Die mit den Wölfen heulen | Von Michael Meyen

Die mit den Wölfen heulen | Von Michael Meyen

17 Stunden 15 Minuten

Beschreibung

vor 1 Monat

Den vollständigen Standpunkte-Text (inkl ggf. Quellenhinweisen
und Links) findet ihr hier:


…weiterlesen hier:
https://kenfm.de/die-mit-den-woelfen-heulen-von-michael-meyen/


Die Kommunikationswissenschaft ist zu einem Herrschaftsinstrument
verkommen, das vor allem eines vermittelt: Statusgewinn durch die
Nähe zur Macht.


Hinweis zum Beitrag: Der vorliegende Text erschien zuerst
im „Rubikon – Magazin für die kritische Masse“, in dessen
Beirat unter anderem Daniele Ganser und Hans-Joachim Maaz aktiv
sind. Da die Veröffentlichung unter freier Lizenz (Creative
Commons) erfolgte, übernimmt KenFM diesen Text in der
Zweitverwertung und weist explizit darauf hin, dass auch der
Rubikon auf Spenden angewiesen ist und Unterstützung braucht. Wir
brauchen viele alternative Medien!


Wie konnte es dazu kommen, dass eine Clique von Berufspolitikern
mit einer für die allermeisten Menschen ganz offensichtlich
schädlichen Agenda durchregieren kann — fast ohne dabei auf
Widerspruch zu stoßen? Hier richten sich die Augen vor allem auf
erwiesenermaßen kluge Menschen: Intellektuelle und Akademiker.
Von schlichten Gemütern hätte man ja nichts anderes erwartet als
Unfähigkeit, die Schliche der Demokratiefeinde zu durchschauen.
Diese alten Denkmuster greifen in der Corona-Krise jedoch nicht
mehr. Wer intelligent ist, nutzt dies heute oft lediglich, um
ausgefeilte Narrative zu entwerfen, die sein Versagen etwas
besser interpretieren. Michael Meyen, Autor des kürzlich
erschienenen Spiegel-Bestsellers „Die Propaganda-Matrix“, ist
selbst Lehrstuhlinhaber für Medienwissenschaft und erzählt in
diesem Beitrag aus eigener Erfahrung, wie sich sein Fach in den
letzten Jahrzehnten verändert hat. Sein ernüchterndes Resümee: Um
Wahrheit, Objektivität und unabhängiges Denken geht es längst
nicht mehr im Universitätsbetrieb. Vielmehr um die „Fleischtöpfe“
— Forschungsgelder, Reputation — und um das Schulterklopfen der
Machthaber, deren Ideologie man durch abhängige Forschung
beflissen zu unterstützen versucht.


Ein Standpunkt von Michael Meyen.


Früher, als das Wünschen noch zu helfen schien, dachte ich: Es
ist großartig, dass sich der Staat eine Medienforschung leistet.
Wer sollte sonst für Qualität im Journalismus sorgen — wenn nicht
Menschen, die an den Universitäten frei von allen ökonomischen
Sorgen und Zwängen die Inhalte und die Wirkungen der Medien
untersuchen und dabei gleich noch den Nachwuchs für die
Redaktionen formen?


Heute weiß ich: Eine aus Steuermitteln alimentierte
Medienforschung ist nicht besser als das, was die entsprechenden
Abteilungen der Verlage und Rundfunkanstalten liefern. Immer geht
es um Legitimation — um die eigene (wozu braucht die Welt mich
eigentlich) und um die des Geldgebers.


Die Kommunikationswissenschaft, wie die akademische
Medienforschung etwas irreführend heißt, hat vor allem eine
Lektion gelernt, seit Karl Bücher an der Universität Leipzig vor
etwas mehr als hundert Jahren das erste Institut für
Zeitungskunde gründete: Es zahlt sich aus, mit dem Staat zu
heulen. Es zahlt sich aus, die Wünsche des Staates nicht nur zu
kennen, sondern sie am besten schon zu erfüllen, bevor sie
ausgesprochen werden. Es zahlt sich aus, ganz vorn mit dabei zu
sein, wenn Parteien, Verwaltungen oder große Medienunternehmen
irgendetwas durchsetzen wollen. PR für die Herrschenden gehört
zur DNA der Kommunikationswissenschaft — ganz unabhängig davon,
wer gerade herrscht.


Bevor ich eintauche in die Geschichte dieser
Universitätsdisziplin und den Habitus der akademischen
Medienforschung seziere, muss ich drei Dinge vorausschicken.
Erstens: Ich gehöre selbst dazu. Ich habe seit fast zwei
Jahrzehnten eine Professur für Allgemeine und Systematische
Kommunikationswissenschaft an der Universität München — was immer
die beiden Adjektive auch bedeuten mögen.


Ich bin allerdings, zweitens, von außen dazu gekommen — aus der
DDR und ohne eine der Schulen im Rücken, die einem sagen, wie man
denken muss, um am Ende eine bezahlte Position zu bekommen. Ich
stand im Dezember 1990 vor den Trümmern meines Lebens, als der
Freistaat Sachsen entschied, die Leipziger Sektion Journalistik
abzuwickeln — die „Schule“, die mich fitmachen sollte für eine
Karriere in der Parteipresse. Also zurück auf Los, im Kopf zum
einen das Scheitern einer Medienlandschaft, die offen zugab, eher
politische PR zu sein als Journalismus, und zum anderen das
Versprechen, dass nun alles anders werden würde. Meinungsfreiheit
und Pluralismus, Medienkritik inklusive. Um zu verstehen, warum
Wunsch und Wirklichkeit auseinanderklaffen, bin ich, das ist mein
dritter Punkt, zum Wissenschaftshistoriker geworden.


Statusgewinn durch Nähe zur Macht


Geschichte ist langweilig, ich weiß. Die
Kommunikationswissenschaft ist klein und nicht sonderlich
bedeutend. Auch das weiß ich. Ich schreibe diesen Text trotzdem,
weil es um ein Thema geht, das größer ist als eine akademische
Disziplin und heute vielleicht spannender als je zuvor:


Wie kommt es, dass sich so viele Menschen widerstandslos und oft
sogar scheinbar freudig von einem Narrativ haben einfangen
lassen, das jeder persönlichen Erfahrung widerspricht?


Warum akzeptieren gar nicht wenige das Märchen vom Killervirus
nicht nur, sondern propagieren es sogar, Prügel für
Andersdenkende eingeschlossen? Warum passiert das ausgerechnet
Akademikern, Intellektuellen, Linken? Warum sind Rock und Punk so
still oder an der falschen Stelle laut, warum Theater und
Universität? Wer zum Kern dieser Fragen vordringen möchte, muss
die Belohnungen mitdenken, die nur der Staat liefern kann, und
dabei mit dem Statusgewinn beginnen, den die Nähe zur Macht
verspricht.


Die traditionelle und traditionsbewusste Universität kennt
eigentlich keine Kommunikationswissenschaft. Sie mag auch den
Gegenstand nicht. Die Zeitung, das Fernsehen, die Medien. Was
soll das schon sein? Allerweltskram, für den Tag gemacht und am
nächsten Tag schon wieder zu entsorgen. Jedenfalls nichts im
Vergleich zu dem, was wirklich zählt und jede Anstrengung
verdient. Die Bibel, die Literatur, die Hochkultur.


Es ist egal, in welche Zeit man schaut und in welches Land: In
den klassischen Fächern schüttelt man den Kopf, wenn die
Medienforschung Einlass in die heiligen Hallen begehrt. Das war
selbst in der DDR so, in den 1950er Jahren, als die SED
beschloss, ihre Journalistinnen und Journalisten in Leipzig
ausbilden zu lassen. Die Universität hat sich eine ganze Weile
gesträubt, ihre Honoratioren zu Festivitäten des ungeliebten
Kindes zu schicken, dort Parteikader und Autodidakten auf
Professuren oder Dozenturen zu berufen und Handwerk
(recherchieren, schreiben, redigieren) akademisch zu adeln. Das
Promotionsrecht bekam die neue Fakultät erst 1960.


Ich erzähle diese Geschichte, weil sie für ein Muster steht, das
über die DDR hinausweist. Hilfe holte sich die Leipziger
Journalistik stets aus Berlin, aus dem Zentrum der Macht. Das ZK
hat gesagt. Aus dem ZK haben wir gehört. Das ZK ist dafür. Diese
Sprache verstehen die Spitzen der Universität. Als ich 1988 an
die Sektion Journalistik gekommen bin, war das ein Riesenladen.
Gut 100 Wissenschaftsstellen für vielleicht 500 Menschen wie
mich. „Das war die Brutstätte“, hat mir viel später Wolfgang
Tiedke gesagt, als Student einer meiner Helden, als ich ihn
gefragt habe, wie wichtig die Ausbildung im System der
Medienlenkung war. „Wenn die Küken geschlüpft waren, wurden sie
wieder auf die Legehöfe verteilt.“ Das heißt: Dozenten wie Tiedke
haben das geliefert, wofür sie der Staat bezahlt hat.
Parteijournalisten. Solange die Küken in den Redaktionen nicht
umherkrähen würden, war alles gut.


Was das mit der „freien Welt“ zu tun hat? So ziemlich alles. Die
akademische Medienforschung ist auch jenseits des Realsozialismus
immer dann gewachsen, wenn sie sich in den Dienst des Staates
gestellt hat. Es gibt diese Universitätsdisziplin überhaupt nur,
weil sie mit dem Versprechen daherkam, dem Staat zu dienen.


Karl Bücher, ein weltberühmter Nationalökonom, der bei der
Frankfurter Zeitung war, bevor er sich auf den Weg in den
Gelehrten-Olymp machte, hielt zwar sehr früh Vorlesungen über die
Presse, erntete damit im Kollegenkreis aber eher Erstaunen als
Begeisterung. Das galt so ähnlich auch für die Verleger, weil
dieser Bücher kein Blatt vor den Mund nahm und den Zeitungen zum
Beispiel vorwarf, nur auf Profit aus zu sein und die wirklich
wichtigen Themen aus der Öffentlichkeit zu verdrängen.weiterlesen
hier:
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