Türkei: Erdogan und die Aprikosenstadt

Türkei: Erdogan und die Aprikosenstadt

Präsident Erdogan hat die Türkei erst reformiert, dann gespalten. Der Westen des Landes, Europa zugewandt, steht ihm mehrheitlich ablehnend gegenüber. Wie aber sieht es im anatolischen Hinterland aus, wo er seine grössten Wahlerfolge feierte? Die Repo ...
29 Minuten

Beschreibung

vor 2 Monaten
Präsident Erdogan hat die Türkei erst reformiert, dann gespalten.
Der Westen des Landes, Europa zugewandt, steht ihm mehrheitlich
ablehnend gegenüber. Wie aber sieht es im anatolischen Hinterland
aus, wo er seine grössten Wahlerfolge feierte? Die Reportage aus
der Stadt der Aprikosen, Malatya. Zwei Drittel der getrockneten
Aprikosen im internationalen Handel kommen aus der anatolischen
Hochebene um die Stadt Malatya. Dass die konservative Gegend in der
Vergangenheit stets zu Präsident Erdogan hielt, steht ausser Frage:
Selbst bei den Lokalwahlen vor zwei Jahren, als Erdogans Partei,
die AKP, die grössten Städte des Landes an die kemalistische
Oppositionspartei CHP verlor, machte sie hier noch zwei Drittel der
Stimmen. Keine Überraschung für Aprikosenhändler Mustafa, er
verweist auf die Infrastruktur. Erdogan baute nicht nur Moscheen,
sondern auch Schnellstrassen, ein neues Teilstück bei Malatya wurde
erst vor wenigen Monaten dem Verkehr übergeben - eine elegante
Autobahnbrücke über den Euphrat. Auch der Aprikosenmarkt soll
demnächst umfassend modernisiert werden. Dennoch, die Teuerung
macht auch den Menschen in Malatya zu schaffen, die
Arbeitslosigkeit bleibt hoch, die Jugend klagt über fehlende
Perspektiven. Und selbst Ai?e ist enttäuscht. Als Studentin hatte
sie gegen die Arroganz des kemalistischen Staatsapparats
demonstriert für ihr Recht, an der Universität das Kopftuch zu
tragen. Sie war begeistert, als Erdogan die Macht erlangte und die
säkulare Elite des Landes das Fürchten lehrte. 18 Jahre später ist
sie überzeugt, es geht dem Präsidenten nicht um Religion oder
politische Erneuerung, sondern nur noch um den Machterhalt.

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