mephisto 97.6 07.09.06 18:44 Uhr
Audio Hotel Babylon - ein besonderes Theaterprojekt
Stellen Sie sich vor, Sie gehen ins Theater, aber es gibt keine Bühne. Nur ein einziger Schauspieler erzählt Ihnen eine Geschichte in einer fremden Sprache. Und Sie sind auch der einzige Zuschauer oder, besser gesagt, Zuhörer. Genau darum geht es bei der Theaterinstallation "Hotel Babylon". Es ist ein Projekt des "Theaters der jungen Welt" und zweier Leipziger Schulen - und wurde jetzt bei einem bundesweiten Wettbewerb ausgezeichnet.
Versuchen einander zu verstehen, auch ohne den Sinn der Worte zu begreifen. Auf dieses Experiment ließen sich letzten November 300 Schüler des Leipziger Max Klinger Gymnasiums ein. Dazu viele Lehrer und Eltern. Schüler der Leipziger International School erzählten ihnen ihre ganz eigenen Lieblingsgeschichten und Erlebnisse. Mal auf Englisch, aber auch mal auf afrikanisch oder litauisch. Die Zuhörer lagen dabei in Betten, konnten sich ausruhen und Tee trinken. Mit dabei waren auch die so genannten Volunteers. Zu diesen gehörte auch die fünfzehnjährige Lisa Mahr, sie musste die Schüler ins Bett bringen und dafür sorgen, dass sie sich dort wohlfühlten
Das Stück "Hotel Babylon" spielte in der Turnhalle des Max Klinger Gymnasiums. Es spielte - oder es spielte sich ab. Denn "Hotel Babylon" ist kein gewöhnliches Theaterstück, findet auch Bernd Schlenkrich vom "Theater der jungen Welt". Schließlich spielte keiner der Teilnehmer wirklich eine Rolle, vielmehr gab jeder etwas von sich selbst preis: eine Geschichte.
Im November konnte der Zuhörer nach der Geschichte noch mit dem Erzähler plaudern- und auf diesem Weg vielleicht erst herausfinden, wovon die Geschichte handelte. Eine spannende Situation - nicht nur für die Zuhörer. Die jüngsten Geschichtenerzähler beim "Hotel Babylon waren gerade mal zehn Jahre alt, die ältesten siebzehn. Sie erzählten ihre Geschichten völlig frei, ohne abzulesen, oft mit ihrer Mimik einzigem Mittel, um sich verständlich zu machen. Bernd Schlenkrich, der das Projekt betreute, erinnert sich, dass die Schüler beim ersten Mal noch großes Lampenfieber hatten. Aber dann wollten sie am liebsten gleich weitermachen.
Soviel Einsatz überzeugte auch die Jury der Kulturstiftung der Länder und Deutsche Bank Stiftung. Im Rahmen ihrer Initiative "Kinder zum Olymp" suchte sie bereits zum zweiten Mal nach spannender und ungewöhnlicher Zusammenarbeit zwischen Schulen und Kultureinrichtungen. "Hotel Babylon" ist einer der Preisträger und gewann 1000 Euro Preisgeld. Michael Webster, Schulleiter der Leipzig International School ist aber überzeugt, dass das nicht das einzige ist, was seine Schüler an "Hotel Babylon" bereichert hat. Sie haben auch an Selbstvertrauen gewonnen.
Von den ungewöhnlichen Räumlichkeiten können sich Interessierte vom 5. bis 7 Oktober überzeugen. Bei den Werkstatt-Tagen des "Theaters der jungen Welt" kann man sich noch mal in eines der Betten legen. Doch statt einer fremdartig klingenden Geschichte gibt es dann eine Dokumentation des Projekts.
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