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Quereinsteiger: Die Neuen in der Schule

Wer Lehrer werden möchte, muss Lehramt studieren. Eigentlich. Weil es zu wenig Lehrer gibt in Deutschland, unterrichten auch Menschen, die etwas ganz anderes gelernt haben. Wer sind die Neulinge?Stephan Krantz ist Quereinsteiger: Er arbeitet als Lehrer in einer Schule, obwohl er etwas ganz anderes gelernt hat. Doch überfordert fühlte er sich als vierfacher Vater nicht, als er das erste Mal vor einer Klasse stand, nur ein wenig ratlos. „Dann steht man da und fragt sich: ‘Was mach ich jetzt mit den Kindern?'“ Das war im Herbst 2017. Lehrer zu werden, das konnte sich der 38-Jährige nach der Schule noch nicht vorstellen. Er studierte Physik auf Diplom und war anschließend lange Zeit in Forschung und Entwicklung für die Solarbranche tätig. Hier machte er mitunter Führungen für Schüler und Studenten: „Da habe ich gemerkt, dass mir die Arbeit mit Kindern und jungen Menschen Spaß macht.“ Obwohl er seinen Job mochte, reizte ihn die Arbeit als Lehrer mehr. Ein Lehramtsstudium konnte er bei seinen Bewerbungen nicht vorweisen. Trotzdem fand er eine Stelle für Physik und Informatik an einem Gymnasium im nordrhein-westfälischen Euskirchen. Nicht alle Quereinsteiger kommen wie der Diplomphysiker aus einem Fachstudium, das sich relativ leicht in ein Schulfach überführen lässt. „Ich habe schon von Kollegen gehört, die sagen, die haben da einen Archäologen oder Journalisten. Oder Leute, die haben zwei Sprachen studiert“, berichtet Ilka Hoffmann von der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW). Auch die berufliche Vorerfahrung sei ganz unterschiedlich. Statistiken geben jedoch nur wenig Aufschluss über die Gruppe der Quereinsteiger und ihre typischen Merkmale. Quereinsteiger: Letzte Retter in der Not Der Grund dafür, dass sogar Exoten unter den Anwärtern Aussicht auf eine Stelle haben: die dramatische Lage auf dem Lehrermarkt. Dem deutschen Lehrerverband zufolge fehlen in Deutschland 40.000 Lehrer. Im vergangenen Jahr konnten mehrere tausend Stellen nicht besetzt werden. In ihrer Not greifen die Schulen mehr und mehr auf Personen aus anderen Berufen zurück, eben auf die Quereinsteiger. Allein im vergangenen Jahr wurden Informationen der Kultusministerkonferenz zufolge mehr als 4000 dieser Neuen im Lehrerberuf eingestellt. Berufung oder nur Sehnsucht nach dem sicheren Job? Vielen der Quereinsteiger geht es wie Stephan Krantz um die Arbeit mit Kindern. „Es sind häufig Leute, die ein hohes Maß an pädagogischer Motivation haben und wirklich gerne mit Kindern arbeiten“, erläutert Heinz-Peter Meidinger, Präsident des Deutschen Lehrerverbandes. Aber es gebe auch Quereinsteiger mit anderen Beweggründen: „Wir sehen es als Problem, dass da auch Leute in den Beruf kommen, denen wesentliche Persönlichkeitsmerkmale fehlen, die man für die Arbeit mit Kindern braucht.“ Das seien Menschen, denen es nicht so sehr um die Tätigkeit an sich oder die Arbeit mit jungen Menschen gehe, sondern die im Lehrerberuf vor allem einen sicheren Job mit relativ guter Bezahlung sähen. Erst Konditormeisterin, jetzt Lehrerin Bei Sonja Meyer (Name geändert) war es das Bedürfnis nach einer Arbeit mit jungen Menschen, das sie an die Schule brachte, sagt sie: „Der Bereich Berufsschule hat mich schon länger interessiert. Das habe ich aber wegen anderer Jobs verworfen.“ Dann habe eine befreundete Lehrerin sie auf den Lehrermangel aufmerksam gemacht. Seit Februar 2018 unterrichtet die gelernte Konditormeisterin nun als Vertretungslehrerin Englisch, Mathematik, Hauswirtschaft, Biologie, Musik und begleitend Sport an einer Hauptschule für Berufsorientierung in Bonn. Mit Anfang 30 ist die Bonnerin eine junge Quereinsteigerin: Eine kürzlich veröffentlichte Studie der Bertelsmann Stiftung zur Situation von Lehrkräften im Quereinstieg an Berliner Grundschulen zeigt, dass sie im Durchschnitt 38,5 Jahre alt sind. Auch Heinz-Peter Meidinger stellt fest, „dass es in der Mehrheit jüngere Leute sind, also etwa Ende 30“. Wie bringt man Schülern etwas bei? Neben ihrer Meisterausbildung hat Sonja Meyer einige Jahre Lebensmitteltechnologie studiert, war lange Zeit in der Gastronomie tätig und hat zuletzt bei den Vereinten Nationen gearbeitet. Eine Konstante in ihrem Leben: Die Tätigkeit als Mathenachhilfe-Lehrerin. Stephan Krantz kam zwar mit viel Fachwissen in seine erste Unterrichtstunde. Auf ihre ersten Einsätze im Klassenraum mussten sich aber beide intensiv vorbereiten. „Ich habe mir viel im Internet angelesen“, berichtet Diplomphysiker Krantz von seiner Anfangszeit an der Schule. Mittlerweile habe er aber dank der Unterstützung im Kollegium und mithilfe seines berufsbegleitenden Vorbereitungsdienstes eine gewisse Routine entwickelt. Ulrich Rabsch, Lehrer und Mitglied der Schulleitung, erzählt: „Unsere Seiteneinsteiger brauchen fachlich keine Nachbildung mehr. Die haben's drauf.“ Sie bekämen es gut hin, selbstbewusst und konsequent zu sein. Er sieht eine andere Herausforderung für die Neu-Lehrer: „Sie müssen lernen, vom Schüler her zu denken.“ Mithilfe der berufsbegleitenden Seminare und dem Referendariat werde aber auch diese Kompetenz entwickelt. Sprung ins kalte Wasser Für Sonja Meyer sind begleitende Ausbildungsmaßnahmen nicht vorgesehen. Als reine Vertretungslehrerin gehört sie je nach Definition nicht einmal zur Gruppe der Quereinsteiger – aber sie will längerfristig in dem Beruf bleiben. Und so bereitet sich Meyer in ihrer Freizeit auf die Schulstunden vor: „Im Prinzip mache ich Hausaufgaben, seit ich angefangen hab‘.“ Online liest sie viel zum Thema Classroom Management. „Ich bin am Anfang ins kalte Wasser geworfen worden“, sagt die 33-Jährige lachend. Den Kindern das Wissen in angemessenem Tempo beizubringen, war für sie zu Beginn eine echte Herausforderung: „Da habe ich erst einmal lernen müssen, wie kleinteilig man alles erklären muss. Meine Kollegen haben mir gute Tipps gegeben.“ Auch ihre Berufserfahrung aus der Gastronomie empfindet sie im Schulalltag als echte Hilfe: „Ich vergleiche die Schüler in schwierigen Situationen mit schwierigen Gästen in der Bar und sage mir: Das sind Gäste, deren Mama ich anrufen kann.“ Stark gefragt: Deutsch, Mathe, Naturwissenschaften In welchen Fächern dürfen Quereinsteiger überhaupt eingesetzt werden? Einem Beschluss der Kultusministerkonferenz (KMK) aus dem Jahr 2013 zufolge sollen Schulen sie generell nur dann einsetzen, wenn Lehrstellen nicht mit ausgebildetem Personal besetzt werden können. Eine Übersicht der KMK zeigt, dass 2017 etwa jeder Fünfte der mehr als 4000 Quereinsteiger bundesweit für das Fach Deutsch eingetragen war. In Mathe und Englisch werden die Quereinsteiger ebenfalls häufig eingesetzt. Auch die Naturwissenschaften sind mit über 800 Neu-Lehrkräften stark gefragt. Die Zugangsvoraussetzungen zu einer Stelle als Quereinsteiger sind in Deutschland nicht einheitlich geregelt: In Berlin etwa werden bereits Bachelor-Absolventen zum Unterricht zugelassen. In Bayern stellt das Kultusministerium gar keine Quereinsteiger ein. Und für Vertretungslehrer wie Sonja Meyer gibt es etwa in Nordrhein-Westfalen (NRW) keine fixen Voraussetzungen. Als Lehrer die Berufung gefunden Trotz mancher Hürde und schwierigen Situation ist für Sonja Meyer klar, dass sie im Lehrerberuf bleiben möchte: „Ich bin mit einem sehr guten Gefühl da reingegangen, aber ich habe nicht gedacht, dass es sich so schnell so gut anfühlen wird.“ Die Bonnerin hofft, bald eine feste Stelle samt Referendariat an der Schule zu bekommen. Den Richtlinien des Schulministeriums NRW zufolge benötigt sie für eine dauerhafte Lehrtätigkeit jedoch mindestens eine einjährige, berufsbegleitende „Pädagogische Einführung“. Für die Sekundarstufe II werden weitere Maßnahmen vorausgesetzt, ein Studium ist in jedem Fall erforderlich. Zusätzliche Bildungsmaßnahmen können aber auch eine Herausforderung sein: „Der Zeitaufwand ist nicht zu vernachlässigen. Man will ja kein 08/15-Programm mit den Schülern machen“, berichtet Stephan Krantz. Neben der Vor- und Nachbereitung des Unterrichts muss er regelmäßig an Seminaren für Pädagogik und Didaktik teilnehmen. Auch das Staatsexamen steht im kommenden Jahr noch an. Der zeitliche Aufwand ist es ihm aber wert, denn von der Entscheidung für den Job als Lehrer ist auch er immer noch überzeugt: „Für mich ist es das Beste, dabei zu sein, wenn die Kinder sich über so einen langen Zeitraum entwickeln“, erzählt er mit einem Lächeln im Gesicht
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