Dezentral, frei und unabhängig

Podcasting 2.0 - Was ist das?

Zuletzt aktualisiert: Donnerstag, 07. April 2022 Erstellt: Mittwoch, 06. April 2022

Konzerne versuchen Podcasts für sich zu vereinnahmen. Podcasting 2.0 soll das verhindern. Hier gibt es alle Infos zu der Initiative, die die Unabhängigkeit stärken soll.

Bild: pexels
Podcasting 2.0 - Was ist das?

Podcasting 2.0 kurz erklärt

  • Podcasting 2.0 ist eine Initiative, die das freie Wesen des Podcastings erhalten soll.

  • Es soll dezentrale, unabhängige Strukturen und direkte Zahlungen via Bitcoin Lightning ermöglichen.

  • Die Initiatoren sind Dave Jones und Adam Curry.

Ein Blick in die Vergangenheit

Es gab mal eine Zeit, da war Podcasting Nerd-Sache. Computeraffine, Programmierer und Blogger tauschten im jungen Web ihre Ideen aus. Seit den frühen 2000er Jahren benutzten sie dafür nicht mehr nur Texte oder Bilder, sondern auch das gesprochene Wort – das Podcasting war geboren. In den darauf folgenden Jahren wurde das neue Netzphänomen abwechselnd gehyped und wieder begraben, bis es Ende der 2010er Jahre endlich seinen Weg zum Massenmedium antrat. Es ist das Podcasting 1.0 (auch wenn niemand es so nennt), das heute so vielen Menschen Freude, Entspannung, Informationen und einen Zugang zur Welt liefert.

Wie kam es zu Podcasting 2.0?

Der Siegeszug der Podcasts war von großen Erfolgen gesäumt. Shows wie Das Coronavirus-Update oder Cui Bono trieben den Markt nachhaltig voran. Ähnliche Entwicklungen gab es nicht nur in Deutschland, sondern natürlich auch auf den internationalen Podcast-Märkten. Durch diese Erfolgsgeschichten richtete sich immer mehr Aufmerksamkeit auf Podcasts. Eine Spirale aus zunehmender Professionalisierung und steigender Kapitalisierung setzte sich in Gang. Podcasting als Nerd-Technologie war Geschichte.

Podcasting 2.0

Konzerne wie Amazon, Apple, Google, Facebook und Spotify drängten auf den Podcast-Markt. Sie unternehmen teils subtile, teils aggressive Versuche, um dem Podcasting ihren eigenen Stempel zu verpassen. Für hunderte Millionen Dollar nehmen sie Podcaster exklusiv unter Vertrag und versteckten deren zuvor freie Shows hinter den Paywalls ihrer eigenen Streamingdienste. Parallel dazu kaufen sie im großen Stil Produktionsfirmen, Vermarkter und Tools zur Datenanalyse, mit denen sie ihre Vorherrschaft über den Markt sichern wollen. Das Ziel ist: das für Audio sein, was YouTube für Video ist. Podcasting, das stets auf eine Tradition der freien, dezentralen und unabhängigen Verbreitungswege zurückblickte, scheint nun in der Hand weniger Konzerne zu liegen. Doch einige Pioniere der ersten Stunde wollen das so nicht hinnehmen.

Erklärung Podcasting 2.0

Adam Curry war bereits an der Entstehung von Podcasts beteiligt. Gemeinsam mit seinem Mitstreiter Dave Jones rief er 2020 Podcasting 2.0 ins Leben. Das Kernstück des Projekts ist der Podcast Index. Dieser Index umfasst einen Großteil aller freien (also nicht hinter Paywalls versteckten) Podcasts der Welt, aktuell zählt er rund 4 Millionen Shows.

Der Podcast Index umfasst bereits rund 4 Millionen Podcast von der gesamten WeltApps, die sich an der Podcasting 2.0-Initiative beteiligen, greifen auf den Index zu. Entwickler auf der gesamten Welt sind eingeladen, sich an dem Open Source-Projekt zu beteiligen. Teilnehmende Apps sind beispielsweise:

  • Podcast Addict

  • Buzzsprout

  • gpodder

  • Libsyn

Gute Arbeit soll honoriert werden. Deshalb soll jede teilnehmende App oder Website eine Zahlungsfunktion beinhalten. Podcast-Hörerinnen und -Hörer erhalten so die Chance, die Produzenten und Entwickler für ihre Werke zu bezahlen. Fans unterstützen ihre Idole, Nutzer unterstützen ihre App-Anbieter. Der Clou daran ist, dass es keine Mittelsmänner geben soll. Die Zahlungsmöglichkeiten sollen weder von Banken, noch von Finanzdienstleistern und schon mal gar nicht von Streamingdiensten wie Spotify, Apple und Co. abhängig sein, denn die versuchen ja aktuell ihre eigenen Zahlmodelle zu etablieren. Auch der Zensur durch staatliche Institutionen könnte so vorgebeugt werden.

"2.0 schützt jede freie Meinungsäußerung mit seinem dezentralen, unabhängigen Index und dem Lightning-Zahlungsnetzwerk für Geldtransfers. Unzensierbare Podcasts und ungestörte Zahlungen sichern eine stabile Zukunft für freie Meinungsäußerung in allen Ländern."
Adam Curry

Daher fiel Curry's und Jones's Wahl auf Zahlungen per Bitcoin, genauer gesagt Satoshis. Satoshis sind Bruchteile von Bitcoins, je nach Kurs entsprechen 10.000 Satoshi rund 3-5 Euro. Podcasting 2.0 setzt auf das Lightning-Netzwerk, das schnelle und sichere Zahlungen gewährleisten soll. Offenbar arbeitet der Podcast Index auch an einem Modell, das Zahlung pro gehörte Podcast-Stunde ermöglichen soll.

Technische Eigenschaften

Podcasting 2.0 setzt nicht auf Streams, sondern soll weiterhin auf RSS-Feeds basieren. Das ist bemerkenswert, da große Streaming-Anbieter bereits seit längerem versuchen, eine Abkehr von RSS (und stattdessen eine Zuwendung zu Streaming-Technologien) zu kultivieren. In ihrer aktuellen Form stoßen RSS-Feeds tatsächlich mitunter an ihre technischen Grenzen, deshalb soll laut Curry und Jones auch eine Erweiterung entstehen. Der neue Standard soll Möglichkeiten zu Transkription, Kapitelmarken, plattformübergreifenden Kommentaren und vielen weiteren Funktionen enthalten.

Kritik an Podcasting 2.0

Podcasting 2.0 hat zweifelsfrei das Potenzial, die gesamte Branche zu revolutionieren. Es könnte der Schritt zur Erhaltung freier Strukturen sein, der im Fall von YouTube, Facebook und Google versäumt wurde. Das bedeutet jedoch nicht, dass es am Podcast Index keine Kritik gäbe.

Unabhängigkeit fordert ihren Preis, im Fall von Bitcoin und Satoshi ist die enorme Volatilität die Achillesverse. Der Kurs kann sich innerhalb weniger Wochen verdoppeln oder aber auch halbieren. Zudem ist die größte Kryptowährung der Welt für viele Menschen nach wie vor nicht alltagstauglich. Wo man sie kauft, wie man sie verschickt und wie sicher sie ist, das ist für viele Menschen nicht transparent.

Zudem gibt es noch einen weiteren Einwand. Curry und Jones profitieren von den Satoshi-Zahlungen. Zwei Prozent aller Zahlungen werden als Provision einbehalten. Ein Prozent geht dabei an die Zahlungs-App, ein Prozent geht an Podcast Index. Ob und wie die Podcast-Community die Initiative annimmt, ist bislang noch offen.

Das Projekt ist zu erreichen unter podcastindex.org.