Best of: Polen – Ein Land driftet auseinander

Best of: Polen – Ein Land driftet auseinander

Polen ist ein homogenes Land. Praktisch alle sprechen Polnisch. Praktisch alle sind katholisch. Ausländer sind rar. Und trotzdem ist Polen ein zerrissenes Land. Die Gesellschaft zerfällt in zwei politische und weltanschauliche Lager, die sich kaum meh ...
27 Minuten

Beschreibung

vor 1 Monat
Polen ist ein homogenes Land. Praktisch alle sprechen Polnisch.
Praktisch alle sind katholisch. Ausländer sind rar. Und trotzdem
ist Polen ein zerrissenes Land. Die Gesellschaft zerfällt in zwei
politische und weltanschauliche Lager, die sich kaum mehr zuhören.
Ula Grymula, Bio-Informatik-Studentin, liebt die katholische
Kirche. Sie liebt die prächtigen Liturgien und die Spiritualität so
sehr, dass sie mit Freude eine Jugendgruppe leitet und mit jungen
Mädchen betet und die Bibel liest. Doch dies sei eine «toxische
Beziehung» sagt die junge Frau mit dem knallroten Lippenstift: Denn
die Kirche liebe sie nicht zurück. Ula nämlich liebt Frauen. Lesben
und Schwule haben in der polnischen katholischen Kirche keinen
Platz. Und nicht nur das: Die gleiche Kirche, in der die 21jährige
aufgeht, predigt in der Frühmesse davon, dass Leute wie Ula,
Homosexuelle, die christlichen Werte verraten hätten und
intellektuell krank seien. Der Erzbischof von Krakau etwa warnt vor
der «Regenbogenplage», Polens Staatspräsident hält die sogenannte
«LGBT-Ideologie» für schlimmer als den verhassten Kommunismus. Der
Umgang mit Homosexuellen ist ein Beispiel dafür, wie zerrissen die
polnische Gesellschaft ist und wie die Politik versucht, aus
emotionalen Themen Kapital zu schlagen. Kommt dazu: Die
rechtsnationale Regierungspartei von Jaroslaw Kaczynski hat den
Freiraum der polnischen Gesellschaft Stück für Stück eingeengt und
versucht Gerichte zu kontrollieren. Gleichzeitig verspricht sie,
das Wohlstandsgefälle mit einem grosszügigen Kindergeld und anderen
Sozialleistungen zu verringern. So geht denn ein Spalt quer durch
alle Schichten: Hier die konservativen, katholischen Polinnen und
Polen, die glauben, die Europäische Union wolle ihnen ein
bestimmtes Gesellschaftsmodell aufzwingen, dort jene Menschen, die
sich von der Kirche abwenden, sich gesellschaftlich öffnen und die
Werte Westeuropas teilen. Ula Grymula, Demonstrantin Karolina
Lange, die fünfköpfige Familie Olejniczak und einige andere
erzählen von dem Polen, in dem sie leben und von den Werten, die
sie verteidigen. Sie reden mit uns - immer weniger aber
miteinander. (Erstausstrahlung: 27. Februar 2021)

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