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Schöne Aussicht Podcast25.11.20 10:16 Uhr

Passion Econonmy von Oliver Heyden (pressrelations GmbH) und Andreas Steinle (Innovationsberatung Zukunftsinstitut Workshop GmbH)

Dauer: 00:23:04

Passionworld: Passion Economy

Was bedeutet die Passion Economy? Nichts Geringeres als eine fundamentale Zeitenwende für die Art, wie in großen Teilen der Wirtschaft Wertschöpfung realisiert wird. Größere Aufmerksamkeit bekam der Begriff durch die gleichnamige Buchveröffentlichung des US-Wirtschaftsjournalisten Adam Davidson in diesem Jahr. Davidsons Buch handelt von einem Paradigmenwechsel der wirtschaftlichen Logik. Die lautet seit Beginn des Industriezeitalters: Wie hoch sind meine Kosten und wie kann ich günstiger als der Wettbewerber sein. Die Logik der Passion Economy fragt dagegen: Wie besonders ist mein Angebot und wie schaffe ich damit möglichst großen Nutzen. War das Industriezeitalter des 20. Jahrhunderts durch Massenproduktion, Arbeitsteilung und Preiswettbewerb geprägt, lautet das zentrale Prinzip der Passion Economy: Erschaffe etwas, das nicht leicht kopiert werden kann – ein einzigartiges Angebot durch individuelle und kreative Selbstverwirklichung.

Damit rückt die eigene Persönlichkeit, das individuelle Können ins Zentrum des Business, eng verbunden mit Leidenschaft, Autonomie und Freiheit im Denken. Wer nach klassischer Businesslogik arbeitet, wird diese Kreativität kaum freisetzen können – ein Nachteil für große, arbeitsteilige und zu Entscheidungsbürokratie neigende Organisationen. Weshalb die Treiber der Passion Economy laut Begriffs-Erfinder Adam Davidson nicht große Unternehmen oder das Silicon Valley sind, sondern viele Millionen normale Menschen mit ihren ganz eigenen Fähigkeiten und Vorlieben.

Trotzdem wäre das explosive Wachstum der Passion Economy ohne die Technik des Silicon Valleys nicht möglich. Erst mit dem einfachen Zugang zu digitalen Plattformen wie YouTube oder Instagram entstand eine skalierbare Vermarktungsform – schnell, günstig und global, die nicht nur den technisch versierten Digitalnomaden offensteht, sondern allen, die etwas können, das andere brauchen oder mindestens unterhaltsam finden.

Der Motivations-Coach, der aus Bali erfolgreich einen YouTube-Channel betreibt. Die zahlreichen Handwerker- oder Kosmetik-Tutorials. Neue Kochrezepte aus Asien. Aber auch der metallverarbeitende 3-Personen-Betrieb aus der Uckermark, der sich auf handgeschmiedete Sicherheits-Tore mit integrierter Videoüberwachung spezialisiert hat und sein Produkt digital vorstellt, erklärt, mit Persönlichkeit und Vertrauen auflädt und verkauft.

Die Passion Economy ist echter Graswurzel-Kapitalismus, voll digital und damit ortsunabhängig. So fördert sie noch einen weiteren grundlegenden Wandel – die Entkoppelung von Arbeit und Arbeitsort. Richard Baldwin, Professor of International Economics der Universität Genf, sieht damit eine Art Immersion der Globalisierung kommen. Während Lieferketten wieder lokal werden, wächst die Globalisierung von Dienstleistungen. Statt Gütern ziehen nun Menschen als digitale Nomaden um den Globus. Er nennt das Phänomen Telemigration. Eine weitere Folge: Arbeits-, Wohn - und Urlaubsorte werden eins.

Die fundamentale Zeitenwende aber entsteht, weil das, was die Passion Economy treibt – persönliche Vorlieben, Leidenschaften und individuelle Talente – die herkömmliche Arbeitswelt massiv transformiert. Selbstverwirklichung als sinnstiftende Triebfeder, Next Level Purpose also, und zwar auf gleich zwei Ebenen:

So wundern sich Personalverantwortliche schon eine Weile über top-qualifizierte BerufseinsteigerInnen, die statt Karriere-Vollgas aber lieber nur 30 Stunden arbeiten wollen, weil sie mehr Zeit für ihre privaten Interessen und Hobbies verlangen. Oder sie fragen nach Freiräumen im Rahmen des Jobs, um eigene Projekte zu treiben. Das deutet bereits auf die zweite Transformationsebene – Mitarbeitende, die ihre Rolle freier und eigenständiger interpretieren und durch persönliche Handlungsmotive zu erweitern suchen.

Zu diesem Phänomen forschen schon seit vielen Jahren die Yale-Professorin Amy Wrzesniewski und Jane E. Dutton, Professorin an der University of Michigan. Sie machten die Beobachtung, dass nicht die formal definierte Rolle für die Job-Zufriedenheit und Engagement verantwortlich ist, sondern persönliche Anliegen, die zur eigentlichen Tätigkeit addiert werden konnten. Sie prägten dafür den Begriff Job Crafting. Crafting bedeutet das „kunstvolle Anfertigen“, z.B. in einem Handwerk. Für das beschriebene Phänomen ist „Crafting“ das kunstvolle Ausgestalten und Erweitern der formalen Rolle durch persönliche Motive – Selbstverwirklichung im Job.

Passion Economy meint also nicht nur YoutuberInnen und InfluencerInnen. Es geht um etwas Grundsätzlicheres, nämlich Arbeit, die mehr ist als nur ein Job. Durch Remote Work erleben wir gerade, wie Arbeit in unser Privatleben hineinwächst. Die Passion Economy sorgt für den Gegenstrom: Privates, das in die Arbeit hineinwächst.

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