Auf den Tag genau Archiv
2057 Episoden
8 Minuten
1881 noch als „Allgemeiner Deputierten-Convent“ gegründet, ist die Deutsche Burschenschaft der bis heute bestehende Dachverband einer speziellen Gruppe von Studentenverbindungen in Deutschland und Österreich. Immer wieder wird sie mit rechtsextremistischem Gedankengut in Verbindung gebracht. War die Deutsche Burschenschaft zu Beginn der Weimarer Republik noch bereit zu konstruktiver Zusammenarbeit mit den politischen Institutionen, lehnte sie diese nach Unterzeichnung des Versailler Vertrages strikt ab und stellte sich stattdessen an die Spitze der sogenannten Völkischen Bewegung. Auf dem Burschentag 1920 wurde der Rassenantisemitismus explizit in die Grundsätze der Deutschen Burschenschaft aufgenommen, was Bruno H. Bürgel in seinem Kommentar für die Berliner Morgenpost am 19.12. scharf kritisiert. Seine eigene Argumentation ist dabei allerdings selbst nicht frei von rassistischen Vorurteilen und zeigt nicht zuletzt, wie fest verankert diese Ansichten in wohl allen Teilen der Gesellschaft dieser Tage waren. Es liest Paula Leu.
8 Minuten
Sowohl im Friedensvertrag von Versailles, als auch im Vertrag von Saint-Germain wurde ein sog. Anschlussverbot der neuen Republik Österreich an das Deutsche Reich verankert. Österreich durfte demnach nur mit Zustimmung des Völkerbundes seine Unabhängigkeit aufgeben. Nichts desto trotz gab es in Österreich politische Kräfte, die ein Überleben und Erstarken der Republik nur in einer Verschmelzung mit Deutschland ermöglicht sahen. Der erste, am 9. Dezember 1920 gewählte Bundespräsident Österreichs Michael Hainisch stand dieser Überzeugung durchaus nahe, wie die Wiedergabe eines Gespräches mit dem Korrespondenten des Berliner Tagblattes Leo Lederer zeigt, die am 18. Dezember veröffentlicht wurde. Die in dem Artikel enthaltenen Anspielungen auf Hainischs vorherige Tätigkeit beziehen sich auf seine agrarwissenschaftlichen Experimente, mit denen der auf seinem Landgut etwa die berühmte Kuh „Bella“ mit Rekordmilchleistung züchtete. Für uns liest Frank Riede.
4 Minuten
Dass körperliche Züchtigung von Schülern vor hundert Jahren ein akzeptiertes Mittel pädagogischer Disziplinierung war, ist allgemein bekannt. Dass Lehrer hierzu aber Gummischläuche statt Rohrstöcke verwendeten, die Kinder nicht auf die Toilette gehen ließen und sie zugleich mit Ausdrücken belegten, das war selbst im Berlin von 1920 einigen Eltern zuviel. Sich zu beklagen, konnte allerdings nach hinten los gehen, wie der Fall Martin Berger zeigte. Als Vater hatte er die Missstände angeprangert und wurde schließlich wegen Beleidigung des Lehrerkollegiums zu 300 Mark Geldstrafe verurteilt. Ein Skandal, wie die Berliner Volkszeitung vom 17.12. meint. Es liest Paula Leu.
10 Minuten
Kurt Singer zählte zu den prägenden Figuren des Berliner Musiklebens in der Zwischenkriegszeit. Sohn eines Rabbiners und studierter Mediziner, betätigte er sich regelmäßig, u.a. beim Vorwärts, als Musikkritiker und verband beide Tätigkeiten in vielbeachteten Forschungen über die Berufskrankheiten von Musikern. Seit 1923 wirkte er als Professor an der Staatlichen Akademischen Hochschule für Musik, später kommissarisch auch als Intendant der Städtischen Oper in Charlottenburg. Nach 1933 blieb er zunächst in Deutschland und begründete hier den berühmten Jüdischen Kulturbund. 1938 emigrierte er in die Niederlande, wo er 1943 von der deutschen Besatzungsmacht verhaftet und deportiert wurde. 1944 verstarb er an den Folgen der Haftbedingungen im Lager Theresienstadt. Sein Artikel vom 16. Dezember 1920 aus dem Vorwärts widmet sich dem großen Jubilar des Musikjahres 2020, der bereits auch der große Jubilar des Musikjahres 1920 war: Ludwig van Beethoven. Es liest Paula Leu.
6 Minuten
Savielly Tartakower war Anfang der 1920er nicht nur selbst ein Weltklasse-Schachspieler, sondern darüber hinaus auch ein renommierter Schachschriftsteller bzw. Schachjournalist. Als solcher berichtete er am 15. Dezember 1920 in der B.Z. am Mittag erfreut über einen von ihm nach Ende des Weltkriegs ausgemachten internationalen Schach-Boom. Überall auf der Welt steckten reiche Mäzene viel Geld in lukrative Schachturniere und ermöglichten dem Spiel damit einen Aufschwung durch Professionalisierung. Wann auch im Land des amtierenden Weltmeisters Emanuel Lasker aus Berlinchen in der Neumark? Es liest Frank Riede.
8 Minuten
Von der Ende 1919 durchgeführten und 1920 anhaltenden Besetzung von Fiume durch den Dichter Gabriele D’Annunzio an der Spitze einer Freischärler-Truppe hatten wir im Podcast bereits berichtet. Am 14. Dezember 1920 bietet die BZ am Mittag einen Einblick in das von D’Annunzio geführte „Reich“. Mit seinem Personenkult und Militarismus gilt das von ihm praktizierte Herrschaftssystem als direkter Vorläufer des Faschismus. Der Sonderkorrespondent aus Fiume weiß aber auch von mitunter skurrilen esoterischen Praktiken und von Auswüchsen eines Virilitäts- und Machokultes zu berichten, die, aus heutiger Sicht, auch zu den bekannten Elementen der darauf folgenden faschistischen Systeme gehören. Für uns liest, Eia, Eia, Alala, Frank Riede.
7 Minuten
Was macht man in New York, der Stadt that never sleeps, wenn man sich anderswo nach dem Theaterbesuch wieder auf den Heimweg begibt? Seit der Premiere des neuen Revueformats „Danse de Follies“ 1915, eine Erfindung des umtriebigen Theaterproduzenten Florenz Ziegfeld junior, geht man in die sogenannten ‚midnight frolics‘, eine auf dem Dach des New Amsterdam Theatre in Manhattan angesiedelte, überbordende Show aus Musik und Tanz. Das erste Supermodel der Geschichte Kathleen Rose alias Dolores war von 1917 bis 1923 Teil des Ensembles. Noch mehr als einzelne Tänzerinnen aber faszinierte den Korrespondenten der BZ am Mittag in seinem Bericht vom 13.12.1920 die ‚midnight frolics’ als Beispiel der Jazzeuphorie und Jazznarkose der amerikanischen Nation in den Jahren nach dem 1. Weltkrieg. Es liest Paula Leu.
10 Minuten
Nachdem wir in diesem Podcast von der Premiere des Stummfilms “Golem, wie er in die Welt kam” berichtet und mit der Filmwissenschaftlerin Gertrud Koch in unserem Format 3 ½ Fragen an… über den Film gesprochen haben, taucht eine Referenz auf ihn auch in der Berliner Volkszeitung vom 12. Dezember auf. Der Stoff des Films dient dem pazifistischen Publizisten Carl von Ossietzky als Vergleichsfolie für den „Golem“ der organisierten Aufrüstung und Militarisierung zum angeblichen Zwecke des Selbstschutzes sowohl im rechten als auch linken Lager, ein “Automat”, der droht sich zu verselbständigen und unkontrollierbar zu werden. Es liest Frank Riede.
5 Minuten
Die Liste möglicher Kandidaten für den Friedensnobelpreis ist jedes Jahr auch eine Liste recht unwahrscheinlicher Vorschläge. Donald Trump ist eines der jüngsten Beispiele, aber selbst Adolf Hitler – wenn auch mehr aus einem etwas kurios-satirischen Impuls heraus – gehörte dazu. Eine Satire war die Verleihung des Preises an den 28. Präsidenten der USA, Woodrow Wilson, für das Jahr 1919 und an den Franzosen Leon Bourgeois, des ersten Präsidenten des Völkerbundrates, für das Jahr 1920 nicht. Kritik an der Entscheidung gab es, wie unter anderem im Berliner Tageblatt vom 11.12.1920 zu lesen, aber auch hier. Es liest Paula Leu.
4 Minuten
Heute bietet uns die BZ am Mittag in ihrer Ausgabe vom 10. Dezember 1920 unter dem Titel „Englisches Leben“ vermischte Nachrichten von der Insel jenseits des Ärmelkanals. Vier kleine “faits divers” lesen für uns Paula Leu und Frank Riede.
6 Minuten
Freidenker gab es selbstverständlich auch schon im Kaiserreich, und auch weltliche Begräbnisse waren seinerzeit theoretisch irgendwie wohl möglich. Umfängliche Religionsfreiheit im Rahmen einer juristischen Trennung von Staat und Kirche und das sich daraus ableitende Recht auf eine Freiheit von Religion noch im Tode garantierte in Deutschland jedoch erst die Weimarer Verfassung. Auf diese berief sich denn auch ein sogenannter ‘Laienredner‘, der im Groß-Berliner Ortsteil Altglienicke am offenen Grab eines Freundes von einem Kirchenratsvertreter an der Ausübung seiner Tätigkeit mit Hinweis auf eine fehlende Redegenehmigung gehindert und hinterher sogar mit einem Strafmandat belegt wurde. In zweiter Instanz erwirkte er einen Freispruch erster Klasse, das kirchliche Monopol auf Beerdigungen war aufgehoben. Die Freiheit vom 9. Dezember 1920 vernahm es mit Genugtuung. Es liest Paula Leu.
5 Minuten
Der heute vielfach vergessene Schriftsteller, Politiker und Ökonom Franz Jung begann sein abenteuerliches Leben 1888 in Oberschlesien. Er studierte an mehreren Orten, flog aus einer Burschenschaft, weil er einen Ranghöheren verprügelte, und schrieb an der Universität München die Dissertation mit dem Titel: Die Auswirkungen der Produktionssteuer in der Zündholzindustrie. Parallel verfasste er erste expressionistische Dichtungen. Mit Beginn des Ersten Weltkriegs meldete er sich freiwillig zum Militär, desertierte aber kurz darauf. Von hier an beginnt ein Leben geprägt von politischer Tätigkeit, Flucht, Gefängnisaufenthalten und dem Publizieren unter Pseudonymen. Während der Novemberrevolution 1919 setzte er sich an die Spitze eines Zuges und besetzte ein Telegraphenbüro, er wurde verhaftet, floh nach Breslau, war Mitglied der KPD, wurde ausgeschlossen, gründete daraufhin die Kommunistische Arbeiter Partei. Um deren Aufnahme in die Kommunistische Internationale zu erreichen, wollte er nach Rußland. Was er auf hoher See tat, um dorthin zu gelangen, davon berichtet der Vorwärts am 8. Dezember. Es liest für uns Frank Riede.
7 Minuten
Erich Wolfgang Korngold galt Anfang des 20. Jahrhunderts als das musikalische Wunderkind schlechthin. Bereits im frühen Teenageralter hatte er nicht nur mehrere Klaviersonaten, sondern gar bereits eine stattliche Anzahl an Orchesterwerken vorgelegt, die von den namhaftesten Dirigenten der Zeit aufgeführt wurden; mit seinem Ballett Der Schneemann hatte er kaum elfjährig an der Wiener Hofoper debütiert. Entsprechend groß fiel der Hype aus, als Ende 1920 zeitgleich an den Opernhäusern von Hamburg und Köln mit Die tote Stadt die erste abendfüllende Oper des nunmehr dreiundzwanzigjährigen österreichischen Jungkomponisten angekündigt war. Der Berliner Börsen-Courier vom 7. Dezember berichtete aus der Hansestadt von einem großen Publikumserfolg, mochte sich der allgemeinen Euphorie allerdings nicht in Gänze anschließen – und sollte mit seiner Prognose gründlich falschliegen: Die tote Stadt wird von der Musikgeschichtsschreibung heute keineswegs als randständiges Jugend- oder Durchgangswerk Korngolds betrachtet, sondern sollte seine neben seinen späteren Hollywood-Filmmusiken berühmteste Komposition bleiben. Es liest Paula Leu.
10 Minuten
Der Kunstkritiker und Publizist Karl Scheffler ist bis heute v.a. für sein pointiertes Diktum bekannt, wonach Berlin als Stadt dazu verdammt sei, „immerfort zu werden und niemals zu sein.“ Die ‚Großstadt’ beschäftigte ihn zudem als Phänomen und Ausdruck der Moderne überhaupt. Dabei wurden ihm auch scheinbar nebensächliche Beobachtungen Ausgangspunkt der Reflexion auf die frühe Industriegesellschaft. So auch in seiner am 6. Dezember 1920 in der Vossischen Zeitung veröffentlichten Meditation über den Lokführer, in der sich ein beinah futuristischer Ton der Glorifizierung des ‚Mannes auf der Maschine‘ mit einem konservativ-patriarchalen Duktus auf eigenwillige Weise verbindet. Es liest Frank Riede.
10 Minuten
Julius Meier-Graefe zählte zu den bedeutendsten Kunsthistorikern seiner Zeit und galt in Deutschland vor allem als intimer Kenner des französischen Impressionismus. Als stetiger Grenzgänger zwischen Berlin und Paris litt er in besonderem Maße unter den auch zwei Jahre nach Ende des Ersten Weltkriegs noch immer allgegenwärtigen deutsch-französischen Spannungen. Umso angenehmer überrascht ist er von der positiven Stimmung, die ihm zum Vergleich bei seiner ersten Nachkriegsreise nach Italien entgegenschlägt. Sein Bericht aus Venedig, Florenz und Rom im Berliner Tageblatt vom 5. Dezember 1920 fällt entsprechend ausgelassen aus. Getrübt wird seine Freude allenfalls ein wenig durch das neuerrichtete Riesenmonument für König Vittorio Emanuele II. (im römischen Volksmund bald ‘die Schreibmaschine‘ genannt), das tatsächlich noch heute, wie von Meier-Graefe prognostiziert, in brachialem, zu keiner Patina fähigem Weiß über der Piazza Venezia thront. Es liest Paula Leu.