Politisches Engagement vs. Chancenarmut – über die aktuelle Generation junger Menschen mit Klaus Hurrelmann

Politisches Engagement vs. Chancenarmut – über die aktuelle Generation junger Menschen mit Klaus Hurrelmann

„Die Metapher ‚Generation Greta‘ passt nicht für die ganze Generation der jungen Leute heute“
51 Minuten
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Beschreibung

vor 7 Monaten
Klaus Hurrelmann ist „Professor of Public Health and Education“ an
der Hertie School und bereits seit vielen Jahren in der Kindheits-
und Jugendforschung tätig. Unter anderem war er zwölf Jahre lang
Direktor eines Forschungszentrums für Prävention und Intervention
im Kindes- und Jugendalter an der Universität Bielefeld. Darüber
hinaus hat er im Laufe seines Lebens an diversen Publikationen zu
den Themen Kindheit, Jugend und Bildung mitgewirkt und 2020 das
Buch „Generation Greta“ veröffentlicht. Im Podcast „School must go
on“ spricht Klaus Hurrelmann über seine Erkenntnisse zur
sogenannten „Generation Greta“, wie es dazu kommt, dass Jugendliche
in unserem System abgehängt werden und welche Veränderung im
Schulsystem ihnen helfen könnte. – Ungewöhnlich optimistische
Grundstimmung unter jungen Leuten – „Die wertmäßige Orientierung,
die die jungen Leute haben, ist ganz stark abhängig von den
Lebensbedingungen und den Chancen, die sie haben, sich selbst zu
entfalten. Das gilt insbesondere beruflich“, erklärt der
Jugendforscher. Die sogenannte „Generation Greta“ konnte sich in
ihrer sensiblen Jugendphase sehr sicher sein, dass sie eine
Ausbildung bekommt und einen Beruf ausüben kann. Das habe zu einer
ungewöhnlich optimistischen Grundstimmung geführt. „Die Generation
kann es sich leisten, politisch zu werden und an die Zukunft zu
denken“, so Hurrelmann. Diese Verantwortungsübernahme heutzutage
sei auffällig. „Ein Teil der jungen Leute nimmt also keine
existenzielle Risikosituation für sich im wirtschaftlichen und
beruflich Bereich wahr. Der andere Teil ist nicht in der Lage, sich
so uneigennützig politisch zu betätigen. Die Metapher ‚Generation
Greta‘ passt also nicht für die ganze Generation der jungen Leute
heute, sondern nur für ein paar.“ Insgesamt gebe es im Moment eine
große Spannbreite an Positionen in der jungen Generation. –
Chancenarmut in einer reichen Gesellschaft – Entscheidend dafür, wo
man sich in dieser Spannbreite von Positionen befinde, sei die
Chance auf einen Beruf. Diese hängt wiederum stark von der
schulischen Erfolgsbilanz ab. „Über 50 % der jungen Leute schaffen
heutzutage das Abitur. Wenn du das als junger Mensch nicht
schaffst, dann bist du schon in der Gefahr, dich subjektiv als
einen Menschen wahrzunehmen, der den Standards nicht entspricht“,
erklärt Klaus Hurrelmann. Die Anforderungen seien hoch und steigen
weiter. Die Mehrheit der jungen Leute könne hierbei mithalten. Für
die, die das nicht schaffen, werde die Luft aber immer dünner. „Das
Gefühl, was dann entstehen kann, in einer reichen Gesellschaft
keine Möglichkeiten zu haben, eine Chancenarmut zu haben, ist ganz
bitter und kann ein unterschwelliges Protestpotenzial mit sich
bringen“, so der Jugendforscher. „Als Gesellschaft kriegen wir es
nicht hin für diese jungen Leute angemessene Plätze zu
präsentieren, die ihnen ein spannendes, würdiges persönliches und
berufliches Leben ermöglichen. Hier liegen echte politische
Herausforderungen für die nächsten Jahre.“ – Alle Abschlüsse an
einer Schule – Eine mögliche Lösung für die Problematik rund um das
Abitur könnte sein, dass Gymnasien Schulen werden, an denen man
alle Abschlüsse machen kann. „Es gibt dann nach der Grundschule nur
noch eine Schulform. Das Gymnasium wird zu der Gemeinschaftsschule,
von der man dachte, dass man sie neben dem Gymnasium aufbauen
müsste“, so Klaus Hurrelmann. So entscheide man dann nicht nach der
Grundschule durch die Schulauswahl, ob jemand die Chancen hat, das
Abitur zu machen oder nicht. Außerdem müsse es eine noch stärkere
Profilierung der Schulen geben, sodass es ganz individuelle
Schultypen, mit unterschiedlichen Schwerpunkten gibt. „Wertvoll
wären unterschiedliche Schulen im Wettbewerb miteinander, die sich
nicht mehr durch die Schulform unterscheiden, sondern durch ihr
Programm. Man hätte dann ein lebendiges und offenes Schulsystem,
das so vielfältig ist, dass es alle anspricht, insbesondere auch
die Schwächeren.“

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