Auf den Tag genau Archiv
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7 Minuten
Am 1. September 1923, wenige Minuten vor Mittag, ereignete sich eines der schwersten Erdbeben der jüngeren Geschichte Japans, das eingegangen ist in die Geschichte als „Großes Kanto-Erdbeben“. Das Beben zerstörte die Stadt Yokohama und Teile Tokios, es folgte ein 12 Meter hoher Tsunami und eine Feuersbrunst, die ganze Stadtteile zu Asche verwandelte und erst Tage später gelöscht werden konnte. Da gerade viele Bewohner:innen auf offenen Feuerstellen ihr Mittagsmahl zubereiteten und die Häuser überwiegend aus Holz gefertigt waren, entstanden nahezu gleichzeitig an unzähligen Stellen Brände. Nach dieser verheerenden Katastrophe, während der es übrigens noch zu allem Überfluss zu fremdenfeindlichen Ausschreitungen kam, denen tausende Menschen zum Opfer fielen, wurde beschlossen, Tokio als Hauptstadt zu behalten, aber dominant in einer Beton-Stahl-Bauweise wieder aufzubauen. Die Forschung geht heute von etwa 100.000 Todesopfern durch das Erdbeben und weiteren 40.000 durch die Brände aus. Die Nachricht erreichte die BZ am Mittag in der Ausgabe vom 3. September, in der aber die Dimension der Katastrophe bereits sehr treffend beschrieben wird. Paula Rosa Leu liest für uns die ersten Berichte. Für diese Ausgabe der Zeitung mussten 100.000 Mark bezahlt werden.
13 Minuten
Jubiläen nehmen nicht immer Rücksicht auf die Zeit, in die sie gerade fallen. Die Erinnerungen, in denen die Vossische Zeitung vor einhundert Jahren zum damals fünfzigsten Geburtstag der Siegessäule kramte, mussten den Zeitgenoss*innen seinerzeit wie ein Märchen aus uralter Zeit vorkommen. 150.000, statt wie noch in der Vorwoche 100.000 Mark hatte man für deren Sonntagsausgabe am 2. September 1923 mittlerweile zu berappen, und auch sonst war alle überschwängliche Aufbruchsstimmung – wie sie zumindest die wilhelministischen Historiker für die Gründerjahre des Reiches gerne herbeischrieben – vor dem Hintergrund von Kriegsniederlage, politischer Instabilität, Putschgerüchten und Wirtschaftskrise längst verflogen. Das reflektierte die Vossische natürlich bereits auch in ihrem Geburtstagsständchen, das denn entgegen der ursprünglichen Intention des besungenen Baus auch auf einem deutlich pazifistische Schlussakkord endet. Unser Solist ist Frank Riede.
7 Minuten
Die Causa ist heute unter dem Namen Korfu-Zwischenfall bekannt: Ein italienischer Offizier und vier Begleiter waren im albanisch-griechischen Grenzgebiet ermordet worden, der noch relativ frisch amtierende italienische Ministerpräsident Mussolini sandte darauf ein Ultimatum mit sieben Forderungen an die griechische Regierung, die von offiziellen staatlichen Entschuldigungen bis zu finanziellen Entschädigungen reichten. Und als Griechenland diese nicht alle erfüllte, schickte Mussolini Kriegsschiffe über die Straße von Otranto nach Insel Korfu und ließ die Inselhauptstadt beschießen und besetzen. Klassische Kanonenbootpolitik eines Jung-Diktators, der die Muskeln spielen lassen und die Entschlossenheit der europäischen Mächte und des neugegründeten Völkerbundes einmal testen wollte. Militärische Opfer forderte die Aktion nicht, aber bis zu 20 korfiotische Zivilisten kamen im italienischen Bombenhagel ums Leben, die meisten davon Kinder. Es liest Paula Rosa Leu aus der Berliner Morgenpost vom 1. September 1923, die diese schrecklichen Zahlen noch nicht kennt.
5 Minuten
Die überaus produktive Schriftstellerin Lisbeth Dill, die 1877 im saarländischen Dudweiler geboren wurde, ist heute weitestgehend vergessen. Ihr Werk, das – berechtigt oder nicht – eher der Unterhaltungsliteratur zugerechnet wird, verhandelt wesentlich die Rolle der Frau im wilhelminischen Deutschland und in der Weimarer Republik und die Rolle des Saarlandes und Lothringens. In 12-Uhr-Abendblatt vom 31. August 1923 beweist sie Humor, indem sie literarisch die schwierige Situation ihrer Generation, von Weltkrieg über Revolutionen, Besetzung und schwieriger Wirtschaftslage, in sonderbare Familienverhältnisse ummünzte. Paula Rosa Leu liest für uns den Text und war tatsächlich bei der Aufnahme anwesend.
9 Minuten
Dem Berliner mag so allerlei nachgesagt werden; dass er – oder auch sie – etwas von gutem Essen und Trinken verstehe, gehört zumindest traditionell eher nicht dazu. Das wusste wohl auch das Berliner Tageblatt, dessen Abendausgabe am 30. August 1923 bereits 80.000 Mark kostete, und ließ über „Das gute Essen“ einen waschechten Wiener, nämlich Alfred Polgar, sich auslassen, wobei man durchaus streiten kann, ob dieser Titel tatsächlich den Gegenstand des nachfolgenden Textes präzise, nun ja, aufspießt. Noch mehr als um das Schnitzel auf dem Teller, das auch vorkommt, geht es Polgar um den physiologischen Vorgang des Speisen Inkorporierens und seine unmittelbaren Folgen für Seele und Zunge sowie um verschiedene Typen des Essers. Frank Riede hat sich Polgars delikate kleine Studie für uns schmecken lassen.
8 Minuten
Hatten Studiohallen für Filmproduktionen anfangs noch Glasdächer gehabt, um das für den Dreh notwendige Tageslicht nutzen zu können, was die Ausdehnung der Hallen einschränkte, so waren den Ateliers beim Einsatz künstlicher Beleuchtung keine Grenzen mehr gesetzt. Und so wurde 1923 die ehemalige Zeppelin-Halle beim Flughafen Staaken zu einem der größten Studios, mindestens Europas, ausgebaut. Der Aufnahmeraum war achtmal so groß wie der sämtlicher Berliner Ateliers zusammengerechnet. Bauten konnten bis zu 28 Meter in die Höhe schießen. Der erste Film, der in diesem Riesenstudio mit einem 60 Meter breiten Rundhorizont gedreht wurde, war die Bibelverfilmung „INRI“. Als der Einzug Jesu nach Jerusalem “geschossen” wurde, war Egon Jacobsohn für die BZ am Mittag zu Besuch und berichtete in der Ausgabe vom 29. August. Paula Rosa Leu/Frank Riede begibt sich für uns ans Tor von Jerusalem in Staaken bei Berlin.
9 Minuten
Prophezeiungen seien ein schwieriges Geschäft, heißt es in einem landläufigen Bonmot, vor allem wenn sie die Zukunft beträfen. Dass sie freilich nicht immer darauf zielen, tatsächlich treffende Prognosen zu machen, sondern oft genug ganz gezielt veröffentlicht werden, um Stimmungen anzuheizen und dabei sehr nüchternen Kalkulationen und Kochrezepten folgen, also zu sehr strategischen politischen Zwecken eingesetzt werden, ist eine ähnlich triviale Einsicht, die als Wort der Warnung dennoch nicht oft genug ausgesprochen werden kann. Am 28. August 1923 tat dies mit einigen durchaus humoristischen Beispielen die Berliner Volks-Zeitung, für deren Abendausgabe man an diesem Tag inflationsbedingt bereits 40.000 Mark hinblättern musste. Finanziell völlig barrierefrei eingelesen hat sie für Euch Frank Riede.
7 Minuten
In unserer heutigen Folge kommt eine Textsorte zu Gehör, die wir bislang noch nicht im Programm hatten. Schulaufsätze von Gymnasiasten des Jahres 1923. Ein Redakteur des 8-Uhr-Abendblattes hatte von einem befreundeten Oberstudienrat Texte von etwa 15jährigen Schülern bekommen, die die Aufgabe hatten, von ihrem „großen Erlebnis“ zu berichten. So bekommen wir mit der Ausgabe vom 27. August einen Einblick in die Lebenswelten von Jugendlichen vor 100 Jahren und erkennen deutlich den Unterschied zu behüteten heutigen Generationen. Den 15jährigen verleiht Paula Rosa Leu ihre Stimme.
8 Minuten
An dem 1919 in Weimar gegründeten Bauhaus schieden sich von Anfang an die Geister. Von nationalistischen Kreisen aufs Ärgste bekämpft, erhöhte die von der USPD tolerierte thüringische Landesregierung aus SPD und DDP 1922 die Zuwendungen für seine längst international beachtete Staatliche Kunstschule, verband dies allerdings mit der Auflage, dass das Bauhaus seine Ergebnisse in einer großen Leistungsschau einer breiteren Öffentlichkeit zu präsentieren habe. Die Bauhausaustellung, die daraufhin im Sommer 1923 veranstaltet wurde, bedeutete für die Arbeit von Walter Gropius und seiner Mitstreiter*innen tatsächlich einen enormen Popularisierungsschub – obwohl der wirtschaftliche Erfolg der Schau wegen der galoppierenden Inflation bescheiden ausfiel. Neben der Präsentationen der verschiedenen Werkstätten des Bauhauses und zahlreichen Vorträgen sowie künstlerischen Darbietungen auch im Bereich der darstellenden Künste war es vor allem das in nur vier Monaten realisierte Musterhaus Am Horn, was die Feuilletonisten der Republik nach Weimar lockte. Das Fazit von Grete Fischer im Berliner Börsen-Courier vom 26. August 1923 fiel indes, wie auch das vieler Kolleg*innen, durchwachsen aus. Frank Riede verrät, wieso.
8 Minuten
Als erster Deutscher überhaupt wurde Gustav Stresemann 1926 mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet. Gemeinsam mit dem französischen Außenminister Aristide Briand wurde er vom Osloer Komitee für die Aussöhnungspolitik zwischen den alten ‘Erbfeinden‘ geehrt, deren Vollendung Stresemanns tragischer früher Tod im Oktober 1929 freilich folgenschwer verhindern sollte. Dass der Ausgleich mit dem westlichen Nachbarn langfristig ein Hauptanliegen Stresemanns war, verrät der nachfolgende Artikel aus dem Berliner Börsen-Courier vom 25. August 1923. Noch keine zwei Wochen als Reichskanzler amtierend, wandte sich Stresemann bereits mit einer diplomatischen Offensive gen Paris, die einen neuen Ton in der deutschen Frankreich-Politik setzte und die im Zuge der Besetzung an Rhein und Ruhr hochgeschlagenen Konflikt tatsächlich perspektivisch erheblich entspannen sollte. Es liest Frank Riede.
9 Minuten
Wer will noch den Durchblick behalten, wenn ständig eilig gedruckte neue Geldscheine auf den Markt kommen, wenn Fabriken und Geschäfte ihr eigenes Notgeld produzieren? Die Lage in Deutschland war im August 1923 unübersichtlich – immer Neues Geld verlor blitzschnell seine Funktion. Natürlich blieben dabei auch die Sicherheitsstandards, die das Geld fälschungssicher machen, auf der Strecke. Und so titelte das 8-Uhr-Abendblatt am 24. August 1923 „Jedermann sein eigener Papiergeld-Fabrikant“. Paula Rosa Leu führt uns durch den Wirrwarr der verschiedenen Notgeldscheine zu der illegalen Falschgeldproduktion.
7 Minuten
Gute Traditionen muss man pflegen, und deshalb wirft Auf den Tag genau auch in diesem wie in den vorangegangenen Jahren wieder einen Blick nach Salzburg zu den dortigen sommerlichen Festspielen. So richtig fanden diese anno 1923, also im vierten Jahr ihres Bestehens, freilich gar nicht statt, denn die allgemeine ökonomische Krise machte auch vor der Kultur und den sich damals wie heute weitgehend selbst finanzierenden Festspielen nicht halt. Kein Jedermann-Ruf erklang deshalb auf dem Domplatz, dafür rief Festmitbegründer Max Reinhardt das Publikum in seine Privatresidenz, das von ihm 1918 erworbene prachtvolle Barockschloss Leopoldskron im Salzburger Süden, und gab dort den Eingebildeten Kranken von Molière. Aus der Not entstanden, man kann es sich denken, wurde daraus an diesem speziellen Ort eine Sternstunde des Theaters – der Rezensent des 8 -Uhr-Abendblattes war jedenfalls ob des Ambientes und des kunstvollen Ineinanders von Sein und Schein völlig hin und weg. Für uns schwärmt: Frank Riede.
7 Minuten
Tiere in Berlin waren in den zurückliegenden Wochen ein großes Sommerlochthema. Eine Löwin, die am Ende zwar gar keine war und das auch nur in Kleinmachnow, hielt 24 Stunden lang die Hauptstadt in Atem, und nachdem diese zurück in die Wälder gekrochen war und sich wieder in ein Wildschwein verwandelt hatte, krochen Füchse, Wölfe, Waschbären und Dachse aus dem medialen Unterholz und hinter ihnen ein Rattenschwanz von Expertinnen und Experten, die sich zu ihrem Vorkommen in der Stadt äußerten. Vor einhundert Jahren spielten die genannten Tiere zumindest in den Berliner Tageszeitungen keine Rolle. Dafür galoppierte ein anderer Vierbeiner am 22. August 1923 durch die B.Z. am Mittag, den man Gerüchten zu Folge auch heute noch gelegentlich in Berlin antrifft. Und das nicht nur im Sommerloch. Paula Rosa Leu versucht ihn für uns zu zähmen.
10 Minuten
1923 sind die Tageszeitungen unbestritten das Leitmedium. Das Radio erreicht noch nicht die Massen, macht sich aber bereit für seinen baldigen Siegeszug. Doch auch am Fernseher wird bereits getüftelt, wie unser heutiger Artikel aus dem Berliner Tageblatt vom 21. August belegt. Für schlappe 80.000 Mark konnte man diese Ausgabe erwerben und dort von Artur Fürst Details über den aktuellsten Stand der Bewegtbildübertragung erfahren. Der Autor und Schriftsteller war ein sehr erfolgreicher Technik-Erklärer der Weimarer Republik. Sein „Weltreich der Technik“ in vier Bänden war ein Klassiker des populärwissenschaftlichen Sachbuchs. Obgleich er 1926 überraschend im Alter von 47 Jahren verstarb, fiel doch auch er den Nationalsozialisten zum Opfer – insofern, als seine Bücher, wegen seiner jüdischen Herkunft, aus dem Verkehr gezogen wurden, so dass sein Werk in Vergessenheit geriet. Frank Riede liest für uns nun wie viele Pixel damals schon übertragen wurden.
9 Minuten
Dass die Mark kaum mehr das Papier wert war, auf dem sie gedruckt wurde, merkte man am 20. August 1923 spätestens bei der Begegnung mit dem Zeitungsverkäufer, der für die Abendausgabe einer Deutschen Allgemeinen Zeitung satte 40.000 dieser wertlosen Mark verlangte. Noch drastischer offenbarte es sich freilich im Ausland, wohin im Sommer 1923 überhaupt nur noch reisen konnte, wer über größere Valutaquellen verfügte oder bei deren Beschaffung sehr kreativ und findig war. Wie der namenlose Autor seine Schiffskreuzfahrt auf der Donau finanzierte, lässt sein Artikel offen. Deutlich aus diesem hervor geht indes, dass er diese entspannte Reise den Fluss entlang sehr genoss, ohne die allgegenwärtige Inflationsthematik dabei jedoch aus dem Auge zu verlieren. So ziehen bei der anschließenden Lesung von Paula Rosa Leu nicht nur die malerischen Städte und Stifte vorbei, die sich entlang von Mitteleuropas längstem Strom wie Perlen an der Kette auffädeln. Wir erfahren auch einiges über andere Donaureisende und deren Reisefinanzierungskonzepte.