiter-Wohnblöcken in Neukölln, im Wedding, oder im Prenzlauer Berg sind hinlänglich bekannt. Geteilte vormoderne Sanitäranlagen, Großfamilien oder mehrere Familien in einer beengten Wohnung, Dunkelheit, Betten, die man sozusagen im Schichtbetrieb untereinander teilt. Für die Familien, die in diesen Siedlungen lebten, war ein Sommerurlaub in der Natur, am Meer, auf dem Land schlichtweg nicht finanzierbar. Drum organisierten Wohlfahrtsverbände Sommerurlaube für Kinder bei temporären Pflegefamilien in ländlichen Gegenden. Rund 75.000 Kindern wurde so eine Erholung in gesunderer Umgebung ermöglicht. Erdmann Graeser nimmt für die Vossische Zeitung vom 2. Oktober 1922 die letzten Heimkehrenden am Bahnhof in Empfang. Seine Eindrücke liest Frank Riede.
10 Minuten
Natürlich wurden die Grenzen des Wachstums prominent mit der gleichnamigen Publikation des Club of Rome 1972 ins öffentliche Bewusstsein gebracht. Seit der Zeit ringen wir mir den Konsequenzen dieser Erkenntnisse – mal weniger, zum Glück aktuell endlich auch mal mehr. Das begrenzte Vorkommen von Ressourcen war schon viel länger bekannt. Der 1859 geborene schwedische Nobelpreisträger für Chemie Svante Arrhenius machte auf die Schwindenden Mengen von Erdöl, Kohle und Metallen aufmerksam. Das Berliner Tageblatt druckte am 1. Oktober 1922 einen diesbezüglich aussagekräftigen Abschnitt des Buches „Die Chemie und das moderne Leben“ von ihm ab. Arrhenius zählt darüber hinaus zu den ersten Wissenschaftlern, die eine Verbindung von Erderwärmung und menschengemachten Kohlendioxid-Emissionen postulierten – da erscheint es schon beinahe zwingend, dass Arrhenius Mutter tatsächlich eine geborene Thunberg war. Paula Leu schaut mit uns auf die Zukunft der Energievorräte.
7 Minuten
Am 11. April 2020 hatte sie ihre Premiere bei uns im Podcast, heute nimmt sie ihren – vorläufigen – Abschied: Die Freiheit, die Parteizeitung der Unabhängigen Sozialdemokratischen Partei Deutschlands, war am 15. November 1918 erstmals erschienen und stellte nach dem Nürnberger SPD-Parteitag im September 1922, auf dem das Gros der USPDler in den Schoß der Mutterpartei zurückkehrte, – vorläufig – ihr Erscheinen ein. In ihrer letzten Ausgabe vom 30. September erläutert Wilhelm Dittmann, einst Mitbegründer der USPD und nun einer der Wortführer unter den Rückkehrern, einige Beweggründe für die erfolgte ‘Bündelung der proletarischen Kräfte‘ und empfiehlt den Leserinnen und Lesern der Freiheit fürderhin wieder die Lektüre des Vorwärts als neuem alten Zentralorgan einer wiedervereinigten Sozialdemokratie. Dem leisten wir bei Auf den Tag genau ohnehin bekanntlich regelmäßig Folge. Adieu zur Freiheit sagt für uns – vorläufig – Frank Riede.
6 Minuten
Unter den vielen politisch-ökonomischen Herausforderungen der jungen Weimarer Republik war die der Nahrungsmittelversorgung einer stetig wachsenden Bevölkerung unter den Bedingungen der geschrumpften Nachkriegswirtschaft nicht die kleinste. Die Aufgabe, namentlich die Menschen in den Städten mit ausreichend Lebensmitteln auszustatten, reduzierte sich dabei nicht auf Fragen der Produktion, sondern war auch eine von Transport und Lagerung. Entsprechend neugierig beobachtete man den technischen Fortschritt, der sich seinerzeit auf dem Gebiet der Konservierung von Nahrungsmitteln durch Tiefkühlung abzeichnete. Der heimische Kühlschrank mit Tiefkühlfach war natürlich noch fernste Zukunftsmusik. Immerhin aber konnte der Berliner Lokal-Anzeiger am 29. September 1922 spektakuläre Fortschritte vermelden, was den Weg zum Verbraucher, will in diesem Fall immerhin heißen: die Kühlkette über den Atlantik betraf. Für uns am Rio de la Plata war Paula Leu.
6 Minuten
Kaum eine Frucht prägt in so vielfältigen Variationen unsere Speisepläne wie die Tomate. Auch schon vor einhundert Jahren, erfahren wir aus der Deutschen Allgemeinen Zeitung vom 28. September 1922, erfreute sich selbige großer Beliebtheit, wenngleich sie wegen der damals noch gegebenen jahreszeitlichen Beschränkungen lange nicht so omnipräsent in Topf und Salatschüssel gewesen sein dürfte wie heute. Die Liebeserklärung von Anna Kappstein klingt entsprechend denn auch wie ein Panegyrikus auf ein beinahe noch exotisches Gewächs, das bezeichnenderweise heute wie damals nicht nur in Österreich als Paradeiser: als Paradiesapfel verklärt wurde und wird. Für uns preist es Frank Riede.
8 Minuten
Legt man die Frequenz der Berichterstattung in der Berliner Tagespresse zugrunde, so war der beliebteste Sport in den frühen 1920er Jahren nicht Fußball und nicht Boxen, weder Motor-, noch Wintersport, sondern das gute alte Pferderennen. Konkurrenz bekamen die großen Vierbeiner seinerzeit aber offensichtlich von kleineren Vierbeinern: Der Berichterstatter der Neuen Zeit hat sich zunächst geziert, dann aber doch zum Besuch eines Hunderennens im Grunewald überzeugen lassen und zeigt sich in seinem Artikel vom 27. September 1922, wenn auch nicht enthusiasmiert, so doch durchaus angetan von der Veranstaltung. Es liest Paula Leu.
10 Minuten
Ein Wesenszug von modernen totalitären Systemen besteht in der Verbreitung von Angst, die sich aus einer nur nach außen hin auf Gesetzen basierenden Gewalt speist, welche vielmehr willkürlich ist und jederzeit und überall jeden treffen kann. Auf ein neues und grausiges Niveau hob diesen Unterdrückungsmechanismus das junge bolschewistische Russland. Im Dezember 1917 wurde eine Geheimpolizei mit großen Vollmachten unter dem Kürzel Tscheka gegründet, ausgeschrieben und übersetzt lautete der Name: Außerordentliche Allrussische Kommission zur Bekämpfung von Konterrevolution, Spekulation und Sabotage. Von ihnen Zuhause, auf der Straße oder auf dem Arbeitsplatz zu einem Gespräch abgeholte Personen tendierten dazu, nie mehr wieder aufzutauchen. Von diesem Alltagsterror berichtet für die Vossische Zeitung vom 26. September 1922 die 1880 geborene Archäologin Tatiana Warscher, die später Russland verließ und sich Ausgrabungen in Pompeji widmete. Es liest Frank Riede.
6 Minuten
Die Geschichte der Arbeiterparteien ist gefüllt von Abspaltungen, Wiedervereinigungen, und oftmals erbitterter Feindschaft. Aus einer Abspaltung des eher linkeren Flügels der SPD, der damit gegen eine Unterstützung des Kriegskurses der Reichsregierung protestierte, entstand im Jahre 1917 die USPD, die Unabhängige Sozialdemokratische Partei Deutschlands, deren publizistisches Organ, die „Freiheit“, diesem Podcast immer wieder Futter geliefert hat. Die USPD lavierte mehrere Jahre zwischen den Positionen der SPD und denen der Kommunistischen Partei, durchlief aber auch schwere Krisen, etwa in der Entfremdung des Gründungsmitgliedes Karl Kautsky von der Partei. Am 24. September 1922 kehrte der nun eher rechtere Flügel der USPD und mit ihm etwa zwei Drittel der Mitglieder in den Schoß der Mehrheits-Sozialdemokratie zurück. Zahlreiche andere Mitglieder wiederum traten der KPD bei, so dass nur noch eine kleine Splitterpartei zurückblieb. Die Freiheit vom 25. September feiert diese historische Wiedervereinigung – und mit ihr Paula Leu.
12 Minuten
Dass der heute für seine gern im Dialekt gehaltenen Berlinromane bekannte Erdmann Gräser in der Vossischen Zeitung vom 24.9.1922 mit einem Reisebericht in Erscheinung tritt, ist an sich schon eine Überraschung. Dass diese Reise auch noch eine Weltreise mit erstem Ziel Konstantinopel sein soll, lässt einen staunen. Und doch nimmt Gräser seine Leser mit auf eine Fahrt gen Osten, mit wenig Gepäck, aber Unmengen nützlichem Kram in den Taschen. In Trampke muss der Zug gewechselt werden, In Jakobshagen wird Mokka aus gebrannter Gerste zubereitet und endlich am Ziel angekommen läuft einem gleich am Stadtrand der letzte noch verbliebene Hund von Konstantinopel in die Beine. Eine Komische Weltreise. Es liest Frank Riede.
Auf den Tag genau

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Der Podcast mit täglich einer Zeitungsnachricht aus der Welt vor hundert Jahren