Auf den Tag genau Archiv
2057 Episoden
6 Minuten
Wohnungsknappheit war Anfang des 20. Jahrhunderts ein mindestens ebenso drängendes Thema wie dieser Tage, anders als heute waren Architekten und Stadtplaner in dieser Frage damals allerdings von großer Aufbruchsstimmung ergriffen. Wie an vielen Orten im Reich entstanden auch in und um Hamburg moderne Wohn- und Gartenstädte, so auch seit 1919 an der Strecke der Walddörferbahn im durch diese immer weiter erschlossenen Hamburger Nordosten die sogenannte Gartenstadt Berne. Dass diese erweitert werden soll, hat das Hamburger Echo aus dem Hamburgischen Correspondenten erfahren, und obwohl sich die geplanten neuen Wohneinheiten angeblich eher an den bürgerlichen Mittelstand als wie die bisherigen Bauten an Mitglieder der Arbeiterschaft richten sollten, beurteilt die Parteizeitung der Hamburgischen Sozialdemokratie diese Pläne in seiner Ausgabe vom 23. Dezember 1924 positiv. Es liest Frank Riede.
13 Minuten
Mit der Großen Deutschen Funkausstellung 1924 im eigens dafür gebauten Haus der Funkindustrie am Messedamm in Berlin wurde eine Tradition begründet, die bis zur heutigen Nachfolgemesse der IFA reicht. 1924 fand diese Leistungsschau deutscher Röhrenempfänger und Kopfhörer freilich noch nicht unter dem Funkturm statt, da dieser erst im Kontext der Dritten Funkausstellung 1926 erbaut wurde. Hatte Deutschland gegenüber England und den USA, was die Quantität des Radioprogramms und der Anzahl der Empfangsgeräte anging, das Nachsehen, so konnte sich Berlin mit dieser Messe einer Rekordbesucherzahl und so mit der größten Funkmesse rühmen. Der Hamburger Anzeiger berichtet in seiner Ausgabe vom 22. Dezember von der Ausstellung, die nicht über den 14. Dezember hinaus verlängert wurde, obgleich die Besucher*innen sogar in zunehmender Menge dort hinströmten. Frank Riede hat es hinein geschaft.
6 Minuten
So langsam geht die Jagd nach den Weihnachtsgeschenken zu ende, die heutzutage weniger in den Innenstädten zu Gedränge führt, als vielmehr zu einem Gedränge der Paketlieferanten in den Hausfluren. Also kommt die Reflexion über die Kunst des Schenkens aus dem Hamburger Echo vom 21. Dezember 1924 für uns zu spät, ist aber dermaßen zeitlos, dass wir sie jederzeit senden könnten. Rosa Leu denkt also zusammen mit Agnes Hubert über die verschieden „Schenk-Typen“ nach.
11 Minuten
In der Vorweihnachtszeit 1924 erließ das Justizministerium eine Reihe von Begnadigungen und Straferlassen. Zwei fanden besondere Beachtung. Auf der einen Seite wurde der zu 5 Jahren Haft verurteilte Adolf Hitler schon nach ca. 9 Monaten vorzeitig entlassen. Auf der anderen endete das Leid des Felix Fechenbach, dem Mitbegründer der USPD und Mitglied des Arbeiter- und Soldatenrats in München während der Novemberrevolution. Er war 1922 aufgrund hauptsächlich falscher und erfundener Beschuldigungen vor dem Münchener Volksgerichtshof zu 11 Jahren Zuchthaus verurteilt worden. Die Proteste gegen diese „Rache“ des rechten Justizapparates waren sehr laut geworden und konnten offensichtlich nicht mehr ignoriert werden. Inwieweit diese Begnadigung von der Freilassung Hitlers ablenken sollte, können wir nicht beurteilen. Der Hamburger Anzeiger vom 20. 12. berichtete nicht nur die Tatsachen rund um die Entlassungen der Personen, sondern spekulierte auch im Falle von Hitler darüber, wie er sich nun politisch verhalten würde. Würde er weiter den Umsturz suchen, oder den parlamentarischen Weg gehen? Rosa Leu kennt die Einschätzung dieses Leitartiklers, der mit C. P. zeichnete.
7 Minuten
Der Fall hatte weit über Hannover hinaus breiteste öffentliche Aufmerksamkeit auf sich gezogen: Der gelernte Schlosser Fritz Haarmann wurde des Mordes an über 20 jungen Männern und männlichen Minderjährigen verdächtigt, sein zeitweiliger Partner Hans Grans der mehrfachen Beihilfe. Es waren wohl die extreme Grausamkeit der Taten, die man beiden unterstellte, sowie die Indizien, dass es sich hierbei um Sexualstraftaten handelte, die diese Causa so besonders schockierend machten und das Interesse von Historikern oder Filmemachern bis heute nicht abreißen lassen. Auch schon damals berichteten die Zeitungen, etwa in Hamburg, zwei Wochen lang fortdauernd über den Prozess. Nach nur 14 Verhandlungstagen, die zwischen 4. und 19. Dezember 1924 unmittelbar aufeinander getaktet waren, stand das Urteil des Landgerichts Hannover bereits fest. Aus der Abendausgabe des Hamburgischen Correspondenten vom 19.12. verliest und kommentiert es Frank Riede.
7 Minuten
Man darf es ruhig einmal aussprechen: Nicht der geringste Reiz der Weihnachtstage besteht darin, dass sie, neben manchem anderen, traditionell auch Tage der Völlerei sind. Süßes und Herzhaftes wechseln einander mitunter mit so hoher Frequenz ab, dass selbst stramme Kostverwerter mit fortschreitender Feiertagszahl schon dabei ertappt worden sein sollen, irgendwann ganze Mahlzeiten auszulassen. Dass sich auch in ökonomisch schlechteren Zeiten wie den schwierigen Jahren nach dem Ersten Weltkrieg beim „Fest“ vieles um das Leibeswohl drehte, verrät unser heutiger Artikel aus der Wilhelmsburger Zeitung vom 18. Dezember 1924, der nicht nur einen Eindruck davon vermittelt, was man seinerzeit typischerweise auf der Festtagstafel vorfand, sondern auch mit einigen beflissenen Tipps aufwartet, wie diese zu schmücken sei. Einen Blick in die gute Wilhelmsburger Stube von vor einhundert Jahren wirft für uns Rosa Leu.
7 Minuten
An Marokko waren in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts gleich mehrere Kolonialmächte interessiert. Sowohl Spanien als auch Frankreich erhoben Anspruch auf Gebietsteile. Zusätzlich warf auch noch Wilhelm II. seinen Hut in den Ring, konnte sich aber nicht durchsetzen. 1912 wurde das Gebiet in die Protektorate Französisch-Marokko und Spanisch-Marokko geteilt. Die Stadt Tanger behielt als Tanger-Zone einen Internationalen Status. Immer wieder kam es aber zu Aufständen der dort lebenden Stämme, die brutal und nur unter großem Einsatz unterdrückt werden konnten. Seit dem Jahr 1921 waren es die sog. Riff-Kabylen, die in beiden Protektoraten sehr erfolgreich bewaffneten Widerstand leisteten. Frankreich und Spanien sollten erst 1927 diesen Aufstand niederschlagen. Das konnten die Harburger Anzeigen und Nachrichten vom 17. Dezember 1924 nicht ahnen, sie diagnostizierten vielmehr eine tiefe Krise für den Diktator Spaniens Primo de Rivera, da dieser bislang keine militärischen Erfolge gegen die Riff-Kabylen erzielen konnte. Rosa Leu liest.
7 Minuten
Seit 1945 befinden sich die renommierten Hamburger Kammerspiele in der Hartungstraße im noblen Stadtteil Rotherbaum. Der damaligen Neugründung durch Ida Ehre ging indes die Existenz eines gleichnamigen Theaters bereits in Weimarer Zeit voraus, das der Schauspieler und Regisseur Erich Ziegel genau genommen sogar schon im August 1918 ins Leben gerufen hatte und dessen erster Standort noch am Besenbinderhof in St. Georg lag. In den folgenden Jahren lockten die Kammerspiele die Hamburgerinnen und Hamburger mit einem gleichermaßen ambitionierten Spielplan wie einem illustren Ensemble. Unter anderem gehörte diesem seit der Spielzeit 1923/24 auch ein junger Mime namens Gustaf Gründgens an, der in großen Rollen dort schnell auf sich aufmerksam machte. Auch in Franz Werfels heute kaum mehr bekannter Verstrilogie Spiegelmensch spielte er im Dezember 1924 den Hauptpart. Worum es in diesem Stück ging, entnehmen wir den Altonaer Neuesten Nachrichten vom 16. des Monats – und erfahren auch, dass Gustaf Gründgens hier von einem Schauspieler namens Ewald Schindler zeitweilig noch überragt worden sei. Inwiefern, berichtet uns Frank Riede.
13 Minuten
Ganz viele Stimmen gab es auf dem dünn besiedelten Helgoland nicht einzusammeln. Dennoch machten sich je ein Vertreter der SPD, der KPD und der DVP im Vorfeld der Reichstagswahl vom Dezember 1924 auf den Weg nach der einzigen deutschen Hochseeinsel und versuchten die Insulaner von ihren jeweiligen Ideen zu überzeugen. Wie das Rennen am Ende ausgegangen ist, verrät der mit T.H. zeichnende Sozialdemokrat unter ihnen in seinem Reisebericht im Hamburger Echo vom 15. Dezember nur mittelbar. Dafür erzählt er von den anscheinend etwas zirkusartigen Duellen, die sich die Kandidaten auf der Insel lieferten, aber auch von verbindenden Momenten im Angesicht der alle drei Festlandsgäste offensichtlich schwer beeindruckenden Elemente. Für uns auf die raue See der Natur wie der Politik gewagt hat sich Frank Riede.
10 Minuten
Am 14. Dezember berichtete der Hamburgische Correspondent von der Internationalen Automobilausstellung in Berlin. Die IAA 1924 stand, passend zum wirtschaftlichen Aufschwung des Jahres, ganz im Zeichen der Kleinwagen, die auch für den „kleinen Mann“ erschwinglich sein sollten. So präsentierte etwa Opel das erste am Fließband produzierte Modell. Dem Rezensenten fiel aber auch der bis heute legendäre Tropfenwagen der Rumpler-Werke auf, der mit seinem dem Wassertropfen abgeguckten aerodynamischen Zuschnitt eine neue Ästhetik auf den Automobilmarkt brachte. Aus heutiger Sicht allerdings besticht uns, dass vor 100 Jahren von Schutzzöllen und Subventionen die Rede war. Rosa Leu hat für uns im Tropfenwagen Probegesessen.
9 Minuten
Die Beobachtung, dass Weihnachten auch und nicht zuletzt ein großes Geschäft ist, war wohl auch schon 1924 nicht übermäßig originell. Dennoch liest sich sehr interessant, was die Bergedorfer Zeitung vom 13. Dezember bei ihrem erklärten Versuch zusammengetragen hat, hinter die Kulissen des Weihnachtsmannes zu schauen. Nicht nur wirft ihre Reportage einen Blick in die thüringischen, sächsischen und fränkischen Zentren des damaligen Spielzeugexportweltmeisters Deutschland und erläutert die Spezialgebiete der jeweiligen Standorte. Auch die Süßwaren- und Feinkostbranche finden Beachtung, ebenso die Dienstleister*innen in Dekorationsgewerbe und – Familie. Dass das hier von dieser vermittelte Bild noch äußerst traditionell ausfällt, überrascht vermutlich weniger, als dass der weihnachtliche Artikel – im Zusammenhang von Drogerieartikeln – auch von „Drogengeschäften“ zu berichten weiß. Für uns beim Weihnachtsmann war Frank Riede.
7 Minuten
Die Reichstagswahlen vom 7. Dezember 1924 hatten die Parteien der Mitte deutlich gestärkt. Um satte 5,5 Prozentpunkte hatte die SPD zugelegt, in geringerem Umfang galt das auch für DDP, Zentrum und DVP. Nationalsozialisten und Kommunisten hingegen mussten gegenüber den Wahlen im Mai große Verluste hinnehmen. Wer geglaubt hatte, dass sich nun die Regierungsbildung einfacher gestalten würde, sah sich gleichwohl getäuscht. Nach wie vor war unter den Koalitionären aus DDP, Zentrum und DVP umstritten, ob man sich nach links, zur SPD, oder nach rechts, zur DNVP hin erweitern wollte. Das alte Minderheitenkabinett unter Reichskanzler Wilhelm Marx hatte auf jeden Fall auch weiterhin keine Mehrheit, weshalb man dort zum Rücktritt entschlossen war und sich die Beobachter von der Wilhelmsburger Zeitung eher skeptisch dahingehend zeigten, bald zu stabileren Verhältnissen zu gelangen. Aus der Ausgabe vom 12. Dezember 1924 liest Rosa Leu.
8 Minuten
Flegel stammt vom lateinischen flagellum (Geißel) und wurde im Germanischen für das Werkzeug der Bauern zum Dreschen genutzt. Im 16. Jahrhundert ist „Bauernflegel“ als Schimpfwort, mit dem Bauern belegt wurden, nachgewiesen. Zwei bis drei Jahrhunderte später wird diese Bezeichnung auf pubertierende Jungen übertragen, die in ihren „Flegeljahren“ besonders zu grobem Unfug neigten. Der Hamburgische Correspondent vom 11. Dezember 1924 geht das ganze wissenschaftlich an mit einer statistischen Untersuchung dieser Entwicklungsphase. Dass mit Statistiken durchgängig Schindluder getrieben wird, dürfte allgemein bekannt sein. In diesem Fall sind die Zweifel an der Methodik der Untersuchung schon in den Artikel eingeflossen. Frank Riede führt uns dennoch ganz gesittet durch die Statistik der Flegeljahre.
5 Minuten
Neue technologische Entwicklungen bergen bisweilen gesundheitliche Gefahren, von denen man am Anfang noch nichts weiß; umgekehrt macht man sich ihretwegen häufig aber auch Sorgen, die sich im Verlauf als völlig unbegründet erweisen und nachgeborenen Generationen nur mehr ein Schmunzeln entlocken. Dass das Radiohören bzw. die dafür anfangs notwendigen Kopfhörer Ekzeme an den Ohren verursachen könnten, wurde in den Pionierjahren der Radiophonie offensichtlich sehr ernsthaft diskutiert. Ein Dr. med. K.St. belässt es in seinem Artikel im Hamburgischen Correspondenten vom 10. Dezember 1924 indes nicht bei Worten der Warnung, sondern hat bereits auch sachdienliche Hinweise im Angebot, wie diese Gefahr abzuwehren sei. Dem Weiterhören auch dieser Podcastfolge steht also nichts im Weg, das Wort hat Rosa Leu.
9 Minuten
Hatten wir gestern von dem Jubel der SPD über ihre Zugewinne bei den Reichstagswahlen vom 7. Dez. 1924 berichtet, so gießt heute die Bergedorfer Zeitung vom 9. Dezember Wasser in den sozialdemokratischen Wein. Sie fragt danach, welche stabilen Regierungsmehrheiten denkbar wären – und findet keine. Weil die DVP Stresemanns und die Sozialdemokratie so sehr zerstritten sind, sei eine solche „große Koalition“ nicht vorstellbar. Alle anderen Optionen scheinen wackelig zu sein, oder von vornherein Minderheitsregierungen. Der große Befreiungsschlag war also mit den vorgezogenen Wahlen nicht gelungen. Dennoch sollten, wie wir heute wissen, in den nächsten Jahren keine weiteren Neuwahlen notwendig werden. Frank Riede blickt für uns auf die politischen Machtoptionen nach der Wahl.