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Auf den Tag genau Archiv

2057 Episoden
9 Minuten
Vorzeitige Glückwünsche zum Geburtstag gelten in unseren Breiten eigentlich als unschicklich. Weshalb Oskar Maurus Fontana dem großen Hugo von Hofmannsthal schon am 31. Januar im Berliner Börsen-Courier zu seinem fünfzigsten Ehrentag am 1. Februar 1924 gratulierte, bleibt ungeklärt. Dass er den Jubilar für einen der großen deutschsprachigen Literaten der Epoche hält, daran lässt er indes keinen Zweifel. Freilich teilt auch Fontana die Einschätzung Stefan Zweigs aus der Welt von gestern, dass der allergrößte Hofmannsthal der ganz junge gewesen sei. Hofmannsthals einhundertfünfzigsten Geburtstags gedenkt für uns, wegen des Formats von Auf den Tag genau notwendig ebenfalls zu früh, Frank Riede.
7 Minuten
Im heutigen Artikel aus der Berliner Volks-Zeitung vom 30. Januar 1924 geht es buchstäblich um die Wurst – aber auch darum, welchen Einfluss der Kampf um die Emotionen der Massen auf das Schicksal einzelner Menschengruppen hat. In Braunschweig wurde auf großen Druck der Bevölkerung hin ein Wuchergericht installiert, das die Gewinnler an der Inflation des Vorjahres bestrafen sollte. Gerade die Fleischer gerieten nun ins Visier dieses Gerichts, das ein paar hohe Strafen verhängte. Allerdings peitschten im Anschluss rechts-konservative Abgeordnete die Bevölkerung gegen die Urteile auf und die Stimmung begann umzuschlagen. Sollte der Staat diese lediglich rational, wirtschaftlich handelnden Unternehmer etwa willkürlich und übertrieben hart bestrafen? Paula Rosa Leu berichtet für uns von Wucher und Volk und Braunschweiger Wurst.
9 Minuten
Dafür dass er mit seinen weit über zweihundert Millionen Einwohnern auch schon vor einhundert Jahren zu den größten Ländern der Erde zählte, kam der nach wie vor unter britischer Kolonialherrschaft stehende Subkontinent Indien in der Berliner Presse äußerst selten vor. Und wenn, mag man hinzufügen, waren die Meldungen kaum je vor Ort recherchiert. Das gilt auch für den Text des geschätzten Arnold Höllriegel, der im Berliner Tageblatt vom 29. Januar 1924 bezeichnenderweise von Wien aus über Indien berichtete. Nicht nur wimmelt es im Artikel von problematischen Termini für die unterschiedlichen hier betrachteten Bevölkerungsgruppen. Auch im Ton ist die Darstellung durchaus nicht frei von europäischer Herablassung, auch wenn die Sympathie des Autors letztlich wohl nicht den englischen Kolonialherren gehört. Um zu dokumentieren, welches Bild man sich seinerzeit hierzulande von Indien machen konnte, haben wir uns dennoch für eine Produktion des Textes entschieden und ihn zur Lektüre an Frank Riede übergeben.
11 Minuten
Aus der Wahl zum Britischen Unterhaus vom 6. Dezember 1923 gingen zwar die Tories unter Stanley Baldwin als stärkste Kraft hervor, verfehlten aber deutlich die Mehrheit, die sie sich versprochen hatten. Und so kam es zum ersten Mal in der Geschichte Englands zu einer Regierung unter der Führung der Arbeiterpartei, der Labour-Party. Ramsay MacDonald bildete im Januar 1924 eine Minderheitsregierung, die von den Liberalen toleriert wurde. Diese hatte allerdings auch nur bis zum November 1924 bestand. Die BZ am Mittag hatte ihren politischen Redakteur Gustaf Kauder nach London entsandt und der schickte einen launigen Bericht von der „historischen Woche“ nach Berlin, in der die Lords und Gentlemen aufatmen konnten, da die Ernennung eines Premierministers der Labour-Partei nicht zu einem Zusammenbruch der alten Sitten und Gebräuche des britischen Parlamentarismus führte. Für uns liest Frank Riede.
6 Minuten
Man kennt diese Erzählungen aus Sibirien oder aus dem Norden Kanadas: Zugefrorene Seen und Flüsse, die im Winter zu Straßen werden, auf deren meterdicken Eisdecken Autos weite Kilometer zurücklegen. Aber in Berlin, auf dem Wannsee – Kraftfahrzeuge? Wer es nicht glaubt, höre, was die B.Z. am Mittag am 27. Januar 1924 aus dem kalten Winter jenes Jahres zu vermelden hatte. Nicht als Transportweg wurde Berlins größte Havelbucht dabei freilich genutzt, sondern sogar, tatsächlich, ein Parcours für Automobilrennen auf dem Eis angelegt, auf dem Fahrzeuge verschiedenster Art und Klasse um die Wette ihre Runden drehten. Dass sich bei diesem waghalsigen Spektakel offensichtlich auch Schaulustige als Zuschauer mit aufs Eis begaben, macht das Szenario noch abenteuerlicher. Für uns hat sich Paula Rosa Leu auf den Wannsee gewagt.
10 Minuten
Dass dem italienischen Espresso die Krone aller Kaffeekultur gebührt – wer wollte der Vossischen Zeitung da widersprechen!? Dabei ist die spezifische Zubereitungsart des schwarz-braunen Goldes mit Dampf und unter hohem Druck in großen metallenen Maschinen eine relativ junge Erfindung, die erst um 1900 durch Luigi Bezzera in Mailand entwickelt wurde. Was die ungarischstämmige Autorin und Komponistin Gisela Selden-Goth einer imaginären Freundin vom Caffé al banco in den Bars von Florenz in ihrem begeisterten offenen Brief vom 26. Januar 1924 mitzuteilen hat, war für das zeitgenössische Publikum insofern alles andere als kalter Kaffee. Italiamanti unserer Tage hingegen erkennen das Land ihrer Träume über die Entfernung eines Jahrhunderts in den nachfolgenden Zeilen nur zu gut wieder. Und müssen doch zugeben: Selten ist eine schönere und stimmigere Hymne auf das Kulturgut Espresso angestimmt worden! „Viva l’Italia del caffé“ ... singt für uns Paula Rosa Leu.
9 Minuten
Carl von Ossietzky war im Hauptberuf kein Theaterkritiker, und sein Text über die Premiere des expressionistischen Kriegsheimkehrer-Dramas Hinkemann von Ernst Toller in Dresden ist auch im eigentlichen Sinne keine Rezension. Der Grund für die Berichterstattung der Berliner Volks-Zeitung vom 25. Januar 1924 und entsprechend auch der Fokus ihres Artikels liegen vielmehr auf den im mehrfachen Sinn des Wortes skandalösen Umständen, unter denen die Aufführung in der sächsischen Hauptstadt über die Bühne ging. Rechte Störer hatten dort einen Skandal inszeniert, die völkische Presse Tollers Stück und die Dresdner Inszenierung anschließend mit übelster antisemitischer Hetzrhetorik skandalisiert und damit eine Absage nachfolgender Vorstellungen wegen Gefährdung der Mitwirkenden provoziert – darin erblickt Ossietzky den wirklichen, politischen Skandal von Dresden! Es liest Frank Riede.
10 Minuten
Dr. Richard Prager, geboren 1883 in Hannover, war ein deutscher Astronom, der seit dem Jahre 1916 als Observator an der Sternwarte in Babelsberg arbeitete. Wegen seiner jüdischen Herkunft wurde der 1938 von den Nazis verhaftet, allerdings aufgrund des Druckes aus dem Ausland freigelassen, so dass er in die USA emigrieren konnte, wo er bis zu seinem Tod im Jahre 1945 an der Harvard-University lehrte. Seit Albert Einstein seine Relativitätstheorie veröffentlicht hatte, erlangte die Beobachtung von Sonnenfinsternissen eine gesteigerte Bedeutung, da man hier Beweise für die Richtigkeit der Theorie erlangen wollte – und konnte. Auch die deutsche Expedition zur Sonnenfinsternis vom 10. September 1923 in Mexiko, an der sich das Potsdamer und ein Hamburger Observatorium beteiligten, hatte unter anderem, wie es im vorläufigen Abschlussbericht zu lesen ist: „Aufnahmen zur Prüfung des Einstein-Effekts“ auf dem Programm. Paula Rosa Leu liest für uns den Bericht zur Expedition von Dr. Prager, der in der Wochenbeilage des Berliner Tageblattes vom 24. Januar 1924 erschien.

Der Tod Lenins

11 Minuten
Von mehreren Schlaganfällen gezeichnet lebte Lenin 1924 in Gorki und kommunizierte mit der Führung der KPdSU per Brief, da er kaum noch sprechen konnte. Auch wir haben hier im Podcast dokumentiert, dass er von der europäischen Presse von Zeit zu Zeit verfrüht für tot erklärt wurde. Doch am 21. Januar 1924 verstarb er tatsächlich, wahrscheinlich an einem weiteren Schlaganfall. Die Berliner Zeitungen bringen dieses Ereignis, das mit der Frage nach seiner Nachfolge verknüpft war, am 23. Januar, und zitieren bereits, so auch die Berliner Volks-Zeitung des Tages, die Kommuniques der Sowjet-Regierung und der Kommunistischen Internationale. Noch bevor die riesigen Trauerfeierlichkeiten, die in einem ersten provisorischen Mausoleum den einbalsamierten Lenin ausstellten, stattfanden, begann bereits die Debatte nach der Bedeutung Lenins und seinem Erbe. Frank Riede liest für uns diese Titelseite, die telegraphierte Berichte, Verlautbarungen und Biographisches vermengt.
6 Minuten
Der Live-Übertragung einer Theateraufführung – wie auch einer Show-, einer Sport- oder politischen Veranstaltung – auf ein elektronisches Endgerät ist uns das Normalste auf der Welt und in „keinster“ Weise mehr Anlass für irgendeine Irritation. Ganz anders stellte sich die Situation vor einhundert Jahren für die Leute dar, die erstmals staunend vor ihren Radiogeräten saßen und dort in Echtzeit der Premiere in einem kilometerentfernten Theater beiwohnen konnten. Die Dialektik des Dabei-und-doch-nicht-dabei-Seins, die für diese Art Teilnahme über alle medialen Umbrüche hinweg durchaus charakteristisch geblieben scheint, stellte sich indes auch bei dieser Premiere im doppelten Sinne rasch ein: Man sah den Vorgang vor dem inneren Auge aufgehen, ortete die Soubrette auf Vor- oder Hinterbühne – und genoss doch zugleich Mokka und Zigarette. Aus der Vossischen Zeitung vom 22. Januar 1924 liest Frank Riede.

Radiowerbung

5 Minuten
Wie lassen sich Podcasts monetarisieren? Abo-Systeme, Paywall für bestimmte Angebote, Werbung, Sponsoring, Product-Placement? Vor ähnlichen Fragen standen die Radiosender der Zwanziger Jahre. Daher überrascht es nicht, dass die Deutsche Allgemeine Zeitung am 21. Januar 1924 titelte: Drahtloses Reklamewesen. Ihr Blick richtet sich natürlich in die USA, um einen Eindruck davon zu bekommen, was das verhältnismäßig rückständige Rundfunkwesen in Deutschland so erwartet. Paula Rosa Leu sendet für uns nach wie vor werbefrei und bestens zugänglich.

Knorke!

7 Minuten
‘Knorke‘, informiert uns die Wikipedia, „ist ein Wort der Umgangssprache und bedeutet so viel wie ‚gut‘, ‘ausgezeichnet‘, ‘zufrieden‘, ähnlich dem heutigen Gebrauch von cool.“ Ferner erfahren wir dort, dass der Ursprung des Wortes im Dunkeln liege, es seit 1916 in Berlin nachweisbar und danach bald auch schon zum zu kabarettistischen und literarischen Ehren gekommenen Modewort aufgestiegen sei – um im Herbst 1924 von Kurt Tucholsky in der Vossischen Zeitung freilich auch schon wieder für veraltet erklärt zu werden. Am 20. Januar war davon im Berliner Börsen-Courier indes noch nichts zu spüren. Ein Autor mit dem Namen Wilhelm John widmet diesem schönen Berolinismus vielmehr eine alkoholgeschwängerte Glosse, die wir so knorke fanden, dass wir sie Frank Riede haben einlesen lassen.
7 Minuten
Als erste Ministerin der Geschichte gilt Alexandra Kollontai, die 1917 dem revolutionären russischen Kabinett angehörte und dort dem Ministerium für öffentliche Wohlfahrt vorstand. Nach dem Ersten Weltkrieg stand also die Frage im Raum, in welchem Staat die nächste Ministerin vereidigt würde. Das 8-Uhr-Abendblatt beteiligt sich in der Ausgabe vom 19. Januar 1924 an dieser Spekulation, indem es zwei, für uns eher überraschende, Länder anführt. England und die Türkei. Während sich die Erwartung, die Gewerkschaftsfunktionärin und erste Frau im britischen Unterhaus Margaret Bondfield würde Ministerin werden, Jahre später bewahrheiten sollte, lag die Zeitung mit Halide Edib Adivar daneben. Die bedeutende Schriftstellerin, Parlamentarierin, Offizierin, die aktiv am Türkischen Befreiungskrieg beteiligt war, sollte, auch wegen des Zerwürfnisses mit Mustafa Kemal Pascha, nicht Ministerin werden. Dass Sie aber für das 8-Uhr-Abendblatt eine Spitzenkandidatin ist, zeigt wie liberal und progressiv die 1923 gegründete Türkische Republik wahrgenommen wurde. Paula Rosa Leu stellt uns Margaret Bondfield und Halide Edib Adivar vor.
9 Minuten
Wie positionieren sich die eingesessenen Parteien des bürgerlich-konservativen Spektrums gegenüber aufstrebenden rechtsextremen Gruppierungen und deren Plänen, die freiheitlich-demokratische Grundordnung außer Kraft zu setzen? Diese gerade wieder sehr aktuelle Frage beschäftigte die politische Öffentlichkeit auch schon in der Weimarer Republik und wurde von unterschiedlichen Protagonisten höchst unterschiedlich beantwortet. Während einige Politiker nicht nur der Deutschen Volkspartei, sondern auch der katholischen Zentrumspartei nach rechts mehr als nur schielten, warnte deren Alt-Reichskanzler Joseph Wirth eindringlich vor dieser Versuchung. „Der Feind steht rechts“, hatte er bereits nach der Ermordung von Walther Rathenau der Republik ins Stammbuch geschrieben. Nun, anderthalb Jahre und einige politische Attentate und Umsturzversuche später legte er in einem offenen Brief nach – der zumindest in den Reihen der konkurrierenden Sozialdemokraten auf große Sympathie und Zustimmung stieß. Der Vorwärts vom 18. Januar 1924 zitierte ihn ausführlich, für uns liest Frank Riede.
10 Minuten
Weltbekannt ist die Zeichnung Leonardo da Vincis, die einen Fallschirm skizziert, jedoch ist über tatsächliche Sprungversuche aus der Zeit nichts bekannt. Erst im Jahre 1783 sprang ein Louis-Sébastien Lenomand mit einem selbst konstruierten Fallschirm von dem Turm des Observatoriums in Montpellier und landete unversehrt, womit er das moderne Fallschirmspringen begründete. 140 Jahre später, als die Flugzeuge mit der zivilen Luftfahrt das Reisetempo beschleunigten, als zugleich zahlreiche Luftakrobat*innen waghalsige Kunsttücke auf fliegenden Maschinen zeigten, treffen wir auf den deutschen Ingenieur Otto Heinicke, dem die am Flugzeug befestigte Aufziehleine zugeschrieben wird, die es verhindert, dass der Fallschirm sich mit dem Flugzeug, aus dem man springt, verheddert. Das 8-Uhr-Abendblatt machte sich auf den Weg zu ihm, um allerdings nicht ihn, sondern seine Verlobte zu befragen, die als Fallschirmspringerin für Furore sorgte. Und so lernen wir zusammen mit Paula Rosa Leu und der Ausgabe vom 17. Januar 1924 diese Pionierin des „Flugzeug-Abspringens“ kennen.
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Der Podcast mit täglich einer Zeitungsnachricht aus der Welt vor hundert Jahren