Podcaster
Episoden
01.02.2026
1 Stunde 6 Minuten
Seine Religionskritik war bissig und kam mit wuchtigen Worten. Der
christliche Glaube war ihm eine gefährliche Illusion, doch hörte er
nie auf, im Dunstkreis des Christentums zu denken und sich an der
Gottesfrage abzuarbeiten. Es geht in dieser Folge von Geist.Zeit um
das Leben und Denken von Friedrich Nietzsche. Thorsten und Andi
treffen dazu Christiane Tietz in der Evangelischen Akademie
Frankfurt. Sie hat in ihrem neusten Buch gezeigt, wie man Nietzsche
empathisch zuhören und mit ihm die schwierigen Fragen diskutieren
kann, die das Leben dem Glauben zumutet. Zu drei Fragekomplexen
liest die ehemalige Theologieprofessorin kurze Passagen aus ihrem
Buch vor, dann geht jeweils das vertiefende Gespräch darüber los.
Zunächst stehen die frühen und tragischen Leiderfahrungen
Nietzsches im Zentrum. Etliche Jahre fand er Trost im Gedanken
eines fürsorglichen Gottes, der seinen Menschen Leid zumutet,
dessen Sinn sich dermaleinst im ewigen Leben erschliessen wird. Wie
Nietzsche das Leiden zunehmend ohne Gott reflektierte und welch
schonungslose Antworten ihm bei der Bewältigung des eigenen Leidens
halfen, das wird in diesem ersten Themenblock nachgezeichnet. Die
nächste Sequenz beschäftigt sich mit Nietzsches schroffer Kritik
des christlichen Mitleids. Was ist dran an seinem Vorwurf, die
christliche Liebesethik mach unfähig zur Selbstliebe und hemme die
Freude am vitalen, gesunden Leben? In einem dritten Block sprechen
die drei Podcaster über Nietzsches radikale und auch schwierige
Idee von der ewigen Wiederkehr des Gleichen. Wo liegen die
Berechtigung aber auch die Grenze dieser umfassenden Bejahung des
Lebens? Nietzsches Antithese zur Hoffnung löst hier die Frage aus,
was denn falsches und was gutes Hoffen im christlichen Glauben ist.
Abschliessend geht es um die Erfahrungen, die man in der
aufrichtigen Beschäftigung mit Nietzsche machen kann. Seine Kritik
hat klärende und reinigende Wirkung für den Glauben. Man muss nicht
gegen, sondern kann mit Nietzsche um den Glauben ringen und
zweifeln. Nur so lassen sich andere Antworten finden und ein
Glaube, der sich als tragfähig erweist. Lesen lohnt sich!
Christiane Tietz: Nietzsche – Leben und Denken im Bann des
Christentums. C.H.Beck, München 2025; 249 Seiten.
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18.01.2026
1 Stunde 5 Minuten
Dem Evolutionsbiologen Carel van Schaik ist es mit seinem
Bestseller «Das Tagebuch der Menschheit. Was die Bibel über unsere
Evolution verrät (mit Kai Michel)» gelungen, die Natur- und
Kulturgeschichte des Menschen höchst anschaulich zu erschliessen
und daraus sehr anregende Folgerungen für unser heutiges
Menschenbild abzuleiten. In einem Live-Podcast in Münchenstein
sprachen Andreas Loos und Thorsten Dietz mit ihm über sein jüngstes
und hochaktuelles Buch: «Die Evolution der Gewalt. Warum wir
Frieden wollen, aber Kriege führen» (zusammen mit Harald Meller und
Kai Michel). Weit verbreitet ist der Mythos, das Gewalt und Krieg
unlöslich mit der Menschheitsgeschichte verbunden seien. Auf
Grundlage breiter Forschung zeigt der Zürcher Professor, dass sich
dieses Bild nicht halten lässt. Kriege sind erst in den letzten
Jahrtausenden der Menschheitsgeschichte entstanden. Es ist nicht in
uns veranlagt, dass wir Kriege führen müssen. Für den allergrössten
Teil der Menschheitsgeschichte, als Menschen als Jäger:innen und
Sammler:innen lebten, finden sich keine Spuren massenhafter Gewalt.
Was bedeutet das für unser Bild vom Menschen? Im Gespräch führt
Carel van Schaik ein in die Unterscheidung dreier Naturen des
Menschen. Wir müssen zunächst zwischen der biologischen, der
älteren Natur des Menschen, und der kulturellen, der jüngeren Natur
des Menschen unterscheiden. Dann wird sichtbar: Gewalt ist eine
Folge unserer jüngeren kulturellen Entwicklung. Darum ist diese
Entwicklung kein Schicksal. Kraft ihrer dritten, der vernünftigen
Natur, können Menschen sich kritisch zu ihrer eigenen
Gewalttätigkeit verhalten. Für van Schaik sind die biblischen Texte
aus dieser Perspektive überaus interessant. Vor allem in der
Jesusbewegung sieht er eine Kritik menschlicher Gewalttätigkeit. In
diesem jesuanischen Ethos der Gewaltlosigkeit und Feindesliebe
könne man eine Anknüpfung an die besten Anlagen erkennen, die
Menschen in ihrer langen Geschichte gezeigt haben: Ein Leben in
Kooperation statt Konkurrenz, in Gemeinschaft und nicht in
feindlichen Lagern. Wir danken Judith Borter und der Fachstelle
Bildung und Diversität der Reformierten Kirche Baselland, dem Forum
für Zeitfragen Basel sowie der Reformierten Kirche in Münchenstein
für die Einladung und die Ausrichtung dieses Live-Podcasts.
Literatur: Van Schaik, Carel/Michel, Kai: Mensch sein. Von der
Evolution für die Zukunft lernen. Hamburg: Rowohlt Verlag 2023. Van
Schaik, Carel/Michel, Kai: Das Tagebuch der Menschheit. Was die
Bibel über unsere Evolution verrät. Hamburg: Rowohlt Verlag 2016
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04.01.2026
1 Stunde 1 Minute
Wie spielen das Bekenntnis und die Freiheit im christlichen Glauben
zusammen? Die reformierten Landeskirchen der Schweiz gehören zu den
wenigen Kirchen, die weder in ihren Verfassungen noch in ihren
Liturgien eine Verpflichtung auf ein Bekenntnis kennen. Was genau
bedeutet diese Bekenntnisfreiheit? Ist sie überhaupt noch
zeitgemäss? Mit diesen Fragen war Geist.Zeit am 13. September 2025
zu Gast auf dem grossen Kirchenfest der reformierten Kirche Aargau.
Thorsten und Andi blenden zurück ins 19. Jahrhundert und erzählen
die reformierte Freiheitsgeschichte des Glaubensbekenntnisses nach.
Als sich die schweizerische Gesellschaft insgesamt demokratisierte,
regte sich der Freiheitsdrang auch in der Kirche. Die
staatskirchliche Bekenntnispflicht wurde aufgehoben.
Autoritätskritisch befreite sich die Kirche von den
Glaubensbekenntnissen, die je länger, je mehr als unzumutbar,
zwingend und unterdrückend empfunden worden waren. So wichtig die
Befreiung der Gläubigen von aufgezwungenen Bekenntnissen ist, kommt
da nicht die Freiheit zu kurz, selbstbestimmt zu überlegen und
auszudrücken, was gemeinsame Glaubensüberzeugungen sind? So fragen
sich die beiden Podcaster und stellen fest, wie zeitgemäss
unterschiedliche Formen des Bekennens in unserer Kultur sind. Wer
bekennt, zeigt sich authentisch. Wer bekennt, zeigt sich loyal zu
dem, was uns gemeinsam wichtig ist. Bekennen ist mehr als
intellektuelle Zustimmung zu Dogmen. Bekennen ist Herzenssache. Ist
die Zeit reif, das Bekennen als gegenwärtige Sprachform des
Glaubens neu zu entdecken? Welche Initiativen gab es bereits
innerhalb der reformierten Kirchen der Schweiz? Wie könnte ein
Bekenntnis zum Himmel heute lauten, damit das Motto des
Kirchenfestes lebendig und glaubhaft klingt: Wie im Himmel, so im
Aargau?
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21.12.2025
1 Stunde 10 Minuten
Bunt ist die heutige Landschaft der Spiritualität, in und
ausserhalb der Kirche. Gibt es in all den vielfältigen Angeboten
der Gegenwart noch so etwas wie eine typisch reformierte
Spiritualität? So fragen Andi und Thorsten ihren Gast für diese
Folge, Prof. Matthias Zeindler, langjähriger Leiter der Abteilung
Theologie der Reformierten Kirche Bern, Jura und Solothurn. Auf den
ersten Blick mag es so erscheinen, als wären die Reformatoren in
der Schweiz vor allem Meister der Dekonstruktion gewesen: Unzählige
Bilder und Skulpturen wurden zerstört. Abgeschafft wurden die
Verehrung der Heiligen, Wallfahrten, Marienfrömmigkeit, Fastentage
etc. In den reformierten Kirchen wurde die Frömmigkeit karg und
nüchtern. Ja, so Matthias Zeindler: die Reformierten setzten auf
eine Spiritualität der Andacht und der Konzentration. Die
vermeintliche Leere der Kirchen schaffte Platz für das, worum es
eigentlich geht: Die Gemeinschaft mit Christus und das Vertrauen
auf Gott, für ein Leben in der Liebe Gottes, das sich in tätiger
Hingabe im Alltag der Welt bewährt. Aber brauchen Menschen nicht
auch praktische Hilfen, um ihren Glauben mit dem Lebens-Alltag
bewusst zu verbinden? Dass die Reformierten an dieser Stelle wenig
für notwendig erklärten, macht die Offenheit für individuelle und
aktuelle Entwicklungen so typisch reformiert, so Zeindler. Weil es
für Reformierte keine heiligen Orte, Zeiten und Praktiken gibt,
sind sie frei, je nach Herausforderung Übungen und Wege zu finden,
die den Glauben stärken: Immer neue Lieder und Musikstile, das Wort
der Bibel in vielfältiger Gestalt, von der Losung am Morgen bis zum
Gottesdienst mit seinen Gebeten und Predigten.
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07.12.2025
1 Stunde 9 Minuten
Im Spektrum der Spiritualitäten dürfen die feministischen Farben
nicht fehlen. Daher ist Luzia Sutter Rehmann in dieser Folge zu
Gast. Die Titularprofessorin lehrt Neues Testament in Basel und
macht gleich zu Beginn deutlich, wie grundlegend die Bibel für
feministische Spiritualität ist. Sie zeigt, wie die biblischen
Geschichten von Frauen uns heute Kraft und Sprache verleihen, genau
hinzuschauen, realistisch in die Welt zu blicken, ohne dabei den
Mut zu verlieren. Kritisch gegenüber jenen Mächten sein, die ein
Interesse daran haben, dass alles so bleibt, wie es ist; Menschen
auf ihre ausstehende Befreiung aufmerksam und neugierig machen –
das sind die biblischen Grundzüge feministischer Spiritualität.
Berührenden Tiefgang entwickelt das Gespräch dort, wo es um die
Erfahrung des Sterbens und eine traumasensible Spiritualität geht.
Was hilft eine feministische Leseart der Auferstehungsgeschichten,
wenn wir heute trauern? Wer kam auf die Idee, mitten in den
traumatischen Jahren nach der Zerstörung Jerusalems (70 n.Chr.) ein
Markusevangelium zu schreiben? Wie können wir weiterleben, wenn
alles zerstört ist? Schliesslich interessiert Thorsten und Andi,
wie ihre Gästin aus einer feministischen Interpretation der
Johannesoffenbarung eine apokalyptische und hoffnungsstiftende
Spiritualität entwickelt. Was sind Drachen und Dämonen? Warum fällt
die neue Schöpfung nicht aus heiterem Himmel in unseren Schoss? Und
was hat es mit den gebärenden Kräften der Erde auf sich? Eine
Geist.Zeit Folge voll feministischer Impulse für eine standhafte
und beherzt zupackende Spiritualität.
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Über diesen Podcast
«Geist.Zeit»: Der Titel bringt auf den Punkt, was Theologie
spannend macht. Geist zeichnet den Menschen und seine Zeit aus.
Gott ist Geist, heisst es zugleich in der Bibel. Theologie ist Rede
von Gott. Wenn es um Gott geht, geht es auch um uns. Nach Gott
fragen, bedeutet immer auch, nach Selbst- und Welterkenntnis
streben. Die Wahrheit des christlichen Glaubens kann jeweils nur in
einer bestimmten Zeit ausgesprochen und verstanden werden.
«Geist.Zeit» ist ein neuer Theologiepodcast von Fokus Theologie,
der Fachstelle für Erwachsenenbildung der Deutschschweizer
Reformierten Kirchen.
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