Anleihen sind Kleinanlegerinnen-feindlich

Anleihen sind Kleinanlegerinnen-feindlich

5 Minuten

Beschreibung

vor 2 Monaten

Ein Hörer wollte wissen wie und wo man überhaupt Anleihen kauft.
Seine Frage ist sehr berechtigt. Denn da beginnt schon die
Diskriminierung der Kleinanleger. Anleihen kauft man so wie
Aktien in der Regel nicht direkt vom Staat oder dem Unternehmen,
sondern über die Börse, also auf dem Sekundärmarkt.  Doch
während an der Börse auch Kleinanleger:innen alle Aktien kaufen
können - vielleicht mit einigen wenigen Ausnahmen wie die
Sprüngli-Aktie, wo man für das Stück stolze 99.800 Franken
berappen muss. Oder der A-Aktie von Berkshire Heathaway, die
aktuell 476.880 US-Dollar kostet. Hingegen können
Kleinanlegerinnen von den tausenden börsennotierenden Anleihen am
Markt wenn es hochkommt 20 Prozent erwerben. Das hat zwei Gründe:
Wenn Unternehmen Anleihen auch für Privatanleger:innen auflegen
wollen, müssen sie umfangreiche Informationsblätter, sogenannte
PRIIPS erstellen. Den Aufwand sparen sich die meisten
Unternehmen. Zum anderen muss es zu jeder Anleihe in der EU ein
kostspieliges Verkaufsprospekt geben, außer die Stückelung
beträgt mindestens 100.000 Euro. Also legen Unternehmen, die ihre
Papiere ohnedies bei Fonds, Pensionskassen und Versicherungen
unterbringen gleich Tranchen in sechsstelliger Höhe auf, die für
Kleinanleger nicht erschwinglich sind.  Daraus könnte man
schließen, dass Unternehmen und Staaten nur dann Anleihen für
Private auflegen, wenn sie ihre Papiere sonst nicht an die Frau
oder den Mann bringen.  Erschwerend für die Privatanleger:in
kommt die für sie sehr mühsame Suche nach der passenden Anleihe
hinzu. Man kann sich zwar mit den Suchfunktionen der Börsen und
Finanzplattformen durch das riesige Anleiheangebot mit
verschiedensten Stückelungen, verschiedensten Kursen  und
unterschiedlichsten Laufzeiten kämpfen. So grenzt man das
Mega-Angebot zumindest etwas ein.  Allein in Wien sind rund
12.800 Anleihen, an der Börse Stuttgart über 21.000 verschiedene
Schuldverschreibungen notiert. Man kann in der Regel aber nicht
filtern, welche der Anleihen auch Kleinanlegern zur Verfügung
stehen. Jetzt kann man argumentieren, man kann sich ja einen
Anleihen-ETF als Privatinvestor kaufen kann. Doch auch das ist
komplexer als bei Aktien. Bei ETFs werden naturgemäß jene Aktien
oder Anleihen mit großer Marktkapitalisierung stärker gewichtet.
Bei Anleihen macht das aber wenig Sinn, dass man in die größten
Anleiheemissionen stärker gewichtet ist.  Große Schuldner
sind nicht unbedingt ausfallssicherer. Bei Anleihefonds bevorzuge
ich deshalb sogar gemanagte Fonds, was ich bei Aktien selten tue.
Was für den Kleinanleger auch noch erschwerend hinzu kommt ist,
dass die Anleihenmärkte nicht so liquide sind wie Aktienmärkte
und man nicht jederzeit so leicht aussteigen kann und oftmals
Geld verliert, wenn man die Anleihe nicht bis zum Ende der
Laufzeit behält. Auch können Private über ihren Diskontbroker
oftmals Aktien schon recht günstig kaufen, für Anleihen sind die
Gebühren aber nicht so günstig, weil sie darauf nicht
spezialisiert sind. Nicht, dass Anleihen nicht auch im Portfolio
des Privatanlegers seine Berechtigung haben, sei es in Reinform
oder auch als Bestandteil eines Fonds. Ich wollte nur darauf
hinweisen, dass Anleihen nicht weniger komplex, wenn nicht
komplexer als Aktien sind, da der Ertrag nicht ihre Verzinsung
alleine, sondern die Rendite ist. Die setzt sich aus dem
Kursgewinn oder womöglich dem Kurs-Verlust bei Verkauf vor
Endfälligkeit bzw. bei einem Kaufkurs über dem Nennwert und der
Verzinsung zusammen. Auch finde ich, dass man Privatanleger mit
den umfangreichen Dokumentationspflichten weniger schützt als
diskriminiert. Weil man ihnen damit auch ein sehr großes Stück
des Anleihe-Kuchens vorenthält.  


Dies ist keine Anlageempfehlung, nur die persönliche Meinung der
Autorin, die keine Haftung für Gesagtes und Geschriebenes dieser
Episode der Börsenminute übernimmt.


#Anleihen #Kleinanleger #PRIIP #Rendite #Zinsen #Fonds #ETF
#Anlage


Foto: Unsplash/ ben-white

Kommentare (0)

Lade Inhalte...

Abonnenten

Sparclub
Berlin
15
15
:
: