In letzter Zeit läuft es sportlich ja wieder etwas runder beim FC
St. Pauli (lustig, das stimmt heute und zum Zeitpunkt des
Entstehens dieses Textes 2017 ;)). Trotzdem kann einem diese
Saison schon angst und bange werden, wenn man an die Zukunft des
Vereins denkt.
Ich mache mir allerdings keine wirklichen Sorgen mehr um meinen
Klub, selbst wenn er noch so schlecht Fußball spielt. Und das
liegt an einem Gespräch, das ich vor einigen Wochen mit Willi
geführt habe, meinem Nebensteher auf der Gegengeraden.
Der FC St. Pauli hatte mal wieder ein Heimspiel verloren, obwohl
die Kiezkicker gut gespielt und sich ein Unentschieden verdient
hatten. Ich stand mit Willi vor der Domschänke, als dieser einen
denkwürdigen Vorschlag machte, vermutlich, um mich aufzuheitern:
„Wenn St. Pauli absteigt, dann können wir uns eigentlich
auch ganz vom Spielbetrieb abmelden. Dann könnten wir am
Millerntor Konzerte veranstalten. Bei denen kann man nicht
verlieren, nur gewinnen“, sagte er.
So weit hergeholt, wie er mir auf den ersten Blick erschien, ist
der Gedanke gar nicht. Zwar will niemand beim FC St. Pauli die
Profimannschaft aufgeben, energisch arbeiten alle Angestellten
vom Präsidenten bis zum Greenkeeper am Klassenerhalt (aktuell
sogar in Liga 1!). Auch im Falle eines Abstiegs – oder
Durchmarsches nach unten – würden am Millerntor jedoch die
Flutlichter nicht ausgehen, da bin ich mir sicher. Der Gedanke
aber, dass hinter St. Pauli mehr steckt als Fußball, ist es wert,
weitergedacht zu werden.
Der Klub, besser der Mythos St. Pauli, hat weltweit
schätzungsweise elf Millionen Sympathisanten. Beim Verkauf der
Totenkopf-Shirts, dem offiziellen Merchandise, steht der Klub auf
einem Tabellenplatz, der zur Teilnahme an internationalen
Wettbewerben berechtigt. Mit dem sportlichen Erfolg des Klubs ist
das nicht zu erklären.
Foto: „Jolly Roger aufgehisst“, Erik Hauth
Der Jolly Roger ist auf jeder linken Demo zu sehen; in der
Schanze genauso wie in Athen oder in New York, wo St. Pauli
T-Shirts derzeit bei Trump-Gegnern gerade sehr en vogue sind. Es
gehört zum Gründungsmythos der Marke St. Pauli, dass der Verein
eine eindeutig linke politische Haltung einnimmt. Die Mitglieder
des FC St. Pauli engagieren sich für Flüchtlinge, organisieren
namhafte Kunstausstellungen wie die Millerntor Gallery und legen
sich regelmäßig mit dem politischen Establishment an. Diese
Haltung hat sich herumgesprochen und St. Paulis Totenkopf bekannt
gemacht – auch international.
Im vergangenen Herbst 2016 ist der US-Shop des FC St. Pauli
online gegangen. Begleitet wurde der Start der Tour einer
Punkband durch die USA. Einen Bezug zum Bundesliga-Fußball suchte
man vergebens. St. Pauli funktioniert in den USA einzig über den
Mythos seiner widerspenstigen Fanszene. Kein Wunder, dass der
amerikanische Partner der Kiezkicker ein Spezialvermarkter für
Rockbands ist.
Der FC St. Pauli ist mit den Verkaufszahlen hoch zufrieden,
erzählte mir ein Vereinsmitarbeiter kürzlich. Der Umsatz
übersteige den von etablierten Champions-League-Teilnehmern
deutlich, freut man sich am Millerntor.
St. Paulis Totenkopf ist in der Popkultur
angekommen
Zumindest in den USA ist Willis Vision also schon Wirklichkeit.
Der Totenkopf, der aus der Hamburger Hafenstraße einst seinen Weg
ans Millerntor fand, ist längst zur Popikone geworden. In einer
Linie mit Che Guevaras Antlitz und Kurt Cobains Konterfei.
Der Vorteil für den FCSP liegt auf der Hand: Es gibt keinen
Abstieg aus der Rock ’n‘ Roll-Liga, zumindest keinen sportlichen.
Da liegt der Gedanke doch nahe, den Erfolg aus den Vereinigten
Staaten auch ans Millerntor zu übertragen.
Ein Gedankenexperiment: Der FC St. Pauli hat die Genehmigung für
19 Veranstaltungen im Jahr. Das sind derzeit die 18 Heimspiele,
plus ein Spiel für die mögliche Relegation. Wenn ich mir
vorstelle, dass diese Termine statt mit drögem Gekicke mit
Konzerten und Happenings ausgefüllt werden würden, mache ich mir
plötzlich keine Sorgen mehr. Der Gedanke reizt mich sogar.
Es ist mir traditionell beinahe egal, in welcher Liga der
magische FC St. Pauli spielt, das habe ich mit vielen Anhängern
gemein. Dass es mir nun auch einerlei sein könnte, ob er
überhaupt noch Fußball spielt, ist dank Willis Kommentar zur
letzten Heimniederlage zumindest vorstellbar. Der Stress, der
traditionelle Fußballanhänger bei einem drohenden Abstieg
befällt, wird nun besser zu ertragen sein.
Ich weiß nun: Zur Not spielen wir auf St. Pauli eben Bassgitarre
statt Steilpass.
(Dieser Artikel erschien zuerst im Blog von Die Zeit, passt aber
auch heute noch)
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