Audio 01 - Der Begriff Blues

Bluesblog Podcast03.06.10 09:53 Uhr

01 - Der Begriff Blues

Erstmal hallo und herzlich willkommen zu meinem Blog zum Thema Blues. Ich habe schon etwas länger vor, meine Gedanken zu dieser Musikrichtung und allem was dazu gehört herauszulassen. Hier nun mein erster Beitrag. Zunächst soll es um den Begriff "Blues" selber gehen, denn ich war schon sehr oft auf Konzerten, wo die Kategorisierung "Blues" in einschlägigen Stadtmagazinen benutzt wurde, aber, wie sich dann herausstellte, hatte das Gehörte für mein Empfinden nichts mit Blues zu tun, wenn man davon absieht, dass letztlich fast alle populäre Musik im Blues verwurzelt ist. Sogar Blackmetal, jaja, denn Black Sabbath (die Band gilt gemeinhin als Urband des Heavy Metal) hat auch als Bluesband angefangen. Offensichtlich kursieren sehr unterschiedliche Auffassungen darüber, was Blues ist und was nicht. Ein erstes Missverständnis könnte man bei Teenagerparties provozieren, indem man, wenn "Blues" gefordert wird, in der Hoffnung dem anderen Geschlecht körperlich näherzukommen, eine B.B. King-Platte auflegt. "Wieso, ist doch Blues, weiß gar nicht was ihr habt." Ist schon klar, dass mit "Blues" hier "Blues tanzen" gemeint ist, außerdem erntet man bei solcher vorsätzlichen Frohsinnminderung mit Sicherheit Unmut, ist mir schon passiert. War aber nur Spaß. Nun aber mal im Ernst: ursprünglich entstanden ist das Wort "Blues" aus der Attribuierung "blue" in Bezug auf die persönliche Gemütslage. "Feeling blue" beschreibt eine melancholische, schwermütige oder gar traurige Stimmung, die, um das gängigste Klischee zu bedienen, meist durch Liebeskummer hervorgerufen wird. Selbstverständlich sind auch andere Auslöser dieser Stimmung zu benennen, auch wenn Son House einst formulierte: "The Blues is always about male and female." Geldnot, Ernteausfall, Heimweh und ähnliches sind einige Beispiele dafür. Eine andere Theorie zur Entstehung des Begriffes ist die, dass "Blues" ein aus "blue devils" zusammengezogenes Wort sei. Demzufolge müsste die oft verwendete Phrase "I got the blues" soviel bedeuten wie "Ich habe die blauen Teufel (in mir)". Zunächst, dass heißt beginnend mit dem ersten belegten Stück, welches das Wort "Blues" im Titel enthält (Memphis Blues von W. C. Handy, 1912), bis mindestens in die 20er Jahre des 20. Jahrhunderts hinein, bezeichnet "Blues" noch keine eigene musikalische Stilrichtung, sondern bezieht sich auf den getexteten Inhalt des jeweiligen Musikstücks. Auch wenn es gängige Praxis ist, die Mitglieder der Mississippi Sheiks als Bluesmusiker zu bezeichnen, so wird jedoch dadurch die Stilvielfalt der eigentlichen Musik deutlich beschnitten. Gospel, Balladen, Ragtimes und Tanzmusik sind ebenso im Repertoire wie einige Blues. Dies gilt auch für viele andere Urväter und -mütter wie Papa Charlie Jackson, Charlie Patton, die Memphis Jug Band, Mance Lipscomb, Furry Lewis und vor allem Leadbelly. Daher ist es aus meiner Sicht zutreffender, das Genre als afroamerikanische Volksmusik zu bezeichnen. Betrachtet man die grandes dames des frühen 20. Jahrhunderts (Mamie Smith, Ma Rainey, Bessie Smith und Ida Cox) so kann dort eher von einer Vorform oder einer frühen Spielart des Jazz gesprochen werden, und das nicht nur weil ein gewisser Louis Armstrong auf einigen frühen "Blues" zu hören ist. Wenn also die genannten Sängerinnen Bluesmusik gemacht haben, muss das bedeuten, dass Blues auch der Ursprung vom Jazz ist, was, glaube ich, die Jazzenthusiasten unter Umständen stören könnte. Meine Meinung dazu ist ohnehin die, dass Jazz und Blues analog zu Affen und Menschen den gleichen Ursprung haben, und nicht dass das eine sich aus dem anderen entwickelt hat. Um die Jazzfreunde wieder etwas zu besänftigen, wird in dem Bild der Blues dem Affen zugeordnet, da die Musikform auch als die primitivere gilt, was den musikalischen Gehalt anbelangt. Vielleicht sind dann die Damen doch das evolutionäre Bindeglied? Blues als Stilbezeichnung ist erst eindeutig in dem Moment, wo die Interpreten nahezu ausschließlich "Blues" singen, denn in diesem Moment werden stilistische Gemeinsamkeiten offenbar. Songlisten von Blind Lemon Jefferson, Robert Johnson und Son House können so gelesen werden. Es ist weit verbreitet diese Musiker dem Deltablues zuzuordnen. Diese Präzisierung ist aber nur zulässig, wenn die Musiker tatsächlich aus dem Mississippi-Delta kommen, denn viele Musiker, die einen ähnlichen Stil spielen, kommen aus anderen Regionen der USA, womit sich die Differenzierung auf die regionale Ebene bezieht. Also: Lightnin' Hopkins - Texas Blues, Blind Boy Fuller - Piedmont Style und Buddy Moss - Atlanta Blues. Will man alle diese Künstler zusammenfassen macht eine andere Kategorie Sinn: Country-Blues. Das darf insofern nicht missverstanden werden, als dass der Begriff nicht eine Mischung aus Country- und Bluesmusik meint, sondern beschreibt, dass der Stil aus einer ländlichen Umgebung stammt. Zwar sind sich Country und Blues in den 20er und 30er Jahren musikalisch bisweilen nicht unähnlich, allerdings sind bis auf ganz wenige Ausnahmen die Interpreten der einen Gattung Euroamerikaner und die der anderen Afroamerikaner. Da das soziokulturelle Umfeld von Musik für mein Dafürhalten immer mit einbezogen werden sollte, muss also Countryblues von Countrymusik getrennt werden. Dem Countryblues gegenüber steht ab den späten 40er Jahren der urbane Blues, der weitestgehend synonym ist mit Chicagoblues. Auch hier muss aber regional differenziert werden, denn es gibt auch einen Detroit-Sound, einen Memphis-Sound und einen Westcoast-Sound. Der ohrenfälligste Unterschied zwischen urbanem und ländlichem Blues ist, dass der urbane mit elektrisch verstärkten Instrumenten gespielt wird, während der ländliche unplugged gespielt wird. Desweiteren verschwindet zunehmend das Anhängsel "Blues" in den Songtiteln. Der Blick auf die Rückseite eines Muddy Waters-Albums bestätigt das. Ab den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts entsteht eine Stilrichtung, die als Bluesrock bezeichnet wird. Auch hier schadet eine Prüfung nicht, wenn die Frage gestellt wird, spielen Johnny Winter, Canned Heat und später Stevie Ray Vaughan Rock mit Bluesanleihen oder doch eher Blues mit Rockattitüde? Ich denke eindeutig letzteres, weshalb Rockblues zutreffender wäre, zumal damit auch ein Unterschied zu tatsächlichem Bluesrock von z.B. ZZ Top, Ten Years After, Fleetwood Mac und Humble Pie geschaffen wäre. Ich weiß, dass erscheint alles ein bisschen haarspalterisch, aber das ist eben die Sache mit dem Wollpullover und der Pulloverwolle. Ist es nun Wolle oder ein Pullover? Unverfänglich ist demzufolge die Schreibweise Blues/Rock, wenn deutlich gemacht werden will, dass die Musik eine Kombination aus beidem ist, oder aber weder dem einen noch dem anderen eindeutig zugeordnet werden kann. Um die eingangs erwähnte Kritik an den unpräzisen und zum Teil unpassenden Angaben in Konzertankündigungen aufzugreifen, erscheint mir der subjektive Eindruck, dass bei den meisten Blues/Rock-Sessions kaum Blues präsentiert wird, zutreffend. Ein Sweet Home Chicago steht oft ziemlich einsam den ganzen Sweet Home Alabamas, In A White Rooms und After Midnights gegenüber. Es wird klar, dass der Begriff "Blues" nicht leicht zu fassen ist, da er vielfach verwendet wird. Der Klammerblues in der Disco, der Blues des von einer Midlifecrisis gebeutelten Piloten und der Musikstil sind dabei nur die verbreitetsten, wobei ein ganz wichtiges aber irgendwie banales Muster bisher gänzlich vernachlässigt wurde, nämlich die Verwendung von "Blues" als "die Blauen", wie die Spieler des FC Chelsea auch genannt werden. Aber auch in Bezug auf die Musik selbst ist die Kategorisierung "Blues" nicht unproblematisch, da sich wie oben aufgezeigt eine Vielzahl an Substilen identifizieren lassen, die sich mitunter arg voneinander unterscheiden und sich mit anderen Stilen vermischen. Das Kollaborat von R. L. Burnside mit der Jon Spencer Blues Explosion hat klanglich sicherlich wenig gemein mit den Aufnahmen von Blind Boy Fuller mit Sonny Terry. Noch schwieriger wird es natürlich, wenn Puristen von "wahrem" Blues sprechen, da ist dann die Platte Still Got The Blues von Gary Moore mit Sicherheit ausgeschlossen (aus meiner Sicht zurecht, aber lassen wir meine persönliche Abneigung gegenüber Gary Moore besser außer acht). Kurzum ich denke, dass sich jeder Mensch ohnehin sein eigenes musikalisches Schubladensystem zurechtlegt, anhand dessen Musik geordnet wird. Für mich ist und bleibt Blues eine Volksmusik und eine Popularmusik afroamerikanischen Ursprungs. In diesem Sinn Gruß und Blues - Euer Gitarrenwalther
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