Elke Heidenreich: »Ein Tag, an dem ich nicht lese, findet nicht statt.« - Literaricum 2022

Elke Heidenreich: »Ein Tag, an dem ich nicht lese, findet nicht statt.« - Literaricum 2022

Elke Heidenreich spricht über den Bartleby, das Gefährliche an lesenden Kindern und warum früher nicht alles besser war. Und Elke Heidenreich erläutert, warum man ihr keine Bücher und Manuskripte zusenden sollte.
33 Minuten
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Der literarische Treffpunkt im Internet - Interviews, Tipps und akustische Eindrücke aus der Welt der Bücher und Hörbücher. Für Leser und Autoren.

Beschreibung

vor 4 Monaten
Elke Heidenreich hat das Literaricum 2022 eröffnet. In unseren
Podcast-Folgen aus Lech am Arlberg steht ein Gespräch mit ihr am
Schluss. Elke Heidenreich spricht über den Bartleby, das
Gefährliche an lesenden Kindern und warum früher nicht alles besser
war. Und Elke Heidenreich erläutert, warum man ihr keine Bücher und
Manuskripte zusenden sollte. Am Eröffnungstag des Literaricum 2022
trifft sich Wolfgang Tischer im Foyer des Hotels Burg mit Elke
Heidenreich zum ausführlichen Gespräch. Die Atmosphäre ist
entspannt, auch Elke Heidenreich ist zum ersten Mal in Lech am
Arlberg. Natürlich geht es am Anfang des Gesprächs um Bartleby, den
Schreiber. Heidenreich verweist auf das Buch von Juliane Marie
Schreiber. In der Absurdität und Ironie von Melvilles Erzählung
sieht Heidenreich zudem Parallelen zu Kafkas Erzählung »Der
Hungerkünstler«. Die absolute Verweigerung sei keine Lösung. Das
ewige Nein aber auch das ewige Ja seien ebenfalls keine Lösung,
diese müsse in der Mitte liegen. Den Bartleby habe sie schon in
jungen Jahren gelesen, sagt Heidenreich, doch »wenn man jung ist,
versteht man Absurdes nicht gut«. Wie witzig, düster und grotesk
zugespitzt der Text ist, habe sie erst später gemerkt.
Lesebiografie mit Büchern von Frauen Mit ihrem im letzten Jahr
erschienenen Buch »Hier geht’s lang! Mit Büchern von Frauen durchs
Leben« hat Elke Heidenreich ihre ganz persönliche Lesebiografie
aufgeschrieben. Zwar wurde sie immer wieder danach gefragt, doch
eigentlich wollte sie das zunächst nicht. »Es ist mein Beruf, was
soll ich da schreiben?«, sagt Heidenreich. Schließlich waren es
dann die Bücher von Frauen, die den roten Faden bildeten. »Nicht
aus feministischen Gründen«, betont Heidenreich. Vielmehr wurde in
ihrer Kindheit streng nach »Jungenbüchern« und »Mädchenbüchern«
unterschieden. Später trafen sich dann zwar alle bei Enid Blyton
und Karl May, und dennoch blieben die »Jungs« bei den Jungenbüchern
und lasen auch später so gut wie keine Bücher von Frauen. Das sei
zwar, betont Elke Heidenreich, eine Verallgemeinerung, aber dennoch
hält sie es da mit ihrer Freundin Ruth Klüger (1931-2020), die
feststellte, dass Frauen anders lesen als Männer. Bedauert es Elke
Heidenreich, dass unlängst nach einem Talkshow-Auftritt bei Markus
Lanz niemand über ihr Buch sprach, aber alle über ihre Kritik an
einer jungen Grünen-Politikerin? Heidenreich ist das egal.
Shitstorms verfolge sie nicht. Wer nach dem Buch suche, der finde
es. Tatsächlich suchen viele Menschen nach solchen medialen
Auftritten nach den Kontaktdaten von Elke Heidenreich im Netz. Ihre
E-Mail- oder Postadresse werde man dort nicht finden, stellt
Heidenreich im Gespräch klar. Mit ständiger Regelmäßigkeit wird
daher ein schon älterer Beitrag im literaturcafe.de zu einer Art
totem Briefkasten, weil Google ihn offenbar nach oben spült. Auch
nach dem Lanz-Auftritt gab es dort meist zustimmende Kommentare
oder Nachrichten direkt an Elke Heidenreich zu lesen. »Unfassbare
Mengen« an Zusendungen Wie viele Briefe und Bücher und Manuskripte
bekommt Elke Heidenreich geschickt, wenn selbst Personen, die
einmal entfernt mit ihr zu tun hatten, mit Nachrichten an sie
überhäuft werden? Es seien »unfassbare Mengen«, sagt Elke
Heidenreich im Podcast. Allerdings rät sie allen ab, ihr
Manuskripte oder Bücher zuzuschicken. Seit 2003, seit ihrer
Fernsehsendung »Lesen!«, beschäftige sie eine Sekretärin, die u. a.
alle Manuskripte kommentarlos zurückschickt. Sie könne nichts
vermitteln, betont Elke Heidenreich mit Nachdruck. Man möge es an
geeignete Verlage schicken. Doch nicht alles, was geschrieben
werde, müsse auch gedruckt werden. Es sei schön, wenn man nur für
sich oder die Familie schreibe, wenn man das, was einen beschäftigt
rausließe. Scheiben sei eine wunderbare Therapie. Und wie verändert
sich die Welt des Lesens und der Literaturvermittlung? Als
Literaturkritikerin, das betont Elke Heidenreich in ihrem Buch, hat
sie sich nie gesehen. Sie sei eine Literaturvermittlerin und auf
keinen Fall eine »Literaturpäpstin«. Welche Rolle wird das Lesen
künftig spielen? Welche Rolle wird das Lesen künftig in dieser Welt
noch spielen? Darüber mag Elke Heidenreich nicht urteilen. Sie
glaube auch nicht, dass in dieser Hinsicht früher alles besser
gewesen sei. Es sei anders gewesen. Auch in ihrer Kindheit. Das
lesende Kind sei das einfache Kind. Es sitze brav in seiner Ecke
und mache nichts. Aber das lesende Kind werde das schwierige Kind,
denn es liest sich weg aus seiner Umgebung. »Irgendwann habe ich
gemerkt, dass ich in diesem Elternhaus nicht mehr bleiben will«,
erzählt Elke Heidenreich. Dennoch sagt sie: »Die Allianz ›Mensch,
Sessel, Lampe, Buch‹ ist unschlagbar!« Diese werde bestehen
bleiben. Und die Literatur im Fernsehen? Haben mediale Empfehlungen
noch Einfluss auf die Bestsellerlisten wie zur Zeit von »Lesen!«
oder des alten Literarischen Quartetts mit Reich-Ranicki? Die
Leidenschaft sei in den heutigen Formaten weg. Heute seien das
alles Selbstdarsteller, die das machten. Auch von Denis Scheck hält
sie nicht viel. Vielleicht die letzte mit Leidenschaft Vielleicht
sei sie noch die Letzte mit einer Leidenschaft für diese Sachen,
vermutet Heidenreich. Allerdings: Mit Leidenschaft rasselt man oft
auch rein. Wie viele Bücher liest Elke Heidenreich heute noch? Sie
arbeitet für den Schweizer Literaturclub, für den Spiegel, für den
WDR und eine wöchentliche Zeitungskolumne. Ihre Augen ließen
langsam nach, muss Elke Heidenreich feststellen. Allerdings sagt
Elke Heidenreich im Podcast-Gespräch auch: »Ein Tag, an dem ich
nicht lese, findet nicht statt.« Hören Sie das ausführliche
Gespräch mit Elke Heidenreich das Wolfgang Tischer am Rande des
Literaricum Lech geführt hat, im Podcast des literaturcafe.de.
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