Angst und Schrecken (und verdammt viel Spaß) verbreitet der FCSP
im Hamburger Nullgrad-Nieselregen: Wie das letzte Aufgebot des FC
St. Pauli den VfB Stuttgart zerlegte
Von unserem Korrespondenten im digitalen Exil
Es war ein Tag für Grabenkämpfe. Draußen herrschten ein Grad,
Nieselregen und jene spezifische Art von Hamburger Klammigkeit,
die normalerweise Depressionen züchtet. Aber drinnen, im Kessel,
oder besser gesagt: in den Köpfen derer, die noch übrig waren,
passierte etwas Seltsames. Etwas, das man am Millerntor schon
fast für einen Mythos hielt, begraben unter monatelangem
Abstiegskampf-Gejammer. Es roch plötzlich nach Lust. Lust am
Kampf, Lust an der Kraft.
Ich war nicht dort. Ich konnte heute nicht. Vielleicht darf ich
auch nie wieder hin, denn wenn ich nicht da bin, spielen sie
plötzlich wie von der Tarantel gestochen. Ich saß vor dem Schirm,
trötete auf Social Media und sah zu, wie sich das „letzte
Aufgebot“ gegen den Champions-League-Adel aus Stuttgart erhob.
Das Lazarett tanzt Pogo
Man muss sich die Szenerie mal vorstellen: Da kommt der VfB,
bereit, sich an den Trögen der Champions League gütlich zu tun,
und trifft auf einen Kader, der eher einer Krankenstation
gleicht. Ein Lazarett, das die Hälfte des Gesamtwerts umfasst.
Dapo ist weg, Rocky Jones kaputt, und kurz vor Anpfiff fällt auch
noch Fujita aus, der einzige, der seit Monaten konstant liefert.
Jeder vernünftige Mensch, jeder Buchhalter des Fußballs hätte auf
ein massakerartiges 0:3 getippt. Aber stattdessen? Statt den Bus
vor dem Tor zu parken und um Gnade zu winseln, entscheiden sich
diese Wahnsinnigen für „Free your mind and the rest will
follow“.
Wieder da: Jackson Irvine. Der Mann spielt mit Schmerzen, als
wäre Schmerz nur eine Illusion, reißt fast zwölf Kilometer ab und
grätscht an der Seitenlinie in meine Erinnerung an Carsten
Rothenbach. Und dann war da wieder Manolis Saliakas. Es gab
Gerüchte, der Mann sei schon halb in Griechenland, aber an diesem
Nachmittag hatte er einfach die Schnauze voll. Er fand diese
Attitude wieder: „Ich bretter das Ding mal kurz unter die Latte“.
Ein Tunnel-Zuspiel von Sinani, mit dem Überblick eines
Feinsinnigen, und Saliakas wuchtet das Leder oben rechts rein.
1:0. Das Millerntor brüllte nach mehr, noch mehr Klassenkampf.
Basketball im Strafraum und die Wiederentdeckung der Offensive
Der VfB Stuttgart wusste nicht, wie ihm geschah. Sie dachten, sie
spielen gegen einen Abstiegskandidaten, aber sie spielten gegen
ein Gefühl. Ein Gefühl von: „Mir doch egal.“
Und dann wurde es grotesk. Ein Stuttgarter entschied sich mitten
im Strafraum für eine kurze Basketball-Einlage.
Dummdi-dummdi-dumm mit der Hand. Sinani, der Mann mit dem
Radar-Auge, trat an. 2:0. Ein Satz, so trocken wie ein
Bond-Martini.
Es war nicht nur Glück. Es war pure Statistik für die Seele: 15
Torschüsse, neun davon direkt auf den Kasten, 6,2 Kilometer mehr
gelaufen als der Gegner. Sie haben nicht verwaltet, sie haben
gejagt. Vorchecking, hohes Pressen – Dinge, die man eigentlich
nur aus Erzählungen kannte.
Die Erlösung des Alexander Blessin
Und an der Seitenlinie? Alexander Blessin. Der Mann, den ich –
ich gestehe es – oft genug zum Teufel gewünscht habe. Aber an
diesem nasskalten Abend sah man etwas Neues. Nach dem Abpfiff
eine Umarmungstraube zwischen ihm, Nemeth und dem weißhaarigen
Bornemann. Der Druck fiel ab wie nasser Putz von der Wand. Heute
hatte er aufgehört, nur die Null halten zu wollen. Heute ließ er
sie spielen.
Natürlich wurde es am Ende nochmal eng. Das obligatorische
Gegentor in der 90. Minute, weil der FC St. Pauli ohne Herzrasen
nicht funktionieren kann. Aber Lars Ritzka verteidigte nach
vorne, kratzte den Ball fast von der Linie – ein ungültiges
Traumtor nimmt auch Minuten von der Uhr; wen kümmert das schon? –
körpereigener Rausch ist der schönste.
Das Fazit: Wir ziehen sie alle mit runter
Als der Schlusspfiff ertönte, war es keine Freude, es war
Erlösung. Wir stehen zwar immer noch auf Platz 17, aber wir sind
nur noch einen Punkt hinter Bremen. Und das ist die perverse
Schönheit dieses Spieltags: Mit diesem Sieg ziehen wir Wolfsburg
und Bremen wieder ganz tief mit rein in den Sumpf.
Das war kein taktisches Meisterwerk am Reißbrett. Das war ein
Sieg des Willens, der „Lust am vorne Verteidigen“. Ein Sieg für
die, die schon abgeschrieben waren.
Ich werde wohl doch wieder ins Stadion gehen, schiet doch auf
Aberglauben. Wenn sie so weiterspielen – mit dieser „Mir doch
egal und Spaß dabei“-Attitüde – dann tröte ich gerne weiter aus
der Ferne.
Prost. Auf den Klassenkampf. Auf zu weiterem Spaß mit Leverkusen.
Get full access to St. Pauli POP at
stpaulipop.substack.com/subscribe
Kommentare (0)
Melde dich an, um einen Kommentar zu schreiben.