049 — Wo denke ich? Reflexionen über den »undichten« Geist.

049 — Wo denke ich? Reflexionen über den »undichten« Geist.

Über lange Zeit war die Ansicht geläufig, dass eines der wesentlichen Unterscheidungsmerkmale zwischen Tier und Mensch beim Werkzeuggebrauch liegt. Diese Idee, wie viele andere eindimensionale Unterscheidungen zwischen Tier und Mensch, scheinen aber wiss.
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Woher kommen wir, wo stehen wir und wie finden wir unsere Zukunft wieder?

Beschreibung

vor 2 Monaten

Über lange Zeit war die Ansicht geläufig, dass eines der
wesentlichen Unterscheidungsmerkmale zwischen Tier und Mensch
beim Werkzeuggebrauch liegt. Diese Idee, wie viele andere
eindimensionale Unterscheidungen zwischen Tier und Mensch,
scheinen aber wissenschaftlich nicht haltbar zu sein. Dennoch ist
der Gebrauch und die Schaffung von Werkzeugen einer der
konstituierenen Faktoren moderner Gesellschaften.


Manche Artefakte sind aber keine Werkzeuge im klassischen
Verständnis, sondern scheinen vielmehr unser Denken zu erweitern.
Damit stellt sich die etwa von Andy Clark und David Chalmers
aufgeworfene Frage:


»Wo endet der Geist und wo beginnt der Rest der Welt?«


Andy Clark sieht dies in seinem Buch Being There etwas
bildlich so:


»Der Geist ist ein undichtes Organ, er entflieht stetig seinen
natürlichen Beschränkungen und mischt sich schamlos mit dem
Körper und der Welt.«


Schon aus der Antike kennen wir die Ansicht, dass Körper und
Geist in einer wesentlichen Wechselwirkung stehen, so schreibt
Juvenal:


»Mens sana in corpore sano«, »Ein gesunder Geist steck in einem
gesunden Körper.«


Aber in einem klassischen philosophischen Artikel aus dem Jahr
1998 konkretisieren Clark und Chalmers anhand einer Reihe von
Beispielen die These, dass das Denken auch immer mehr unsere
Umgebung einbezieht.


In dieser Folge versuche ich weniger die komplizierte
philosophische Diskussion zu erfassen als mehr die Frage, welche
Folgen diese Idee für unsere moderne Gesellschaft hat. Warum ist
es wünschenswert, die natürlichen Beschränkungen unseres
»biologischen Geistes« zu überwinden?


Wir werden in dieser Folge feststellen, dass wohl fast alle
komplexen Prozesse unserer Gesellschaft ohne diesen
»ausfließenden Geist« kaum vorstellbar wären.


Aber, wie so oft, gibt es auch Risiken oder Seiteneffekte, derer
man sich bewusst sein sollte.
Was bedeutet dies etwa für das Selbstverständnis und die
Fähigkeiten des Menschen, das Ich, das Selbst? Wenn wir erweiterte
Kognition erleben, wo sich die Denkprozesse mehrerer Menschen
überschneiden, was hat dies für Folgen? Was bedeutet dies für die
Komplexität und Resilienz unserer Gesellschaft uns so manchen
abenteuerlicher Ideen, wie der Kolonialisierung des Weltraums, um
ein extremes Beispiel zu nennen?

Referenzen


Andere Episoden


Episode 9: Abstraktion: Platos Idee, Kommunismus und die
Zukunft

Episide 10: Komplizierte Komplexität

Episode 17: Kooperation

Episode 32: Überleben in der Datenflut – oder: warum das Buch
wichtiger ist als je zuvor



Fachliche Referenzen


Andy Clark, David Chalmers, The Extended Mind, Analysis 58.1.
(1998)

Andy Clark, Being There, Bradford (1998) 

Externalism about the mind, Stanford Encyclopedia of
Philosophy

Henry David Thoreau, Journal 1851

Watson und Crick — (an)sichten Artikel: James Watson, Die
Doppel-Helix, Die Struktur der DNS Teil 1 (Watson und Crick) und
Teil 2 (Die Doppelhelix)

Mark Rowlands, Extended Mentality (YouTube)

Leonard E. Read, I, Pencil

Annie Murphy Paul, The Extended Mind

GitHub Copilote

Jonathan Haidt, How Social Media Is Changing Social Networks,
Group Dynamics, Democracies  & Gen Z

Nicholas Christakis, Connected, Harper Collins (2021)

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