Porajmos, Entschädigung und Erinnerung - Wieso hat sich in Deutschland noch keine Erinnerungskultur etabliert?

Porajmos, Entschädigung und Erinnerung - Wieso hat sich in Deutschland noch keine Erinnerungskultur etabliert?

36 Minuten

Beschreibung

vor 6 Monaten
In der heutigen und damit auch letzten Folge des „Faţadă“ Podcasts wird der Porajmos - der nationalsozialistische Genozid an den europäischen Sinti*ze und Rom*nja in Europa - behandelt. Hierzu spricht Olga Felker mit Ajriz Bekirovski, dem pädagogischen Leiter bei Amaro Drom, einer interkulturellen Jugendselbstorganisation von Rom*nja und Nicht-Rom*nja. In dem Gespräch schildert Bekirovski seine Berührungspunkte mit dem Porajmos, inwiefern der Genozid Teil des mehrheitsgesellschaftlichen Gedächtnisses ist und auch, warum es so problematisch ist, wenn die rassistische Fremdzuschreibung benutzt wird. 


Zur Einordnung des Podcast folgt eine kurze Chronologie des Porajmos. Wichtig ist hierbei voranzustellen, dass der Genozid nicht in einem luftleeren Raum oder plötzlich entstanden ist. Der Weg zur Diskriminierung, Unterdrückung und zum systematische Mord an den europäischen Sinti*ze und Rom*nja unter den Nationalsozialisten wurde bereits im Mittelalter geebnet. Denn schon dort wurden Siniti*ze und Rom*nja nicht als Teil der Mehrheitsgesellschaft betrachtet und galten als vogelfrei. 


Ab 1935 wurden Sinti*ze und Rom*nja mit dem Erlass der Nürnberger Gesetze in die rassistische NS-Gesetzgebung eingebunden. Durch diese Gesetzgebung verloren sie unter anderem die deutsche Staatsbürgerschaft, die sie teilweise auch nach Ende des 2. Weltkrieges nicht wiedererlangten. Von diesem Zeitpunkt an entstanden auch immer mehr Lager in deutschen Städten, in denen Sinti*ze und Rom*nja interniert wurden und Zwangsarbeit leisten mussten.


1936 entstand unter der Leitung von Robert Ritter die „Rassenhygienische und Bevölkerungbiologische Forschungsstelle“ (RBF). Im RBF verfassten Richter und seine Mitarbeiter 24.000 Gutachten über Sinti*ze und Rom*nja, die die Grundlage für Sterilisationen und die Ermordung in Auschwitz bildeten. Für diese Gutachten stellten Polizei, Kirche und kommunale Behörden Unterlagen zur Verfügung. 


1938 wurde die „Reichszentrale zur Bekämpfung des Zigeunerwesens“ eingerichtet, woraufhin im Dezember desselben Jahres Himmlers Runderlass „Regelung der Zigeunerfrage aus dem Wesen der Rasse“ folgte.


Ab Oktober 1939 durften Sinti*ze und Rom*nja ihren Wohnsitz oder momentanen Aufenthaltsort nicht mehr ohne polizeiliche Erlaubnis verlassen.


Im Mai 1940 begannen die ersten familienweiten Massendeportationen in Ghettos und Konzentrationslager in Polen.


1942 wurde Himmlers „Auschwitz-Erlass“ durchgesetzt und die Polizei angewiesen, alle Sinit*ze und Rom*nja in Konzentrationslager einzuweisen. 


Ab 1943 wurden tausende Sinti*ze in sogenannten „Zigeunerfamilienlager“ interniert. Von den 20.000 Menschen, die dort eingesperrt waren, starben mehr als Zweidrittel an Hunger, Zwangsarbeit, Krankheit und Misshandlungen durch die SS-Wachmannschaft.


Am 3. August 1944 wurden alle verbliebenen Überlebenden 2897 Sinti*ze und Rom*nja vergast.


Europaweit starben insgesamt etwa eine halbe Millionen Sinti*ze und Rom*nja.

Kommentare (0)

Lade Inhalte...

Abonnenten

15
15
:
: