Rosie Price: Der rote Faden

Rosie Price: Der rote Faden

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Beschreibung

vor 1 Monat
„Je mehr Leichtigkeit und freudige Momente man hat, desto dunkler
kann man gehen.“ Das ist ein Gedanke bzw. eine Idee, die Rosie
Price beeinflusst haben soll, ihren Roman Der rote Faden, der 2020
im Rowohlt Verlag erschien und 2019 im Original unter What Red Was
veröffentlicht wurde, zu schreiben. Es ist ihr Debütroman der in
England, woher sie auch selbst stammt, begeistert aufgenommen wurde
und auch in Deutschland sehr viele positive Kritiken erhielt. Rosie
Price hat mehrere Jahre in einer der größten englischen
Literaturagenturen gearbeitet, bevor sie sich vollständig dem
Schreiben des Romans widmete. Das Thema des Romans, so erfährt man
unausweichlich, wenn man sich im Vorhinein über das Buch
informiert, soll eine Vergewaltigung sein. Ist es auch. Aber es ist
eben auch noch wesentlich mehr als das.

Kate und Max lernen sich zu Beginn des Romans durch einen Zufall
auf dem Campus kennen und werden schnell zu Freunden. Sie studieren
beide Sprachen und haben eine Leidenschaft für Filme, was in Max'
Fall auch dadurch bedingt ist, dass seine Mutter Zara eine bekannte
Regisseurin ist. Kate wiederum möchte gern einmal selbst zum Film
und bewundert Zara nicht nur für ihre Arbeit, sondern auch als
Mensch. Durch die sich entwickelnde Freundschaft der beiden
Protagonisten, die ein tragendes Element des Romans bildet, kommt
es bald dazu, dass Kate Max' Familie kennenlernt. Nicht nur Max'
Mutter, mit der sie sich schnell anfreundet, sondern auch seine
Schwester Nicole, seinen Vater William und seinen Cousin
Lewis.

Etwas weniger als das erste Viertel des Romans, welcher aus 49
Kapiteln besteht, hat eine eher langsame Erzählgeschwindigkeit.
Price entwickelt auf diesen ersten 100 Seiten einen wichtigen Teil
der Geschichte, die sich zunächst völlig unabhängig vom Plot der
Vergewaltigung entwickelt und dennoch von großer Wichtigkeit ist.
Die Leserinnen und Leser erfahren, dass Max' Großmutter Bernadette
stirbt und sich die Geschwister William, Alasdair und Rupert nun um
die bevorstehende Beerdigung und den Nachlass – das Haus der
Großmutter – kümmern müssen, welches sie allerdings nur William und
Alasdair vererbt hat. Der Handlungsstrang um Max' Familie, die
geprägt ist von ihrer Vergangenheit, Erbstreitigkeiten, Ruperts
Alkoholabhängigkeit und Unverständnis der verschiedenen Beteiligten
untereinander, nimmt einen wichtigen Teil des Romans ein. Sie wirkt
beinahe wie eine autonome Geschichte im Roman, verdeutlicht aber
letztlich das Verhältnis, die Fragilität und die Zerwürfnisse der
einzelnen Handelnden untereinander. Besonders beeindruckt hat mich
dabei Price’ Darstellung der Beziehung zwischen Max und dessen
Onkel Rupert, der nicht nur unter einem Alkoholproblem leidet,
sondern aufgrund dessen schon mehrfach Unfälle hatte, bis hin zu
einem Selbstmordversuch. Ganz subtil und langsam beschreibt sie das
Sich-Annähern und wieder Voneinander-Entfernen, während ihr
Verhalten teilweise kongruent ist, nur zu unterschiedlichen Zeiten
und ihnen ein Zugang zueinander dadurch, zumindest zeitweise, nicht
möglich ist.

Neben der tragenden Freundschaft zwischen Kate und Max sowie dessen
Familiengeschichte, ist die Vergewaltigung von Kate, durch Max'
Cousin Lewis auf einem Sommerfest, das dritte wichtige Element des
Romans, das den Fortgang der Geschichte zu beschleunigen scheint.
Kate leidet von diesem traumatischen Erlebnis an unter
Panikattacken, Depressionen und dem Drang sich selbst zu verletzen.
Sie trinkt Alkohol und nimmt starke Medikamente, um am „normalen“
Leben einigermaßen teilhaben zu können. Durch den Schmerz, den sie
sich selbst zufügt, versucht sie den Schmerz der Erlebnisse zu
überdecken. Rosie Price beschreibt dies in einer Schonungslosigkeit
und gleichzeitig mitfühlenden Art, dass man als Leserin, im
wahrsten Sinne des Wortes, Mitleid empfindet und die körperlichen
Qualen der Protagonistin geradezu spüren kann. Kate ist außerdem
außer Stande sich ihrem Umfeld, selbst ihrem besten Freund Max,
mitzuteilen. Wochenlang schweigt sie über das Erlebte, unternimmt
mehrfach den Anlauf sich zu offenbaren und verliert dann doch in
letzter Sekunde den Mut, sich anzuvertrauen. Lange Zeit schafft sie
es „nur“ andeutungsweise nach außen preiszugeben, dass sie etwas
belastet.

„Kate wurde schnell klar, dass sich nicht sanft vermitteln ließe,
dass sie vergewaltigt worden war. Es ließ sich nicht durch die
Blume sagen, und weil es zwischen einer Vergewaltigung und keiner
Vergewaltigung keine Grauzone gab, gab es auch keine Möglichkeit,
vorsichtig vorzufühlen und ihren Zustand nur anzudeuten, um die
Reaktion von jemandem abzuschätzen, dem man sich vielleicht
anvertrauen könnte. Es gab nur vergewaltigt oder nicht
vergewaltigt.“ (S. 118)

Und so hofft sie, dass das Geschehene von selbst immer kleiner wird
und es sich irgendwann unausgesprochen in Luft auflösen wird.

An dieser Stelle offenbart sich eine Problematik, die wir in diesem
Zusammenhang schon oft gehört haben und der wir deshalb nicht
weniger Beachtung schenken sollten: die Angst der Betroffenen nicht
ernst genommen zu werden. Die Unterstellung der Täter, die Frauen
hätten es selbst gewollt. Und die Schuldzuweisungen der Opfer an
sich selbst, sich nicht genug gewehrt oder nicht laut genug
geschrien oder nein gesagt zu haben. Doch die Autorin stellt Kate
eine Vertrauensperson, eine Verbündete, eine Leidensgenossin an
ihre Seite: Zara, zu der Kate eine freundschaftliche Beziehung
pflegt, scheint zu spüren – zu wissen – welches Geheimnis Kate
umgibt. Sie ist schließlich auch die erste, der sie sich anvertraut
und es stellt sich heraus, dass auch Zara als junge Frau
vergewaltigt wurde. Was Kate jedoch verschweigt, ist die Tatsache
darüber, wer ihr Vergewaltiger ist. Zwar schafft sie es nach und
nach sich auch anderen Menschen zu offenbaren, doch viele Details
behält sie für sich. Sie schützt sich damit nicht nur selbst,
sondern auch ihre Freundschaft zu Max, seine Familie und leider
letztlich auch den Täter.

Doch wie kann das Leben nach einem so tiefgreifenden und
einschneidenden Eingriff weiter gehen? Price stellt hier zwei
Beispiele gegenüber. Kate, die nach und nach über das Erlebte
spricht und versucht weiter zu leben, sich wieder einen Alltag zu
erschaffen, Arbeit zu finden – was sie nicht zuletzt auch Zara zu
verdanken hat – und sogar wieder eine Beziehung führt. Und Zara,
die ihre Vergewaltigung verschwieg, nicht als Opfer gesehen werden
wollte und letztlich nie die Chance hat ihren Vergewaltiger
zumindest zu konfrontieren, weil er tot ist. Die Autorin, Rosie
Price, die selbst Opfer einer Vergewaltigung geworden ist, nutzt
den Roman zur Aufarbeitung ihrer eigenen Erfahrungen, dem
Nachspüren inwiefern dieses traumatische Ereignis sie selbst und
ihre Sichtweise verändert hat, aber sie beleuchtet auch
Möglichkeiten im Umgang mit dem Erlebten sowie deren mögliche Vor-
und Nachteile. Dabei schließt sie auch das Umfeld des Opfers mit
ein und zeigt, wie viele Menschen letztlich betroffen sind und dass
das Problem kein ausschließlich privates ist, sondern ein
gesellschaftliches.

Der titelgebende rote Faden ist dabei nicht nur das offensichtliche
Thema, das sich durch den Roman zieht und ihn bestimmt, sondern vor
allem die rote Ziernaht am Hemd ihres Vergewaltigers auf die sie
starrt, während sie missbraucht wird und bereits versucht, ihr
Inneres aus der Situation abzukoppeln. Dieses Rot empfindet sie im
Nachgang folgendermaßen:

„Aber dieses Rot war keine Farbe, keine Warnung und keine
Herausforderung, kein Stierkampftuch; nein, Rot war der Filter,
durch den sie alles wahrnahm; es löschte die Zeit zwischen
Gegenwart und jenem Moment aus, der nicht länger vergangen war,
sodass sich ihr ganzes Wesen, von den erweiterten Pupillen über den
stoßweisen Atem bis hin zur Kälte in ihrer Brust, neu ausrichtete,
um die Welt von nun an durch diesen Filter zu betrachten.“
(S.135/136)

Warum man dieses Buch lesen sollte? Weil sich auch die Themen des
Romans wie ein roter Faden durch unsere Gesellschaft ziehen. Es
sind die Kämpfe und Rivalitäten in der Familie, Freundschaften und
was sie uns bedeuten und geben können, aber eben auch der Umgang
mit sexualisierter Gewalt, die uns leider ständig umgibt, auch wenn
wir sie selbst gerade nicht wahrnehmen. Rosie Price schafft es, die
Leichtigkeit und die dunklen Momente so in Einklang zu bringen,
dass sie einen nicht erdrücken, aber mitfühlen und mitleiden
lassen, ohne dabei dogmatisch zu sein, sondern feinfühlig und nicht
ohne eine Brise Humor.

Ich freue mich, hoffentlich bald mehr von dieser jungen Autorin
lesen zu dürfen.

In der nächsten Woche stellt Irmgard Lumpini Sinéads O'Connors neue
Autobiographie "Rememberings" vor und geht der Frage nach, was
eigentlich nach dem Welterfolg der ersten Alben und dem großen
Skandal des zerrissenen Papstbildes wurde.

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