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Auf den Tag genau Archiv

2057 Episoden
11 Minuten
Für die kulturelle Vielfalt Berlins mit heute etwa noch drei Opernhäusern gibt es diverse Gründe. Einen davon kann man in dem Reichtum seiner Vorstädte ausmachen. Die heutige Deutsche Oper in der Bismarckstraße zum Beispiel ist die Nachfolgeinstitution des alten Deutschen Opernhauses Charlottenburg, mit dessen Eröffnung 1912 die bis 1920 eigenständige, überaus wohlhabende Gemeinde im Westen Berlins ihre kulturellen Ambitionen energisch unterstrich. Klar, dass eine derart selbstbewusste bürgerlich geprägte Kommune mit immerhin 300.000 Einwohnern auch über eigene eingesessene Presseorgane verfügte. Die Neue Zeit war und blieb auch nach der hier wenig beliebten Fusion zu Groß-Berlin eine Charlottenburger Tageszeitung, die in ihrer Ausgabe vom 7. November 1922 mit entsprechend lokalpatriotischem Stolz auf ‘ihr‘ Opernhaus blickt und dessen zehnjähriges Jubiläum zum Anlass nimmt, an den steilen Aufstieg Charlottenburgs von einer biederen Ackerbürgerstadt zur Kulturmetropole zu erinnern. Frank Riede stammt nicht aus Charlottenburg, er liest aber trotzdem.
7 Minuten
Paul Schlesinger alias Sling ist regemäßigen Hörerinnen und Hörern unseres Podcast mit Sicherheit ein Begriff, denn als umtriebiger Feuilletonist und Gerichtsreporter zählt er zu den fleißigsten Beiträgern von Auf den Tag genau. Nicht mehr ganz so bekannt ist heute, dass er mit dieser Tätigkeit keineswegs ausgelastet war, sondern sich nebenbei auch noch etwa als Kinderbuch- und Lustspielautor betätigte, als der er zu Lebzeiten ebenfalls durchaus erfolgreich reüssierte. Als im Herbst 1922 sein Opus „Die Erwachsenen“ im Komödienhaus am Schiffbauerdamm, unweit des heutigen Berliner Ensemble, zur Uraufführung kam, waren nicht nur Kollegen Slings von der Vossischen Zeitung, sondern Vertreter nahezu aller Berliner Presseorgane anwesend. Wir haben uns für die Rezension von Paul Wiegeler aus der B.Z. am Mittag vom 6. November entschieden und Frank Riede die Lektüre anvertraut.
9 Minuten
Die Wissenschaft soll ihre Erkenntnisse erklären und sich erklären, wofür ihre Forschung einem Jeden praktisch nutzt. Mit dem ersten Teil dieser auch heute erhobenen Forderung war der 1875 in Berlin geborene Schriftsteller und Wissenschaftspublizist Bruno Bürgel mehr als einverstanden und entwickelte sich zu einem begnadeten Wissenschafts-Kommunikator, der astronomische Kenntnisse nicht nur in Publikationen und Vorträgen, sondern auch über den entstehenden Rundfunk verbreitete – eine Art Harald Lesch der 1920er. Am 5. November 1922 schrieb er für die Berliner Morgenpost über die wissenschaftliche Beantwortung der Frage nach dem Gewicht des Erdballes und damit auch ein Plädoyer für die Grundlagenforschung, die nicht primär nach dem praktischen Nutzen fragt. Für uns wiegt die Erde Paula Leu.
6 Minuten
Gabriele Tergit gehört mittlerweile fraglos – wieder – zu den prominentesten Autor*innen der Weimarer Republik. 1933 vor den Nazis geflüchtet und, wie so viele andere auch, nach 1945 weitgehend in Vergessenheit geraten bzw. geblieben, kehren ihre Bücher seit geraumer Zeit mit erstaunlicher Auflage auf den Buchmarkt und in die Literaturhäuser und Feuilletonspalten zurück. Dabei hinterließ die Tergit nicht nur große Romane, sondern war ursprünglich vor allem eine Meisterin kleiner Formen, die sie in der Regel für die Veröffentlichung in Zeitungen produzierte. So auch ihren „Ausflug in die Welt für 2 Mark“ aus dem Berliner Tageblatt vom 4. November 1922, der zwar so manches ethnische Klischee streift, aber doch auf sehr feinnervige Weise vom kosmopoliten Leben in bzw. zwischen den Metropolen der 1920er Jahre berichtet. Für uns an ihre Fersen geheftet hat sich Paula Leu.
12 Minuten
Werbewirksam lud der Junkers Flugdienst zu einem Flug über die Alpen in einer Passagiermaschine. Man war sich sicher: die Zukunft des Personenverkehrs sind Fluglinien. Rolf Brandt war für die Berliner Morgenpost an Bord und berichtet begeistert von dem Flug, bei dem der Kapitän sich durch die Wolken hindurch an markanten Landschaftsformationen, Seen, Bergen orientieren musste. Die Etablierung von Fluglinien wurde für die Weimarer Republik dadurch erschwert, dass die Auflagen der Alliierten den Bau von Flugzeugen zunächst untersagten, insofern sind Mutmaßungen über die hier eingesetzte Maschine, wie sie unser Unterstützer Ralf angestellt hat, ganz spannend. Die Junkers-Werke hatten zahlreiche Flugzeuge des Typs F13, das der Beschreibung in diesem Artikel entspricht, dennoch gebaut und in Hallen auf den Land und im Ausland versteckt. Unter anderem bei der Danziger Luftpost – die die Flugzeuge speziell gelb-schwarz anstrichen. Es könnte sich also um eine nach Aufhebung des Verbots aus Danzig zurückgeholte F13 handeln. Aber genug der Spekulationen. Genießen wir den Flug im Gebirge. Für uns war Frank Riede an Bord.
10 Minuten
Während die Berliner Presse über den beinahe reibungslosen Sieg der italienischen Faschisten berichtete, lag als nächster Schritt der Blick auf die Reaktionären Bewegungen und den Faschismus in Deutschland nahe. Würden die monarchistisch-nationalistischen Kräfte mit einem Putsch mehr Erfolgsaussichten haben als beim Kapp-Putsch 1920? Verständlicher Weise schrillten bei den deutschen Kommunisten die Alarmglocken am lautesten, war ja der Widerstand der Arbeiter gegen Mussolini in sich zusammengebrochen. In ihrer Parteizeitung, der Roten Fahne finden wir am 2. November 1922 eine eindrückliche Warnung, dass alle europäischen reaktionären Bewegungen nun Aufwind haben und auch die Weimarer Republik einem Faschistischen Aufstand zum Opfer fallen könnte. Der verarmende Mittelstand, das rechte Militär, das nach rechts blinkende Bürgertum verheißen nichts Gutes – und die Rote Fahne teilt aber auch gegen die Sozialdemokratie aus, die dem Bürgertum zu unrecht vertraut. Paul Leu liest.
8 Minuten
In diesem Podcast haben wir in den vergangenen beinahe drei Jahren von dem heftig diskutierten, aber immer wieder für Schlagzeilen sorgenden, Eugen Steinach und dessen Verjüngungstherapien berichtet, der Traumvorstellungen von ewiger Jugend weckte. Das mittelalterliche Pendant dazu war der mythische Jungbrunnen, den man alt betrat und jung verließ. In der Gemäldegalerie Berlin hängt das einzige große Tafelgemälde dieses Sujets. Ein skurriles und ungewöhnliches Gemälde, ein ebenso sexistisches Gemälde. Gemalt hat es Lucas Cranach der Ältere im Jahre 1546. Seine Geburt wird und wurde auf 1472 datiert, weshalb 1922 sein 450 Geburtstag gefeiert wurde. Für die Berliner Börsen-Zeitung vom 1. November blickte der Dichter Hans Benzmann auf die berühmtesten Gemälde, das Leben und die sich einer klaren Einordnung entziehende Malweise des Künstlers. Frank Riede verjüngt für uns diesen Text.
13 Minuten
So wie sich die Machtübernahme der Faschisten in Italien schon Monate zuvor abgezeichnet hatte, der Marsch auf Rom in der Luft hing, so schnell war der gewaltsame Aufstand auch schon vorbei. Der italienische König stellte sich neben die Faschisten, Mussolini zog bejubelt in Rom ein und bildete ein Kabinett, Widerstand von Truppenteilen oder Arbeitern wurde brutal niedergemetzelt. Der Bericht aus der Berliner Morgenpost vom 31. Oktober 1922, also drei Tage nach dem „Marsch“ schildert nicht nur den Sieg der Faschisten, sondern macht auch klar, wie sehr es zur Strategie Mussolinis gehörte, die freie Presse auszuschalten und auf dem Gebiet der Informationen die Hoheit zu gewinnen. Für uns liest Paula Leu.
6 Minuten
Eine brutal kämpferisch, militaristisch und kompromisslos auftretende Bewegung, wie die italienischen Faschisten, war an die Macht gekommen. Wofür stand sie eigentlich genau? Nun an der Spitze der Institutionen angekommen, würde sie ja reale Politik machen müssen. Wie würde sich die Bewegung dadurch transformieren? Auf diese Fragen versuchte der Berliner Börsen-Courier eine Antwort zu geben. In manchen Punkten sicherlich voll genauer Beobachtungen, fällt die Analyse dennoch definitiv zu optimistisch aus. Es liest Frank Riede.
8 Minuten
Das kleine Örtchen Golzow im Oderbruch verdankt seine heutige Bekanntheit der vielbeachteten DEFA-Langzeitdokumentation Die Kinder von Golzow, die in insgesamt zwanzig zwischen 1961 und 2007 entstandenen Filmen das Leben etlicher Menschen dieses Dorfes über den Zeitraum von fast einem halben Jahrhundert dokumentierte und mit diesem rekordverdächtigen Projekt Filmgeschichte schrieb. Was für ein bemerkenswerter Zufall, dass es die Berliner Morgenpost am 29. Oktober 1922 auch schon just in diesen Flecken an der Alten Oder verschlug und sie dort – möglicherweise – den Großeltern oder Urgroßeltern einiger ‘Kinder von Golzow‘ begegnen ließ. Anlass für ihren Ausflug ins ganz flache brandenburgische Land war eine soziale Großtat: Ein örtlicher Großgrundbesitzer, der selbst lange Monate des Ersten Weltkriegs im Lazarett gelegen hatte, stellte einen großen Teil seiner Ländereien schwer kriegsversehrten Heimkehrern und ihren Familien zur Verfügung, auf dass sie sich dort eine neue Existenz aufbauen konnten. Für uns hat sich Paula Leu dort umgesehen.
8 Minuten
Der 28. Oktober 1922 ging ein in die Geschichte als Tag des sogenannten ‘Marsches auf Rom‘, mit dem Benito Mussolini seine über zwei Jahrzehnte währende unheilvolle Herrschaft über Italien begründete. Die Berliner Morgenzeitungen wussten von diesen Vorgängen damals naturgemäß noch nichts, und auch die Abendausgaben vermeldeten allenfalls ein paar vage Gerüchte. Das Berliner Tageblatt bewies dennoch insofern einen guten Riecher, als es in Person eines seiner – und unserer – Lieblingskolumnisten Arnold Höllriegel eine so skurrile wie erschreckende Szene aus der italienischen Provinz kolportiert, die die fortschreitende Machtergreifung der Faschisten im Lande eindrücklich dokumentiert. Die geschilderte Begebenheit soll sich bereits im Frühjahr 1922 im Nachklang der politisch hochkarätig besetzten Wirtschaftskonferenz von Genua abgespielt haben, und was an ihr Dichtung, was Faktum ist, spielt eigentlich keine Rolle. Als unser Agent in Pisa mit von der Partie war Frank Riede.
6 Minuten
Aller guten Dinge sind bekanntlich drei: Nachdem wir im März auf Skiern am Holmenkollen vorbeigeschneit und unlängst auf der Rennstrecke von Monza schwer motorisiert Probe gefahren sind, führt uns die B.Z. am Mittag heute in die Frühgeschichte einer weiteren ikonischen Stätte des Weltsports: zum Wembley-Stadion nach London respektive zu der Baustelle, die es vor einhundert Jahren noch darstellte. Von Geoffrey Hurst und Tofiq Bəhramov, Günter Netzer und Oliver Bierhoff, Gareth Southgate und Bukayo Saka, Alexandra Popp und Chloe Kelly konnte der ungenannte Autor am 27. Oktober 1922 natürlich noch nichts wissen und berichten. Und doch erfüllt seinen Artikel über die „neue Anlage für die Pokal-Endspiele“ bereits irgendwie die Ahnung, dass hier ein hochmythischer Ort der Fußballgeschichte im Begriff zu entstehen war. Besichtigt hat ihn für uns die Sportredakteurin von Auf den Tag genau Paula Leu.
8 Minuten
Das österreichische Multitalent Leo Heller, heute vor allem bekannt für seine Reportagen aus dem kriminellen Milieu Berlins, schrieb, wie es sich für einen Feuilletonisten gehört, über alle möglichen Themen, so auch über das Kino. Am 26. Oktober 1922 finden wir im 8-Uhr-Abendblatt eine Reflexion von ihm über den Tanz im Film. Wie so oft in dieser Phase des Stummfilms, ist sein gedanklicher Ausgangspunkt die Abwesenheit des Tons, die andere Ausdruckformen einfordert. Die Bewegung des Körpers wäre solch ein narratives Element. Daher überrascht es Heller wenig, dass der Tanz eine prominente Rolle im Film spielt. Die Konsequenzen dieser Überlegung und eine Liste von Tänzer:innen, die von den Tanzbühnen zum Kintopp abgeworben wurden, präsentiert uns Frank Riede.
4 Minuten
Angesichts des kommenden Winters, der Energiepreise und dem Gasmangel ist es leider nicht total übertrieben, sich zu fragen, ob im Winter die Schulen durchgängig beheizt werden können. Ein Vorschlag der Kultusminister:innen und -senator:innen, die Winter- oder Weihnachtsferien zu verlängern, um Energie zu sparen, ist im Bereich des Denkbaren. So geschehen vor genau 100 Jahren, damals allerdings aufgrund des Kohlenmangels. Der Vorwärts vom 25. Oktober 1922 referiert Zuschriften von aufgebrachten Eltern, die nach anderen Lösungen verlangen und auch konkrete Vorschläge machen, um verlängerte Ferien zu verhindern. Paula Leu liest.
8 Minuten
Dass viele kleine Schwingungen sich in bestimmten Konstellationen überlagern können und zu einer großen Schwingung auswachsen, ist ein bekanntes Phänomen. Das Ergebnis sind die eindrücklichen Videos von wild sich wellenden Brücken, die irgendwann zusammenbrechen. Seit diese Zusammenhänge bekannt sind, sucht man auch nach einer produktiven Nutzung dieser physikalischen Addition. Unter anderem eine Uhr mit schwingendem Pendel, ohne Tick-Tack, hat die Berliner Morgenpost am 24. Oktober 1922 diesbezüglich im Angebot. Was man sonst noch an Innovationspotential anvisierte, weiß Frank Riede.
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Der Podcast mit täglich einer Zeitungsnachricht aus der Welt vor hundert Jahren