Deutsche Welle - Deutsche im Alltag - Alltagsdeutsch 22.11.06 10:57 Uhr
Audio Pfundskerle
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Dicke Menschen haben es meist schwer: Sie werden oft gehänselt, leben in der Regel ungesünder und können sich schlechter bewegen. Allerdings kann Trägheit durchaus auch positiv beurteilt werden…
Jochen Döbler: "Ich bin zum Beispiel 'n Pfundskerl, ich hab' 200 Pfund. Das ist, könnte man ja sagen, ist ein Pfundskerl. Wenn man nun mal Pfundskerl ist, das ist es offensichtlich 'ne Sache, die ist dann auch nicht nur gewichtsmäßig veranlagt, sondern auch charakterlich irgendwie veranlagt."
Sprecher:
Jochen Döbler ist Physiklehrer. Ein gewitzter, ironischer Mensch. Wenn er sich als Pfundskerl bezeichnet, so meint er das im doppelten Sinne. Er sieht sich zum einen als einen Menschen, der viele Pfunde wiegt. Zum anderen spielt er auf die übertragene Bedeutung des Wortes Pfundskerl an: Ein Pfundskerl ist immer ein großartiger Mensch, auf den man sich verlassen kann. Weil der Begriff Pfundskerl nur für Männer gebräuchlich ist, redet man eigentlich nur von männlichen Wesen, wenn man von einem Pfundskerl spricht. Auch die Eigenschaften, die man mit einem Pfundskerl verbindet, sind eher maskuline.
Sprecherin:
Schon Cäsar schrieb schwergewichtigen Menschen gute Eigenschaften zu, wollte er doch gern von dicken Männern umgeben sein. Dicke bewegen sich langsamer als Dünne, wirken von daher ruhiger und ausgeglichener, weniger gestresst. Der Oberstudiendirektor Jochen Döbler sieht im Übergewicht für seinen Beruf durchaus Vorteile.
Jochen Döbler:
"Das ist 'ne physikalische Frage. Bei großen Pfunden ist es nicht so leicht, dass man ständig hin- und hergeworfen wird. Nicht durch jede einzelne Forderung der Schüler. Man hat 'ne gewisse Trägheit, im physikalischen Sinne. Das führt sicherlich auch zu einer größeren Berechenbarkeit und kann schon 'n Vorteil sein, ja."
Sprecher:
Menschen mit starker Körperfülle sind langsam, schwerfällig. Wie die träge Masse in der Physik sind sie schwer in Bewegung zu bringen. Sie verhalten sich ebenfalls träge. Das Eigenschaftswort kommt ursprünglich aus dem Mittelhochdeutschen und ist verwandt mit dem Substantiv "Trauer"; ein Zustand, der nahezu jegliche Aktivität erlahmen lässt. So wie in der Mathematik bestimmte Funktionen mit Zahlen zu einem eindeutigen Ergebnis führen, ist es auch mit berechenbaren Menschen: man kann ihr Verhalten nachvollziehen, es verstehen.
Sprecherin:
Dennoch macht man sich häufig über dicke Menschen lustig. In einer Welt, in der die Mode ausschließlich dünne Models über den Laufsteg schickt, werden Schwergewichtige mitleidig als Außenseiter angesehen. Es gilt als unzeitgemäß, dick zu sein. Erstaunlicherweise wächst jedoch der Anteil dicker Menschen an der Gesamtbevölkerung: Jedes fünfte Kind und jeder dritte Jugendliche in Deutschland sind übergewichtig. Das ergab die Untersuchung einer wissenschaftlichen Beratungsstudie. Viviane Altenbäumer arbeitet als Ernährungswissenschaftlerin beim "Richtig-Essen-Institut" – einer Einrichtung, die deutschlandweit Auskunft über gesunde Ernährung gibt. In ihren Untersuchungen hat sie herausgefunden, dass sich viele Kinder nicht nur falsch ernähren, sondern sich auch weniger bewegen als früher.
Viviane Altenbäumer:
"Ich weiß nicht, wie zur Zeit der Stand an den Schulen ist, aber es gab Zeiten, dass oftmals der Sportunterricht ausgefallen ist oder auch andere Unterrichtsstunden, aber im Sport fällt das dann stark ins Gewicht. Eventuell ist in der Schule gerade auch schon der Druck so stark vorgegeben durch die Benotung, dass man versucht, Leistungen zu erreichen, um eine gute Note zu bekommen, und sobald diese wieder nicht erreicht werden, wird man gehänselt, weil man es nicht schafft."
Sprecher:
Das Wort Stand meint ursprünglich das sichere Stehen, das Aufrechtstehen. Im übertragenen Sinne spricht man vom Stand, wenn man über eine aktuelle Situation Auskunft gibt. Man erklärt den Stand der Dinge. Wer bei jemandem beliebt oder unbeliebt ist, hat bei ihm einen guten oder schlechten Stand. Was stark ins Gewicht fällt, ist von großer Bedeutung. Die Redensart bezieht sich auf den Vorgang des Wiegens: Je mehr Gewichtstücke auf die Schale gelegt werden, um etwas abzuwiegen, desto mehr fällt dieses ins Gewicht. Bereits im Mittelhochdeutschen spricht man schon von Druck, der im geistigen oder seelischen Sinne ausgeübt wird. Wird auf jemanden Druck ausgeübt, wird er stark bedrängt, etwas Bestimmtes zu tun. Im Mittelalter umschrieb das heute nicht mehr geläufige Verb "hansen" die feierliche Aufnahme eines Lehrlings in die größte Kaufmannsgilde, in die Hanse. Erst seitdem dieses Brauchtum nicht mehr bekannt ist, entwickelte sich aus dem Verb "hansen" wahrscheinlich die negativ gemeinte Verniedlichungsform hänseln. Unter hänseln versteht man, jemanden zu ärgern oder zu necken.
Sprecherin:
Auch Jochen Döbler hat beobachtet, dass die meisten Kinder bzw. Jugendlichen sich zu fett, also ungesund ernähren. In seiner Schule gibt es eine Kantine, in der verschiedene Gerichte angeboten werden. Am meisten nachgefragt, so sagt er, seien Mahlzeiten, die leider sehr kalorienreich sind.
Jochen Döbler:
"Wir sehen das ja auch bei uns: Wir bieten mittwochs einen Mittagstisch an. 80 Schüler, die da essen, davon 60 etwa, die Pizza essen oder Döner oder so was. Also so dieses so genannte Stammessen, was man so anbietet, das kommt nicht mehr an."
Sprecher:
Ein Stammessen ist ein Essen, das in der Schulkantine regelmäßig angeboten wird. Das Bild bezieht sich auf den Stamm eines Baumes. Ein Zweige treibender Baum versinnbildlicht als Stammbaum die Abfolge verschiedener Generationen einer Familie. Übrigens bezeichnet man auch dickliche Menschen gerne als stämmig: Ihre Figur gleicht dann der eines Baumstamms: Sie ist gedrungen und hat keine Taille. Was nicht ankommt, wird nicht nachgefragt, stößt auf keinerlei Begeisterung.
Sprecherin:
Anstatt Sport zu treiben, sitzen immer mehr Kinder nur noch vor dem Fernseher oder dem Computer, hat die Ernährungswissenschaftlerin Viviane Altenbäumer beobachtet. Zwischen der Dauer, die ein Kind vor dem Bildschirm verbringt, und dem Essverhalten gibt es einen direkten Zusammenhang. Das heißt, Kinder, die viel fernsehen, sind in der Regel auch übergewichtig. Demnächst möchte das "Richtig-Essen-Institut" darauf reagieren, dass es immer mehr schwergewichtige Kinder gibt. Ein Seminar soll den Kindern spielerisch vermitteln, wie sie selber auf eine gesunde Ernährung achten können.
Viviane Altenbäumer:
"Die Kinder bekommen aber jedes Mal nach jeder Sitzung – es sind insgesamt zehn Sitzungen, die wir angedacht haben, einen Elternbrief mit, so dass diese auch informiert werden, und sowohl zu Beginn als auch so bei zwei Drittel der Stunden wird ein Elternabend dann geplant. Wir wissen noch nicht genau, ob wir so 'n kleines Duell, so 'n Ernährungsduell machen zwischen Eltern und Kindern – und natürlich sollten die Kinder gewinnen, weil sie schon mehr erfahren haben – oder ob's ein anderes Quiz wird. Aber auf jeden Fall sollte das Thema Ernährung natürlich im Vordergrund stehen, und das Wissen der Kinder sollte natürlich dann auch gezeigt werden."
Sprecher:
Ein Duell war im 17. Jahrhundert ein beliebter Zweikampf. Das Wort leitet sich vom lateinischen "duellum", also "Krieg", ab. Heute ist das Wort eigentlich nur noch im übertragenen Sinne gebräuchlich. Man spricht zum Beispiel von einem Rededuell: Zwei Menschen stehen sich im übertragenen Sinne gegenüber und kämpfen mit Worten um die Richtigkeit ihrer Meinungen.
Sprecherin:
Auch Margret Mühlichen arbeitet als Ernährungsberaterin am "Richtig-Essen-Institut". Sie betreut in Köln und Bonn Patienten, die auf gesundem Wege abnehmen möchten. Auch sie hat beobachtet, dass es immer mehr dicke Kinder gibt, vor allem in sozial schwächeren Familien. Hier fehlt es häufig nicht nur an Wissen, was eine ausgeglichene Ernährung ausmacht, sondern auch an Geld. Viele Familien verdienen nicht genug, um sich gesunde, teurere Lebensmittel leisten zu können. Besonders gern wird zum Beispiel an guten Getränken gespart.
Margret Mühlichen:
"Wenn wir ganz ehrlich sind: Ein Fruchtsaftgetränk ist preiswerter als ein Fruchtsaft. Und wenn ich sowieso auf den Pfennig gucken muss – oder auf den Cent in dem Fall -, dann werd' ich sicher das preiswertere Getränk zu mir nehmen. Nur, dass das zu 80 Prozent aus Zucker besteht, weiß ich als Verbraucher normalerweise nicht."
Sprecher:
Der Pfennig steht in der Umgangssprache häufig für das Geld schlechthin. Wer auf den Pfennig guckt, muss sparsam sein, darf sein Geld nicht unbedacht ausgeben. Wenn man dann allerdings den Pfennig dreimal umdreht, bevor man ihn ausgibt, gilt man als geizig.
Sprecherin:
Viviane Altenbäumer hat bereits mehrere Konzepte erarbeitet, wie man innerhalb weniger Wochen einige Kilo abnehmen kann. Am Anfang steht allerdings immer die Aufgabe, die Essgewohnheiten der Schwergewichtigen zu ändern.
Viviane Altenbäumer:
"Sobald es darum geht, eine Gewohnheit abzulegen, komplett abzulegen, das ist auf jeden Fall ein schwieriger und langer Weg. Im Erwachsenenalter ist es immer schwieriger, vor allen Dingen in den Alltagssituationen. Man ist auch anderen Stresssituationen ausgesetzt, die vielleicht noch mal vorweg geschoben werden, dass man sagt, ich hab im Moment so viel um die Ohren, ich kann mich jetzt nicht um Ernährung kümmern, dass sie sich einfach überfordert fühlen. Und deswegen sollte man so früh wie möglich damit anfangen."
Sprecher:
Wer bestimmte Gewohnheiten ablegt, trennt sich von ihnen wie von einem alten Kleidungsstück, das man weglegt und nie wieder trägt. Gewohnheiten abzulegen, ist meistens ein mühseliger Prozess. Man hat dann einen langen Weg vor sich. Das meint im übertragenen Sinne, etwas tun zu müssen, das sich über eine lange Zeit erstrecken wird. Wenn dieser Weg nicht nur lang, sondern auch schwierig ist, spricht man auch von einem steinigen Weg.
Wer viel um die Ohren hat, hat viel zu tun. Der bildliche Ausdruck beschreibt wahrscheinlich eine Situation, in der sich die Ohren gleichzeitig auf mehrere Geräusche, die sie umgeben, konzentrieren müssen.
Sprecherin:
Die meisten Schwergewichtigen haben bereits viele Diäten ausprobiert, letztendlich jedoch immer wieder zugenommen. Wenn all diese Versuche erfolglos waren, sie aber dennoch abnehmen wollen, entscheiden sich viele von ihnen, eine professionelle ernährungswissenschaftliche Beratung aufzusuchen, erzählt Margret Mühlichen:
Margret Mühlichen:
"Grad was das Übergewicht anbelangt, sind also viele, die erst mal alles ausprobieren, was es überhaupt auf'm Markt gibt, also von Diäten über alles, was in Lesa, Lena, Laura, also in den einzelnen Zeitschriften wiederzufinden ist, bevor sie, nachdem sie langsam das Gewicht wieder gesteigert haben, dann den Weg zur Ernährungsberatung finden."
Sprecherin:
In der Ernährungswissenschaft hat man herausgefunden, dass es im Wesentlichen zwei Faktoren sind, die Menschen schwergewichtig werden lassen: Zum einen ist die Veranlagung zum Dickwerden erblich bedingt, zum anderen ist die Erziehung zum richtigen Essverhalten gleichermaßen entscheidend.
Jochen Döbler:
"Was ist nicht 'ne Frage der Erziehung? Beim einen wirkt es sich so aus, dass sie möglicherweise körperlich ausufern, beim anderen wirkt es sich aus, dass sie dann charakterlich oder – Gänsefüßchen – "bildungsmäßig" in die falsche Richtung ausufern. Also insofern: Erziehung ist es in jedem Fall. Das ist sicherlich so."
Sprecher:
So wie ein Ufer durch die hohe Fließgeschwindigkeit des Wassers immer breiter werden kann, ufert auch die Körperfülle ins scheinbar Unermessliche aus. Was ausufert, hat das richtige Maß überschritten, kann sogar, wenn kein Ende mehr abzusehen ist, ins Uferlose geraten. Das Wort Gänsefüßchen ist ein eher kindlicher Ausdruck für "Anführungszeichen". Vielleicht kommt die Bezeichnung daher, dass die orthographischen Zeichen Ähnlichkeit mit Gänsefüßen haben. Wenn man in der gesprochenen Sprache diese Anführungszeichen mitsprechen möchte, setzt man vor das Gemeinte das Wort Gänsefüßchen.
Wenn etwas in die falsche Richtung läuft, entwickelt sich eine Angelegenheit zum Negativen hin.
Sprecherin:
Neben einem falschen Essverhalten ist es häufig der Bewegungsmangel, der zu Übergewicht führt. Viele Übergewichtige haben verlernt, durch Bewegung ein Gefühl für den eigenen Körper zu bekommen. Bei Jochen Döbler haben zwar bislang alle Diäten fehlgeschlagen, aber einmal in der Woche spielt er mit seinem ebenfalls übergewichtigen Partner Tennis.
Jochen Döbler:
"Wir sind bei uns im Verein das stärkste Doppel. Denn jeder hat 100 Kilo. Also, mit Abstand, 200 Kilogramm sind das stärkste Doppel. Nicht das erfolgreichste, aber das stärkste Doppel. Ist doch auch was, muss man sagen. Nein, aber ist schon wichtig, so 'n bisschen Tennis spielen, so 'n bisschen rumzuhüpfen da."
Sprecher:
Wenn Jochen Döbler von einem starken Doppel beim Tennis spricht, schwingt auch hier eine doppelte Bedeutung mit. Zum einen meint er den sportlichen Fachterminus des Tennis-Doppels, zum zweiten meint er die eigentliche Bedeutung des Wortes: Das Gewicht beider beträgt das Zweifache des Einzelnen.
Sprecherin:
An einigen Schulen ist bereits jedes dritte Kind zu dick. Weil immer mehr Mütter berufstätig sind und immer weniger Zeit für ihre Kinder haben, sind einige Grundschulen dazu übergegangen, Ernährungsberatung als Unterrichtsfach einzurichten. Man möchte den Kindern die Möglichkeit geben, selber auf eine gesunde Ernährung zu achten. So lernen sie zum Beispiel, welche Speisen besonders viel ungesundes Fett enthalten und welche Speisen gesund sind, weil sie einen hohen Anteil an Kohlenhydraten aufweisen. Wenn die Vernunft dann stärker ist als der Wunsch nach Schokolade, können aus dicken Kindern doch noch schlanke Erwachsene werden.
Fragen zum Text:
Das Wort hänseln leitet sich wahrscheinlich ab von…
1. dem bekannten Kinderlied "Hänschen klein"
2. der Aufnahme in die mittelalterliche Kaufmannsgilde "Hanse"
3. dem Märchen "Hänsel und Gretel" von den Gebrüdern Grimm
Jemand, der viel um die Ohren hat,…
1. sollte sich die Ohren zuhalten
2. hat viel zu tun
3. ist ein Berufsmusiker
Was will jemand ausdrücken, der vor einem Ausdruck oder Begriff Gänsefüßchen sagt?
1. Von jetzt an geht es gedanklich nur noch in ganz kleinen
Schritten vorwärts.
2. Das, was folgt, stimmt nicht.
3. In der Schriftsprache sollte das folgende Wort in
Anführungszeichen gesetzt werden.
Arbeitsauftrag:
Schreiben Sie Ihre Ernährungs- und Bewegungsgewohnheiten ohne Namensangabe auf ein Blatt Papier. Lassen Sie dieses einsammeln und in der Gruppe neu verteilen. Beurteilen Sie, wie gesund und bewusst derjenige lebt, dessen Zettel Sie vor sich nun haben.
Diese Folge ist eine Audio-Datei aus der Serie des Podcast-Angebotes Deutsche Welle - Deutsche im Alltag - Alltagsdeutsch.
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