Manchmal, in seltenen Momenten, wird auch im Reality-TV nicht nur
alles immer schlimmer, sondern auch ein bisschen besser. "Beauty
& the Nerd", einst ziemlich zuverlässig gebaut auf leicht
fiesem „Guck mal, ein komischer Mensch!“-Fundament gebaut, hat
über die Jahre so etwas wie ein Herz entwickelt. Anja und Jochen
schauen die erste Folge der neuen Staffel und stellen fest: Die
Nerds dürfen inzwischen tatsächlich Menschen sein. Mit Ängsten,
Unsicherheiten und Sehnsüchten, die sich der klassischen
Freakshow-Mechanik hartnäckig widersetzen.
Natürlich wird trotzdem noch kräftig skurrilisiert.
Wrestling-Nerd Patrick etwa marschiert kostümiert als Hulk Hogan
ein, was angesichts von Hogans rassistischen Äußerungen und
späterer Trump-Begeisterung vielleicht nicht gerade die
unproblematischste Heldenwahl der Popgeschichte ist, und übt
Wrestling-Moves an einem gigantischen Stoffelefanten, dessen
Gesichtsausdruck mindestens seelische Schieflage verrät.
Aber es passiert eben auch wirklich Schönes: Die Nerds schreiben
ihren Beautys Briefe darüber, was sie sich von der gemeinsamen
Zeit erhoffen, erzählen von ihren Unsicherheiten und davon, wo
sie sich Veränderung wünschen. Genau da zeigt sich, was dieses
Format im besten Fall sein kann: keine einseitige
Menschwerdungsanstalt für vermeintlich sozial inkompetente
Kellerwesen, sondern ein Austausch zweier Welten. Denn auch die
Beautys können etwas gewinnen, wenn ihnen jemand zeigt, wie
beglückend es sein kann, sich mit vollkommen unangemessener
Intensität in Wrestling, Survival-Skills oder irgendein anderes
herrliches Spezialgebiet hineinzuwühlen.
Umso enttäuchender, dass die Produktion der Tragfähigkeit dieser
Momente offenbar selbst nicht ganz traut und zwischendurch doch
wieder künstlich am großen roten Reality-Zoff-Button herumdrücken
muss. Zwei Frauen, ein Konflikt, ein bisschen dramaturgisches
Geknirsche: Man kennt diese fade Effekthascherei. Dabei wäre das
viel interessantere Experiment längst im Gang. Was passiert, wenn
Menschen einander nicht vorgeführt, sondern wirklich neugierig
aufeinander werden?
Sendepause Fehlanzeige ist ein Podcast von Ooohnscha und
SchohSchoh
Produktion und Hosts: Anja Rützel und Jochen Schropp
Schnitt: Anne Kanzler
Cover: Miguel Martin und Markus Gisin
Jingle: Herwig Zamernik
Hosted on Acast. See acast.com/privacy for more information.
Kommentare (0)
Melde dich an, um einen Kommentar zu schreiben.