Auf den Tag genau Archiv
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5 Minuten
Wenn Kabinette in so hoher Frequenz einander ablösen, wie das in der Weimarer Republik der Fall war, dann haben ihre Besetzungen häufig etwas von Bäumchen-wechsel-dich-Spielen. Auch die seit dem 10. Mai 1921 amtierende Regierung Wirth wartete personell mit etlichen hinlänglich bekannten Gesichtern auf, die vielfach bereits vorangegangenen Ministerriegen angehört hatten. Ein Name freilich stach hier heraus: Walther Rathenau gehörte als AEG-Erbe zweifellos zum höchsten Industrie- und Finanzadel des Reiches und hatte sich während des Weltkriegs in der Rohstoffabteilung des preußischen Kriegsministerium bereits auch prominent politisch betätigt. Nach der Novemberrevolution war er jedoch nicht ins vorderste Glied aufgerückt, sondern hatte eher nur publizistisch aus dem Hintergrund Politik und dabei mit überraschend planwirtschaftlichen Konzepten von sich reden gemacht. Wie der folgende Artikel aus dem Vorwärts vom 31. Mai anschaulich belegt, wurde seine Nominierung als Wiederaufbauminister seitens der liberalen DDP deshalb auch und gerade im linken Spektrum durchaus von Hoffnungen begleitet. Es liest Paula Leu.
18 Minuten
In unserer heutigen Ausgabe der „3 1/2 Fragen an…“ sprechen wir mit Matthias Lilienthal über die 20er Jahre Avantgarden und ihren Einfluss auf das Theater der Nachwendezeit in Berlin. Unter Frank Castorf war Lilienthal in den 1990er Jahren Chefdranmaturg und stellvertretender Intendant der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, bevor er in den Nullerjahren des 21. Jahrhunderts als künstlerischer Leiter und Geschäftsführer des Hebbel am Ufer, HAU, Furore machte. 2002 und 2014 leitete er das internationale Festival „Theater der Welt“, 2015 schließlich übernahm Matthias Lilienthal überraschend die Intendanz der Münchner Kammerspiele. Sowohl das HAU als auch die Münchner Kammerspiele wurden unter ihm jeweils mehrfach zum „Theater des Jahres“ gewählt.
6 Minuten
Der Kulturbegriff im Berliner Feuilleton der frühen 1920er Jahre ist mit eurozentrisch noch sehr zurückhaltend beschrieben. Hinweise auf die bloße Existenz außereuropäischer Literaturen findet man in den Rezensionsspalten sämtlicher in diesem Podcast zu Gehör gebrachter Tageszeitungen nur höchst vereinzelt, die sich dann erst recht nicht mit zeitgenössischen Autoren befassen. Umso markanter sticht eine singuläre Ausnahme ins Auge: Der bengalische Dichter und Philosoph Rabindranath Tagore war nicht nur 1913 als erster Asiat mit dem Literatur-Nobelpreis ausgezeichnet, sondern in der Folge von den westlichen Konsekrationsinstanzen tatsächlich in den Kanon der Weltliteratur aufgenommen und sein Schaffen fortan mit großer internationaler Aufmerksamkeit bedacht worden. Als Tagore 1921 zum ersten Mal nach Deutschland reiste, war dies denn auch hierzulande ein kulturelles Ereignis, über das die Presse Station für Station berichtete. Am 30. Mai war Tagore in Berlin eingetroffen, wo die Deutsche Allgemeine Zeitung die Ehre hatte, ihn zu treffen. Es liest Frank Riede.
9 Minuten
Vor mehr als einem Jahr berichteten wir von der erschütternden Not in den Gebrigsdörfern des Erzgebirges, wo eine ohnehin von Armut durchdrungene Gegend durch den Krieg und dessen Folgen zusätzlich gebeutelt wurde. Doch dieses Bild hat, wie wir heute erfahren, nichts mit den Zuständen in Glashütte zu tun. Schon vor dem Ersten Weltkrieg ein Zentrum der Feinmechanik und Uhrmacherei knüpfte die dortige Industrie an diesen wirtschaftlichen Erfolg auch in der Weimarer Republik an. Ein gewisser Dr. Edwards berichtet in der Vossischen vom 29. Mai 1921 davon, wie dies, trotz der kriegsbedingten Einbußen, möglich war. Neben dem Zusammenschluss aller Betriebe, die Edwards beschreibt, klingt das Mantra des Überlebens von Glashütte auch heute hochaktuell: Halten der qualifizierten Arbeitskräfte und stete Implementierung von Forschung und Innovation. Für uns besucht Glashütte Frank Riede.
6 Minuten
Die Tiefsee hat die Phantasie des Menschen von jeher angeregt und gehört tatsächlich bis heute zu den am wenigsten erforschten und deshalb auch noch immer geheimnisvollsten Orten des Planeten. Auch wenn die moderne Meeresbiologie die Vorstellungen von riesenhaften, schiffeschluckenden, schiffeversenkenden Seeungeheuern weitgehend entromantisiert hat, sind diese doch nicht zuletzt dank der Romane eines Herman Melville oder Jules Vernes tief im kollektiven Gedächtnis verankert. Aber auch die Tagespresse hat gelegentlich an derlei Seemannsgarn mitgestrickt, wie ein Blick in die Berliner Volks-Zeitung vom 28. Mai 1921 beweist. Es liest Paula Leu.
12 Minuten
Bei Filmproduktionen gehört traditionell zu den Aufgaben der Regieassistenz das Casting und die Regie der Komparserie. Heutzutage läuft das über spezialisierte Statisten-Agenturen und am Set, bei größeren Statistenheeren, immer noch gern per Flüstertüte. In der Vossischen Zeitung vom 27. Mai 1921 sind wir auf einen Artikel gestoßen, in dem Egon Jacobsohn davon berichtet, wie sich die Komparsen-Szene in Berlin von etwa 1910 an entwickelte, in welchen Cafés die Schauspieler und Schauspielerinnen ihre Dienste anboten und wie sie sich zunehmend organisierten. Ob Stummfilm 1921 oder heutiger 3D-Blockbuster, immer gilt für die Komparserie, dass sie hauptsächlich nach äußerlichen Merkmalen gecastet wird. Von dieser im Kern menschenunfreundlichen und frauenfeindlichen Katalogisierung der Darstellerinnen und Darsteller, sowie dem potentiellen Missbrauch der Notlage, besonders der Statistinnen durch die mächtigen Hilfsregisseure erzählt der Text. Für uns taucht in diese Gesellschaft am Rande der Filmindustrie Frank Riede ein.
3 Minuten
Nachdem unser gestriger Podcast mit einem Statement des afrodeutschen ‘Afrikanischen Hilfsvereins‘ aus der Berliner Volks-Zeitung zur Debatte um die sogenannte ‘schwarze Schmach‘ aufwartete, findet sich an gleicher Stelle am Folgetag, dem 26. Mai 1921, ein weiterer nicht minder brisanter Artikel zum selben Thema. Genau genommen handelt es sich bei ihm um die Zuschrift einer Leserin, die aus sehr persönlicher Sicht Erfahrungen eines Togolesen, nämlich ihres Verlobten, im Deutschland des Jahres 1921 schildert. Aus ihren wenigen Zeilen geht einmal mehr hervor, dass die hiesige Gesellschaft seinerzeit zumindest in Ansätzen durchaus diverser war, als man vielleicht erwartet hätte. Zugleich veranschaulichen sie auf drastische Weise den nicht selten unmittelbar gewalttätigen Rassismus, auf den man im medialen wie im realen Raum vor und hinter jeder Ecke stieß. Es liest Paula Leu.
4 Minuten
Die sogenannte ‘schwarze Schmach‘ war bereits mehrfach Thema hier im Podcast. Alle großen Kolonialmächte hatten im Ersten Weltkrieg Soldaten auch in ihren ‘Überseegebieten‘ ausgehoben, um sie anschließend auf den dortigen, teilweise aber auch auf den europäischen Schlachtfeldern für ihre jeweiligen Kriegsabsichten zu verheizen. Die Franzosen setzten diese Kolonialsoldaten nach 1918 zum Teil auch bei der Besetzung des Rheinlandes ein, was in Deutschland wüst rassistische Phantasien sprießen ließ, die sich – keineswegs nur im äußerst rechten Spektrum – auch in der Tagespresse ausgebreitet fanden. Umso interessanter sind zwei, im Mai 1921 an aufeinanderfolgenden Tagen in der Berliner Volks-Zeitung erschienene Beiträge, die sich gegen dieses dominierende Narrativ zur Wehr setzen und aus für damalige Verhältnisse allemal bemerkenswerter Perspektive auf die Thematik blicken. Der erste dieser beiden Texte vom 25.5. ist zwar seinerseits einleitend einmal mehr nicht völlig frei von problematischer Terminologie. Immerhin verdeutlicht er aber im Folgenden, dass es auch 1921 schon Afrodeutsche gab, und lässt diese auch zu Wort kommen. Gelesen von Frank Riede.
5 Minuten
Wer war Anfang 1921 ein aussichtsreicher Kanzlerkandidat? Konrad Adenauer, der damals 45jährige Oberbürgermeister von Köln, einer der politischen Hoffnungsträger der katholischen Zentrumspartei. Seine Nähe zur Industrie, er sollte in den 20er Jahren in zahlreichen Aufsichtsräten, unter anderem der Deutschen Bank und der Deutschen Lufthansa, sitzen, brachte ihm viel Skepsis seitens der Arbeiterparteien ein. In dieser sieht sich die Freiheit vom 24 Mai 1921 bestätigt. Sie kritisiert scharf Adenauers Vorschlag, die Arbeitszeit, über die Achtstundenwoche hinaus, zu verlängern. erst 1918, nach Jahrzehnten des politischen Kampfes, war in Deutschland die gesetzliche Regelung des achtstündigen Arbeitstages festgesetzt worden. Konrad Adenauers Idee führt nicht zur Aufweichung dieser Regelung – von der werden wir hier erst in zwei Jahren berichten können. Für uns regt sich Paula Leu auf.
6 Minuten
Flöte als Instrument für Straßenmusik. Das erinnert, zumindest diejenigen, die in den 1990ern durch die westdeutschen Innenstädte flanierten, an südamerikanische Bands mit Lautsprecher verstärkten Panflöten. Die prägten 1921 natürlich nicht das Straßenbild. Am 23. Mai berichtet die Berliner Volks-Zeitung von der vielfältigen Straßenmusikkulisse in Berlin. Dabei hat es dem Autor die Blockflötenmusik besonders „angetan“. Ein Musikinstrument, das seit Jahrhunderten – völlig zu Unrecht – keinen besonders guten Ruf genießt. Die verschiedenen Performances beschreibt für uns Frank Riede.
9 Minuten
Rummel in Berlin – das war nie nur der strahlend-mondäne Luna-Park am Halensee, sondern genauso die Vielzahl seiner ungleich plebejischeren Geschwister in den Vorstädten. Dort gab es zwar keine Gebirgsbahnen, Hippodrome oder drehbaren Häuser. Dafür konnte man hier das ganze Panoptikum großstädtischer Existenzformen mit ihren Freizeit- und Balzritualen gleichsam unter dem Brennglas studieren. Der große Meister der 20er-Jahre-Rummelplatz-Poesie war zweifellos Ödön von Horvath. Aber auch das literarische Feuilleton trieb sich damals gerne zwischen Karussell und Schießbude herum, wie der folgende Bericht aus der Berliner Volks-Zeitung vom 22. Mai 1921 beweist. Es liest von Paula Leu.
14 Minuten
Anfang 1921 richteten sich die von Benito Mussolini 1919 gegründeten Fasci italiani di combattimento, die Schwarzhemden, dezidiert und aggressiv gegen den Sozialismus und Kommunismus und fanden dadurch einen gesteigerten Zuspruch bürgerlicher Schichten. Damit beginnt über Italien hinaus eine Wahrnehmung des Phänomens Faschismus, 1921 in den Zeitungen noch als „Fas-c-ismus“ geschrieben, was aus dem lateinischen „Fasces“ – dem Machtsymbol Liktorenbündel im antiken Rom gebildet ist. In der von uns gelesenen Berliner Hauptstadtpresse ist einer der ersten Artikel, der sich an einer Analyse dieser neuen politisch wirksamen Erscheinung versucht, der ins Deutsche übersetzte Aufsatz des italienischen Journalisten und Mitglieds der Sozialistischen Partei Italiens Giovanni Zibordi. Er wurde am 21. Mai im Vorwärts abgedruckt und wir haben uns entschieden, ihn in voller Länge von Frank Riede vortragen zu lassen, weshalb unsere heutige Ausgabe von Auf den Tag genau ein paar Minuten länger ausfällt. Angesichts dieses spannenden Zeitdokuments fiel uns diese Entscheidung nicht schwer.
7 Minuten
Ferruccio Busoni gehörte um die vorletzte Jahrhundertwende drei Jahrzehnte lang zu den prägenden Figuren des Berliner Musiklebens. 1894 hatte er sich in der Stadt niedergelassen und wirkte hier und von hier als umtriebiger Komponist, Pianist, Dirigent, Essayist, Pädagoge und Musiktheoretiker der anbrechenden Moderne. Nach einigen Jahren des erzwungenen Schweizer Exils während des Weltkriegs kehrte er nach dessen Ende in seine Wohnung am Viktoria-Luise-Platz zurück und befasste sich hier in seinen letzten Lebensjahren insbesondere mit Ideen zu einer Erneuerung des Musiktheaters. Im Mai 1921 kamen in der Staatsoper Unter den Linden erstmals seine in Zürich entstandenen Opern Turandot und Arlecchino auf die Bühne. Die Berliner Volks-Zeitung war bei dieser Berliner Erstaufführung dabei und zeigte sich in ihrer Ausgabe vom 20.5. bei allem Respekt für die Person Busonis doch ein wenig skeptisch gegenüber dem von ihm hier zur künstlerischen Anschauung gebrachten ästhetischen Reformprogramm. Es liest Frank Riede.
4 Minuten
Als eine der großen Philanthropinnen des 20. Jahrhunderts gilt Elsa Brandström. Die 1888 geborene Tochter des schwedischen Militärattachés in Rußland, lebte zunächst das privilegierte Leben einer „höheren Tochter“, bis sie sich nach dem frühen Tod ihrer Mutter freiwillig als Krankenschwester im Ersten Weltkrieg meldete. Fortan engagierte sie sich, ohne Rücksicht auf ihre eigene Gesundheit, für Kriegsgefangene und Flüchtlinge, insbesondere in den vom Flecktyphus verheerten Lagern im Osten Rußlands, was ihr den Namen „Engel von Sibirien“ eintrug. Anlässlich einer Ehrung an der Universität Halle berichtet die Vossische Zeitung vom 19. Mai 1921 über das Wirken von Elsa Brandström. Paula Leu liest.
7 Minuten
Im Ersten Weltkrieg auf der richtigen, will heißen: am Ende siegreichen Seite gestanden zu haben, schützte vor anschließender politischer Instabilität bekanntlich nicht. Das historisch prominenteste, folgenreichste diesbezügliche Beispiel war Italien. Die Hoffnungen der ‘Irredentisten‘ auf erhebliche Gebietsgewinne im Mittelmeerraum und im kolonialen Afrika hatten sich nicht erfüllt, wirtschaftliche und soziale Krisen erschütterten das Land. Sozialistische Revolutionsversuche schlugen mehrfach fehl und führten zwei Jahre nach Kriegsende umgekehrt zu einem Erstarken der militanten Rechten, der faschistischen Schwarzhemden, die durch den Parlamentswahlkampf im Frühjahr 1921 eine Blutspur zogen und zynischerweise dennoch gestärkt aus dieser hervorgingen. Mit Blick vor allem auf Südtirol registriert die ihrerseits mindestens konservative Berliner Börsen-Zeitung vom 18. Mai diese neue Spielart des Nationalismus mit einigem Missfallen, sieht von ihr perspektivisch allerdings keine größere Gefahr für die italienische Demokratie ausgehen. Sie sollte, wie wir wissen, schon sehr bald eines Schlechteren belehrt werden. Es liest Paula Leu.