freie-radios.net - aktuelle Beitraege Archiv
15 Episoden
60 Minuten
In der zweiten Hälft seiner aktiven Zeit hat das Label Tropical vermehrt Künstler:innern außerhalb Lateinamerikas herausgebracht. Wir bewegen uns hier von der Karibik (Rara Machine, Haiti) über Afrika (VumVum Kamusasadi, Angola und Sawt el Atlas, Marokko) nach Asien (Jun Miyake und das An Chang Project, jeweils Japan).
60 Minuten
Ein Streifzug durch das Programm des Marburger Labels Tropical Music, das Ende der Zehner Jahre aufhörte. Mittlerweile ist zumindest ein Teil seines wirklich bemerkenswerten Programms wieder erhältlich. Im ersten Teil des Abends Veröffentlichungen von Künstler:innen aus Süd-und MIttelamerika, womit Tropical auch seit Mitte/Ende der Siebziger bekannt wurde: Atahualpa Yupanqui (Argentinien), Ernesto Cavour Bolivien), Gonzaguinha (Brasilien), Pedro Guzman (Puerto Rico) und Chavela Vargas (Mexiko).
9 Minuten
Überraschung in Brasilien, sagen die einen, Sensation die anderen. In der ersten Runde lag Präsident Lula da Silva noch hinten – und noch nie hat in der Stichwahl der nach der ersten Runde zurückliegende Kandidat gewinnen können. Nun hat aber Lula die Wahl gewonnen, mit knapp 52% vor Flavio Bolsonaro, dem Sohn des rechtsextremen Ex-Präsidenten Jair Bolsonaro. Im Interview sprechen wir mit Andreas Behn, dem Leiter des Brasilien Büros der Rosa Luxemburg Stiftung. Andreas, grüß dich, woher kommt dieses Comeback Lulas? AB: Es ist wirklich eine ganz große Überraschung gewesen, dass Lula nach seinem schlechten Abschneiden im ersten Wahlgang das Ganze noch mal gedreht hat und dann so deutlich mit fast vier Prozent Vorsprung gewinnen konnte. Einige Dinge sind schon relativ deutlich. Es hat eine unglaublich breite Mobilisierung gegeben in allen Landesteilen Brasiliens, um dieses Ergebnis noch mal zu wenden. Unglaublich viele Menschen waren auf der Straße. Überall wurde auch persönlicher Wahlkampf gemacht. Es wurde mit Leuten gesprochen, an Bushaltestellen, aufm Arbeitsplatz, überall. Ganz gezielt mit denjenigen wurde gesprochen, die unentschieden waren. Es wurde ganz klar gesagt, die, die ideologisch auf der Seiten der Rechtsextremen sind, mit denen brauchen wir nicht zu sprechen, aber bei den anderen lohnt es sich. Und das hat im Endeffekt geklappt, denn aus den ersten Zahlen ist herauszulesen, dass die Wahlenthaltung auf einen historischen Tiefststand gesunken ist. Das heißt, sehr, sehr viele Menschen haben im zweiten Wahlgang doch gewählt, obwohl sie eigentlich nicht wählen wollten und das hat wahrscheinlich den Ausschlag gegeben. Sehr viele junge, aber noch mehr ältere Menschen haben sich zu den Wahllokalen bewegt, haben gewählt und ein Großteil dieser neuen Stimmen sind dann auf Lula entfallen. Ein weiterer Grund ist die sehr, sehr große Präsenz, die Lula und seine Wahlkampagne in den sozialen Medien gewonnen hat in diesen letzten drei Wochen. Denn normalerweise haben die Rechten und die Rechtsextremen in den sozialen Medien eindeutig die Vorherrschaft. Es gab Zusammenarbeit mit Influencern, die dazu geführt haben, dass die Lula-Kampagne es immer wieder geschafft hat, zu bestimmten Momenten an bestimmten Tagen eindeutig sichtbarer in den Medien zu sein. Zwar gab es auch in dem Bereich Einflussversuche von den rechten Tech-Bossen, aber trotzdem ist es der Lula-Kampagne gelungen, in den Medien so präsent zu sein, wie sie vorher es nie gewesen sind. Onda: Nun ändert der Erfolg Lulas nichts daran, dass die Rechte vor drei Wochen bei den Wahlen zum Kongress und auch den wichtigsten Gouverneurswahlen einen Kantersieg eingefahren hat. Was bedeutet das denn für die Gestaltungsmöglichkeiten Lulas und seiner Arbeiterpartei PT? AB: Die Ausgangslage für eine vierte Regierung Lula ist natürlich kompliziert. Sowohl im Senat wie im Parlament hat die Rechte eine deutliche Mehrheit und die Rechts-rechtsextremen sind sehr stark innerhalb dieses Spektrums. Und das heißt, ähnlich wie in den letzten vier Jahren: Lula hat keine Mehrheiten im Kongress und muss immer wieder auf wechselnde Bündnisse setzen, viele Kompromisse eingehen und oft auch bezahlen. Bezahlen fast im wörtlichen Sinne! Von den Mitteparteien werden immer Zugeständnisse erwartet und oft auch sogenannte Emendas. Das heißt, dass aus dem Staatshaushalt Gelder an Abgeordnete gezahlt werden müssen. Das hört sich völlig korrupt und illegal an, ist aber derzeit legal, auch wenn das Oberste Gericht immer wieder versucht, gegen diese Machenschaften vorzugehen. Aber das ist die einzige Möglichkeit, wie Lula Verbündete für bestimmte Abstimmungen auf seine Seite bekommen kann. Das wird noch komplizierter werden als in den vergangenen vier Jahren. Das heißt, es wird keine linke Regierung werden, weil es nicht möglich ist, linke Inhalte wirklich durch diesen Kongress zu bringen. Lula wird machen, was möglich ist. Es wird auch wieder das übliche Politikgerangel geben, also genau die Art von Politik, die den Menschen ganz schön auf den Geist geht. Aber das ist der Zustand, ähm, auf den wir uns in den nächsten Monaten und Jahren einstellen müssen. Onda: Andreas, wir erinnern uns, vor vier Jahren, beim Wahlsieg Lulas und der Abwahl Jair Bolsonaros hatte letzterer seine Niederlage nicht anerkannt, es gab sogar Putschversuche, die im Angriff auf den Kongress, den Obersten Gerichtshof und den Präsidentenpalast gipfelten. Wie stellt sich die Situation denn heute dar? AB: Noch in der Wahlnacht hat Flávio Bolsonaro angekündigt, er werde die Wahl anfechten und der ganze Wahlgang solle wiederholt werden. Bisher ist die Einschätzung, dass er da keine großen Aussichten hat. Sehr viele Regierungen, auch rechte Regierungen in Lateinamerika, haben Lula schon zu seinem Wahlsieg gratuliert. Der oberste Gerichtshof und dort auch namentlich einer von Jair Bolsonaro ernannten obersten Richter hat gesagt, der Wahlgang sei völlig korrekt verlaufen und deswegen ist die Einschätzung im Moment, dass es ausgesprochen schwierig werden dürfte, dass Flávio Bolsonaro Anfechtungen wirklich durchsetzen kann. Außerdem gab es eine so große Mobilisierung, auch bei den Feierlichkeiten in der Nacht auf Montag. Die Straßen waren ganz rot voll mit Menschen aus dem Lula-Spektrum. Da ist relativ deutlich, dass das Bolsonaro-Spektrum derzeit nicht gegen ankommt. Von daher ist davon auszugehen, dass es erst mal nicht klappen dürfte, eine große rechte Gegenmobilisierung auf die Beine zu stellen. Meine Einschätzung ist, dass uns dieses Mal Ereignisse wie vor vier Jahren erspart bleiben werden und Lula trotz aller Schwierigkeiten sein Amt antreten kann. Onda: Nach sieben Wahlsiegen in Folge durch die Rechte und extreme Rechte in Lateinamerika, von Argentinien bis Honduras, allesamt massiv unterstützt durch die Regierung von US-Präsident Donald Trump, hat nun also mal wieder die Linke triumphiert. Welche Bedeutung hat das für Lateinamerika, aber vielleicht auch für Europa, im Kampf gegen die extreme Rechte? AB: Ob es eine Trendwende beim Rechtsruck in Lateinamerika ist, das ist noch nicht abzusehen, aber es ist trotzdem ausgesprochen wichtig, dass nicht ein weiteres Land im Kontext von der Trump-Administration in Washington an die extreme Rechte gefallen ist. Die beiden größten Länder Lateinamerikas, Mexiko und Brasilien, sind damit nicht rechts, sondern tendenziell links regiert. Das ist ausgesprochen wichtig und hat auch einen Vorbildcharakter für die anderen Länder Lateinamerikas. Denn die rechten Regierungen, zum Beispiel in Chile oder in Argentinien, sind dort nicht unbedingt beliebt und ganz wichtig: Brasilien hält dagegen. Was andere Länder aus diesem Wahlsieg lernen können? Ich glaube, es ist sinnvoll, das sehr gut zu analysieren. Diese Präsenz in den sozialen Medien und der Wahlkampf auf der Straße, das erinnert ein bisschen an den Häuserwahlkampf der Linken in Berlin. Und das sind Methoden, die in den letzten Jahren oder Jahrzehnten von der Linken so nicht intensiv angewandt worden sind, insbesondere die Präsenz in den sozialen Medien. Das haben wir auch in Kolumbien gesehen, als dort die Rechte gewonnen hat, auch weil es die Linke nicht geschafft hat, in den sozialen Medien richtig präsent zu sein. Ich denke, das sind Lektionen: Es gibt Möglichkeiten, gegen diese extreme Rechte vorzugehen. Wenn die Linke mehr auf die Leute zugeht, dann ist es möglich, immer wieder das Ruder herumzureißen und wieder mehr linke Präsenz in Lateinamerika herzustellen. Onda: Wir sprachen mit Andreas Behn, dem Leiter des Brasilien Büros der Rosa Luxemburg Stiftung über den Wahlsieg von Präsident Lula da Silva. Andreas, herzlichen Dank.
24 Minuten
Das 100-jährige Bestehen der Geiseltalsammlung ist Anlass, um einen tiefen Blick in die Vergangenheit zu werfen: Vor 46 Millionen Jahren bestückten Sumpf-Moore die Region, die wir jetzt Süd-Sachsen-Anhalt nennen. Urpferde, Proto-Tapire und 5-Meter Krokodile liefen herum. Im Gespräch mit Michael Stache, dem Präparator der Geiseltalsammlung. Über die Geschichte der fossilen Ausgrabungen am Geiseltal, über das Ökosystem des Eozäns und über Paläo-Kunst. Am 06.11-08.11 ist die Sammlung für die Öffentlichkeit zugänglich.
23 Minuten
Gespräch mit der Filmemacherin Tete Hoffmann über ihren Dokumentarfilm "Mein genialer Vater", der am Dienstag zur Dokwoche Premiere hat. Tete hat sich in einem Langfilm mit ihre Vater beschäftigt, der war Schriftsteller und als er 83 Jahre alt war, wurde bei ihm Demenz diagnostiziert. Was macht das mit der Sprache und wieviel Autonomie ist mit so einer Erkrankung noch möglich? https://www.dok-leipzig.de/film/mein-genialer-vater/programm
20 Minuten
Die Wohnungsfrage, die Wohnungsfrage! In Spanien hat sie Neuwahlen ausgelöst, in Berlin soll sie Vergesellschaftungen auslösen. Wer in welchen Räumen wohnt, haben unterschiedliche Gesellschaften unterschiedlich bestimmt. In der heutigen sozialen Marktwirtschaft heißen die Modelle vor allem Eigentum und Mieten. Die DDR hatte ein zentrales Verteilungssystem, das ebenfalls seine Nachteile mit sich brachte. Die Schwächen beider Systeme markieren Hausbesetzungen. Die gab es nämlich ebenfalls in der DDR - das hieß damals Schwarzwohnen, Wohnungsbesetzung oder Wohnen im Abriss. Im Gespräch mit Udo Grasshof. Er ist Historiker, Autor und hat zwei Bücher über das Schwarzwohnen geschrieben. Zudem ist er Affilierter Forscher am Hannah-Arendt-Institut für Totalitarismusforschung.
13 Minuten
Stichwahl in Brasilien: Der linksgerichtete Präsident Lula da Silva hat sich gegen den extrem rechten Flavio Bolsonaro durchgesetzt. Was sind die Ursachen, und was bedeutet das Ergebnis für Brasilien?
6 Minuten
Enjoy Jazz ist eines der wichtigsten Jazzfestivals Europas. Die 28. Ausgabe läuft noch bis zum 7. November. Im Interview mit Festivalgründer und -leiter Rainer Kern fragen wir nach den wirtschaftlichen Grundlagen: Wie finanziert sich das Festival seit fast drei Jahrzehnten, und wie sind die Zukunftsaussichten? Enjoy Jazz begann am 2. Oktober und präsentiert bis zum 7. November täglich eine Veranstaltung in der Rhein-Neckar-Region. Meist sind es Konzerte. Das Festival bietet eine anspruchsvolle Mischung, aber auch Musik und Veranstaltungen, die nicht unbedingt typisch für Jazz sind. Nicht umsonst lautet der Untertitel „Jazz and more“.
10 Minuten
Am Sonntag, dem 25. Oktober, hat Brasilien in einer Stichwahl über seine politische Zukunft entschieden. Zur Wahl standen der bisherige Präsident Luiz Inácio Lula da Silva und Flávio Bolsonaro, der Sohn des früheren Präsidenten Jair Bolsonaro. Lula konnte die Wahl mit fast 52 Prozent der Stimmen für sich entscheiden, Flávio Bolsonaro erhielt rund 48 Prozent. Damit lag Lula am Ende rund 4,4 Millionen Stimmen vor seinem Herausforderer. Bemerkenswert ist diese Aufholjagd auch deshalb, weil Lula in der ersten Wahlrunde noch hinter Bolsonaro gelegen hatte. Zuvor war es einem Zweitplatzieren in den brasilianischen Präsidentschaftswahlkämpfen noch nie gelungen am Ende doch zu gewinnen. Hinter dieser Entscheidung steht ein tief gespaltenes Land. Soziale Ungleichheit, Rassismus und die Auseinandersetzung um die Demokratie prägen Brasilien seit vielen Jahren. Doch was bedeutet das Wahlergebnis für die Menschen, die dort leben? Und was für die vielen Brasilianerinnen und Brasilianer im Ausland, die sich mit ihrem Herkunftsland verbunden fühlen, aber teilweise auch Angst haben, dorthin zurückzukehren? Darüber sprach Radio Dreyeckland mit Adelaide Ivánova. Sie ist Dichterin, Journalistin und Aktivistin für das Recht auf Wohnen. Sie kommt aus Recife im Nordosten Brasiliens und lebt heute in Berlin.
9 Minuten
Angeblich sollen Jugendliche im Gefängnis lernen, künftig ohne Straftaten zu leben. Doch wie soll das funktionieren, wenn ihnen die Freiheit genommen wird, selbst über ihr Leben zu entscheiden? Welche Rolle spielen soziale Herkunft, Ausgrenzung und fehlende Perspektiven dabei, wer überhaupt im Gefängnis landet? Darüber sprach Radio Dreyeckland mit Prof. Dr. Heinz Cornel, der sich seit Jahrzehnten wissenschaftlich mit dem Jugendstrafvollzug beschäftigt. Anlass ist die Veranstaltung „Gefängnis im Wandel“ am 10. November in der Katholischen Akademie Freiburg im Rahmen der bundesweiten Aktionstage Gefängnis.
1 Minute
In der vergangenen Woche wurde eine große Sicherheitslücken in der Programmiersprache PHP entdeckt und von dem Anbieter selbst veröffentlicht. Daraufhin wurden viele Websites, insbesondere offizielle Websites von Ministerien und Behörden, kurzfristig offline genommen. Über die Sicherheitslücken und was diese über den Stand der aktuellen Sicherheit im Netz aussagen, sprach Radio CORAX mit Stephanie Henkel vom Chaos Computer Club Dresden.
51 Minuten
Die Mauer fiel, die Diktatur verschwand, der Kapitalismus kam. War’s das mit der Revolution? Freiheit gewonnen, Selbstbestimmung verloren? Und heute? Die AfD inszeniert sich als Protestbewegung. Warum landet die Wut über soziale Ungerechtigkeit ausgerechnet bei den Rechten? Ein Gespräch mit Bernd Löffler über den Mythos der Friedlichen Revolution, verpasste Chancen, den Kapitalismus und den Rechtsruck. Und darüber, warum eine wirkliche Revolution vielleicht noch bevorsteht ... https://www.radio-frei.de/index.php?iid=5.2&ksubmit_show=Artikel&kartikel_id=10926
4 Minuten
Früher war alles einfacher, auch die Theorie. Als ich in heiteren Studententagen die Werke von Michel Foucault entdeckte, war ich von den Erkenntnissen schier überwältigt: Das, was als „unnormal“ oder „wahnsinnig“ gilt, hat direkt mit der Verteilung von Arbeit und der Konstruktion von Normalität zu tun: Die Gesellschaft erschafft den „Wahnsinn“ eben so, wie sie es gerade braucht, genauso wie das, was sie für normal hält ... https://www.radio-frei.de/index.php?iid=5.2&ksubmit_show=Artikel&kartikel_id=10928
1 Minute
In der Ausbruch-Sendung im Oktober schauen wir nach Dresden, dort ist ein Angeklagter im Antifa-Ost Verfahren gestorben, dann hören wir etwas zu dem Erfolg der Roten Hilfe e.V. um ihren Kampf um ihr Bankkonto bei der Sparkasse Göttingen und schauen nach Offenburg. Dort wurde einer Aktivistin von "Aufstehen gegen Rechts" eine tote Ratte in den Briefkasten gelegt, dazu noch rechte Aufkleber gestickert. Dazu feine GEMA-freie Musik, unter anderem von der Band Schuetter zu finden auf der Seite von Bandcamp: schuetter.bandcamp.com/album/full-demo
13 Sekunden
Nationalsozialismus und Kolonialismus. Der Barbie-Prozess als Urszene konkurrierender Erinnerung. Vortrag von Jan Gerber (14.11.2023, https://kurzlinks.de/soaw). Am 11. Mai 1987 wurde im französischen Lyon ein aufsehenerregender Prozess eröffnet. Klaus Barbie, der frühere Gestapo-Chef der Stadt, wurde vor Gericht gestellt. Der Prozess war Ausdruck der neuen Aufmerksamkeit, die dem Holocaust nach den Jahren des Schweigens seit Ende der Siebziger entgegengebracht wurde. Der Barbie-Prozess war eines der ersten größeren Ereignisse, bei dem versucht wurde, die Verbrechen des Kolonialismus gegen die Verbrechen des Nationalsozialismus auszuspielen. Barbies Verteidiger, der als Ikone des antikolonialen Kampfs geltende linke Aktivist Jacques Vergès, erprobte eine im Wortsinn postkoloniale Verteidigungsstrategie. Er sprach der ehemaligen Kolonialmacht Frankreich das Recht ab, über Barbie zu urteilen und setzte Kolonialismus und Nationalsozialismus durchgängig gleich. Vermittels dieser Urszene konkurrierender Erinnerungen soll im Rahmen des Vortrags einigen der Hintergründe und Ursachen jener postkolonialen Holocaust-Relativierungen nachgegangen werden, die in den letzten Jahren an Bedeutung gewonnen haben – und die im Unterschied zur Zeit des Barbie-Prozesses längst zum akzeptierten Bestandteil der Debattenkultur geworden sind.