Audio Erkenntnis

Freimaurer-Spaziergang Podcast01.12.20 12:46 Uhr

Erkenntnis von Alexander Walter

Dauer: 00:14:53

Die Erkenntnis in der Freimaurerei

Was ist Erkenntnis? Und was ist Erkenntnis in der Freimaurerei? Diesen fragen will ich mich auf diesem Spaziergang widmen, wohl wissend, dass es nur einer von sehr vielen Spaziergängen ist, die man zur Bearbeitung und Beantwortung dieser Fragestellungen unternehmen kann. Und doch, da jeder dieser Spaziergänge schön ist auf seine Weise, will ich Sie gerne einladen dazu, mich ein Stück weit zu begleiten.

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Gehen wir zunächst von dem Begriff der Erkenntnis aus. Die erste Verwirrung beginnt bereits dort, wo wir verschiedene Dinge als Erkenntnis bezeichnen. Da ist der wissenschaftliche Begriff der Erkenntnis, der in der fundamentalsten aller akademischen Disziplinen, der Wissenschafts- und Erkenntnistheorie, seine Bestimmung im Sinne einer unumstößlichen, systematisch und methodisch erzeugten Evidenz mit definiertem Geltungsbereich findet. Am anderen Ende des Spektrums gibt es die Erkenntnis, meist glaubensgebunden, in einem spirituellen Sinn, als eine Art Einsicht durch Anschauung in einem contemplativen Moment oder Prozess. Und es gibt das Erkennen in der Alltagssprache kontextabhängig synonym zu Wahrnehmung oder dem Verstehen.

Übergreifend lässt sich festhalten, dass Erkenntnis immer mit dem Eindruck einhergeht, dass etwas verstanden, begriffen oder eingesehen wurde. Ob dem tatsächlich so ist, ist mit dem Aufkommen dieses Eindrucks nicht geklärt. Erkenntnis ist also immer und regelhaft ein subjektiv empfundener Zustand, der unter gewissen Umständen, die sich erforschen und beschreiben lassen, intersubjektiv oder objektiv Bestätigung finden kann.

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In der Freimaurerei, wie im gesamten menschlichen Leben, spielt die Erkenntnis in vielerlei Hinsicht eine grundlegende Rolle. So umfassen unsere Rituale eine ausgeprägte Lichtsymbolik. Seine Auseinandersetzung mit ihr davon ausgehend zu beginnen, dass das Licht für Erkenntnis steht, erscheint sinnvoll. Die Tempelarbeit, unsere Vereinigung im Ritual, findet häufig in einem physischen Raum, den wir Tempel nennen und über dessen Pforten nicht selten wie über dem Eingang zum Tempel von Delphi die Worte "erkenne dich selbst" zu lesen sind, statt. Das Erkennen ist dem Freimaurer also gar ein Imperativ. Und in seinem symbolischen Fortschreiten als Lehrling, Geselle und Meister werden dabei auch seine Blickrichtungen orientierend gelenkt. "Schaue in dich", "schaue um dich" und "schaue über dich" wird bestimmend empfohlen.

Mit anderen Worten bedeutet dies, dass wir uns ein Selbstbild, ein Menschenbild und ein Weltbild machen sollen. Und wie? Durch Erkenntnis. Durch freimaurerische Erkenntnis.

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Als ich noch Suchender gewesen bin, also ein Interessierter an der königlichen Kunst, der seinen Aufnahmeantrag bereits gestellt hatte, habe ich den damaligen Redner unserer Loge - der heute ich das Glück habe sein zu dürfen - gefragt, ob die Freimaurerei denn eine eigene Erkenntnistheorie habe. Und damit habe ich ihn überfragt.

Es gibt einiges im freimaurerischen Schrifttum über Erkenntnis zu lesen. Eine Erkenntnistheorie aber taucht meines Wissens nach an keiner Stelle so bezeichnet auf. Wenn man es bedenkt doch eine erstaunliche Lücke. Allerdings ist auch das nur die halbe Wahrheit. Denn die Schriften, in denen sich damit befasst wird, wie vornehmlich die Rituale, Symbole und Bräuche Wissen, Weisheit und Erkenntnis vermitteln, wie sie zur Bildung, Entwicklung und Erziehung beitragen, sind sehr zahlreich.

Gerne wird dabei allerdings etwas vergessen. Erstens der Mensch als Individuum und zweitens der Mensch in Gemeinschaft. Das muss man mitbedenken, wenn es um Erkenntnis geht. Um so mehr, wenn es um freimaurerische Erkenntnis geht, denn Freimaurerei ist wohl der harmonischste Zustand zwischen freier Individualität und verbindlicher Gemeinschaft. Und die Rituale, Symbole und Bräuche in unserem ethischen Bruderbund wirken auf nichts anderes als den Menschen.

Die Wissenschaften aber, die den Menschen natur-, kultur-, geistes- oder sozialwissenschaftlich konkreter, exakter, umfangreicher beschreiben und fassen, sind erst nach der Entstehung der Freimaurerei zu wahrer Blüte gelangt. Die königliche Kunst ist ohne Zweifel von der Aufklärung geprägt, aber die Aufklärung selber, inklusive ihrer großen Vordenker wie John Locke oder zentraler Figuren wie Emanuel Kant, hat zwar den Grundstein für die Entwicklung der Humanwissenschaften im anthropologischen Sinn gelegt, konnte selber von den geistigen Gebäuden, die auf diesem Fundament errichtet worden sind, aber noch nicht profitieren. Und so konnte es auch die Freimaurerei noch nicht.

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Freimaurerei ist ohne ihren zentralen Gegenstand, den Menschen, nicht denkbar. Eine Erörterung ihrer Formen und Inhalte ohne Berücksichtigung des Menschlichen muss scheitern. Wer immer etwas über die Freimaurerei sagt oder schreibt, der kann dies nur aus seinem individuellen Erleben heraus, wenn er dabei über eine blutarme und seelenlose Deskription hinausgehen will. Dieses Erleben mag noch so stark von einem gemeinschaftlichen Erlebnis geprägt sein, mag noch so verbunden und verbindlich stattfinden, aber das Erlebnis der Freimaurerei meines Bruders ist nicht mein eigenes. Deshalb verbietet sich jeder Versuch es schildern zu wollen. Hier liegen einige der natürlichen Grenzen der Erkenntnis in der königlichen Kunst.

Aber Achtung! Es verbietet sich keineswegs der Versuch, den Bruder in seinem Erleben verstehen, nachvollziehen zu können. Und es verbietet sich auch nicht der Versuch, das eigene Erlebnis im als individuell gültig deklarierten Rahmen zu beschreiben. Ganz im Gegenteil. Beides empfielt sich sogar. Denn die Empathie und Perspektivübernahme, die man braucht, um des Bruders Erlebnis der Freimaurerei nachempfinden und nachvollziehen zu können, sind Werkzeuge der menschlichen Erkenntnis, mit denen man den Umgang in diesem Prozess übt. Und selber zu versuchen, sein eigenes Erlebnis der Freimaurerei zu beschreiben, verbalisieren, auszudrücken ist ebenfalls ein Prozess des Erkenntnisgewinns.

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Es ist außerordentlich schwierig den Gleichklang der Herzen zu beschreiben, der sich in der Verbindung von Menschen mit so unterschiedlichen Einstellungen, Haltungen und Meinungen ergibt, deren Melodien des Geistes so variant sind, wie er in der Freimaurerei gegeben ist. Es ist wie ein Orchester, zu dem jeder die Instrumente mitbringen kann, die er beherrscht. Der Dirigent ist die Loge mit allem, was sie ausmacht. Und am Ende erklingt eine Symphonie von so erhabener Schönheit, dass jeder, der sie gleichsam produziert und rezipiert, lebenslang ergriffen ist.

Jeder bringt seine Erkenntnismöglichkeiten und seine Vorstellungen von Erkenntnis mit in die Loge. Dort dürfen die Brüder daran teilhaben. Wir teilen Erkenntnisse und können in den Brüdern Vorbilder ausmachen, die uns vorleben, wie man die Erkenntnisfähigkeit steigern und alternativ ausleben kann. Wir können uns daran orientieren, welchen Erkenntnisweg der Bruder geht und wie er Erkenntnisse einordnet. Und letztlich ist mit der einzigartigen Kombination aus Ritualen, Symbolen, Bräuchen und Brüdern ein Erlebnisraum gegeben, den wir ausschließlich in der Freimaurerei vorfinden und betreten können.

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Welchen Erkenntnissbegriff hat also die Freimaurerei? Es ist keiner der eingangs beschriebenen, nicht der wissenschaftliche, nicht der des Glaubens und nicht der alltagssprachliche. Vielmehr ist er eine Synthese aus diesen, die dort eine Verbindung eingeht, wo die jeweiligen Erkenntnisbegriffe ihre Stärken haben und eine solche vermeidet, wo sie ihre Schwächen haben.

Wissenschaftliche Erkenntnis kann wahr und wirklich sein, aber vollkommen bedeutungslos, irrelevant oder gar schädlich. Spirituelle Erkenntnis kann schön, erhebend und erfüllend sein, aber falsch, beschränkt und ebenfalls schädlich. Und auch die alltagssprachliche Erkenntnis als Wahrnehmungs- oder Verstandesprodukt kann schaden, obwohl sie stark ist. Unser Gehirn ist von Natur aus wesentlich besser darin, Wahrheiten und Wirklichkeiten auszublenden und nicht zu erkennen, als sie zu erfassen. Das zeigen unsere neurobiologisch vorhandenen Filter sehr eindrücklich. Insofern erscheint der Aufenthalt in einem Erkenntnisraum wie der Freimaurerei, in dem wir durch das Erlebnis und die Erfahrung zwangsläufig neue Erkenntnisse sammeln dürfen, können und müssen, durchaus sinnvoll.

Freimaurerische Erkenntnis ergibt sich individuell und kann deshalb nicht verbindlich bestimmt werden. Aber es kann festgehalten werden, dass sie ein harmonischer Zusammenklang aus etwas gedachtem, etwas empfundenen, etwas gefühltem, etwas geglaubtem, etwas gewusstem, etwas wahrgenommenem und etwas erlebtem ist. Analog konstituiert sich das Ritual. Es ist Gedanke, Empfindung, Gefühl, Glauben, Wissen, Wahrnehmung und Erlebnis, eben Erkenntnis.

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Und genau dadurch, dass wir am Ritual teilnehmen und uns im Bruderkreis aufhalten, trainieren wir einen sehr besonderen Prozess der Erkenntnis, üben wir denken, empfinden, fühlen, glauben, wissen, erleben und wahrnehmen. Das machen wir gemeinsam. Und dennoch kommen am Ende weder gleiche Erkenntnisfähigkeiten, noch Erkenntnismethoden oder Erkenntnismöglichkeiten bei uns heraus.

Die Freimaurerei ist eine Schule der Erkenntnis. Und wie aus der Schule nicht alle gleichbegabt herausgehen, wohl aber alle gefördert in ihren Talenten, ausgestattet mit Methoden, ihre Möglichkeiten so weit es geht ausschöpfen zu können, kommt der Freimaurer aus dem Ritual und aus der Loge in das profane Leben zurück, um dort mit seinen gesteigerten, weil geübten, Erkenntnismöglichkeiten, positiv gestaltend auf sein Umfeld einzuwirken.

Der eine hat also gelernt, sein mitgebrachtes Instrument noch besser zu spielen, der andere hat sich mit neuen Instrumenten vertraut gemacht. Beide konnten erleben, wie schön es im Wirken und im Werk wird, wenn gemeinsam und doch individuell musiziert wird. Aber im profanen Leben ist der Freimaurer wieder ein Solist. Die Verhältnisse kehren sich um. Er musiziert vornehmlich individuell, aber doch im Geist der Gemeinschaft, deren Teil er ist.

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Viele unserer Werte, die wir in der Freimaurerei bearbeiten, so beispielsweise Brüderlichkeit, Gleichheit, Freiheit, Toleranz und Humanität, sind zugleich Methoden der Erkenntnis. Es ist kein Zufall, dass Sir Karl Popper einerseits mit seinem Werk "Die Logik der Forschung" einen Meilenstein der Erkenntnistheorie vorgelegt hat, andererseits mit "Die offene Gesellschaft und ihre Feinde" ein Buch, das eben solche Werte grundlegend vor dem gesellschaftlichen Hintergrund reflektiert. Erkenntnisse und Werte gehen eine engere Verbindung ein, als man dies annehmen würde.

Die Freimaurerei trägt genau dem inhaltlich und formal Rechnung. Vielleicht musste hier insbesondere für die Nicht-Freimaurer ein wenig des erhellenden und aufklärerischen Potentials der königlichen Kunst im Verborgenen bleiben, da es sich nur über das Erlebnis erschließen kann. Wir sollen als Freimaurer uns, unsere Mitmenschen und die Welt erkennen. Und die Freimaurerei gibt uns die Mittel und Gelegenheit an die Hand, dies zu machen.

Freimaurerei ist Selbstaufklärung des Menschen und der Freimaurerei selber durch Selbsterkenntnis. Das einzige Geheimnis, das die Freimaurerei wirklich hat, ist das Rätsel ihrer eigenen Identität, wie es jeder einzelne Mensch in sich trägt. Freimaurerei ist der Versuch, beides durch Erkenntnis aufzuklären. Dabei gehen wir methodisch weit über den Alltagsbegriff der Erkenntnis hinaus, fühlen uns nicht einer spezifisch akademisch-disziplinären Vorgehensweise verpflichtet und erlauben uns in einem spirituellen Sinn, der von der bestimmten Glaubensbindung befreit ist und nicht im Widerspruch zur Wissenschaft steht, dem Menschen und der Freimaurerei auf die Spur zu kommen.

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Ich hoffe, dass Ihnen das Geleit, das ich Ihnen für diese kleine Runde geben konnte, angenehm gewesen ist. Meine Wanderung wird weitergehen. Vielleicht begegnen wir uns auf ihr eines Tages wieder. Mich würde es freuen.

Alexander Walter


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